Erklärung des Reichsjugendpfarrers
Nach Unterzeichnung des Eingliederungsvertrages veröffentlicht Reichsjugendpfarrer Zahn (ohne Datum) eine 16-seitige Broschüre mit dem Titel „Kirche und Hitlerjugend“. Hierin heißt es u.a.:
„Durch das Abkommen zwischen dem Reichsbischof und dem Reichsjugendführer über die Eingliederung des Evangelischen Jugendwerkes in die Hitlerjugend hat die evangelische Kirche einen großen Schritt vorwärts getan.
Sie hat damit ein Tatbekenntnis zum nationalsozialistischen Staat und seiner Erziehung abgelegt. Sie hat bekundet, dass die geeinte deutsche Jugend der gewiesene Boden ihrer Jugendarbeit ist. In ganz Deutschland brachte das Abkommen einen Sturm der Freude und der Zustimmung tausender junger Menschen; insbesondere die junge und alte Garde des Nationalsozialismus fühlte, wie hier auch innerhalb der Kirche ein neuer Wille sieghaft durchbrach.
Keiner der Vertragschließenden hat es sich mühsam abringen müssen. Es ist dabei nicht geschachert worden. Vertrauen wurde gegeben und empfangen. So ist es denn auch nicht in erster Linie eine Angelegenheit der Rechtsgelehrten, sondern eine Angelegenheit der nationalsozialistischen Jugend und der zukunftswilligen Reichskirche. Hier haben nicht zwei Männer sorgsam ihre Kompetenzen abgesteckt und Wachhunde bestellt, die aufpassen müssen, dass nicht der eine in das Gebiet des anderen hineingerate. Hier haben zwei Männer sich die Hand gereicht, weil sie es miteinander wagen wollen. Der Reichsjugendführer will es wagen mit der evangelischen Kirche und ihrer Jugend, der Reichsbischof will es wagen mit dem nationalsozialistischen Staat und seiner Jugend. Wer da glaubt, dass Kirche oder Hitlerjugend gesonnen wären, ein Abkommen mit Hintergedanken zu schließen, der irrt.
Im Zuge dieses Abkommens wurde vom Reichsbischof das Jugendpfarramt der Deutschen Evangelischen Kirche geschaffen und gleichzeitig der Jugendpfarrer durch Baldur v. Schirach in den Führerring der Reichsjugendführung berufen. Ich hätte dieses Amt nicht übernommen, wenn es auf Vorsicht und Misstrauen gegründet wäre. Ich sehe meine Aufgabe auch nicht darin, den Versuch zu machen, eine Art geistlicher Polizeigewalt innerhalb der Hitlerjugend auszuüben.
Die evangelische Kirche will das Vertrauen der gesamten deutschen evangelischen Jugend wieder gewinnen.
Sie hatte es weithin verloren. Ich will nicht die Schuldigen dafür aufzählen, sie sind in den Reihen der Kirche selbst zu suchen, vor allem aber in den Reihen derer, die als Träger der liberalistisch-marxistischen Entwicklung und als Träger der Reaktion auf dem besten Wege waren, diese Entwicklung zum Bolschewismus, d.h. zur organisierten Gottlosigkeit voranzutreiben. Mit der Zerschlagung dieser Mächte hat der Nationalsozialismus der Kirche eine Arbeit abgenommen, in der sich zahllose ihrer treuesten Mitarbeiter jahrzehntelang verzehrt haben, und hat die evangelische Kirche der Zukunft freigemacht für ihre eigentliche Aufgabe: Verkündigung des Evangeliums im deutschen Raum.
Evangelische Jugendarbeit bis zur deutsche Revolution 1933
In Jahrhunderten, wo der deutsche junge Mensch noch ganz in der Geborgenheit bluthaften Zusammenhangs mit Land und Heimat und Stammesgenossen aufwuchs, war auch evangelische Jugendarbeit ein Stück selbstverständlichen Dienstes der Kirche an der Gesamtheit der Jugend. Die kirchliche Sitte tat diese Arbeit durch die Lehrer, die Pfarrer und vor allem die Hauseltern. Als diese Sitte mit der Verstädterung des deutschen Menschen immer schwerere Stöße bekam, wuchs das Verlangen danach, von dieser guten deutschen evangelischen Sitte und von den Zusammenhängen zwischen Jugend und Evangelium zu retten, was zu retten wäre. Dieses Verlangen entstand zunächst weniger spürbar im Raum der Kirche selbst als in einzelnen Menschen, die von einem tiefen Mitleid mit der heimatlosen Stadtjugend, mit den Handwerkern und Dienstboten gepackt, begannen, junge Menschen um das Evangelium zu sammeln, damit sie nicht ganz versinken sollten im Strudel der Seelenlosigkeit. Diese aus der Sorge erwachsene Arbeit hat zur Bildung kirchlicher Jugendverbände geführt, deren Wesen jahrzehntelang die Sorge geblieben ist.
