„Förderung der Hitlerjugend“ – Ermittlungsergebnisse aus dem Amt Störmede
Der Bürgermeister der Amtes Störmede berichtet über den Organisationsgrad der HJ in den höheren Klassen („Oberstufe“), d.h. der Klassen 5 bis 8 der Volksschulen seines Amtsbezirks und teilt folgende Zahlen mit:
Ort Jungen Mädchen HJ BDM
Böckenförde 17 20 16 8
Dedinghausen 21 18 16 8
Esbeck 12 11 12 6
Mönninghausen 21 30 20 --
Rixbeck 13 14 13 3
Störmede 45 38 43 16
Ehringhausen 16 14 10 4
Langeneicke 16 31 16 --
gesamt 161 176 146 45
Hinzu, so ergänzt er, kämen noch jene Kinder der 4. Schuljahre, die bereits vor Vollendung des 10. Lebensjahres „auf besonderen Wunsch“ aufgenommen worden seien.
Mit Blick auf die Gespräche mit den Lehrkräften führt der Bürgermeister Folgendes aus: „„Die Verhandlung mit den Lehrpersonen gestaltete sich insofern sehr schwierig, als diese eine Stellungnahme zu der kirchlichen Haltung in der Frage der Jugenderziehung möglichst zu vermeiden suchten. Ich habe den Eindruck bekommen, dass den Lehrpersonen der wirkliche Einblick in die hier herrschenden Verhältnisse zum Teil abgeht, dass sie sich zum Teil über die wirkliche Lage aber auch nicht äußern wollen, um eine Spannung mit der Geistlichkeit zu vermeiden. Letzteres dürfte ganz offensichtlich bei den Störmeder Lehrpersonen der Fall sein, denen es unmöglich entgangen sein kann, dass die hiesige Geistlichkeit den nationalen Jugendverbänden innerlich feindlich gegenübersteht. Die hiesige Führerin der Jungmädel, Fräulein Grote, sagte mir auch, dass der hiesige Pfarrer ohne Weiteres von der Kanzel herab öffentlich protestieren würde, wenn sie mit den Mädchen auf dem Sportplatze in Turnkleidung Turnstunden abhalten wollte. Die richtigste Aussage hat allem Anschein nach wohl Lehrer Wilmes in Ehringhausen gemacht.
Meiner Ansicht nach wirkt das zeitige ungeklärte Verhältnis zwischen Staat und Kirche über die Fragen Jugenderziehung mit in erster Linie hemmend auf die Entwickelung der nationalen Jugendorganisationen. Dem Vernehmen nach ist aber in diesen Fragen vor kurzem eine Einigung zwischen dem Führer und den deutschen Bischöfen erfolgt, die dem Papst zur Genehmigung vorliegt. Nach Abschluss dieser Verhandlungen dürften die nationalen Jugendorganisationen hier höchstwahrscheinlich etwas bessere Entwickelungsmöglichkeiten haben.
Ein wesentliches Hemmnis ist aber ganz bestimmt auch die Geldfrage. Ausschlaggebend scheint diese jedoch nicht zu sein, weil zum mindesten ebenso viele Bauernkinder der Bewegung fernstehen wie Arbeiterkinder. Es ist aber ganz bestimmt, dass die verhältnismäßig hohen Beiträge schon jetzt außerordentlich unliebsam empfunden werden und dass sie auf die Dauer mehr und mehr hemmend auf die Entwickelung der Organisationen wirken werden. Dabei müssen die hohen Beiträge jetzt ganz an die höheren Stellen abgeführt werden. Die örtlichen Stellen müssen ihre Bedürfnisse auf andere Weise selbst bestreiten. Es gehen Gerüchte, dass mit den Beiträgen an den höheren Stellen ein unverhältnismäßig großer Aufwand getrieben würde.
Ich kann von hier aus nicht beurteilen, wozu die Beiträge benötigt werden. Wenn irgend möglich, kann ich aber nur dringend empfehlen, die jetzigen Beiträge von monatlich 25 Pfg. auf 15 oder 10 Pfg. herabzusetzen. Die Eltern der Kinder haben dann immer noch hohe Ausgaben für andere Sachen, insbesondere für die Uniformen. Das Geld hierfür geben die Leute allerdings bedeutend lieber aus, weil sie genau wissen, was, sie für das Geld bekommen.
