Schwere Auseinandersetzungen zwischen Sturmschar und HJ in Mönchengladbach
In Mönchengladbach werden die Sturmschar und die Jungschar in den Monaten März und April 1934 mehrfach von der HJ belästigt und angegriffen. Sie erreichen einen traurigen Höhepunkt, als einem Sturmscharmitglied eine lebensbedrohliche Kopfverletzung beigebracht wird, die mutmaßlich von einem Hitlerjungen stammt.
Zu einem ersten Zwischenfall kommt es Anfang März 1934. Während eines Treffens der Sturmschar in ihrem Heim, der Windmühle in der Bettrather Straße (Lohmühle), beobachten Hitlerjungen den Ort und schleichen um das Gebäude herum. Als einige Sturmschärler später nach Hause gehen, werden sie von den Hitlerjungen verfolgt und schließlich mit den Worten, man müsse die Sturmschar untersuchen, da sie für sie verbotenen Fahrtenmessern trügen, von der HJ angehalten. Die Sturmschar trägt allerdings keine Fahrtenmesser, und so schließt sich eine „lange Debatte über HJ und konfessionelle Jugend“ an, bei der die Sturmschärler, so ihre Schilderung in einem späteren Bericht, den Eindruck haben, dass ihnen allein die Tatsache, dass sie zwischen bewohnten Häusern stehen, Schutz vor Tätlichkeiten bietet. Das Gespräch endet gegen Mitternacht „nicht ganz unversöhnlich“.
Die nächste Auseinandersetzung findet dann am Palmsonntag, den 25. März 1934 statt, als die Jungschar mit drei Gruppen für etwa 80 Angehörige einen Elternabend veranstaltet. Um das Verbot des Tragens von Kluft in der Öffentlichkeit zu befolgen, tragen die Jungschärler nur im Heim und auf dem Spielhof vor dem Heim Kluft. Diese haben sie zuvor, teils in Papier eingewickelt, mitgebracht. Obwohl die Kluften innerhalb des Heimes erlaubt sind, erscheint die HJ unter Führung von Kurt Vanler, dem Leiter des Referats Wehrsport im Unterbann 1/233, bei der Versammlung, um gegen die Kluft zu protestieren. Sie werden hinausgebeten, legen sich dann jedoch in der Nähe in den Anlagen der Hermann-Piscqu-Allee „in Anschlag“ und bewerfen das Heim mit Steinen. Als man nachsieht, wer die Störungen verursacht, laufen sie davon, jedoch nur, um nach dem Ende der Veranstaltung wiederzukommen. Sie beschimpfen einzelne Teilnehmer und versuchen, ihnen die Pakete mit den Kluften zu entreißen. Erst das Erscheinen von SA beendet das Treiben der etwa 20 Hitlerjungen.
Wenige Tage später, am 3. April, dem Dienstag nach Ostern, werden in der Nacht verschiedene Häuser mit den „bekannten Fanfarenaufschriften“ versehen [Näheres wird nicht aufgeführt, es dürfte sich entweder um Werbung für die HJ-Zeitschrift „Fanfare“ handeln oder um Polemiken gegen die Kirche, die dieser Zeitschrift entnommen sind].
Am selben Tag abends entkommt der 18-jährige Sturmschärler und Jungscharführer, Ludwig Claßen, nur mit knapper Not einem Überfall der HJ. Da er mit dem Rad unterwegs ist, kann er den etwa 8 bis 10 Hitlerjungen, die ihm aufgelauert haben, davonfahren und in ein Haus flüchten. Von dort wird er später von einem Erwachsenen nach Hause begleitet.
Einen Tag später gerät Claßen erneut in einen Zwischenfall mit der HJ. Als er gerade seinen Schäferhund ausführt, kommt ein Trupp HJ mit Fahne vorbei. Claßen will die Fahne gerade vorschriftsmäßig grüßen, als er auch schon von einem Hitlerjungen angegriffen wird, da er die Fahne nicht gegrüßt habe. Einem Schlag entgeht Claßen nur, weil sein Schäferhund ihn verteidigt. Der Angreifer prophezeit Claßen daraufhin, er komme auch noch dran, wenn er allein sei.