Es wäre vermessen, diese Arbeit der liebenden Fürsorge für junge Menschen irgendwie herabzusetzen. Hunderttausende verdankten es ihr, dass sie nicht in den Abgrund blutleerer Heimatlosigkeit gerieten, und fanden darin ihren seelischen und sittlichen Halt. Die Kirche selbst spürte, wie hier Kräfte erhalten wurden, die sonst vielleicht für die Botschaft der Kirche gar kein Ohr mehr gehabt hätten.
Es war allerdings kein Wunder, dass sich nicht die gesamte evangelische Jugend die evangelische Vereinsarbeit willig gefallen ließ. Zahlreiche junge Menschen hatten sich mehr oder weniger berechtigt gefühlt, diese Arbeit als überflüssig abzulehnen. Sie fühlten sich ‚zu gesund‘ dafür. Am Ende des vorigen Jahrhunderts brach mit der Jugendbewegung ein zorniger Trotz junger Menschen gegen alle Jugendpflege hervor, eine Sehnsucht nach Wald und Meer und Bergen, nach wild wachsender Freiheit. Es dauerte lange, bis die Jugendbewegung über die Jugendpflege hinauswuchs. Heiße Kämpfe wurden ausgefochten zwischen den Bündischen und Nichtbündische, zwischen den Zünftigen und Nichtzünftigen, in den politischen, kaufmännischen, sportlichen und zahllosen anderen Jugendgruppen. Auch in den evangelischen Verbänden hat man sich schließlich weithin zu der bündischen Lebensform gefunden, und das in einer Zeit, wo diese Form sich selbst schon wieder abwandelte und der Bund begann, sich als Kampfschar zu bilden. Damals wussten sich die evangelischen Jugendbünde berufen, mit mutigem Einsatz der Persönlichkeit auch gegen Spott und Hohn die Stellung der Kirche gegenüber dem zersetzenden, vom Staat geforderten sozialistisch-demokratischen Denken und Handeln zu halten. Manche begannen, wirklich sich als eine Art SA der Kirche zu fühlen. Mit Recht! Sie hatten mit dazu geholfen, die Kirche vor Schlimmerem zu bewahren. Der Staat von 1918 konnte und wollte sie ja auch nicht bewahren, sondern zur zerstören.
Mit dem Siege des Nationalsozialismus hat der nationalsozialistische Staat pflicht- und programmgemäß den Schutz der Kirche übernommen. Die Kirche bedurfte als keiner eigenen SA mehr. Sie hat nunmehr auch in ihrer Jugendarbeit die Möglichkeit, neue kirchengemäße Formen zu suchen und ihr Werk in einem Staate zu verrichten, in dem sie nicht mehr als Kirche, die sich hüten muss, sondern als wagende Kirche dasteht.
Millionen deutscher Mädel und Jungen strömten den Fahnen des Führers zu.