Für unbedingt falsch halte auch ich es, die Führerposten in die Hände von allzu jugendlichen Personen zu legen. Die Eltern scheuen es, ihre Kinder der Führung anderer Kinder, die gar keine Autorität besitzen, anzuvertrauen. Mit einer allzu jugendlichen Führung wird es dahin kommen, dass die nationalen Jugendorganisationen nicht mehr ernst genommen werden. Über. die Geeignetheit der Führer und Führerinnen werde ich mich in Kürze in einem besonderen Berichte äußern.
Was die Stellungnahme der hiesigen Geistlichen zu der nationalen Jugendbewegung anlangt, so kenne ich diese auch ohne Anhörung der Ortsgruppenleitungen ziemlich genau. Ich bin aber daran, für die schulentlassene Jugend eine Statistik aufzustellen und mich über die Förderung der Organisationen der H.J. und des B.D.M. mit den hiesigen Führern und Führerinnen ins Benehmen zu setzen. Sollte sich bei der Gelegenheit etwas Neues für mich ergeben, so würde ich es nach dort noch mitteilen. Nach meiner eigenen Kenntnis der Verhältnisse kann ich aber folgendes sagen:
Pfarrer Sammelmann in Störmede ist Gegner der nationalen Jugendbewegung. Daraus hat er bis jetzt kein Hehl gemacht. Pfarrer Nillies in Langeneicke steht meiner Ansicht nach zum mindesten auf demselben Standpunkte. Er soll sich nach außen hin schon seit längerer Zeit aber nicht mehr in dieser Hinsicht auslassen. Pfarrer Franke in Mönninghausen steht den nationalen Jugendorganisationen unbedingt fördernd gegenüber. Er hat aber keinen Einfluss auf die Entwickelung dieser Organisationen, weil die Einwohnerschaft der Gemeinde Mönninghausen ihm zum sehr großen Teile feindlich gesinnt ist. Pfarrer Reker in Esbeck ist erst seit kurzem dort. Man hat von ihm den Eindruck, dass er den nationalen Jugendverbänden keinesfalls ablehnend gegenübersteht. Pfarrer Schenuit in Böckenförde scheint für die nationale Jugendbewegung’’ zwar wenig Verständnis zu haben, er enthält sich aber jeglicher Äußerungen hierüber.
Über die politische Einstellung der Lehrpersonen kann ich ebenfalls selbst aus eigener Erfahrung, soweit die Lehrpersonen hier nicht vollständig neu sind, ein genaues Urteil abgeben.
Neu sind hier die Lehrer Kloke in Böckenförde und Schopp in Langeneicke und die Lehrerin Rödelbronn in Störmede. Kloke in Böckenförde, der die Stelle für den nach Lippstadt versetzten Lehrer Oberreuter vorläufig verwaltete, ist aber jetzt nach Östrich, Kreis Iserlohn, versetzt und dürfte hier wenig mehr interessieren. Er ist aber mit den Parteidienststellen in Böckenförde gut ausgekommen. Lehrer Schopp in Langeneicke und Lehrerin Rödelbronn in Störmede dürften im alten Staate Zentrumsanhänger gewesen sein. Ob sich Lehrer Schopp politisch betätigt hat, weiß ich nicht. Fräulein Rödelbronn hat dies bestimmt nicht getan. Lehrer Schopp macht den Eindruck eines klugen Menschen und tüchtigen Lehrers. Es scheint, dass auch der neue Staat an ihm einen sehr brauchbaren Beamten hat.
