Überlegungen zur religiösen Betreuung von Evakuierten
In einem Schreiben von Pastor Bodelschwingh an Pfarrer Frick werden am 21. September 1943 folgende Überlegungen zur religiösen Betreuung von Evakuierten wiedergegeben.
„Lieber Bruder Frick!
Gern schreibe ich Dir einige Gedanken über die Versorgung der Evakuierten auf. Dabei kann ich freilich nur von dem westfälischen Blickfeld ausgehen. Die Lage in Hamburg und Berlin übersehe ich zu wenig. Was an der einen Stelle richtigt und möglich erscheint, wird sich nicht ohne weiteres auf andere Orte übertragen lassen. Darum bitte ich, meine Bemerkungen nur als bescheidenen Beitrag anzusehen.
1. Durch die innerdeutsche Völkerwanderung sind zweifellos Kirche und Innere Mission vor eine wichtige neue Aufgabe gestellt. Sie darf nicht nur als Belastung angesehen werden. Sondern sie schließt auch neue und überaus wertvolle Möglichkeiten in sich. Denn sie führt zu einer persönlichen Begegnung der verschiedenen Kirchengebiete, wie wir sie nie erlebt haben. Menschen, die äußerlich entwurzelt und auch innerlich weithin in schwieriger Lage sind, können für Verkündigung und Seelsorge am fremden Ort aufnahmebereiter sein. Jedenfalls werden viele von ihnen jeden Erweis schlichter und hilfsbereiter Liebe dankbar aufnehmen. So kann hier die innerste Einheit der DEK sichtbar und gefördert werden.
2. Um dieser Notwendigkeiten und Möglichkeiten willen sollte schnell gehandelt werden. Man darf sich nicht dadurch aufhalten lassen, dass der Strom der Ausgewanderten in seiner Zahl und in seinem Bestand sich noch schwer übersehen lässt. Naturgemäß flutet der Strom hin und her. Tausende, die sich in den neuen Verhältnissen, vor allem der ländlichen Bezirke nicht eingewöhnen können, versuchen zurückzukehren, weil sie lieber in Kellern der zerstörten Heimat wohnen wollen als unter fremden Menschen. Dafür wandern aber fortwährend weitere Scharen freiwillig oder unfreiwillig ab. So ist jedenfalls für den kommenden Winter mit einer Diaspora zu rechnen, die nach Millionen zählt. Gerade im Winter aber werden aus den unzureichenden Räumen und den sonst wirtschaftlichen und persönlichen Nöten wachsende Schwierigkeiten entstehen. So ist schnelle Hilfe notwendig.
3. Diese wird von den neubesiedelten Kirchengebieten allein nicht geleistet werden können. Die immer kleiner werdende Zahl der Pfarrer reicht schon jetzt zur Versorgung der Gemeinden nicht aus. Auch die diakonischen Kräfte werden fast überall reichlich angespannt sein. So ist es notwendig, zu versuchen, die örtlichen Organe der Kirche und Inneren Mission durch frei gewordene Kräfte aus den geräumten Gebieten zu ergänzen.“