Es war selbstverständlich, dass sie damit den Erziehungsformen einer früheren Zeitepoche entwuchsen. Es war selbstverständlich, dass sie damit auch ganz neue, oft hitzige und zornige Ansprüche an die Kirche stellten. Eine Kirche, von der ihre Jugend nichts mehr fordert, ist verloren, und deutsche Jugend fordert zum Glück von ihrer Kirche noch etwas. Sie fordert nicht Spiel und Sport, nicht Politik und Organisation, – das wird ihr ja im heutigen Staat viel großzügiger und weitgespannter geboten, als die evangelischen Jugendorganisationen es ihr jemals bieten konnten. Die Kirche ist durch die neue Zeit entlastet von der Forderung, dass unbedingt ‚etwas los sein muss‘ im Jugendverein. Sie bedarf keiner finanziellen Mittel mehr für Sportplätze, Fußbälle, berufliche Kurse und dgl. Sie bedarf keiner Berufsarbeiter mehr, die außerkirchliche Sondergebiete im Auftrage der evangelischen Jugendverbände besonders in Arbeit genommen hatten. – Jugend fordert von der Kirche ein Evangelium in einer Sprache, die sie versteht. Jugend will von der Kirche nicht mehr bewahrt werden, sondern geführt werden zu deutschem christlichem Glauben. (…)
Eingliederung (…)
Die Eingliederung wird nicht durch Vereine, sondern durch die Kirchengemeinde vorgenommen. Wie ja auch der Reichsbischof, also der Führer der Kirche, das Abkommen mit dem Reichsjugendführer unterzeichnet hat. Ein bestehender Jugend-Verein, der das übersieht oder die Hilfe der Kirchengemeinde ausschlägt, begibt sich der rechtlichen und sachlichen Verankerung, die seine Jugendarbeit gerade auch für die Zukunft nötig hat. Eine Gemeinde, die sich dieser Verpflichtung gegenüber ihrer Vereinsjugend entzieht, etwa unter dem Eindruck kurzsichtiger Vereinspolitik, geht damit notwendig in einen Vergreisungsprozess hinein, über dessen Folgen sie sich klar sein muss. Es ist nicht so, dass die bewusst evangelische Jugend einem neben oder außerhalb der Gemeinde stehenden Jugendwerk angehört und der Gemeinde selbst lediglich die Erwachsenen verblieben. Gemeinde und Jugend haben ein Anrecht aufeinander. Ein Gemeindekirchenrat, der in der jetzigen Lage nicht klar für die einheitliche Ordnung der gesamten Gemeindejugendarbeit eintritt und sie damit praktisch preisgeben wird, verdient seine Ämter nicht. Freilich wird Jugend sich selbst helfen, aber die Volksgemeinschaft, die auch in der Kirche wirksam ist, wird gerade die Jugend nicht als eine Art Sondervolk aus der großen Gemeinschaft entlassen, sondern wird sie als vollwertiges Glied im Ganzen unterstützen, beraten, fördern, führen müssen.
Es geht hier wahrhaftig nicht um irgendwelche Machtposition, die die Jugendverbände aufgeben müssten, und die die Kirche oder der Staat mit einem Mal erringen wollte.
Es geht lediglich um die feste, klare und freudige Einheit evangelischer Jugendarbeit.
Sie ist aber unmöglich, wenn die Jugend einer Gemeinde in ihren Bünden, Gruppen und Grüppchen aneinander vorbeilebt. Sie muss sich dort finden, wo sie steht, und sie steht auf ihrem Heimatboden; die kirchliche Arbeit auf diesem Heimatboden wird in der örtlichen Kirchengemeinde getan.
Auf dem Dorf haben sich diese Fragen weithin von selbst erledigt, indem hier der blut- und stammesmäßige Zusammenhang weithin noch nicht zerrissen ist. In der Stadt werden ganz von selbst die Schwierigkeiten anheben, weil vielfach die Gemeinde selbst durch den Asphalt von der Heimaterde getrennt ist und die Bindung an den Boden durch die Bindung an die Organisation ersetzt ist. So wird die Erneuerung evangelischer Jugendarbeit vielfach vom Land her ihren Ausgang nehmen. Dort verlieren auch die vorwiegend organisatorischen Aufgaben ihre papierne Trockenheit. Dort ist es ein Leichtes, für die Kameradschaft der Hitler-Jugend einen Verbindungs- und Vertrauensmann zur Kirche zu gewinnen. In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, stehen allenthalben im Land die Vertrauensmänner in den Synoden bis in die Gemeinde hinein bereit. Sie werden dafür sorgen, dass die Kirchentüren offen bleiben und frische Luft hineinkomme. Sie werden ihre Kameraden von der Hitler-Jugend rufen und werben, dass sie dir Kirche wieder erobern.
Kirche und Jugend haben durch Reichsbischof und Reichsjugendführer einen großen Schritt zueinander hin getan. Die Kirche lässt ihre Jugend freudig mitmarschieren unter den Fahnen des Dritten Reiches und die Hitler-Jugend sieht fortan in der Kirche und ihrer Jugendarbeit nicht mehr einen Feind, sondern einen guten Freund.“