Die übrigen Lehrpersonen sind sämtlich schon länger hier tätig. Sie sind im alten Staate ohne Zweifel sämtlich Anhänger der Zentrumspartei gewesen. Politisch hervorgetreten ist aber außer Lehrer Vogel in Mönninghausen, dessen Persönlichkeit dort genügend bekannt ist, keiner von ihnen. Sämtliche Lehrpersonen bemühen sich zweifellos, den Anforderungen, die der heutige Staat an sie stellt, gerecht zu werden.““
Seinem Schreibe fügte der Bürgermeister die folgenden Befragungsprotokolle bei:
„Vorgeladen erscheint die Lehrerin Müller aus Böckenförde und erklärt zur Sache folgendes:
Ich habe in meiner Schulklasse 20 Mädchen, die dem 5. - 8. Schuljahr angehören. Von diesen Kindern sind 8 im B.D.M. organisiert. Trotz wiederholtem werben ist es mir nicht gelungen, weitere Mädchen zu dem Eintritt in den B.D.M.zu bewegen. Die Ursache hierfür ist m.E. darin zu suchen, dass die Eltern die Kosten, die mit der Mitgliedschaft in dem B.D.M. verbunden sind, scheuen. Im Übrigen bin ich der Ansicht, dass sonstige Hinderungsgründe in Böckenförde nicht vorliegen dürften. Insbesondere ist mir nicht bekannt, dass von irgendeiner Stelle gegen die N.S.-Organisationen gearbeitet wird. (…)
Vorgeladen erscheint der Lehrer Kloke aus Böckenförde und gibt folgendes an:
Von den in dem 5. bis 8. Schuljahr befindlichen Knaben sind 16 organisiert. Es ist nur ein Knabe da, der wegen körperlicher Gebrechen dem J.V. nicht angeschlossen ist. Dass die Knaben in Böckenförde restlos organisiert sind, führe ich auf die Werbearbeit meines Kollegen zurück. Es dürfte sich übrigens empfehlen, eine enge Verbindung zwischen der Leitung der Jugendorganisationen und der Schule herzustellen.
Bei den Mädchen dürfte es an der Verständnislosigkeit der Eltern für die Mädchenbewegung liegen. (…)
Lehrer Machalke und Lehrerin Haselhorst geben, nachdem ihnen von der Verfügung vom 3. ds. Mts. inhaltlich Kenntnis gegeben ist, folgende Erklärung ab:
Die in der Nachweisung aufgeführten Zahlen sind insofern nicht richtig, als nur 18 Mädchen im 5.-8. Schuljahr vorhanden sind, von denen 8 dem B.D.M. angehören. In den 25 Knaben befindet sich auch noch das 4. Schuljahr. Das Gesamtbild ist also erheblich weniger ungünstig, als es sich nach der Nachweisung anlässt.
Dass bis jetzt alle Kinder vom 5.-8. Schuljahr nicht restlos den beiden Organisationen angehören, hat unserer Ansicht nach in der Hauptsache folgende Gründe:
Zunächst ist den Eltern vielfach der Beitrag von 25 Pfg. monatlich zu hoch. In Dödinghausen sind viele Arbeiterkinder, deren Väter zum großen Teil arbeitslos sind. Der Beitrag bedeutet für diese tatsächlich eine Last.
Ferner wird von den Eltern eine allzu jugendliche Führung nicht besonders geschätzt. Auch unserer Ansicht nach ist es nicht richtig, allzu jugendliche Personen mit der Führung zu betrauen. Zum wenigsten müssten die jugendlichen Führer selbst aber in einer älteren Person einen Halt haben, die ihnen mit Rat zur Seite steht.
Weltanschauliche Fragen dürften in unserer Gemeinden überhaupt nicht mitsprechen. Der hiesige Pfarrer steht den staatlichen Jugendorganisationen durchaus nicht ablehnend gegenüber. (…)
Lehrer Schrage in Rixbeck gibt, mit der Verfügung vom 3. ds. Mts.inhaltlich bekannt gemacht, folgende Erklärung ab:
Die Zahlen in der Nachweisung stimmen nicht genau, weil das 4. Schuljahr miteinbezogen war. Im 5.-8. Schuljahr sind 13 Jungen vorhanden, die sämtlich dem Jungvolk angehören. Von den 14 Mädchen im 5.-8. Schuljahr gehören 3 dem B.D.M.an. Aus dem 4. Jahrgang gehören auch 5 Jungen der H.J. und 2 Mädchen dem B.D.M. an.
Der Hauptgrund für die mangelhafte Mitgliedschaft beim B.D.M. ist der, dass die Organisation für den B.D.M. erst kürzlich mit Intensität betrieben worden ist. Es ist erst vor kurzem eine Führerin in der Person der Cilli Esleben in Esbeck, Tochter des Lehrers Esleben, bestimmt worden. Es ist bestimmt anzunehmen, dass die Mitgliedschaft von jetzt ab besser werden wird.
Im Übrigen sprechen die von den Lehrpersonen in Dedinghausen angegebenen Gründe auch in meiner Gemeinde mit.
