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Ereignisse
1934
Juni

Der Amtsbürgermeister berichtet aus Anröchte

Ende Juni 1934 berichtet der Amtsbürgermeister dem Landrat turnusgemäß über die „politische Lage“ und die Stimmung in seinem Amtsbezirk. Er schreibt:

„Je länger und je besser ich die hiesigen Verhältnisse kennen lerne, umso mehr muss ich feststeilen, dass es der N.S.D.A.P. in hiesiger Gegend doch noch sehr schlecht geht. Überall zeigen sich die Folgen der Meckerer und Dunkelmänner. Mir scheint es fast, als ob hier eine Unzufriedenheitspsychose gezüchtet wurde. (…) Die Ortsbauernführer sind zum Teil reaktionär und deswegen taugt scheinbar die Gefolgschaft nichts. Die Arbeitervertreter sind z. T. zentrümlich-marxistisch belastet und suchen ihren Resonanzboden wieder. Die N.S.-Hago-Männer sind z. T. Liberalisten reinsten Wassers und deswegen wird diese Organisation oft zur Zwillingsschwester der gestorbenen Wirtschaftspartei. Die Führer von den anderen Organisationen sind z. T. Spießer und deswegen wird ihre Arbeit zur Vereinsmeierei. Und wieder andere Führer von Vereinen und Formationen vertragen und verstehen den Titel Führer nicht und beunruhigen und vergrämen so die Bevölkerung. Die Gemeindevorsteher sind zum Teil noch Systemtrottel und deswegen ist ihre Gemeinde hinsichtlich der Bevölkerung und aller Verhältnisse ein Misthaufen. Die Lehrer haben nicht die richtige Führung und bemühen sich deswegen nicht, selbst zu führen. Die Folge davon ist, dass nur ein Bruchteil der Schuljugend sich in der Hitlerjugend betätigt. In meiner früheren Ortsgruppe habe ich festgesteilt, dass in dem Ort, wo der Lehrer ein ganzer Kerl war, auch die kath. Schuljugend 100 %tig in die Hitlerjugend überführt wurde. Das Verhältnis verschob sich in demselben Verhältnis zu Ungunsten der Hitlerjugend, indem die Zuverlässigkeit des Lehrers abstieg. (…)

Gegen die Hitlerjugend, B. D. M. und das Jungvolk wird sehr agitiert. In der letzten Zeit versucht die Tochter des Theodor Reen - Anröchte, die Mitglieder der Kükengruppe des B.D.M. zum Austritt aus dem B.D.M. zu bewegen. Sie fordert die einzelnen Mitglieder des B.D.M. auf, sich zur Deutschen Turnerschaft zu melden, dort würde mehr gelernt und die deutsche Turnerschaft sei besser als der B.D.M. und würde überall vorgezogen. Der Vater der Reen war früher ein fanatischer Zentrumsmann und Zellenleiter des kath. Arbeitervereins. Die Kinder des Postbeamten Jäger hatten den Wunsch in den B.D.M. oder die H.J. einzutreten. Eine Tochter des Jäger erklärte aber, ihre Mutter habe ihr den Eintritt in den B.D.M. verboten, weil der B.D.M. kein kath. Verein sei. Ebenso dürfe ihr Bruder nicht in die H.J., sondern sei jetzt in die Sturmschar eingetreten. Ich bin der Ansicht, dass man die Weiterbeschäftigung von Staatsbeamten von ihrem restlosen Eintreten für den nationalsozialistischem Staat abhängig machen sollte, wofür allerdings die Erziehung ihrer Kinder außerhalb des Elternhauses in der Sturmschar nicht spricht.

Wenn es vorläufig nicht möglich ist, die Sturmschar zu vernichten, dann sollte man wenigstens den Namen Sturmschar verbieten, der nach meinem Dafürhalten eine sehr bedenkliche psychologische Einwirkung auf die Jugend hat, weil er zum Kampfe reizt.

Um die Schuljugend in die Hitlerjugend hineinzukommen ist es nötig, dass die Schulleiter und Lehrer generelle Anweisungen bekommen, die es ihnen zur Pflicht macht, die Jugend zum Eintritt in die H.J. zu bewegen. Mir scheint aber der Vorgesetzte der Lehrer des Kreises Lippstadt, der Schulrat Christ, dafür die allergeringste Gewähr zu bieten. Ich halte es für eines der dringensten Bedürfnisse, bei der Besetzung dieser Stelle einen Wechsel vorzunehmen und diese Stelle mit einem unserer besten Nationalsozialisten zu besetzten, weil gerade der Kreis Lippstadt politisch mehr als rückständig ist, der diese Verspätung aber über die Jugend bei richtiger Führung wieder aufholen kann.

Nicht nur die weiblichen Mitglieder der Deutschen Turnerschaft in Anröchte bemühen sich, die Jugend vor der HJ. fernhalten, sondern auch die männliche Führung des Turn- und Sport» Vereins Anröchte, was aus dem in Abschrift beigegeben Briefe hervorgeht.“

Der erwähnte Brief war vom „Turnwarts des „Turn- und Sportvereins Anröchte“ verfasst und an die örtliche BDM-Führerin gerichtet. Der Turnwart schrieb:

„Nachdem Sie am Dienstagabend meiner Einladung in die Turnhalle zu kommen, um die Vorbereitungen für das Jugendfest für kommenden Samstag zu besprechen und zu regeln, nicht nachgekommen sind, habe ich Ihnen folgendes mitzuteilen:

B.D.M. untersteht im Turnen und Sport der Deutschen Turnerschaft. Infolgedessen haben Sie am kommenden Samstag beim Jugendfest auf dem Sportplatz des hiesigen T. und Sp. Vereins im Rahmen des Gesamtprogramms, welches ich als I. Turnwart des T. u. Sp. Vereins aufstelle, teilzunehmen. Nach den Vorschriften des Reichsjugendführers und des Reichssportführers haben sowohl die männliche wie auch die weibliche Jugend daran teilzunehmen. Ich ersuche Sie daher, mir bis Donnerstagnachmittag 5:00 die Namen der Wettturnerinnen von B.D.M. und die Geburtsdaten mitzuteilen. Ich muss dieses bis dahin unbedingt haben, um die Listen für das Wettturnen fertig zu machen. Sollten Sie beabsichtigen mit B.D.M. Sonderaufführungen zu machen, so haben Sie mir auch dieses mitzuteilen.

Sollte ich bis dahin keine Mitteilung erhalten, so muss ich annehmen, dass Sie den Sinn des Führertums noch nicht verstanden haben. Ebenso wenig auch die vom Führer angestrebte Volksgemeinschaft. Ich bin dann leider gezwungen, die Sache an meine Vorgesetzten weiter zu melden, die dann das Weitere veranlassen werden. Wenn ich bis zu dem von mir bezeichneten Endtermin keine Nachricht habe, werde ich [den] B. D. M. zu dem Jugendfeste für kommenden Samstag ausschließen.“

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