Elternbrief aus Tegernsee
Aus den KLV-Lagern „Alte Post“, „Adelhof“ und „Seehof“ in Tegernsee gehen den Eltern der KLV-Verschickten des Gymnasium Paulinum und des Schillergymnasiums in Münster am 18. August mittels Rundschreiben erste Informationen zu. Einleitend schreibt Hauptlagerleiter OStD Stephany:
„Liebe Eltern unserer kinderlandverschickten Schüler!
Nun ist die erste Zeit des Einlebens hier vergangen, und es beginnt sich alles so allmählich einzulaufen. Wenn Sie auch durch die Briefe Ihrer Kinder wohl so ziemlich über die Verhältnisse hier unterrichtet sind, so halten wir es doch für gut, Ihnen auch von uns aus etwas zu berichten, damit der Zusammenhalt zwischen Elternschaft und Schule trotz der persönlichen Trennung besser gewahrt bleibt. Herr Studienrat Dr. Bücker hat freundlicherweise den nachfolgenden Elternbrief verfasst, den wir allen Eltern zusenden wollen. Namens der gesamten hier tätigen Lehrerschaft sende ich Ihnen allen herzliche Grüße aus unserer schönen Kriegsheimat.“
Das Rundschreinen selbst lautet:
„Tegernseer Brief
Liebe Eltern!
Sonntagnachmittag. - Eigentlich wollte ich nun die 1264 m hinauf auf die Neureuth steigen, um zur Zugspitze und zum Großvenediger hinüberzuschauen; aber die Post hat Briefe gebracht von sorgenvollen Eltern, die händeringend flehen, ihnen doch einmal zu schreiben, wie es denn "wirklich" mit ihren Jungen stünde, es würde so manches erzählt. Also gut! Liebe Eltern! Wir können unmöglich jeden Brief beantworten mit eingehenden Schilderungen, wie das Leben im Einzelnen sich hier abspielt, ich glaube, die wohlverständlichen Wünsche vieler am besten durch die "Flucht in die Öffentlichkeit" erfüllen zu können. Ich will versuchen, wahrheitsgemäß zu berichten, wie es bei uns zugeht!
Man hat uns die besten Häuser im Kurort Tegernsee zur Verfügung gestellt. Vergleichen Sie bitte die Anschriften Ihrer Jungen mit den Angaben des Baedekers und den amtlichen Pensionslisten! Preise mit Verpflegung durchschnittlich 7 - 8 RM. in der Hauptreisezeit. - Alle Jungen haben saubere und nette Zimmer. Die meisten mit fließendem Wasser und Balkon mit Aussicht zum See. Wer je in Oberbayern war, ist nun im Bilde, wie wir hier "untergebracht" sind. Was wir Lehrer hier zu tun haben? Also hören Sie: Der Unterricht geht in allen Fächern ohne jede Ausnahme genauso weiter wie daheim in Münster, nur dass wir dabei sogar über die Höchstzahl der Stunden hinaus beschäftigt sind, und die Herren, die an mehreren Schulen tätig sein müssen, Wege bis zu dreiviertel Stunden zu gehen haben. Aber niemand beklagt sich darüber, es ist eben Krieg. Weiß der liebe Himmel, was die Buben sonst noch von uns verlangen. - Das geht schon morgens gleich nach dem Frühstück los: "Herr Dr., ich kann mit dem besten Willen meine Zahnpastatube nicht loskriegen! - - Dürfen wir heute Nachmittag mit Ihnen rudern? - Wollen Sie mir wohl morgen beim Baden das Rückenschwimmen beibringen? - Wann gehen wir denn auf den Wallberg? - - Können Sie mir wohl einen Spazierstock besorgen? - - Herr Dr., der Hans auf unserer Bude ist krank! -" Ich gehe mit dem Fieberthermometer zu ihm. Gut, dass man als Student auch etwas Rosemannschüler war! - "Was fehlt Dir denn, Hans?" "Kopfschmerzen!" Temperatur ganz normal, Puls etwas hoch. Keine Sorge, der kleine Kerl ist nur abgespannt von der langen