Auch bei uns spielen Fragen der Weltanschauung in dieser Hinsicht wohl keine Rolle. Der Pfarrer ist durchaus kein Gegner der staatlichen Jugendorganisationen. (…)
Lehrer Esleben in Esbeck gibt, mit der Verfügung vom 3. ds. Mts. soweit als notwendig inhaltlich bekannt gemacht, folgende Erklärung ab:
Die Zahlen in der Nachweisung stimmen nicht, weil das 4. Schuljahr miteinbegriffen ist. Im 5.-8. Schuljahr sind 12 Jungen vorhanden, die sämtlich dem Jungvolk angehören. Daneben sind auch noch Jungens aus dem 4. Schuljahr im Jungvolk.
Von den 11 (nicht 16) Mädchen im 5.-8. Schuljahr gehören 6 dem B.D.M.an.
Der Hauptgrund für die verhältnismäßig niedrige Zahl der dem B.D.M. angehörenden Mädchen besteht darin, dass die Organisation des B.D.M. hier erst vor kurzem tatkräftig betrieben worden ist. Nachdem vor kurzem in der Person meiner Tochter die Führerin des B.D.M. bestimmt worden ist, glaube ich die Versicherung abgeben zu können, dass in nächster Zeit die Mädchen meiner Schule im 5.-8. Schuljahr so gut wie restlos dem B.D.M. beitreten werden.
Im Übrigen sprechen die von den Lehrpersonen in Dedinghausen angegebenen Gründe auch hier mit. Weltanschauliche Prägen spielen hier keine Rolle. (…)
Lehrerin Göbel aus Mönninghausen, mit dem Inhalt der Verfügung vom 3. ds. Mts. soweit als nötig bekanntgemacht, gibt folgende Erklärung ab:
Von den 21 Jungen vom 5.-8. Schuljahr gehören 20 dem Jungvolk an. Einer ist beinleidend und kann die Übungen des Jungvolks deshalb nicht mitmachen.
Von den 30 (nicht 41) Mädchen vom 5.- 8. Schuljahr gehört z.Zt. keine dem B.D.M. an. Im vorigen Jahre war wenigstens noch ein Teil der Mädchen im B.D.M. Sie sind aber nach und nach alle ausgeschieden. Die Ursache für das Ausscheiden scheint mir in der Hauptsache Mangel an Interesse zu sein. Ob auch Mängel in der Führung vorhanden sind, weiß ich nicht. Führerin ist die Lyzeumsschülerin Paula Gutland, etwa 16 Jahre alt. Über die Person der Gutland kann ich wenig aussagen.
Weltanschauliche Fragen sprechen hier auf keinen Fall mit. Pfarrer Pranke in Mönninghausen ist ein unbedingter Förderer der staatlichen Jugendverbände.
Wie eine Besserung in den Verhältnissen bei dem B.D.M. zu erreichen ist, lässt sich im Augenblick schwer sagen. In Mönninghausen herrscht unter den Leuten z. Zt. ein sehr gespanntes Verhältnis. Man wird zweckmäßigerweise noch einige Zeit abwarten müssen, bis die Verhältnisse in Mönninghausen sich beruhigt haben und erst danach mit einer intensiven Werbung für den B.D.M. einsetzen lassen. (…)
Lehrer Wilmes in Ehringhausen, mit dem Inhalt der Verfügung vom 3. ds. Mt s., soweit nötig bekannt gemacht, gibt folgende Erklärung ab:
Von den 16 Jungen des 5.-8. Jahrgangs meiner Schule sind 10 im Jungvolk. Von den 6 außenstehenden sind 4 Jungen Söhne sehr armer und kinderreicher Eltern. Den Eltern fällt die Aufbringung des Monatsbeitrags schwer, ganz abgesehen von den-Kosten der Uniformierung. Von eben beiden anderen ist einer Sohn eines Postbeamten, der durchaus keinen Grund hat, der Organisation fernzubleiben. Es wird auch ein einfacher Hinweis von mir genügen, um ihn zum Beitritt zu veranlassen. Der andere Junge ist Sohn eines Handwerkers, bei dem die Geldfrage auch kein unbedingtes Hemmnis sein dürfte. Den Grund für sein Abseitsstehen kenne ich nicht.
