Elternbrief aus Tegernsee
Aus den KLV-Lagern „Alte Post“, „Adelhof“ und „Seehof“ in Tegernsee wird im September 1943 das zweite Rundschreiben an die Eltern der KLV-Verschickten des Gymnasium Paulinum und des Schillergymnasiums in Münster verschickt. Das Rundschreinen lautet:
„Tegernseer Brief.
Erlebnisse von einer KLV-Fahrt.
"So, lieber Junge, hast Du nun alles? Schreibe aber sofort, wenn Ihr in Tegernsee angekommen seid!" "Jawohl, Mutti!" "Fritz, hier ist noch Dein Brotbeutel!" "Heinz, Du Doofmann, stell doch Deinen Koffer nicht mitten in den Gang!" - Fünfhundert Jungen verstauen ihr Gepäck, es krimmelt und wimmelt auf dem Bahnhofe wie in einem Ameisenhaufen. Der Transportführer der HJ geht sorgsam von Wagen zu Wagen und sieht zu, dass die Jungen richtig untergebracht werden. "Vorsicht! Zug fährt sofort ab!" - Wie? Tatsächlich? Auf die Minute genau 14.20 Uhr setzt sich die lange Wagenreihe des Sonderzuges in Bewegung. Hunderte von Vätern und Müttern - manche mit feuchten Augen - winken ihren Jungen ein letztes, herzliches Lebewohl zu: "Kommt glücklich wieder heim! Hoffentlich dauert es nicht allzu lange!" Schon verlässt der Zug pustend und schnaufend die Halle. Es ist in der Tat nicht einfach für die Eltern. Aber was hilft's? Es ist eben Krieg. Die stahlharte Zeit verlangt stahlharte Nerven! Leb wohl, schöne Stadt im Lindenkranze, du liebes, altes türmereiches Münster! Schütze Dich der Herrgott vor feindlichen Fliegerbomben! Hoffentlich sehen wir uns in glücklicher Friedenszeit wieder! Was kann auch alles Denken und Grübeln helfen?
Soest. - Prachtvoll, wie diese herrliche Wiesenkirche aus grünem Anröchter Stein ihre beiden durchbrochen Helme in den tiefblauen Himmel hinaufreckt! Drüben steht ernst und feierlich, echt reckenhaft westfälisch St. Patroclus im schönen mittelalterlichen Stadtbild. Nun fahren wir an den ewig grünen Tannen des Osnings und des Eggegebirges dahin. In Warburg gibt es warme Abendmahlzeit. Der Zug hält, und ein vielstimmiger Chorgesang übermütiger Jungen schallt aus einem der Wagen heraus: " Wir haben Hunger! Wir haben Hunger, wir haben den ganzen Tag noch nix gehabt!" Verschmitzt lachende Gesichter schauen erwartungsvoll auf den Bahnsteig. Diese Strolche! Freue dich, Deutschland, dass du noch solche prächtige Lausbuben unter deinen Söhnen hast! Mir ist um deine Zukunft nicht bange! Schon eilen die sorgsamen Frauen der NSV mit riesigen Kannen von Abteil zu Abteil, und jeder bekommt einen oder zwei Teller warme Reissuppe mit Gemüse. Das schmeckt den Halunken, und beim Weiterfahren hallt es im Sprechchor wieder: "Wir danken auch für das gute Essen!" Nun legt sich allmählich die Dämmerung auf das sonnendurchglühte hessische Land; und als wir in Eisenach sind, liegt die alte, liebe Wartburg mit ihren Elisabeth- und Luthererinnerungen schon im tiefen Schweigen der dunklen sternklaren Nacht! Wir ziehen die Schuhe aus und legen uns auf den Polstern lang, so gut es geht. Wie wohl die Kühle tut nach diesem glühheißen Hochsommertag! - Im Nebenabteil schlafen unsere Jungen bereits in allen möglichen Lagen und Stellungen. Zum Totlachen, wie sie da liegen zu scheußlichen Klumpen geballt! "Im andern Abteil müssen wir erst noch mal ein paar Buben zeigen, wie man sich am besten hinlegt, ja wir wollen Vater- und Mutterstelle an den Jungen vertreten, wir wollen unser Bestes tun. Schon schlafen sie wieder, und einer "sägt" ruhig und sachlich in feierlichem Rhythmus einen dicken Ast durch in der ambrosischen Nacht und stört die Schläfer im Schlafe. - Als die dämmernde Frühe mit Rosenfingern erwachte," tauchen die herrlichen fränkischen Barockbauten von Banz und Vierzehnheiligen im Frühnebel des gesegneten Maintales auf. Der Staffelstein grüßt herüber und dann halten wir in Bamberg. Nicht um den festlich frohen mainfränkischen Barock zu studieren oder den herrlichen Bamberger Reiter, dieses Urbild adlig deutscher Männlichkeit zu betrachten, sondern um uns einer sehr prosaischen Tätigkeit hinzugeben: wir waschen uns am Brunnen auf dem Bahnsteig und frühstücken dann recht ausgiebig und behaglich. "Max, lehn Dich nicht so weit aus dem Fenster hinaus und mach die Abteiltür zu, sonst wirst Du hier in Bayern auf echt bajuvarische Art ausgepfiffen, Du Lackel, Du damischer, Du Saudummer, Du ganz miserabliger! Verstanden?" Max zieht die Ohren an und schließt das Fenster. Er versteht, obschon er eigentlich nicht verstanden hatte. Aber es ist eben auch hier der Ton, der die Musik macht.
