Der Landrat berichtet über die „politische Lage“ im Kreis Lippstadt
Der Landrat führt einen Vorfall aus Erwitte an, um an ihm zu zeigen, wie stark die katholische Pfarrgeistlichkeit die Menschen beeinflusse. So habe Vikar Jakobi aus Erwitte einen lokalen Vorfall herangezogen, um an ihm zu belegen, dass es „bereits in den kleinsten Landgemeinden so weit gekommen“ sei, „dass Kinder katholischer Eltern mit Gewehren auf Kreuz und Kreuzwegstationen“ schießen würden. Der Landrat beeilte sich seinerseits zu betonen, dass es sich hierbei „um Ungezogenheiten schulpflichtiger Kinder“ gehandelt habe, „wie sie überall schon mal vorkommen“. Er schloss jeglichen NS-Einfluss auf die Kinder kategorisch aus und warf den Geistlichen seinerseits vor, „solche Kindereien“ politisch „auszuschlachten“.
Als „besonders scharfen Gegner“ des NS-Regimes klassifizierte der Landrat den Erwitter Pfarrer Klausenberg, über den er sich bereits mehrfach beklagt hatte. „Neuerdings hat er die politische Gemeinde Erwitte auf Einräumung des Gemeindesportplatzes an den Jugendkraftverein verklagt, der diesem entzogen worden ist, weil er von einem anderen Sportverein und der Hitler-Jugend benötigt wird, und weil der Jugendkraftverein es nach wie vor ablehnt, sich mit den weltlichen Sportvereinen zu vereinigen.“
Der Landrat berichtet über sein Vorgehen gegen die DJK und beklagt die Erwitter Hemmnisse: Während es ihm „an den meisten Orten des Kreises gelungen“ sei, „die Jugendverbände zur Auflösung zu bringen und mit den weltlichen Turn- und Sportvereinen zu vereinigen“, komme er in Erwitte „in der Hinsicht keinen Schritt weiter“, weil Pfarrer Klausenberg und Vikar Polle „dieser Vereinigung den schärfsten Widerstand entgegensetzen und jedes Mittel benutzen, um den dortigen Jugendkraftverein zu halten und zu stärken“.
Aber nicht nur der Kampf gegen die DJK, auch die Entwicklung der Sturmschar bereitete ihm Kummer. Obwohl er „allen kirchlichen Jugendvereinen“ im Kreisgebiet bereits im November 1933 „das öffentliche Auftreten in jeder Form untersagt“ habe, mache „sich neuerdings die Sturmschar wieder bemerkbar“. „Sie zeigt sich in Uniform auf der Straße und in der Kirche. In Geseke versammelt sie sich regelmäßig in der Wohnung des schon mehrfach genannten Vikars Loddenkemper. In Anröchte ist es vor einigen Tagen dieserhalb zu Zusammenstößen mit der Hitler-Jugend gekommen. (…) Die schulentlassenen Kinder sind geschlossen in die Jünglings-Sodalitäten überführt und feierlich in der Kirche vereidigt worden. Um den nationalsozialistischen Jugendverbänden das Wasser abzugraben, bemüht man sich, deren Gebräuche nachzuahmen, insbesondere in der Öffentlichkeit geschlossen und mit einheitlichen Abzeichen aufzutreten. Sogar Beerdigungen werden dazu missbraucht. Als vor einigen Tagen ein Mitglied des katholischen Jungmänner-Vereins gestorben war, erschien an zwei aufeinanderfolgenden Tagen ein Nachruf in der Tageszeitung ‚Der Patriot‘. Der erste Begann mit den Worten: ‚Christus, unser aller Lebensführer, hat unsern treuen Freund aus diesem Jugendreich abberufen‘, der zweite: ‚Christus, unser aller Scharführer.‘ Der Verstobene war Scharführer in der SA. Wie weit der Einfluss der Geistlichkeit auf die Jugend immer noch reicht, hat sich bei dieser Beerdigung wieder gezeigt. Obwohl die SA ihren Angehörigen strengen Befehl gegeben hatte, zu dieser Beerdigung geschlossen anzutreten, zog es eine Anzahl SA-Männer, die gleichzeitig Mitglied des Jungmänner-Vereins sind, vor, mit diesem Verein an der Beerdigung teilzunehmen. Als Führer des Sturmbanns I/192 habe ich diese Männer sofort beurlaubt und ein Ausschlussverfahren gegen sie eingeleitet. Gleichzeitig habe ich feststellen lassen, welche Angehörigen der SA-Männer Mitglieder konfessioneller Jugendvereine sind und diese vor die Wahl stellen lassen, entweder aus der SA oder aus den Jugendvereinen auszuscheiden. Sie haben alle, wenn auch nach einigem Zögern, ihren Austritt aus den kirchlichen Jugendvereinen erklärt.“
Der Kampf gegen die katholischen Jugendorganisationen, da war sich der Landrat sicher, werde „so schnell nicht zu Ende gehen“, weil die Kirche für die Kreisbevölkerung wie seit Jahrhunderten so auch unter dem NS-Regime in der Kirche die erste und „unerschütterliche“ Autorität sehen würde.
Bei der Rekrutierung der HJ und deren Etablierung sah er hingegen noch große Probleme, die er auf verschiedene Gründe zurückführte. So werde aus Parteikreisen immer wieder beklagt, „dass die Hitler-Jugend organisatorisch nicht eng genug an die P.O. bezw. an die wehrverbände angegliedert sei und dass ihre Führer diese Freiheit nicht immer zum Besten der ihnen anvertrauten Jugend benutzten“. Noch etwas anderes schien ihm ein Kernproblem darzustellen: „Bedenklich ist, dass die Jugend in den Schulen durchweg Lehrern anvertraut ist, die bis zur Machtübernahme 100 %ige Anhänger der Zentrumspartei gewesen sind. Diese Lehrpersonen bieten natürlich keine Gewähr dafür, dass sie die Jugend richtig im nationalsozialistischen Sinne erziehen.“ Er lege deshalb Wert darauf, „dass jede frei werdende Lehrerstelle mit einem zuverlässigen Manne besetzt“ werde. Das gelte insbesondere für die ausgeprägt ländlichen Regionen, „wo der Einfluss des Lehrers sehr heilsam und fördernd, aber auch außerordentlich hemmend und störend wirken“ könne.