Von den 14 Mädchen des 5.-8. Jahrgangs gehören 4 dem B.D.M. an. Die außerordentlich mangelhafte Beteiligung führe ich hier in der Hauptsache auf Gleichgültigkeit der Eltern zurück. Die Eltern sind der Ansicht, dass der Eintritt eines Jungen in die nationalen Verbände sehr in seinem eigenen Interesse liegt. Bei den Mädchen glaubt man noch mehr Bewegungsfreiheit zu haben. Zum Teil mögen hier aber auch Gründe weltanschaulicher Art mitsprechen. Wenn Staat und Kirche sich in den Fragen der Jugenderziehung vollkommen einig wären, würde die Beteiligung wahrscheinlich auch eine bessere sein. Letzten Endes spielen Bedenken sittlicher Art auch eine gewisse Rolle mit. Man fürchtet, dass durch das Zusammenkommen in größeren Verbänden die ländliche Unberührtheit der Mädchen leiden könnte.
Neben diesen Gründen spricht auch hier die Geldfrage in etwa mit. Fünf von den infrage kommenden Mädchen gehören, ebenfalls sehr armen und kinderreichen Familien an.
Was nun die Behebung der angeführten Schwierigkeiten anlangt, so bin ich der Ansicht, dass die Geldfrage erst gelöst werden muss. Die armen Leute können die Kosten für Uniformen und die Monatsbeiträge nebst Verbands-Zeitschriften tatsächlich nicht aufbringen. Hier muss zuerst eine Lösung gefunden werden. Die Jungen werden dann so gut wie restlos dem Jungvolk beitreten.
Was nun die Hemmnisse bei den Mädchen anlangt, so sind diese erheblich schwieriger zu beheben. Ich werde aber durch Einwirkung in der Schule versuchen, den Mit gliederstand zu heben und gegebenenfalls auch die Eltern der Kinder persönlich aufsuchen. Einen gewissen Erfolg darf ich mir von meiner Werbung bestimmt wohl versprechen. (…)
Lehrerin Rödelbronn in Störmede, mit dem Inhalt der Verfügung vom 3. ds. Mts. soweit wie nötig-bekannt gemacht, gibt folgende Erklärung, ab:
Die Zahl meiner Schulkinder im 5. bis 8. Jahrgang beträgt 38. Von diesen gehören 16 dem B.D.M. an. Die übrigen Mädchen geben für ihr Abseitsstehen auf Befragen im Allgemeinen die Antwort, die Eltern wollten nicht, sie hätten kein Geld oder keine Zeit. Ob dieses der eigentliche innere Grund ist, weiß ich nicht. Es ist für mich auch nicht leicht, die Stimmung in der Elternschaft mit Genauigkeit zu beurteilend, weil ich erst seit dem 1. Mai ds. Js. hier bin.
Die Führerin des B.D.M. ist eine Gertrud Grote hier. Auch diese kenne ich nicht näher. Ich habe aber bisher nie gehört, dass die Mädchen sic darüber beklagen, dass ihnen die Stunden bei Fräulein Grote uninteressant wären.
Ob weltanschauliche Fragen hier irgendwie mitsprechen, kann ich bei meiner kurzen Anwesenheit hier ebenfalls nicht sagen. Soviel ich weiß, haben sich .die beiden Geistlichen hier nie ablehnend-über die nationalen Jugendverbände ausgelassen.
Es ist möglich, dass die Beteiligung am B.D.M. besser wird, wenn von der Schule aus mit Intensität für den Eintritt geworben wird. Bisher sind die Lehrpersonen mit dieser Angelegenheit ja weniger befasst worden. Ich für meine Person werde mein Möglichstes tun, um die noch abseits stehenden Mädchen zum Eintritt in den B.D.M. anzuhalten. (…)
Hauptlehrer Abel in Störmede erklärt, nachdem ihm von der Verfügung vom 3. ds. Mts. inhaltlich soweit als nötig Kenntnis gegeben ist, folgendes:
Die Entwicklung der nationalen Jugendorganisationen ist, wie bei allen anderen Verbänden auch, in der Hauptsache Personenfrage. Liegt die Führung und Werbung in guten Händen, dann entwickelt sich ein Verband, andernfalls nicht. Hier in Störmede war dies recht deutlich zu erkennen. Seitdem die jetzige Lehrerin Rödelbronn hier ist, hat sich die Zahl der Mädchen, die: dem B.D.M. angehören, zum mindesten verdoppelt. Es ist auch anzunehmen, dass es bei weiterer intensiver Werbung gelingen wird, die Zahl der Mitglieder des B.D.M. weiterhin zu steigern.
