HJ-Führer in Aachen wiedersetzt sich nach Streit mit katholischer Jugend der Polizei
Vor dem Pfarrheim Hl. Kreuz in Aachen kommt es am Abend des 18. Januar 1934 zu schweren Auseinandersetzungen zwischen HJ und katholischer Jugend. Der Streit beginnt, als ein HJ-Führer einem der Jungen des Jungmännervereins mit einer Taschenlampe ins Gesicht leuchtet mit der Begründung, man wolle sehen, „wie unsere Vaterlandsverräter aussehen“. Der hinzukommende Hausmeister, der den Streit schlichten möchte, bekommt als Reaktion von dem HJ-Führer einen Schlag ins Gesicht versetzt, so dass er über einem Auge eine blutende Wunde bekommt. Zudem werden ein weiterer Junge und einer der Bewohner des Pfarrheims geschlagen. Daraufhin wird die Polizei gerufen, doch dem Wachtmeister gelingt es nicht, den „Haupträdelsführer“ mit ins Pfarrheim zu nehmen. Dieser fordert stattdessen, dass die gesamte HJ mitziehen solle – ein Verhalten, das von den Hitlerjungen mit „großem Gejohle“ quittiert wird.
In dieser Situation kommt Kaplan Müller hinzu, der Präses des Jungmännervereins Hl. Kreuz, und versucht zu vermitteln. Dabei kommt es, seinem Bericht an das Bischöfliche Generalvikariat zufolge, zu folgender Szene:
„Ich ging auf die zusammenstehenden Führer und Jungen der HJ hin, sagt zu einem der Führer ‚Guten Abend, was gibt es denn hier?‘, worauf dieser mich anfuhr und sagte: ‚Ich bin von Ihnen provoziert. Der Gruß heißt Heil Hitler.‘ Darauf sagte ich demselben ‚Wie heißen Sie?‘ Antwort: ‚Das geht Sie nichts an.‘ Lautes Gejohle und Händeklatschen. Darauf rief ich ‚Ich stelle also fest, dass ein deutscher Jungmann nicht den Mut hat, auf Befragen seinen Namen zu nennen.‘ Darauf nannte er seinen Namen, ich verstand Kottock. Da aber aus der Menge derselbe HJ-Führer mit verschiedenen Namen angerufen wurde und zu weiterem ungehörigen Verhalten aufgefordert wurde, sagte ich ihm ‚Kommen Sie bitte mit in das Pfarrheim, vor dem Polizeibeamten werden wir die Sache regeln.‘ Derselbe gab zur Antwort ‚Das fällt mir nicht ein.‘ Lautes Gejohle auf dem Bergdrisch. Ich forderte zum zweiten Mal auf, Antwort: ‚Die Polizei hat uns nichts zu sagen.‘ Lautes Gejohle und Händeklatschen rings um den Platz begleitet diese ‚heldenhafte‘ Antwort. Darauf rief ich über den Platz ‚Ich muss also hier feststellen, dass deutsche Jugend den Anordnungen deutscher Polizei nicht Folge leistet.‘ Inzwischen hatte nämlich der anwesende Polizeiwachtmeister wieder versucht, den betreffenden Führer ins Pfarrheim zu bekommen. Drei Mal habe ich denselben Satz zugerufen und lautes Gejohle, Händeklatschen und Brüllen war das Echo. Da alle Anordnungen des anwesenden Wachtmeisters in dieser ungehörigsten Weise beantwortet wurden, sah sich dieser selbst genötigt, vom Pfarrheim aus das Überfallkommando zu alarmieren. Diese erschien sehr schnell, es bedurfte aber des ganzen Einsatzes der Beamten und straffen Vorgehens, um den Hauptführer und einen Begleiter ins Auto zu bringen.“
Bei der Abfahrt provozieren die HJ-Führer erneut und rufen den Hitlerjungen zu „Nieder mit der Sturmschar“ und „Fort mit den Vaterlandsverrätern“. Zudem legen sie dem Kaplan gegenüber, der ebenfalls mitfährt, ein provozierendes Verhalten an den Tag.
Auf der Polizeiwache werden alle vernommen, das Verhalten der Beamten wird von Kaplan Müller dabei als „objektiv, korrekt und pflichtbewusst“ geschildert. Diese Haltung der staatlichen Organe gebe der katholischen Jugend die Hoffnung, „dass der Staat diese Vorkommnisse nicht nur missbilligt, sondern ihnen noch begegnen kann“.
Währenddessen kommt es vor dem Pfarrheim erneut zu einer Auseinandersetzung. Ein Junge, der gegen 10 Uhr abends mit dem Fahrrad nach Hause fahren will, wird von mehreren Hitlerjungen überfallen und misshandelt.
Ähnliche Überfälle gibt es auch in anderen Teilen der Stadt.
Als Hintergrund für die Vorfälle vermutet Kaplan Müller, dass sie der „Zermürbung“ der katholischen Jugend dienen. So seien schon vor einer Woche auf der Straße vor dem Pfarrheim „schwer beleidigende Inschriften“ gegenüber dem Pfarrer und der katholischen Jugend angebracht worden. Vor drei Wochen sei „an allen Ecken der Stadt“ das Plakat, auf dem der Generalpräses angegriffen worden sei, zu sehen gewesen, und vor vier Wochen das rote Plakat mit Beleidigungen gegen die Führer der katholischen Jugend. Nun versuche man, „handgreifliche Methoden“ anzuwenden. Mit solchen Methoden, so Müllers Fazit, werde „Jugend nicht überführt und deutsche Jugend nicht zu deutscher Jugend geführt“, vielmehr seien die Methoden schärfstens zu verurteilen und wirkten sich „förderlich auf Geist und Haltung katholischer Jugend“ aus.