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Ereignisse
1934
August

„Förderung der Hitlerjugend“ – Ermittlungsergebnisse aus Lippstadt

Am 8. August 1934 übermittelte der Lippstädter Bürgermeister dem Landrat das Ergebnis seiner „Ermittlungen“ in Sachen „Förderung der Hitlerjugend“:

„Ich habe durch Vernehmung der Lehrpersonen derjenigen Klassen, in denen die Zahl der der Hitlerjugend Angehörenden Schüler auffallend niedrig ist, wie auch durch Vernehmung der betreffenden Schulleiter eingehend nach der Ursache des Missstandes geforscht. Das Ergebnis meiner Ermittlungen ist in den in zweifacher Ausfertigung hier beigefügten Vernehmungen protokollarisch niedergelegt.

Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es sowohl Lehrpersonen als auch Schulleitung an der notwendigen Energie nicht haben fehlen lassen, dass es vielmehr in den meisten Fällen wirtschaftliche Schwierigkeiten sind, die die Eltern veranlassen, die Kinder nicht der Hitlerjugend zuzuführen.

Von den hiesigen Pfarrern ist mir nicht bekannt geworden, dass sie sich dem Anschluss an die Hitlerjugend widersetzt hätten.“

Seinem Schreiben fügt er folgende Aussagen der vorgeladenen und vernommenen Lehrerinnen und Lehrer bei:

„Lippstadt, den 30. Juli 1934

Auf Vorladung erscheint Herr Rektor Zacharias und erklärt auf Befragen folgendes:
Die verhältnismäßig schwache Beteiligung der Schuljugend an der HJ. und am BDM. ist m.E. in erster Linie eine Frage wirtschaftlicher Art. Gerade der südliche Stadtteil hat eine Menge armer Kinder, die auch bei Schulsammlungen immer wieder versagen. (Glashütte, Flachbauten, Südstraße). Würden die Monatsbeiträge schwinden, dann könnte die Mitgliederzahl der Staatsjugend mit einem Schlage verdoppelt werden.
Ich werde nach wie vor in allen Klassen darauf dringen, dass die Schüler und Schülerinnen angehalten werden, der Staatsjugend beizutreten. Vor allem soll es meine Sorge sein, den Aufbau von unten herauf durch vorbereitende Werbung durchzuführen.

Es erscheint weiter der Leiter der Friedrichschule, Herr Schulrat Althoff und erklärt:
Die von Herrn Rektor Zacharias gemachten Angaben treffen in allen Punkten auch für meine Anstalt zu. Von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten sind hauptsächlich die auf dem Paterskamp, Am Weinberg und an der Cappelerlandstraße wohnenden Eltern betroffen. Aus Äußerungen der dem Jungvolk angehörigen Schüler ist zu entnehmen, dass ihnen der Dienst im Jungvolk mehr Abwechslung bieten möge, was wohl aus der Art der kindlichen Veranlagung zu erklären ist.

Lippstadt, den 31. Juli 1934

Es erscheint der Leiter der Nikolaischule, Herr Rektor Dr. Böhmer von hier, und erklärt:
Bei meinen Klassenbesuchen habe ich wiederholt festgestellt, dass die Lehrer und Lehrerinnen der Nikolaischule fortgesetzt für die NS-Jugend werben. In meiner eigenen Klasse gehörten am 25. Juli von 70 Schülern 60 zum Jungvolk bezw. zum Marine-Jungvolk. Ich habe keine Abneigung gegen die NS-Jugend feststellen können.

Lippstadt, den 19. Juli 1934

Es erscheint der Lehrer Heinrich Temme und erklärt auf Befragen, wie folgt:
Wenn in meiner Klasse von 38 Knaben nur 11 dem Jungvolk angehören, so hat das verschiedene Gründe.
Zunächst sind die im kath. Waisenhause untergebrachten Knaben nicht angeschlossen, weil die Leitung des Hauses die Jungen nicht frei gibt; die hier geübte strenge Hausordnung ließ das angeblich nicht zu.
Dann gehören mehrere Knaben den hiesigen Sport- und Turnvereinen an, denen sie jetzt nicht untreu werden wollen. Sine doppelte Organisation können sich die meisten Eltern finanziell nicht leisten. Überhaupt spielt die Kostenfrage eine große Rolle.
In vielen Familien fehlt es an dem Nötigsten, sodass Mittel für laufende Beiträge und Ausrüstung nicht vorhanden sind. Häufig hört man in Elternkreisen aber auch Klagen darüber, dass die Führer des Jungvolkes ihren Aufgaben nicht gewachsen seien und das auf die Erfüllung der kirchlichen Pflichten nicht genügend geachtet wird. Jungen, die schon lange in der Bewegung waren, fühlen sich durch Beförderungen von Neulingen zurückgesetzt und treten aus. Ich bin wiederholt dazu übergegangen, den nicht zum Jungvolk gehörenden Jungen mehr Hausarbeiten aufzugeben um auf diese Weise auch einen gelinden Druck zum Beitritt auszuüben.
Eine restlose Erfassung der Jugendlichen wird m.E. erst dann möglich sein, wenn die Beitragsfrage befriedigend geklärt und auch das Aufgabengebiet der kirchlich unterstützten Jugendverbände fest umgrenzt ist.
Die Schule hat alles getan, um die Jugend für den Gedanken der Volksgemeinschaft zu gewinnen.

