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Ereignisse
1943
November

Die Viktoriaschule Essen berichtet aus KLV

Die Viktoriaschule berichtet am 1. November 1943 über ihre Erfahrungen seit ihrer Abreise in die KLV am 18. Oktober 1943: Die Reise sei gut verlaufen und habe Prag als Ziel gehabt, wo nähere Anweisungen warten würden. „Dort großes Durcheinander; keine Stelle weiß Bescheid, Schülerinnen finden schließlich notdürftiges Unterkommen“, wo sie zwei Tage zu zweit auf einem Strohsack und ohne Waschgelegenheit schlafen müssen. Die KLV-Leitung in Prag erhebe schwere Vorwürfe gegen die KLV-Verantwortlichen in Essen, da sie die Gruppe zu früh losgeschickt habe. Vor dem 5. November habe man nicht mit der Viktoriaschule gerechnet.

Durch die Weitereise nach Podiebrad am 20. November bessert sich die Lage nicht wesentlich. Die Schülerinnen kommen im „Durchgangslager“ Kurhaus unter, wo sie auch „unzulängliche“ Verhältnisse vorfinden. „Das Kurhaus von einem widerlichen Geruche erfüllt, 7 Räume sind kaum lüftbar.“ Folge solcher Zustände sei die Erkrankung zahlreicher Mädchen, von denen einige sogar ins Krankenhaus müssen. Seit dem 25. Oktober ist zwar Unterricht möglich, allerdings ohne Bücher, die verpackt im Waggon lagern. Damit ist es am nächsten Tag aber bereits wieder vorbei, da die Räume für das Unterstellen von Möbeln benötigt werden. Da man der Schule weder in Prag noch in Bad Podiebrad ein festes Lager zuzuweisen in der Lage ist, gewinnt man den Eindruck „Sucht Euch Euer Nest selber!“ „Überall zeigte sich, dass die Zusammenarbeit bei der KLV recht mangelhaft ist. Der Lagerkommandant in Podiebrad war ganz verzweifelt, weil man ihm immer wieder neue Scharen zuschickt, ohne sich um die Platzfrage zu kümmern.“ Am 1. November 1943 hatten die Schülerinnen noch immer keine feste Unterkunft gefunden.

Über diese Zustände berichtete auch eine Schülerin nach Hause, wobei von deren – kontrolliertem? – Brief ein Abschrift gefertigt und der verantwortlichen Stelle in Essen zugeleitet wurde:

„Mein liebes Muttilein! Liebes Väterlein!

Heute schreibe ich Euch noch aus dem Bett. Ich bin seit gestern ein Stockwerk tiefer gezogen und liege jetzt in einem geheizten Zimmer mit 3 Mädeln aus der Klasse 7.

Jetzt will ich Dir alles der Reihe nach erzählen. Wir fahren nun voraussichtlich erst Ende nächster Woche ab, es kann sich aber noch weiter verzögern. Es ist mehr als eine Gemeinheit, uns so etwas zuzumuten – Draußen ist es 2° + und drinnen ist ein ganzes Stockwerk, in dem rund 80 Mädel liegen, ungeheizt – Bis jetzt sind schon 8 wegen Diphterieverdachtes in Krankenhaus gekommen und eine große Anzahl hat starke Halsschmerzen und vom Essen haben viele Magenkrämpfe. Wenn man das sieht und dann weiß, dass das alles nicht notwendig war, könnte man vor Wut vergehen. Wir waren hier erst für den 10.-15. November erwartet worden und Essen hat uns verantwortungslos weggeschickt. Hier waren alle überrascht und dann kam es zu solchen Zuständen wie in Prag. Es soll ruhig zu Hause bekannt werden, wie herrlich wir es im Protektorat haben. – Was ist uns immer von Tirol erzählt worden, dort frieren sie wie die Schneider, hier nicht! Das Essen ist sehr schlecht; hier so gut, dass man Magenkrämpfe und Vitaminmangelkrankheiten bekommt; dort ist das Klima nicht gut für Mädchen; hier so gut, dass ein großer Teil schwer krank im Revier liegt und die anderen ebenfalls krank im Kurhaus bleiben, da sie nicht ins Revier wollen. Dort ist ein tschechischer Arzt, der für jede Krankheit Pyramidon verschreibt und der nur gebrochen deutsch spricht.

Wenn Ihr jetzt meint, ich hätte diesen Brief nur aus Heimweh geschrieben, so ist das nicht der Fall. Ein großer Teil ist Wut, nichts als Wut. Unsere Lehrer sind auch eine gemeine Bande. Sie sitzen auch im warmen Zimmer, wir dürfen frieren. Wenn meine Mandelentzündung und meine Drüsenschwellung wieder weg ist, gehts auch wieder in die Eishöhle. Liebe Mutti, mache Dir nicht zu viel Sorgen, denn ich bin bald wieder gesund.

Schreiben kann ich nicht besser, weil meine Hand so wackelig ist. Vielleicht könnt Ihr noch einige Zeilen hierher senden, die vielleicht Dienstag oder Mittwoch hier sind. Ich habe nur wenig Fieber.

Seid nun herzlich gegrüßt und geküsst von
Eurer Ulla“

Solche Nachrichten werden die Verschickungsfreude der Eltern nicht gerade gesteigert haben. Das glaubte auch Oberbürgermeister Dillgardt, der derart alarmiert, sich an Gauleiter Schleßmann wandte. Die Mädchen hätten zunächst nach Süddeutschland verschickt werden sollen, bis der für die KLV zuständige HJ-Gebietsbeauftragte kurzerhand die Verschickung ins „Protektorat“ veranlasst habe. Dort hätten nicht nur die Mädchen der Viktoriaschule, sondern sämtliche Essener Schülerinnen unhaltbare Zustände angetroffen. „Von dieser unübersichtlichen Lage haben selbstverständlich die Eltern Kenntnis erhalten. (…) Das Vertrauen zur KLV wird dadurch noch mehr erschüttert.“

Der auf die Verhältnisse in Böhmen und Mähren ebenfalls angesprochene Professor Jungbluth vom Oberpräsidium verwies am 12. November 1943 auf die entsprechenden Erlasse, die eine KLV im „Protektorat“ untersagten. „Die HJ nimmt aber für sich in Anspruch, allein die Verantwortung für die gesamten Verhältnisse, als auch der schulischen zu tragen. DieLehrerschaft ist vollständig ausgeschaltet.“ Jungbluth hatte sich in dieser Frage bereits an Minister Rust gewandt, bislang aber ohne Antwort.

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