„Förderung der Hitlerjugend“ – Ermittlungsergebnisse aus dem Amt Erwitte
Am 26. Juli 1934 reicht der Bürgermeister des Amtes Erwitte dem Landrat in Lippstadt seine Untersuchungsergebnisse zum Thema „Förderung der Hitlerjugend“ ein. Die statistische Erhebung ergab folgendes Ergebnis:
Klasse Jungen Mädchen HJ BDM
Ia 53 0
Ib 51 20
II 33 29 7 9
III 30 32 7 6
IV 19 19 1 -
V 26 27 - -
gesamt 161 158 55 35
Im Begleitschreiben weist er auf die mäßigen Ergebnisse für Erwitte selbst hin und führt hierzu aus:
„In der Klasse des Lehrers Rüschhoff ist das schlechte Verhältnis darauf zurückzuführen, dass sich in der Klasse 17 Mädchen des 4. Jahrganges und 12 Mädchen des 5. Jahrganges befinden. Da von den 12 Mädchen des 5. Jahrganges 8 der Hitlerjugend angehören, kann von einem ungünstigen Verhältnis in diesem Falle nicht mehr gesprochen werden. Von der Lehrerin Klenz und der Lehrerin Gödde werden u.a. als Ursache für das ungünstige Verhältnis angegeben, die Kinder bekämen die Beiträge nicht von den Eltern. Dieser Grund ist m.E. stichhaltig. Es ist eine bekannte Tatsache, dass gerade die Landbevölkerung in dieser Beziehung sehr zurückhaltend ist. In erster Linie werden diese Ausgaben für-die Mädchen vermieden. Die Eltern, die größtenteils kinderreich sind, halten die Mädchen zur Verrichtung von kleineren Hausarbeiten gern außerhalb der Schulzeit im Hause. Den Jungen lässt man in dieser Beziehung schon mehr Freiheit und hält auch die Schulung des Jungen in der Hitlerjugend für notwendiger als die der Mädchen. In dieser Beziehung fehlt den Eltern noch die nötige Einsicht. Die Führerin des B.D.M., Frl. Dane in Erwitte, hat mir bestätigt, dass die Beitragsfrage eine sehr große Rolle spiele und die Beiträge von den Kindern sehr schwer zu haben seien.“
Ergänzend heißt es: „Wichtiger sind dagegen die Angaben der Lehrerin Klenz bezüglich der Einstellung der Lehrerin Schulte zur Hitlerjugend. Ich bin auch der Ansicht, dass es allein auf den von der Lehrerin Schulte ausgeübten Einfluss zurückzuführen ist, wenn nur ein geringer Teil der Mädchen der Hitlerjugend angehört. Es sind Mädchen da, die der Hitlerjugend ohne Rücksicht auf die Beitragsfrage und die häuslichen Verhältnisse beitreten könnten, wenn sie nur wollten. In diesen Familien verkehrt aber vorzugsweise die Lehrerin Schulte. Bestimmte Beweise dafür, dass die Lehrerin Schulte die Kinder direkt von der Hitlerjugend fernhält, sind zwar nicht zu führen. Die äußerst starke Aktivität, die die Lehrerin Schulte im Jungfrauenverein zeigt, rechtfertigen diese Annahme. Es ist noch nie dagewesen, dass der Jungfrauenverein 4-mal in einer Woche, wie das jetzt auf Veranlassung von Frl. Schulte geschehen ist, getagt hat. Früher tagte er 1-mal im Monat. Die Lehrerin Schulte ist erst nach der nationalsozialistischen Revolution Vorsitzende (Präfektin) des Jungfrauenvereins geworden. Früher war es die Lehrerin Klenz. Die Lehrerin Klenz wurde aber beiseite gedrückt, weil sie durch ihre Betätigung in der N.S.-Frauenschaft und auch sonst zum Ausdruck brachte, dass sie gewillt ist, sich jederzeit mit ganzer Kraft für den neuen Staat einzusetzen, so wie man es von einer Beamtin verlangen kann. Die Lehrerin Schulte, die nur danach strebt, tonangebend sein zu können, wurde vom Pfarrer Klausenberg als Nachfolgerin von Frl. Klenz im Jungfrauenverein eingesetzt.“ Über den Pfarrer, so fährt der Bürgermeister fort, habe er ja bereits gesondert berichtet und nunmehr auch dem NSDAP-Ortsgruppenleiter „von dem Inhalt dieses Berichtes vertraulich Kenntnis gegeben“. der schließe sich seinen Ausführungen „vollinhaltlich an“, ohne weitere Angaben zur Sache machen zu können. Das gelte auch für die lokale BDM-Führerin Der zuständige Schulleiter, Rektor Sander, habe bislang nicht gehört werden können, da er sich in einem Kuraufenthalt befinde.