"Aha, sehen Sie, jetzt geht die Geschichte elektrisch, vielleicht holen wir von den fünf Stunden Verspätung noch etwas auf. Alle Achtung, das nennt sich Tempo! Wie viel Stundenkilometer fahren wir nach Ihrer Schätzung?" - "Schätzung? Das lässt sich doch schnell berechnen." In stoischer Ruhe prüft der vielgereiste Studienrat, im Nebenberufe Alpinist, sein hochaufgestautes Gepäck: 3 Ledertaschen, 2 Koffer, eine Riesenkiste mit Rundfunkgerät, einen handlichen Sack mit "Fressalien", 2 Decken, 5 große Tüten voll Strümpfe, Aufschrift "Löschsand für Luftschutzzwecke" u.a.m. So, nun hat er es. Mit der Stoppuhr wird festgestellt: 83 km. Nun hält er ein größeres, geheimnisvolles Ding, das der unkundige Laie für eine Querverbindung von Maschinengewehr und Barometer ansprechen würde, zum Fenster hinaus und erklärt feierlich Dunstdruck 16; Wassergehalt 82 %, wir bekommen Regen, wahrscheinlich Gewitter!" Da staunt der Laie und selbst der Fachmann wundert sich ob der Prophetengabe. - Nürnberg! - Die vorbildlich sorgende NSV reicht uns warmen Kaffee in sauberen Papiertassen. Wagners Meistersingermotive klingen in mir auf: In Nürnberg eben angekommen, war't Ihr nicht freundlich aufgenommen? - Und nun geht es "morgendlich leuchtend im rosigen Schein von Blüt' und Duft ..." in sausender Fahrt weiter nach München, der Hauptstadt der Bewegung. Im wiegenden Rhythmus der rollenden Räder schaue ich träumend in die vorbeifliegende Landschaft. Ein Lied aus vergangenen Tagen froher Burschenherrlichkeit schwingt im Takte der stampfenden Räder mit:
Und wohin i mi wend, und wohin i auch schau,
Sind die Bayerischen Himmel schön weiß und hellblau ...
Wir umfahren Münchens Hauptbahnhof und halten in einem Vorort; was ist denn los? Nichts ist passiert, nur eine Feder ist an dem mittleren D-Wagen gebrochen, und nun wird der Wagen vorsorglich ausrangiert. "Sagen Sie mal", wenden wir uns an unseren hochalpinen Kollegen mit dem unmöglichen Gepäck, "an alles haben Sie gedacht, selbst einen Theodolithen haben Sie mitgebracht, hätten Sie nicht vielleicht zufällig auch eine Ersatz D-Zug Wagenfeder bei sich? Dann dauerte die Geschichte nicht so lange!" Tiefes Schweigen, wenn Blicke töten könnten ... na! Schließlich lacht er selbst mit. Die unfreiwillige Pause wird sehr passend und nahrhaft ausgefüllt mit schönen wurstbelegten Butterbroten, die uns hier zum Mittag freundlichst und kostenlos gereicht werden. Es gibt doch noch gute Leute, aber sie sind selten. "So, mein lieber Dieter, da drüben siehst Du schon den Tegernsee, nun sind wir bald dort." Herrgott, wie schön ist Deine Welt, mit der die törichten Menschen oft so unvernünftig umspringen! Wie ein selig lächelndes Kinderauge liegt der See vor uns. Drüben recken sich die Voralpenberge. "Jungens, das ist der Wallberg, drüben der Hirschberg! Nun packt Eure Sachen zusammen, wir sind da." Nach 26 stündiger Fahrt stehen die fünfhundert Jungen auf dem Bahnsteig in Reihe und Glied, der zuständige Bannführer begrüßt die wackere Schar im Namen des gastfeien Bayernlandes, und unter Donner und Blitz rücken wir ab in unsere schönen Quartiere, wo schon ein leckeres Essen auf uns wartet. Und dann komm die erste Nacht in unserer neuen Kriegsheimat, und wir schlafen ohne Sorge um Fliegeralarm neuen Erlebnissen entgegen.“