Menü
Ereignisse
1934
Oktober

Deutschland-Berichte der Sopade zur HJ

Im Oktober heißt es in den „Deutschland-Berichten“ der Sopade zur Tätigkeit der HJ:

„Die Gleichschaltung der Jugendverbände, das heißt, die Eingliederung in die Hitlerjugend hat die Jugendverbände sehr stark vermindert. Das liegt zum großen Teil daran, dass große Verbände durch die Gleichschaltung von der Bildfläche verschwanden oder sich selbst auflösten, weil sich viele Jugendliche eben nicht gleichschalten ließen. So auch die katholischen Verbände, die ja durch das Konkordat vor der Gleichschaltung geschützt sein sollen, durch Verbot und andere Druckmittel stark dezimiert. Das pulsierende Leben der ehemals deutschen Jugendbewegung hat aufgehört. Daran ändert auch die Aktivität und Romantik der Hitlerjugend nichts. Wohl ist das Jungvolk zahlenmäßig sehr stark. Das liegt daran, dass diese Jugendlichen anstelle des Unterrichts zu bestimmten Zeiten ihre Veranstaltungen unter der Firma Jungvolk machen. Während diese Veranstaltungen vor einem Jahr noch in den Schulunterricht fielen, hat man heute den Staatsjugendtag für diese Zwecke eingerichtet. Man hat die Kinder aufgefordert, in das Jungvolk (Gliederung der HJ) einzutreten, weil ja dieser Staatsjugendtag nur für die HJ Geltung hat. Viele Kinder, die von den Eltern aus und auch von sich aus diesem Jungvolk nicht beitraten, müssen nun trotzdem an diesem Staatsjugendtag (Samstag) die Schule besuchen. Diese ungleiche Behandlung führt heute schon zu einem sichtbaren Widerstand vieler Kinder.

Die Veranstaltungen, die von der Schulbehörde durchgeführt werden, sind wohl immer von der Jugend sehr stark besucht, denn es liegt darin ja ein bestimmter Zwang. Durch diese ‚Fürsorge’ wird aber jede Initiative der Jugendlichen ausgeschaltet. Man kann also von einer Jugendbewegung nicht gut reden. Diese einförmige Betätigung in Ausmärschen und dergl. führt nicht zu dieser Lockerung schöpferischer Kräfte aus der Jugend selbst, wie es z.B. in der Kinderfreudebewegung und auch der übrigen Jugendbewegung früher lag. So blieben ein großer Teil der Zeltlager, die die HJ angekündigt hatte, nur auf dem Papier stehen. Es fehlen die Kräfte, die zur Durchführung eines intensiven Gruppenlebens für die Jugendlichen notwendig sind. Die Aufforderung an die Lehrer, sich als Führer für diese Jugend zur Verfügung zu stellen, ging fehl. Zumal dies nicht immer die geeigneten Leute für diese Arbeit sind. Für die Jugendlichen ist diese Betätigung weiter nichts als eine Erweiterung des Schulunterrichts und dafür mangelt es an innerer Anteilnahme.

Diese aktiven, also uniformierten ‚Jungvolk‘-Gruppen sind in der letzten Zeit sehr stark zurückgegangen. Es kann auch nicht festgestellt werden, dass dieser Rückgang etwa zu erklären wäre als ein organisches Hineinwachsen in die Hitlerjugend als nächstfolgende Etappe. Die Hitlerjugend, die Jugendliche von 14 bis 18 J. umfasst, ist verhältnismäßig noch bedeutungsloser. Auch dort kommt man über Ordnungsübungen, Aufmärsche, nicht hinaus. Auch die Heimabende beschränken sich zumeist auf oberflächliche Dinge, wie Singen und militärische Ausbildung. Von dem Versuch einer ‚weltanschaulichen‘ Schulung oder Durchdringung ist nichts festzustellen, weil nach diesen Dingen wenig gefragt wird und auch hier die geeigneten Kräfte fehlen. Man begnügt sich damit, diese Jugendlichen von einem Wehrwillen zu durchdringen, der ja wichtiger ist bei der Überführung in die S.A. als ein politischer Wille. Langsam wachsen die Widerstände. Diese Jugend will wohl Romantik, sie will aber auch frei sein. Uniformierung und in Marschkolonnen durch die Straßen geführt werden, befriedigt nicht allein das Prestige der Jugend. Nicht zuletzt stehen Jugendliche im Betrieb, die aus dem sozialistischen Lager kamen, mit diesen unpolitischen Hitlerjungen zusammen. Es sind immer noch beachtliche Reste aus der sozialistischen Jugendbewegung, die sich heute noch in Freundschaftszirkeln erhalten haben und durch die Verhältnisse zum Nachdenken gezwungen werden.

Südbayern: 1. Bericht. Die Hitlerjugend kann eigentlich als politischer Faktor nicht gewertet werden. Die Jungen sind natürlich das willenlose Werkzeug ihrer Führer, sofern der Ausdruck ‚Werkzeug‘ da überhaupt anwendbar ist. Eine Stimmung gegen oder für kommt dort gar nicht auf. Die Jungen werden begeistert mit sportlichen Spielen und werden ideologisch beeinflusst und herangebildet für Krieg und Kampf. Man muss beobachten, welche Entwicklung die aus der Schule der Hitlerjugend Herauswachsenden nehmen...

2. Bericht. (Augsburg) Dass die Jugend mit allen Mitteln von den Faschisten bearbeitet wird, ist allgemein bekannt. Der Erfolg bleibt nicht aus. Wenn unter der Hitlerjugend selbst noch vielfach Zwang wirkt, so ist es beim Jungvolk schon reiner Fanatismus.

Die Hitlerjugend hat noch viele einstige katholische oder marxistische Jugendliche in ihren Reihen. Das Jungvolk wurde schon von Anfang an nur mit nationalsozialistischem Geist genährt...

3. Bericht. Die Jugendbewegung scheint immer mehr zu einer Stütze des Faschismus zu werden. Die Unduldsamkeit der Hitlerjugend allem anderen gegenüber drückt sich immer deutlicher aus. Dabei empfinden diese jungen Menschen ihre eigene Unfreiheit und den auf sie ausgeübten Zwang durchaus nicht...

Ostsachsen: Die Hitler-Jugend entwickelt sich zu einem ganz besonderen Wesen innerhalb der NSDAP. Sie lassen sich von keiner Dienststelle imponieren. Die Betonung der Jugend und ihr Vorzug wird jetzt den parteiamtlichen Stellen unbequem.

Sozialistische Strömungen sind nicht bemerkbar. Eher Rowdy-Strömungen. Die Jungens, die nicht der HJ angehören, werden von der HJ nicht als Kerle angesehen und schikaniert. Sie werden sogar geschlagen usw., ohne dass von der Schule dagegen eingeschritten würde. Eltern, die sich beschweren, erhalten die Antwort, dass dagegen nichts zu machen sei, dies diene der Ertüchtigung.

Andererseits ist auch festzustellen, dass die Kinder unserer Genossen, obwohl anders erzogen, jetzt Gefallen am Lagerleben usw. finden und gern dabei sind. Dies ist ja auch die große Gefahr für die Zukunft.“

Baum wird geladen...