Fahrt, der Umstellung auf das andere Klima und die andere Lebensweise. "Also, lieber Junge! Du bleibst heute Morgen zu Bett, das Frühstück wird Dir heraufgebracht, da brauchen wir die Krankenschwester und die Ärztin gar nicht einmal rufen, die haben ohnehin schon genug zu tun!" Dankbar schaut er mich mit seinen großen nussbraunen Augen an, er weiß, wir vertreten hier auch "Muttis" Stelle, so gut wir können. Am Nachmittag ist er wieder wohlauf. - Da klopft schon wieder einer. "Herr Dr., die Post ist soeben gekommen, für Sie sind auch Briefe dabei! Soll ich sie Ihnen heraufbringen?" Schon kommt er strahlend wieder angesaust. "Hast Du selbst auch Briefe von Haus bekommen?" "Jawohl, sogar mit einer Photographie von Mutter!" "Hast Du auch selbst nach Hause geschrieben?" - "Ja, gestern noch." "Gut, mein Junge." Auf der Nachtkonsole hat er feierlich das Bild seiner Mutter aufgestellt. Eine tadellose Ordnung herrscht in seinem Zimmer. Auf der Tür prangt unter dem Namen der drei Bewohner das Schild "Räuberhöhle". An anderen Türen steht "Villa Sorgenfrei". - "Gespensterbude". - "Heinrich der Löwe". - "Haus zum leeren Krug". Am heutigen Sonntag sind zwei Jungen rund gegangen und haben ganz aus sich grüne Sträußchen hinter jedes Türschild gesteckt. Die Kerle sind doch in Ordnung. - Umso mehr erstaune ich, als ich die Post durchsehe! "Sehr geehrter Herr Studienrat! Wir machen uns so große Sorge, unser Junge schreibt, er hätte täglich nur eine Stunde Unterricht, und dann auch nur, wenn es regnete. (Richtig, das war in den ersten beiden Tagen, als der Stundenplan noch nicht fertig war.) Die Kost sei so schlecht, er würde gar nicht satt. Schreiben Sie uns doch bitte ...". Schön, ich schreibe also: In den ersten Tagen mussten unsere Wirtsleute erst einmal sehen, wie weit sie mit den Zuteilungen auskamen. Für die Leute ist die Umstellung auch nicht so einfach gewesen. Zugegeben: Die Jungen würden gern noch mehr Brot haben. Brotration = 350 gr., d.h. sieben Schnitten täglich. Aber das ist nun mal im Kriege überall so. Gewiß, zu Anfang sind verschiedene Jungen in einzelnen Häusern nicht richtig satt geworden. In der ersten Nacht hat es auch mit der Unterbringung nicht überall ganz geklappt. Das ist bei unseren fast 600 Schülern nicht so ganz einfach. Im übrigen: Wir bekommen alle das gleiche Essen. Morgens Kaffee, Milch, Butter, Marmelade! Um zehn Uhr Milch. Mittags Hammelrippe mit Gemüse. Eintopf. Oder neulich Kartoffeln mit Salat. Als Nachspeise: jeder drei brötchengroße gebackene "Rohrnudeln". Oder gestern: jeder zwei dicke Knödel mit Salat. Einige Brüder haben drei und vier gegessen; ein ganz kleiner Schelm verstaute sogar fünf Stück. Also: Spitzen - gruppe! Höchstleistung! Dabei täglich Suppe. Heute, am Sonntag, gab es Gemüsesuppe mit Einlage. Rinderbraten mit Kartoffeln und Salat. Speiseeis! Den Nachmittagskaffee ausnahmsweise gleich hinterher mit einem Stück Pflaumenkuchen. Sonst gibt es um 1/2 4 Kaffee mit Milch, Brot und Butter. Abends ähnlich wie mittags, neulich z.B. Frikadelle mit Kartoffeln und Gemüse. Unsere braven Rixnersleut im Hotelhofe geben sich alle erdenkliche Mühe. Die Speisen sind schmackhaft und gut zubereitet, wir wundern uns oft, wie unsere Pensionsbesitzer das fertigbringen bei den Zuteilungen, die durch den Krieg nun einmal geboten sind. Ja, lieber