Der Amtsbürgermeister berichtet aus Störmede
Ende Mai 1934 berichtet Amtsbürgermeister Joest turnusgemäß dem Landrat. Im Gegensatz zu den sonstigen in der Akte überlieferten Berichten ist dieser extrem stark handschriftlich korrigiert. Zitiert wird hier aus der ausführlicheren – wohl „ungeschminkteren“ und aus Sicht eines überzeugten Nationalsozialisten verfassten - Ursprungsversion. Darin heißt es u.a.:
„Die beiden eigentlichen Führerstellen sind hier Kirche und Schule. Die nationalsozialistischen Organisationen haben hier vorläufig nicht den Einfluss, den man ihnen wünschen könnte. Darüber darf man sich nicht täuschen.
Wenn aber die eine Führerstelle versagt, in diesem Falle die Kirche, so muss die andere Führerstell, die Schule, umso tatkräftiger arbeiten. Ich kann nur immer wieder darauf hinweisen, dass auf dem platten Lande, wo Presse und Rundfunk nicht die Bedeutung haben wie in der Stadt, die Schule für die Verankerung der nationalsozialistischen Idee im Volke eine besonders große Bedeutung hat. Nur wenn eine nationalsozialistisch eingestellte Lehrerschaft vorhanden ist, ist die Gewähr gegeben, dass der Nationalsozialismus wenigstens mit der jetzt heranwachsenden Generation in etwa verwirklicht werden wird. Im Elternhause können die Kinder die Erziehung zum nationalsozialistischen Staatsbürger durchweg nicht erhalten. Bei der Neubesetzung von Lehrerstellen auf dem katholischen platten Lande muss deshalb die Eignung der Bewerber in politischer Hinsicht ganz besonders scharf geprüft werden. Von der älteren Lehrerschaft, die sich in den letzten Jahren, als die neue Staatsauffassung im Kampfe auf Leben und Tod mit dem schwarz-roten Bündnis lag, sich nicht dazu entschließen konnte, dem Zentrum den Rücken zu kehren, kann auch heute in dieser Hinsicht nicht allzu viel erwartet werden. Wenn ihnen die eigene innere Einsicht, dass die alte Welt im Sterben liegt, und dass etwas Neues, Besseres an die Stelle des Alten und Morschen treten muss, in der Zeit der schwersten Kämpfe, die jeden denkenden Menschen zu einer eigenen Stellungnahme zwangen, nicht gekommen ist, so werden sie sich diese auch heute kaum noch erwerben können. Ich nehme aber an, dass von der heutigen Junglehrerschaft mehr zu erwarten ist. Die Kerntruppe wird allerdings erst auf den Lehrerbildungsanstalten herangebildet werden können. Immerhin dürfte unter den jetzigen Bewerbern doch wohl so viel Auswahl vorhanden sein, um das platte Land mit guten Lehrern zu versorgen. Hier sind demnächst zwei erste Lehrerstellen zu besetzen. Dabei mussunter allen Umständen im Auge behalten werden, dass auf dem Lande die Lehrer neben den Geistlichen fast die einzigen geistigen Führer sind. In der Stadt hat der einzelne Lehrer nicht die Bedeutung wie auf dem Lande.“
Hinsichtlich der Führerproblematik in HJ und BDM führt der Bürgermeister aus: „Ganz allgemein halte ich es bei der Wesensart des hiesigen Landbewohners nicht für richtig, die Führerstellen zu viel in die Hände von jugendlichen Personen zu legen. Jugendliche Personen neigen zu übereilten Handlungen, und sie können auch zum großen Teil ihre Lebensführung nicht so einrichten, wie es ein Führer hier tun muss. Hier muss ein Führer den Leuten nicht nur sagen, was sie tun sollen, sondern er muss [es] ihnen auch vorleben. Letzteres ist hier sogar das bei weitem Wichtigste. Vollkommen falsch ist es hier auch, den Leuten den neuen Staat mit Faust und Schulterriemen mundgerecht machen zu wollen. Das sind Mittel, die man vielleicht in der Polakei anwenden kann, die sich hier bei den westfälischen Landbewohnern aber bitter rächen.“