Weitaus besser beurteilte der Bürgermeister die Lage im übrigen Amtsbezirk: „In Westernkotten liegen diese Verhältnisse, die der Förderung der Hitlerjugend hinderlich sind, nicht vor. Die Jugendvereine sind dort vollständig eingeschlafen und es wird auch nicht von anderer Seite gegen die Hitlerjugend in offener oder versteckter Form propagiert. (…) In Herringhausen gehören von 12 Knaben 9 und von 19 Mädchen 13 der Hitlerjugend an.“
Dem Bericht sind die Ergebnisse der Lehrerbefragung beigefügt. Sie lauten:
„Bestellt erscheint die Lehrerin Bernhardine Klenz aus Erwitte und erklärt:
Ich habe z. Zt. in meiner Klasse 51 Mädchen, davon gehören nur noch 17 der Hitlerjugend (B.D.M.) an. Dieses ungünstige Verhältnis ist erst nach Ostern zu verzeichnen.
Vor Ostern hatte ich 52 Mädchen, wovon 29 der Hitlerjugend angehörten. Ostern habe ich die Klasse (4. Jahrgang) von Fräulein Schulte übernommen. Die Kinder befinden sich jetzt im 5. Schuljahr und müssten der Hitlerjugend schon beigetreten sein. Bis jetzt hat dieses aber nur 1 Mädchen getan. Die Kinder sind auch kaum zu bewegen, der Hitlerjugend beizutreten. Der Grund liegt d. E. darin, dass diese Kinder ungünstig beeinflusst werden. Es ist ganz auffällig, dass gerade die Kinder, deren Geschwister sich im Jungfrauenverein betätigen, nicht für die Hitlerjugend gewonnen werden können. Fräulein Schulte ist nach wie vor sehr rührig für den Jungfrauenverein tätig .Wenn sie auch direkt in der Klasse vielleicht nicht gegen die Hitlerjugend Stimmung zu machen versucht hat, so kann man sich des Eindrucks doch nicht erwehren, dass sie in ihrer Propaganda für den Jungfrauenverein so weit geht, dass die Kinder von der Hitlerjugend abgelenkt werden. In der vergangenen Woche sind beispielsweise 4 Jungfrauenversammlungen von Fräulein Schulte abgehalten worden. Am Freitagabend ist sogar eine Sekretärin von der Zentrale (ein Frl. Blum) da gewesen und die Mädchen haben in dieser Versammlung einen Treueschwur für den Papst, Bischof und Pfarrer Klausenberg ablegen müssen. Das von einer derartigen starken Propaganda ein ungünstiger Einfluss ausgeht, dürfte m. E. selbstverständlich sein.
Von den 20 der Hitlerjugend angehörenden Mädchen sind 3 inzwischen ausgetreten und zwar 1 evangelisches Mädchen mit der Begründung, der Dienst fände des Mittwochsnachmittags statt und am Mittwochnachmittag halte der evangelische Pfarrer Religionsunterricht. 2 Mädchen sind ausgetreten weil sie jetzt zu Hause helfen müssen.
