Vorschläge für verbesserte Einsatzbedingungen der LWH
Der Sonderbeauftragte des Reichserziehungsministers für den Einsatz von Luftwaffenhelfern beim Oberpräsidenten in Münster, Wagner, spricht sich am 10. Juni 1943 in einem Bericht dafür aus, die Beanspruchung von Jugendlichen durch den militärischen Dienst stärker als bisher zu begrenzen:
„Von den Schulleitern wird in den Erfahrungsberichten hervorgehoben, dass die Einheitenführer volles Verständnis zeigen für die jugendliche Eigenart der Luftwaffenhelfer und für die Belange der Schulen. Von zahlreichen Schulleitern wird jedoch drauf hingewiesen, dass die Doppelbeanspruchung der Luftwaffenhelfer als „Soldaten“ und als „Schüler“ die Jugendlichen körperlich und geistig bis zur Grenze ihrer Leistungsfähigkeit beansprucht. Die häufige Unterbrechung des nächtlichen Schlafes, die geistige und nervöse Anspannung bei nächtlichen Einsätzen, besonders bei feindlichen Angriffen, bringen für die nicht ausgewachsenen Jugendlichen die Gefahr der nervösen Erschöpfung mit sich, die sich unmerklich einschleichen kann, um sich nach einiger Zeit umso schlimmer auszuwirken. Damit auf die Dauer eine Überbeanspruchung der Luftwaffenhelfer vermieden wird, und damit ihre Wehrfähigkeit erhalten bleibt, müssen ihnen im Laufe des Tages hinreichend Erholungspausen gewährt werden.
Ich erlaube mir deshalb, folgende Vorschläge zu machen:
1.) Der Ausbildungsdienst (Ausbildung am Geschütz oder Gerät, Batterieexerzieren, Unterricht, Infanteriedienst) darf in der Regel nicht mehr als 2 Stunden täglich in Anspruch nehmen. Wenn die Luftwaffenhelfer nachts längere Zeit im Einsatz gewesen sind, findet nur Instandsetzung der Geschütze und Geräte statt. Unmittelbar vor dem Schulunterricht darf kein anstrengender militärischer Dienst stattfinden.
Begründung:
Die Luftwaffenhelfer werden sonst durch den militärischen Dienst so stark in Anspruch genommen, dass ihnen für den Schulunterricht die geistige Aufnahmefähigkeit und Frische fehlt. Zahlreiche Schulleiter berichten, dass der Unterrichtserfolg gänzlich unbefriedigend ist.
2.) Wenn die Schulleiter es aus schultechnischen Gründen für notwendig halten, findet der Schulunterricht nachmittags statt.
Begründung:
Bei dem Lehrermangel können die Schulen oft nicht an den Vormittagen Lehrkräfte freistellen, da diese in der Schule benötigt werden. Nach nächtlichen Alarmen, die z.Zt. sehr häufig sind, fällt der Unterricht zu oft aus. Die Lehrer, die sich in die Batteriestellungen begeben müssen, können nicht rechtzeitig benachrichtigt werden. Der Einwand, dass bei Nachmittagsunterricht die nächtlichen Alarme nur zu Lasten der militärischen Ausbildung gehen würden, ist nicht stichhaltig, da die Luftwaffenhelfer bei nächtlichem Alarm im militärischen Dienst stehen, also in der Ausbildung fortschreiten.
3.) Der Schulunterricht ist in der Regel auf mindestens 5 Tage zu verteilen. Der Samstagnachmittag und der Sonntag bleibt frei vom Schulunterricht und von Arbeitsstunden (Vorbereitung auf den Schulunterricht)
Begründung:
Da die Luftwaffenhelfer durch den militärischen Dienst körperlich und geistig stark beansprucht werden, können sie auf die Dauer nicht 6 Stunden hintereinander (bei Verteilung der 18-Unterrichtsstunden auf 3 Tage) beim Schulunterricht aufnahmefähig sein. Eine erfolgreiche Mitarbeit beim Unterricht ist dann nicht möglich.
4.) Der naturwissenschaftliche Unterricht (Physik und Chemie) findet in Schulgebäuden statt, in denen Physik- und Chemiezimmer zur Verfügung stehen.
Begründung:
Ein Physik- und Chemieunterricht ohne Experimentieren ist auf die Dauer erfolglos.
5.) Im Dienstplan sind durchschnittlich täglich 1 - 1 ½ Stunden Arbeitszeit (Vorbereitung auf den Unterricht) einzusetzen.
Begründung:
Ohne Vorbereitung der Schüler kann der wissenschaftliche Unterricht nicht fruchtbar sein.
6.) Den Luftwaffenhelfern ist nicht nur abends nach Dienstschluss, sondern auch im Laufe des Tages hinreichend Freizeit (Erholung, Lesen, Sport, Sonnenbaden) zu gewähren.
Begründung:
Die Luftwaffenhelfer befinden sich zum großen Teil noch in den Entwicklungsjahren. Der jugendliche Körper braucht zum Aufbau Ruhepausen, der Geist Erholungspausen.“