Junge, wenn Du zu Hause vielleicht Verwandte auf dem Lande hast ... Das glaub ich Dir schon! Wie sagt doch Wibbelt einmal so nett: "Et geiht doch nix üöwer son bittken Schwienerie, sägg Schulte Graute Schlemm, dao schneet he'en Schinken an!" Ich lese weiter in dem Brandbrief der mit Recht besorgten Eltern, und nun sträuben sich mir doch allmählich die Haare: "Unser Junge schreibt, es herrschten dort fürchterliche Zustände. Er würde vom Lagermannschaftsführer schauderhaft geschliffen. Gestern sei einer zwei Stunden lang gefesselt angebunden worden, weil er angeblich sein Bett nicht ordentlich gemacht habe." Donnerwetter, jetzt hört aber die Gemütlichkeit auf!! Der Junge phantasiert sich was zurecht, der hat Heimweh, weiter nichts! Der vernünftige Vater schreibt selbst, dass er "diese haarsträubenden Nachrichten vorerst für übertrieben" halte. Ich rufe mir drei Jungen heran und lese ihnen die beiden Karten ihres Kameraden vor, die der Vater seinem Briefe beigelegt hat. Selbstverständlich ohne Namen zu nennen. Großes Erstaunen auf den Gesichtern! Sie gucken sich ratlos an: Schlechtes Essen? Einer gefesselt angebunden?? - "Herr Dr., da ist ja kein Wort davon wahr!" - "Kerls, nun sagt mir aber die Wahrheit. Ganz ehrlich und aufrichtig bitte!" "Ja, ganz bestimmt, das ist ja alles gar nicht wahr, was der geschrieben hat. Wer ist das denn?" - "Das ist ganz gleich. Nun tut mir und Euch den Gefallen und schreibt mit Eurer Namensunterschrift kurz auf, was Ihr zu diesen Behauptungen zu sagen habt. Dann kann sich der Vater ein sachliches Urteil bilden." Also auch hier Gräuelmärchen! - Neulich gab ein Kollege bei der Herrichtung des Quartiers einigen Jungen den Auftrag, einige der bekannten Steinfüße, in denen die bunten großen Sonnenschirme auf der Terrasse steckten, an die Seite zu stellen, und schon schrieb der sonst ganz vernünftige Junge nach Hause, sie müssten in ihrer Freizeit "Eisenbetonklötze schleppen". Da mache man sich nun mal ein Bild! Wiederum ein trauriger Beitrag zu dem berüchtigten unseligen Kapitel: Schüleraussagen! - -
Für heute sei es genug. Sapienti sat. Die Buben kommen soeben wieder heim, gleich wird der Gong seinen feierlichen Klang ertönen lassen und uns zu dem "ganz minderwertigen Abendessen" rufen, das uns aber recht gut schmecken wird. -
Liebe Eltern! Wir verstehen Eure Sorgen durchaus! Aber geben wir ehrlich zu, es ist nicht so ganz einfach, dass dieser ganze Apparat hier in wenigen Tagen schon wunschlos sich einspielt. Es ist auch nicht allen Jungen möglich, auf die veränderte Lebensweise und das ganz andere Klima so rasch sich umzustellen! Der eine ist eben anders als der andere! Warten wir erst einmal ein paar Wochen ab. Es sind doch die Lehrer unserer eigenen Schulen, die hier mit der Leitung der einzelnen "Lager", d.h. der Häuser betraut sind. Wir beneiden sie wahrlich nicht um diese Aufgabe, denn sie haben alle Hände voll zu tun. Die Direktoren der vier höheren Schulen bzw. ihre Stellvertreter stellen selbst die Tagespläne auf, nicht nur die Stundenpläne für den Unterricht. Sie allein sind die "Hauptlagerleiter". Habt ein bisschen Vertrauen zu ihnen, die Ihr doch persönlich kennt! Und dann denkt an den alten schönen münsterischen Spruch:
"Well döht, watt he kann, de kann nich mahr daohn, äs he döht!" -
Dr. Bücker, Studienrat“