Klagen über das Verhalten Jugendlicher
Am 15. Februar 1943 berichtet der SD-Abschnitt Dortmund:
„Wieweit das Benehmen der Jugendlichen in der Öffentlichkeit geht, zeigen die Klagen vieler Erwachsener, besonders älterer Personen. Für viele Jugendliche sind Personen von etwa 45, 50 Jahren schon ‚Friedhofsgemüse‘ bezw. ‚Kalkeimer‘. (...) Anpöbelungen, ja selbst Schlägereien mit Erwachsenen seien gar nicht so selten und wenn man Wert darauf lege, das Treiben (...) Jugendlicher zu beobachten, dann brauche man nur einmal das herausfordernde Verhalten in der Öffentlichkeit, besonders in Straßenbahnen, Kaffeehäusern usw. näher zu betrachten. (...) Vor wenigen Tagen wurde aus einer westfälischen Kleinstadt folgender Fall dazu gemeldet: Etwa 20 männliche und weibliche Jugendliche im Alter von ungefähr 16 Jahren verließen unter lautem Brüllen und Schreien dicht nebeneinanderliegende Lokale. Die Mädchen wurden von den Jungen auf der Straße mit Redensarten wie ‚Verschwinde, alte Hure‘ angeschrien, worauf diese antworteten ‚Haltet die Schnauzen, ihr Säuglinge‘. (...) Als dann einer der Jungen das Gegröle unterbrach mit der Erklärung, die Bande solle das Schreien lassen, denn wir hätten doch Volkstrauer, (...) schrie die versammelte Mannschaft: ‚Scheiße, was haben wir mit Stalingrad zu tun!‘ (...)
Nach einer Reihe von Angaben nehmen die Krankmeldungen der jugendlichen Berufstätigen immer mehr zu. Während der Arbeitszeit trieben sie sich auf den Straßen oder sonst wo herum und fänden sich in ihrem Tun dadurch unterstützt, dass sie durch gute Verdienstmöglichkeiten in der Lage sind, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Geldbeträgen alle möglichen Vergnügungsstätten aufzusuchen. Die Eltern nähmen bei Befragen oft einen unverständlichen Standpunkt ein und erklärten: ‚Der Junge (bezw. das Mädel) bringt Geld ins Haus, dann soll er (bezw. sie) auch etwas davon haben.‘ Anlass zu Beanstandungen gibt auch das Belagern der Selterswasserbuden und Eisgeschäfte, vor allem aber das Rauchen kaum aus der Schule entlassener Jungen. (...) Wiederholt wurde festgestellt, dass Jugendliche sich Wirtschaftsräume mieteten, Rauch- und Trinkwaren aus den elterlichen Wohnungen oder von Freunden beschafften und kleine Feste feierten.
Die Zusammenrottung junger Burschen und die Bildung von Banden, die vor allen Dingen in der Dunkelheit die Straßen unsicher machen, gaben bereits wiederholt Veranlassung zu polizeilichen Maßnahmen. (...) Es kommt... nicht selten vor, dass verschiedene Jugendgruppen von sich aus HJ-Verbände angreifen und in Schlägereien verwickeln, eine besondere Vorliebe aber dafür zeigen, einzeln gehende Hitlerjungen (...) zu überfallen. Auch Mädchen finden keine Schonung. Immer wieder taucht für solche Banden die Bezeichnung ‚Edelweißpiraten‘ auf. In Häusern und Straßen werden entsprechende Texte mit den Über- und Unterschriften ‚Die Edelweißpiraten‘ angebracht. (...) Zu dem Problem Edelweißpiraten werden Befürchtungen laut, dass System in dieser Sache liege mit dem Ziel, die Arbeit der Hitlerjugend zu stören, obwohl man nicht annimmt, dass es sich um irgendeine staatsfeindliche Aktion handelt. Die meisten Ansichten gehen dahin, dass es sich um Jungenstreiche handelt und die Bezeichnung ‚Edelweißpiraten‘ inzwischen derart in Umlauf gekommen ist, dass sie von allen Jungenbanden übernommen wird. Naturgemäß haben die Vorfälle großes Aufsehen erzeugt. Man sagt, wenn man auch von einer regelrechten Organisation mit politischen Hintergründen nicht sprechen könne, so machten doch solche Gemeinschaften leicht Schule und wären dazu angetan, den HJ-Geist zu zerstören.“