Am 24. April wird Claßen dann vermutlich von einem Hitlerjungen überfallen und schwer verletzt. Claßen ist mit seinem Rad unterwegs, als eine Gestalt mit schwarzen Stiefeln, schwarzem Gummimantel und HJ-Mütze aus einem Hauseingang auf ihn zustürzt und ihn zu Fall bringt, so dass er das Bewusstsein verliert. Erst am nächsten Morgen kommt er wieder zu sich, am Kopf eine blutende Wunde und verwirrt. Auf dem Weg nach Hause trifft er zwei seiner Jungschärler, die das Blut an seinem Kopf bemerken und fragen, was passiert sei. Claßen antwortet erst verworren mit dem Namen des Freundes, bei dem er am Abend zuvor war, fügt dann jedoch hinzu: „Curt Vanler hat mich niedergeschlagen, nein, ich bin gestürzt!“
Zu Hause nimmt sein Vater ihn sofort mit zum Arzt, der eine Verletzung durch vier, fünf schwere Schläge diagnostiziert und die Wunde versorgt. Claßen ist immer noch verwirrt und kann sich an nichts von dem erinnern, was zwischen dem Unfall und dem folgenden Morgen passiert ist.
Nach einigen Tagen verschlechtert sich der Zustand von Claßen, er hat große Schmerzen und der Puls sinkt unter 60 Schläge. Die Eltern bringen ihn daraufhin ins Krankenhaus, wo der Assistenzarzt Dr. Hintzen bei der Untersuchung erklärt, er, Claßen, sei ja betrunken gewesen, was er da für einen Verband habe, ein Pflästerchen genüge. Die Eltern sind darüber sehr empört, nicht zuletzt, weil die Sturmschärler alle keinen Alkohol trinken. Der Arzt entschuldigt sich zwar, doch die Eltern sind so beunruhigt über die Behandlung, dass sie ihren Sohn wieder mitnehmen und nach zwei Tagen in ein anderes Krankenhaus bringen.
Das Gerücht von dem Betrunkensein erhält sich jedoch, überdies wird behauptet, die katholische Jugend befinde sich in „voller Auflösung“, sie schlügen sich schon gegenseitig die Schädel ein.
Claßen geht es in den folgenden Tagen sehr schlecht, er ist zeitweise geistesabwesend und reagiert nicht mehr, hätte sich die Wunde noch entzündet, hätte Lebensgefahr bestanden.
Über den Täter ist nichts Genaues bekannt, es gibt jedoch verschiedene Hinweise, die auf Curt Vander als Täter hindeuten. So berichtet ein ehemaliger Sturmschärler und jetziger Hitlerjunge am 27. April, Curt Vander sei an dem Mittwoch nach dem Überfall zu ihm gekommen und habe gesagt, gestern hätten sie einen von der Sturmschar niedergeschlagen. Einem anderen Hitlerjungen gegenüber sagt Vander angeblich, das sei nicht der erste, den er ins Krankenhaus gebracht habe, andere hätten länger darin gelegen.
Am 29. April kommt es dann erneut zu Zwischenfällen mit der HJ. Nach einer großen Feier aller katholischen Jugendlichen im Münster mischen sich Hitlerjungen unter das Volk und provozieren. Dabei drohen sie verschiedenen Sturmschärlern sie hätten auch noch etwas zu „erwarten“. Später berichtet der Bruder eines Sturmschärlers, selbst HJ-Mitglied, einzelne Hitlerjungen hätten nach der Veranstaltung gesagt, man hätte einem der Sturmschärler „sofort die Fresse vollhauen sollen“.
Über die gesamten Vorfälle erstellen der Kaplan der Hauptpfarre, die Eltern und der Bruder von Ludwig Claßen und zwei weitere Sturmschärler einen Bericht für das Bischöfliche Generalvikariat in Aachen. Darin bemerken sie zum Schluss, dass die „angriffslustige Kampfweise der HJ seit Ostern“ vermutlich mit einem Eilbefehl zusammenhänge, der nach der „bekannten Fanfarenwoche wohl als Geheimbefehl in der HJ ausgegeben wurde.“ Ein Exemplar konnten sie erhalten und fügen es bei. Es hat folgenden Wortlaut:
„Eilbefehl verteilt bis Gefolgschaftsführer HJ und Fähnleinführer DJ
Unsere Fanfarenwoche ist trotz manchen Disziplinlosigkeiten und Unzulänglichkeiten ein Riesenerfolg geworden.
