Der Landrat berichtet über die „politische Lage“ im Kreis Lippstadt
Ende Mai äußert sich der Landrat grundsätzlich „zur allgemeinen politischen Lage“, die im Kreisgebiet „im Wesentlichen“ dadurch bestimmt sei, „welche Stellung die katholische Kirche und ihre Geistlichen zum heutigen Staate einnehmen“ würden. „Die hiesige Bevölkerung ist zu 98% katholisch und offenbar vor der Machtübernahme für den Nationalsozialismus nicht mit der Intensität bearbeitet worden, wie es in anderen Gegenden geschehen ist.“
Der katholischen Kirche käme in dem als „Zentrumshochburg“ geltenden Kreisgebiet ganz besonders zustatten, „dass die Menschen es gewohnt sind, sich nicht nur in Angelegenheiten der Religion, sondern auch in allen anderen Dingen von irgendwelcher Bedeutung von der Kirche und ihren Vertretern betreuen zu lassen. Und diese Vertreter sitzen hier auch in den kleinsten Orten und haben die hauptberufliche Aufgabe, die Bevölkerung in allen Lebensbelangen im Sinne ihrer Kirche zu beeinflussen. Die Pfarrbezirke sind so klein, dass die Geistlichkeit jede einzelne Familie genau kennt und sich ihr voll widmen kann.“
Unter solchen Umständen konnte es kaum überraschend sein, dass der BDM im Kreisgebiet „nur schwer hochkommt“ und die „Macht des Staates“ bei der NS-Frauenschaft „fast ganz“ versagte. Soweit es sie überhaupt gab, wurden sie „im Geiste der alten Zentrums- und Müttervereine verwaltet“ und von den Geistlichen maßgeblich beeinflusst. „Geeignete Führerinnen sind nur schwer zu bekommen, und wenn sich einmal jemand so betätigt, dass er dem Einfluss der Kirche Abbruch tun kann, wird er mit wirtschaftlichen oder anderen Mitteln, z.B. durch gesellschaftlichen Boykott, so lange gehetzt, bis er müde geworden ist.“
Unter solchen Verhältnissen, so das erneute Credo des Landrats, komme der Lehrerschaft „eine besondere Bedeutung“ zu. „Sie nimmt neben der Geistlichkeit die zweite Führerstelle auf dem Lande ein. Nur wenn sie weltanschaulich in Ordnung ist, ist eine gewisse Gewähr dafür gegeben, dass der Nationalsozialismus wenigstens in der jetzt heranwachsenden Generation in etwa verwirklicht wird.“ Daher gelte es „junge unverbildete Kräfte“ für diese Zwecke heranzuziehen. „Die Besetzung von Lehrerstellen auf dem katholischen Lande ist mithin ein Problem, dem allergrößte Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Dafür können nur Personen mit einer einwandfreien nationalsozialistischen Weltanschauung in Frage kommen, die in der Lage sind, sich von dem Einfluss der Kirche völlig freizuhalten.“
In der den „besseren Kreisen“ zuzuordnenden „bürgerlichen Reaktion“ sah der Landrat eine weitere Gefahr für die Etablierung des NS-Nachwuchses. „Dass ihre Bemühungen nicht ohne Erfolg geblieben sind, beweist die Tatsache, dass die diesen Bevölkerungskreisen angehörenden jungen Leute sich weder in der SA noch in dem BDM betätigen und zwar einfach deshalb nicht, weil sie das nicht für standesgemäß halten“. „Das Klassenbewusstsein und der Standesdünkel sind in diesen Kreisen noch lange nicht tot. (…) Erzieherisch kann man vor allem dadurch wirken, dass man mit strenger Konsequenz den Standpunkt vertritt, wer es nicht für nötig hält, sich in der SA oder in den anderen auch dafür geschaffenen Organisationen mit den Grundproblemen der nationalsozialistischen Weltanschauung vertraut zu machen, und wer nicht so viel Pflichtbewusstsein gegen Volk und Nation aufbringt, dass er der Allgemeinheit dient und nützt, wie man es von ihm verlangen kann, der hat keinen Anspruch darauf, dass ihm die Allgemeinheit eine Lebensexistenz gibt und ihn in irgendeiner beruflichen Stellung als Führer oder Sachwalter sich bewältigen lässt.“
Angesichts der nach wie vor andauernden Probleme der HJ sprach der Landrat den Wunsch aus, den aufgrund der unklaren Bestimmungen des Konkordats herrschenden „ungewissen Zustand“ endlich zu beenden und „klare Verhältnisse“ zu schaffen.