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Ereignisse
1934
Juni

Deutschland-Berichte der Sopade

Im Mai/Juni-Heft 1934 heißt es in den "Deutschland-Berichten" der Sopade zur "Stimmung in der Jugend":

„’Die Jugend ist nach wie vor für das System; das Neue: das Exerzieren, die Uniform, das Lagerleben, dass Schule und Elternhaus hinter der jugendlichen Gemeinschaft zurücktreten, all das ist herrlich. Große Zeit ohne Gefahr. Viele glauben, dass ihnen durch Juden- und Marxistenverfolgungen wirtschaftliche Wege geöffnet sind. Je mehr sie sich begeistern, umso leichter sind die Examen, um so eher gibt es eine Stellung, einen Arbeitsplatz. Die bäuerliche Jugend lebt in der HJ und in der SA zum ersten Male mit dem Staat. Auch junge Arbeiter machen mit: .Vielleicht kommt doch eines Tages der Sozialismus, man versucht ihn eben auf eine neue Art, die anderen haben sie gute Nazis sind, daß sie Marxismus ihn bestimmt nicht gebracht, Volksgemeinschaft ist doch besser als unterste Klasse sein', so etwa denken sie. Die neue Jugend hat nie viel für Bildung und Lesen übrig gehabt. Jetzt wird nichts mehr verlangt, im Gegenteil, das Wissen öffentlich verurteilt.

Die Eltern erleben das mit. Man kann dem Kind nicht verbieten, was alle Kinder tun, kann ihm die Uniform nicht verweigern, die die andern haben. Man kann es auch nicht verbieten, das wäre gefährlich.

Die Kinder und Jugendlichen verlangen nach der Anleitung der HJ dann von ihren Eltern, daß, Reaktion und den Umgang mit Juden aufgeben.’

Die Haltung der Jugend ist für den geschulten, politischen Beobachter ein Gegenstand ernster Sorge.“

An anderer Steller der gleichen Ausgabe heißt es:

„Noch aber bleiben dem Regime die Kräfte der Jugend. Der Nationalsozialismus war von Anfang an eine stark irrationale Bewegung, ein dialektischer Umschlag von der Überschätzung der rein rationalen Kräfte in die Überschätzung der irrationalen. Es war natürlich, dass die Jugend von diesem Umschlag am stärksten ergriffen wurde. Sie ist es heute noch und bildet damit nach wie vor die stärkste Stütze des Regimes. Es wäre platter Vulgär-Marxismus, anzunehmen, dass die Jugend des Bauern- und Mittelstandes, die junge Intelligenz sich nur den Nazis zugewandt habe, weil sie sich von ihnen eine Besserung ihrer Berufsaussichten versprach. Diese Dinge haben bewusst oder unbewusst mitgespielt, aber es wäre eine gefährliche Täuschung, wenn wir den starken Idealismus übersehen würden, mit dem die besten Teile dieser Jugend noch heute erfüllt sind.

Das Regime kennt die starke Stütze, die es in der Jugend hat. Es bemüht sich mit allen Mitteln um sie, es setzt sie in wachsendem Maße in den innerpolitischen Kampf ein. Ein entscheidender Machtfaktor könnte diese Jugend für das Regime allerdings erst nach Jahren werden. Erst wenn eine Jugend herangewachsen sein wird, die die Freiheit, die Republik nur aus den Schmähungen ihrer Gegner kennt, und die ihren Fanatismus auf ihre neuen Aufgaben und Ämter übertragen kann, wird das Regime eine neue sichere Basis gefunden haben.“

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