Tatsache ist, dass die Mädchen für den Beitritt zu den nationalen Verbänden viel schwerer zu bewegen sind als die Jungen. Das liegt zunächst in der Natur der Sache. Der Junge interessiert sich mehr für körperliche Übungen, und er trägt auch gerne die Uniform. Bei den Mädchen ist dies anders .Es kommt hinzu, dass das Elternhaus bezüglich der Mitgliedschaft der Mädchen an den nationalen Verbänden anders eingestellt ist wie bei der Mitgliedschaft der Jungen. Die Eltern wissen heute sehr wohl, dass dem Jungen die Mitgliedshaft zu einem nationalen Verbande für sein späteres Leben dienlich sein kann. Bei den Mädchen sind sie der Ansicht, dass ein besonderer Vorteil in der Mitgliedschaft zum B.D.M. doch nicht liege .Hinzu kommt die unliebsame Zahlung der Beiträge, und vielfach mag man den älteren Mädchen auch die Zeit für den Besuch der Übungsstunden und Heimabende nicht gerne einräumen.
Dass irgendwelche weltanschauliche Fragen hier wesentlich mitsprechen sollten, glaube ich nicht. Inwieweit das ungeklärte Verhältnis zwischen Staat und Kirche in den Fragen der Jugenderziehung hier einwirkt, lässt sich auch nicht leicht sagen, wenn man mit den Eltern nicht näher auf diese Dinge zu sprechen kommt.
Ich habe jedenfalls bisher nie feststellen können, dass die Eltern der Ansicht waren, dass die Mitgliedschaft ihrer Kinder in den nationalen Verbänden ihrer Einstellung zur Kirche irgendwie entgegenstände. (…)
Schulleiter Lehrer Schopp und die Klassenlehrerin Fräulein Böddeker in Langeneicke, mit dem Inhalt der Verfügung vom 3. ds. Mts. soweit wie nötig bekannt gemacht, geben folgende Erklärung ab:
Die 16 Jungen im 5. bis 8. Schuljahr gehören sämtlich dem Jungvolk an. Von den 31 Mädchen im 5. bis 8. Jahrgang war bis vor kurzem ein ganz erheblicher Teil im B.D.M. Die Führerin des B.D.M. ist die Junglehrerin Hunold in Langeneicke. Fräulein Hunold eignet sich für dieses Amt sehr gut und sie hat auch das Vertrauen der ganzen Elternschaft in Langeneicke. Der Austritt aus dem B.D.M. erfolgte vor kurzem auf die Ankündigung der Führerin hin, dass jetzt ein Beitrag gezahlt werden müsse. Die Beitragszahlung wurde aber von sämtlichen Mädchen mit Ausnahme von zweien verweigert. Auch die zwei letzteren sind dann bald ausgeschieden, weil die Fortführung des Bundes sich mit nur diesen beiden Mädchen nicht lohnte.
Die Ursache des Niedergangs des B.D.M. ist hier also tatsächlich in der Hauptsache wohl die Geldfrage. Die Eltern müssen heute sehr viel Geld an Beiträgen für alle möglichen Zwecke aufbringen, und es besteht deshalb tatsächlich eine große Unlust zum weiteren Geldausgeben. Ein Teil der Eltern kann die Beiträge auch tatsächlich nicht aufbringen.
Eine ganz wesentliche Besserung in der Mitgliedschaft zu den nationalen Verbänden würde eintreten, wenn die Beiträge um wenigstens die Hälfte gesenkt würden. Falls der Beitrag im B.D.M. von 25 auf 15 oder 10 Pfg.v monatlich gesenkt würde, würden bestimmt so gut wie alle Mädchen dem B.D.M. wieder beitreten.
Wir werden aber auch so uns mit besonderer Intensität dafür einsetzen, dass der B.D.M.in Langeneicke wieder hochkommt, und wir hoffen, mit unserer Werbung doch noch einen gewissen Erfolg zu erzielen.
Fragen weltanschaulicher Art sprechen bei dem hier erfolgten Austritt aus dem B.D«M., soviel wir ersehen können, wohl nicht mit. Wohl kann man annehmen, dass die Eltern die Mitgliedschaft bei einem nationalen Verbande für die Mädchen für weniger wichtig halten. Zudem ist der Wunsch, sich in einem nationalen Verbande zu betätigen, bei den Mädchen auch nicht in dem Masse vorhanden, wie bei den Jungen.“