Ein weiterer Grund, dass die Kinder der Hitlerjugend nicht beitreten, dürfte m. E. in der Beitragsfrage zu suchen sein. Es ist den Kindern zu viel 25 Pfg. monatlich aufzubringen. Teilweise handelt es sich um Kinder kinderreicher Familien, die auch die Beiträge für ihre Kinder sehr schwer aufzubringen vermögen. Ich habe dieserhalb mit Fräulein Wächter in Lippstadt schon Verhandlungen aufgenommen, von der ich aber an Fräulein Dane in Erwitte verwiesen worden bin. Die Verhandlungen sind aber noch nicht endgültig abgeschlossen.
Die Zeitschrift ‚Hilf Mit‘ für die nationalsozialistische Jugend wird von 43 Kindern meiner Klasse gehalten. Da in meiner Klasse verschiedene Geschwister vorhanden sind, wird also diese Zeitschrift von allen Kindern gelesen.“
„Bestellt erscheint der Lehrer Heinrich Rüschhoff aus Erwitte und erklärt folgendes:
In meiner Klasse befinden sich Kinder des 5. und 4. Schuljahres. Von den 29 Mädchen sind 12 im 5. Schuljahr und 17 im 4. Schuljahr. Von 12 Mädchen des 5. Schuljahres sind 8 im B.D.M., außerdem ist noch 1 Mädchen des 4. Jahrganges im B.D.M. Für die Aufnahme im B.D.M. kommen nur die Mädchen vom 5. Jahrgang an infrage, während die jüngeren Mädchen nur ausnahmsweise dem B.D.M. beitreten.“
„Bestellt erscheint die Lehrerin Christine Gödde aus Westernkotten und erklärt, mit dem Gegenstande ihrer Vernehmung bekannt gemacht, folgendes:
Es ist richtig, dass von 40 Mädchen meiner Klasse nur 13 dem B.D.M. angehören. Ich habe schon vor Wochen bei den Kindern Rückfrage gehalten, warum sie nicht im B.D.M. seien. Von allen Kindern die dem B.D.M. nicht angehören, ist mir fast übereinstimmend gesagt worden, dass sie das Eintrittsgeld und auch die Beiträge nicht zahlen könnten. Einige größere Mädchen müssen auch im Haushalt der Eltern helfen und die kleineren Kinder verwahren und können aus diesem Grunde nicht teilnehmen. Auf den Einwand, dass die Knaben doch fast restlos der Hitlerjugend angehören habe ich zu erwidern, dass die Knabengruppe kurz nach der nationalsozialistischen Revolution aufgezogen worden ist, während die Mädchengruppe bedeutend später gegründet wurde. Die Eltern geben den Jungens auch viel eher das Geld für die Beiträge wie den Mädchen, weil sie anscheinend den Beitritt der Jungen für notwendiger erachten. Ich habe den Eindruck, dass die Mädchen meiner Klasse gern alle dem B.D.M. beitreten würden, wenn keine Beiträge zur Erhebung kämen.
Die Zeitschrift für die nationalsozialistische Jugend ‚Hilf mit‘ wird von allen Kindern meiner Klasse gelesen. Aber auch hier hält es sehr schwer die Pfennige hierfür zusammen zu bekommen. Meist sind wir Lehrpersonen gezwungen, die restlichen Beträge zuzulegen.
„Bestellt erscheint der Hauptlehrer Wilhelm Probst aus Erwitte und erklärt, mit dem Gegen- Stande seiner Vernehmung bekannt gemacht, folgendes:
Die Aussage von Fräulein Gödde ist mir bekannt gegeben. Ich schließe mich den Ausführungen vollinhaltlich an. Ich bin auch der Ansicht, dass die Mädchen zu gern der Hitlerjugend beitreten würden, wenn sie keine Beiträge zu zahlen brauchten und teilweise auch zuhause keine Arbeiten verrichten müssten. Es ist ganz ausgeschlossen, dass in Westernkotten von irgendeiner Seite gegen die Hitlerjugend in irgendwelcher Form Propaganda gemacht wird. Die katholischen Jugendvereine sind eingeschlafen und entfalten keine Tätigkeit mehr.“