Wir haben erreicht, dass, man kann sagen, die ganze Bevölkerung von der ‚Fanfare‘ sprach. Wenn auch die Mucker und Spießerlein sich über den brutalen Ton in der Überschrift und den Leitartikeln weidlich aufgeregt haben, ein Erfolg war es schon, dass die Hitlerjugend eine Woche lang nach dieser oder jener Seite im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses befand.
Am Ostertag wurden von vielen Kanzeln Aufrufe des Papstes und des Bischofs von Aachen verlesen, die sich eindeutig gegen die Hitlerjugend wandten.
Inzwischen ist nun durch unseren Fanfarenverkauf und durch die unerhörten Herausforderungen der Angehörigen der kath. Jugendorganisationen sowie die Hetztätigkeit einer großen Anzahl von Geistlichen eine Lage entstanden, bei der unsere Parole sein muss:
Kampf bis zum Äußersten, aber in strengster Disziplin.
Durch die mir unverständlichen Torheiten einzelner HJ- und DJ-Führer in der Beschriftung und sonstigen Propaganda sind wir im Augenblick im Hintertreffen!!!
Denn die Regierungsstellen sowie die Gauleitung der Partei sind im Augenblick derartig mit Beschwerden der Gegenseite überschwemmt, dass uns von diesen Seiten die allergrößten Schwierigkeiten erwachsen!
Wir holen nun zum Gegenschlag aus!
Jeder Führer bis einschl. Gefolgschafts- und Fähnleinführer reicht deshalb bis spätestens Mittwoch, den 11. April 1934 einen genauen, nicht zu langatmigen Situationsbericht ein,
der alle in der Fanfarenwoche gemachten Feststellungen btr. der Haltung der kath. Verbände und der Geistlichkeit, soweit sie uns feindlich gegenüber steht, enthalten sein muss.
Neben diesen Situationsberichten sind über besondere Vorkommnisse Einzelberichte
einzuschicken und zwar über alle Vorfälle, von denen der Oberbann bis jetzt keine schriftliche Nachricht bekommen hat. Diese Einzelberichte müssen von mehreren Zeugen unterschrieben, von den Älteren eidesstattlich beglaubigt werden. Auch der scheinbar geringste Vorfall ist auszuwerten.
Die Situationsberichte und Einzelberichte werden wir dann zusammenstellen und in einem Sonderrundschreiben vervielfältigen, das wir dann an alle Dienststellen der Hitlerjugend wie der POSA sowie an alle Oberbürgermeister, Bürgermeister, Landräte, Polizeipräsidenten usw. und vor allem an die Obergebietsführung schicken werden zur Auswertung beim Oberpräsidium und der Regierung.
Sorgt ihr dafür, dass dieses Sonderrundschreiben 10, 15 und mehr Seiten umfassen wird, dass es zu einem erdrückenden Material […] wird! Ihr selbst habt die Vorteile davon, dass diejenigen in den Behördenstellen, mit denen ihr zu tun habt, einmal erkennen, dass die Verbitterung in unseren Reihen verständlich ist.
Außerdem habt ihr den Vorteil, dass ihr nicht nur die Vorfälle in eurem Befehlsbereich, sondern die Zustände und Vorfälle im ganzen […] propagandistisch auswerten könnt. Wie wir hören, soll es Flugblätter und Zeitungen geben, die eine „Antwort“ auf die […] Fanfare veröffentlichen. Schickt derartiges Material […] und Einzelberichte ein. […]
Kameraden, die Fanfarensache war ein Schlag gegen unsere Gegner!!!
Nun müssen wir nachstoßen!!!
f.d.R.
[…] Heil Hitler
Der Führer des Oberbannes […]
gez. Erich Brandt, Bannführer“