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Ereignisse
1934
Dezember

Der Amtsbürgermeister berichtet aus Störmede

Ende Dezember 1934 berichtet Amtsbürgermeister Joest dem Landrat turnusgemäß über die „politische Lage“ im Amtsbezirk:

„Besondere Vorkommnisse, die der Erörterung wert wären, sind seit meiner letzten Berichterstattung hier nicht vorgekommen. Im Allgemeinen kann ober gesagt werden, dass sich für den unvoreingenommenen Beobachter die Auffassung immer mehr bestärkt, dass von der nationalsozialistischen Weltanschauung hier bis jetzt noch so gut wie Garnichts zu merken ist, dass die Zeit des Kampfes vielmehr hier jetzt erst beginnt. Man denkt hier heute immer noch nicht völkisch, sondern nach wie vor konfessionell. (…)

Für mich ergibt sich die Erkenntnis immer deutlicher, dass der neue deutsche Mensch günstigstenfalls erst mit der heutigen Jugend wenigstens teilweise herangebildet werden kann.

Der Nationalsozialismus kämpft hier heute noch mit ähnlichen Schwierigkeiten, mit welchen die alten nationalsozialistischen Vorkämpfer in anderen Landesteilen zu tun hatten. Diejenigen, die sich hier für den Nationalsozialismus einsetzen, stehen auch heute noch recht einsam da. Sie werden zwar nicht so angefeindet und bedroht, wie in der Zeit vor der Machtübernahme, aber die Gunst des Publikums erringen sie sich auch ganz bestimmt nicht. Es gibt für sie nur die eine Losung: Ausharren und sich nicht abschrecken lassen und auch mit kleinen Anfängen zufrieden sein.

Dass die Hoffnung so gut wie ganz auf die Jugend gestellt ist, weiß auch die große Gegenspielerin des nationalsozialistischen Staates, die katholische Kirche. Die Bemühungen um die Pesthaltung der Jugendverbände im kirchlichen Lager werden auch nach wie vor sehr stark betrieben. Vor einigen Sonntagen (25. November) wurde eine ‚klare Stellungnahme zu den konfessionellen Jugendverbänden‘ des Bischofs in Münster von den Kanzeln verlesen. Eltern und Lehrherren wurden ermahnt, die Jungen in die konfessionellen Jugendverbände zu schicken. Der Staat betone ausdrücklich, dass er auf die Jugend keinen Zwang zum Eintritt in die nationalen Jugendverbände ausübe. Die Jugend könne sich also getrost den konfessionellen Verbänden anschließen.

Derartige Mahnungen fallen hier immer auf einen außerordentlich fruchtbaren Boden. Die nationalen Jugendverbände fristen hier ein außerordentlich kümmerliches Dasein. Insbesondere gilt dieses für den B.D.M.. Gestern hatte der hiesige B.D.M.in einem Wirtshaussaale eine Adventfeier veranstaltet, zu der die Einwohner der Gemeinde Störmede eingeladen waren. Die Kinderschar war sehr zahlreich erschienen und sah sich die von den wenigen Jungmädeln vorgeführten Stücke natürlich mit Ergötzen an. Von den Erwachsenen waren einzelne Eltern der wenigen Jungmädel und dann noch einige andere Personen, im Ganzen ein gutes Dutzend, erschienen. Im ganzen zeigte der klägliche Besuch, dass man dem B.D.M. ablehnend gegenübersteht.

Frägt man nach den Ursachen der Ablehnung, so bekommt möglichen Antworten, aber ganz bestimmt nicht die richtige. Die eigentliche Ursache ist einfach die, dass die hiesige Elternschaft das Heil nach wie vor in den konfessionellen Jugendverbänden sieht. Was man da von Klassengegensätzen, Mangel an Zeit und hohen Ausgaben spricht, ist alles abwegig. Wenn es sich um die kirchlichen Jugendverbände handelt, ist von Kastengeist, Zeit- und Geldmangel wenig zu sehen.

Hier kann nur Ausdauer helfen. Aber es fehlt auf dem Lande leider auch an genügend geschulten und einsichtigen Leuten, die aufklärend wirken könnten. Und die es könnten, wagen es vielfach nicht.

Neulich hörte ich wieder, dass verschiedene Jungmädel aus dem B.D.M. wieder ausgetreten seien. Grund: Weil die Mädchen turnen sollten und dazu noch in Turnanzügen. Das ist bezeichnend.“

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