Anlässlich seiner Ernennung zum Stabsführer und Stellvertreter von Baldur von Schirach erscheint am 24. Mai 1934 im Westdeutschen Beobachter ein Interview mit Hartmann Lauterbacher, dem bisherigen Obergebietsführer West, der an dem Tag seinen 25. Geburtstag feiert.
Lauterbacher ist Inhaber des Führerausweises Nr. 1 und des Goldenen Ehrenabzeichens der HJ. Schon als Zwölfjähriger hat er sich in seiner Heimat Tirol der "völkischen Jugendbewegung" angeschlossen, in Kufstein führte er 1924 die erste HJ-Gruppe Österreichs und baut dann die HJ in Braunschweig auf. 1932 wird er als Gebietsführer nach Westdeutschland berufen.
In seiner neuen Position als Stabsführer und Stellvertreter Schirachs ist Lauterbacher für die Arbeit aller Abteilungen der Reichsjugendführung verantwortlich. Nur die Abteilung Ausland unter Obergebietsführer Nabersberg untersteht Schirach direkt. Überdies ist es Lauterbachers Aufgabe, die Verbindung zu den Obergebiets- und Gebietsführern zu halten, die wichtigen Tagungen festzusetzen und die organisatorischen Vorbereitungen für die großen Aktionen der HJ zu leiten. Die Arbeit in Berlin ist derzeit auf acht Häuser verteilt, doch ist geplant, ein neues Gebäude am Maybachufer in Neukölln zu beziehen.
Eine besondere Aufgabe sieht Lauterbacher im Bereich der Schulung. 1934 gibt es reichsweit 150 HJ-Führerschulen, bestehend aus Bann-, Oberbann-, Gebiets- und Obergebietsführerschulen. Hinzu kommt die Reichsjugendführerschule in Potsdam. In einzelnen Gebieten hat die HJ zehnmal so viele Unterführerstellen zu besetzen, wie sie dort vor 2 1/2 Jahren Mitglieder hatte. Daher war die Schulung insbesondere von Unterführern eine besondere Notwendigkeit. Um hier entsprechendes Schulungsmaterial bereitzustellen, wurde unter anderem die Führerzeitschrift "Wille und Macht" ins Leben gerufen. Zudem gibt die Abteilung Schulung für die Gestaltung von Heimabenden eigene Heftreihen heraus.
Als weitern Arbeitsschwerpunkt nennt Lauterbacher die Gemeinschaftsfahrten und Zeltlager.
Befragt nach dem Verhältnis von HJ und Frontsoldatentum erklärt Lauterbacher, dass die HJ eine "Verfechterin der Frontidee" sei und den Frontsoldaten als den "größten Helden" verehre.
Angesprochen auf das Thema Auseinandersetzungen mit den katholischen Jugendverbänden stellt Lauterbacher klar, dass die HJ nicht gegen die katholische Kirche eingestellt sei. Dem Staat gehöre jedoch die "körperliche und geistige Erziehung", während den Konfessionen die kirchliche Betreuung obliege. Leider habe man jedoch festgestellt, dass sich Vertreter der katholischen Kirche in letzter Zeit nicht auf "ihre ureigensten Aufgaben beschränkt" hätten, sondern den "politischen Kampf", den sie einst als Zentrumspolitiker geführt hätten, nun als Kirchenführer weiterführen würden. Demgegenüber gebe es auch katholische Geistliche, die die Eingliederung der katholischen Jugend befürworteten. Zudem sei ein großer Teil der katholischen Jugend zum Eintritt in die HJ bereit.
Die letzte Frage zielt auf das Problem ungeeigneter Führer innerhalb der HJ ab. Hier beeilt sich Lauterbacher festzustellen, dass solche Kräfte "rücksichtslos" durch andere ersetzt würden. Man werde auch keine Führer dulden, die den "überwundenen Anschauungen einer längst vergangenen feudalen Zeit" anhängen würden und in der HJ einen "neuen Klassenkampf" einführen wollten. Im übrigen ergänze sich das Führerkorps der HJ aus den eigenen Reihen.