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Ereignisse
1934
Oktober

Die Gestapo Osnabrück berichtet

„In Ergänzung meines Lageberichts für den Monat August 1934 hinsichtlich des schlechten Abstimmungsausganges in einzelnen Gemeinden teile ich im Folgenden das Ergebnis einer objektiven Untersuchung über die Gründe dieses Misserfolges in einer Gemeinde [Wallenhorst] des Landkreises Osnabrück mit:

Die Einwohner dieser Gemeinde sind sämtlich röm.-katholisch. Es sind schlichte, einfache, arbeitsame und besinnliche Menschen, welche - soweit sie sich von der Landwirtschaft ernähren - dem im Allgemeinen sehr geringwertigen Boden die Erträgnisse abringen müssen. Auch die Industriearbeiter, etwa 50% der Gesamtbevölkerung, verdienen ihr Brot nur durch harte Arbeit. Die fast in allen Familien vorhandene große Kinderzahl ist auffallend. In den Vorkriegsjahren kamen auf 1.000 Einwohner 40 und mehr Geburten, in den Nachkriegsjahren hat sich hieran wenig geändert. Aus dem zahlreichen Nachwuchs erklärt sich auch die große Zahl der Kriegsteilnehmer, wovon sehr viele gefallen sind.

Die politische Einstellung war fast ausschließlich die des Zentrums. Marxistische Stimmen kamen nur ganz vereinzelt vor. Lediglich eine Gruppe der Wirtschaftspartei erhielt einige Bedeutung, als viele besonnene Einwohner mit der starken Linkshaltung des Zentrums nicht einverstanden waren. Wenn das neue Reich nach der Revolution des 30. Januar 1933 auch nicht sofort begeistert umjubelt wurde, so liegt das in der Natur der stillen und etwas schwerfälligen Menschen, welche nicht so schnell Hosianna rufen, aber auch nicht so schnell ‚ans Kreuz mit ihm‘. Im Allgemeinen wurde der neuen Regierung, in erster Linie dem Führer, großes Vertrauen entgegengebracht, besonders als er sich freimütig und rückhaltlos für Schutz und Pflege der christlichen Bekenntnisse ausgesprochen hatte. Diese anfängliche gute Stimmung wurde aber bald etwas getrübt durch die nun einsetzende Propaganda und Aufklärungsarbeit in öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen. Infolge der mangelhaften Kenntnisse, einseitigen Einstellung und nicht selten aus Mangel an gutem Willen der Redner und politischen Leiter wurde das Gegenteil von dem beabsichtigten Zweck erreicht. Statt über die großen Aufgaben der Regierung und über das Ideale des nationalen Staates zu reden, lief der ganze Vortrag des Öfteren in ein Geschimpfe auf Priester und kirchliche Einrichtungen und Lächerlichmachung kirchlichen Brauchtums aus. So gewann es den Eindruck, dass einige Propagandaredner sich eine besondere Freude daraus machten, harmlose und vom besten Willen beseelte Menschen zu beleidigen und abzustoßen. Die erste Wirkung dieses Vorgehens war, dass fernerhin die öffentlichen Versammlungen immer schwächer besucht wurden und zuletzt bei manchen Kundgebungen nur mehr 20 - 40 Personen anwesend waren. Hinzu kam noch, dass einige der lautesten Rufer infolge ihres Vorlebens und sonstigen Benehmens in der Öffentlichkeit bei allen redlich denkenden Menschen ein gewisses Misstrauen erweckten. Trotz dieser misslichen Vorkommnisse wurde aber das Vertrauen zum Führer und Reichskanzler nicht wesentlich beeinträchtigt. Besonnene und vernünftige Volksgenossen gaben sich allenthalben Mühe, auftretende Bedenken zu zerstreuen und unangenehme Vorkommnisse damit zu begründen, dass diese nur Begleiterscheinungen aller großen Umwälzungen seien. Die Volksabstimmung am 12.11. v. J. hatte demzufolge ein durchaus gutes Ergebnis.

Die in der Folgezeit notwendig gewordenen wirtschaftlichen Maßnahmen, soweit sie einen Eingriff in die freie Wirtschaft bedeuteten, die bei der Landbevölkerung teils aus mangelndem Verständnis und teils aus der angeborenen Abneigung gegen alle Zwangsmaßnahmen schon immer heftigen Widerstand auslösten, sowie die Einschränkung bezw. Verbote einiger konfessioneller Vereine und Organisationen verschlechterten die aus dem oben genannten Verhalten einiger Repräsentanten der Bewegung heraus vorhandene Stimmung. Hier war es schon schwieriger, aufkommende Bedenken und Missstimmungen zu zerstreuen. Hinzu kam noch, dass die HJ, welche anfänglich ohne Schwierigkeiten mit einem Bestand von ca. 40 Mitgliedern eingeführt wurde, sich durch die Verbreitung von Liederbüchern, welche Lieder mit einem die religiösen Einrichtungen verspottenden Text enthielten, recht missliebig machte; sie schrumpfte übrigens nach und nach auf 5 Mitglieder zusammen. Die Veröffentlichung einiger Artikel, z. B. im "Textilarbeiter", welche die religiösen Gefühle eines wahren Christen tief verletzten, und ferner die Geschehnisse des 30. Juni 1934 (Gerüchte über die Erschießung einiger katholischer Führer) taten das Übrige. Versuche, aufklärend zu wirken, wurden nunmehr mit einem verschlossenen Schweigen erwidert. So kam die Volksbefragung, bei der nur 50% Ja-Stimmen abgegeben wurden.“

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