Lippstadt, den 17. Juli 1934

Auf Vorladung erscheint die Lehrerin Adolfine Jasper und erklärt auf Befragen, wie folgt:
Wenn in meiner Klasse von 33 Mädchen nur 3 = 9% und nicht 1 % dem BDM. angehören, so liegen hierfür folgende Gründe vor:
Seit meiner mehr als 25 jährigen Lehrtätigkeit habe ich noch niemals eine Klasse unterrichtet, deren Kinder körperlich so schwächlich waren, wie der zeitige V. Jahrgang. Es sind dieses die Folgen der Inflationsjahre.
Auf ärztliche Anordnung sind eine Anzahl der Kinder vollständig vom Turnunterricht befreit; 5 Kinder sind in ärztlicher Behandlung, davon 2 seit Monaten im Krankenhaus. Dass unter diesen Umständen die Eltern jede Überanstrengung ihrer Kinder vermieden wissen wollen, ist wohl verständlich. Hinzu kommt aber, dass die meisten Eltern nicht in der Lage sind, die laufenden Beiträge für den BDM. und die Kosten für die ‚Kluft‘ zu zahlen.
Auf Nachfragen über die Gründe des Fernbleibens vom BDM. kört man immer wieder, dass die Eltern die Beiträge für mehrere Kinder nicht aufbringen könnten und deshalb alle Kinder der Familie fern bleiben müssten.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Eltern zeigen sich am besten daran, dass eine Anzahl Kinder ohne Hefte zur Schule kommt und trotz aller Mahnungen das Geld für notwendige Lernmittel nicht zu erlangen ist.
Des Weiteren wird erklärt, dass die älteren Mädchen zu Hause und auf dem Acker helfen müssten.
Wieder andere gehören den Turnvereinen an und wollen hier nicht ausscheiden.
An Empfehlungen meinerseits, dem BDM. beizutreten, hat es nie gemangelt,

Lippstadt, den 17. Juli 1934

Es erscheint die Lehrerin Frl. Scheer und erklärt:
Von den 35 Mädchen meiner Klasse gehören 10 dem BDM. an. Wenn es mir trotz eifrigen Bemühens bislang nicht gelungen ist, einen höheren Prozentsatz für die Bewegung zu begeistern, so sprechen dafür folgende Gründe:
1.) Vielen Kindern ist der Beitrag zu hoch und die Kosten für die verlangte Uniform zu teuer. Meistens sind mehrere Kinder vorhanden, sodass die Kosten besonders hoch würden. Es will aber kein Kind zurückstehen und deshalb müssen eben alle verzichten.
2.) Viele Kinder, besonders in kinderreichen Familien werden von der Mutter zur Hilfeleistung im Hause und auf dem Acker benötigt; andere Kinder sind durch die Turnvereine und das orthopädische Turnen in Anspruch genommen« Wieder andere Kinder sind infolge ihrer schwächlichen Konstitution den Anstrengungen nicht gewachsen, sodass die Eltern es nicht gern sehen, wenn ihre Kinder überanstrengt werden.
Letzteres kommt besonders dann vor, wenn Besichtigungen zu erwarten sind und dann fast alle Tage die Kinder in Anspruch genommen sind.
3.) Von manchen Müttern wird es auch nicht geschätzt, dass die Mädchen in knabenhafter Weise durch die Straßen marschieren, zumal die hierbei gesungenen Lieder wenig zu der weiblichen Art passten.
Ich habe nicht den Eindruck gehabt, dass aus Abneigung gegen den nationalsozialistischen Staat eine Zurückhaltung gegenüber dem BDM. aufgetreten ist. An Empfehlungen zum Eintritt in den BDM. habe ich es nicht fehlen lassen.

Lippstadt, den 17. Juli 1934

Die Lehrerin Brinkhoff erklärt auf Befragen:
Zunächst muss ich die Angaben in der Zusammenstellung dahin berichtigen, dass nicht 8, sondern 18 Mädchen meiner Klasse dem BDM angehören.
Wenn diese Zahl im Verhältnis zur Gesamtzahl der Schülerinnen gering ist, so ist das nicht auf mangelndes Interesse, sondern auf die verschiedensten Umstände zurückzuführen.
Die Mädchen der Oberklassen werden außer der Schulzeit von der Mutter im Haushalt, auf dem Felde und im Garten in Anspruch genommen. Es handelt sich meist um Mädchen aus unbemittelten kinderreichen Familien, die sich eine Hausangestellte nicht leisten können. Die Eltern scheuen aber auch das Anschaffen der Ausrüstungsstücke und die Zahlung der monatlichen Beiträge. Meist langt es nicht einmal zur Beschaffung der notwendigen Lernmittel, sodass die Wohlfahrt einspringen muss. Zu berücksichtigen ist aber auch, dass 25% meiner Schülerinnen bereits dem Turnverein angehören, den sie nicht aufgeben wollen.Wieder anderen ist die Teilnahme am BDM. wegen ihrer zarten Konstitution nicht möglich; sie machen meist schon während des Unterrichts einen müden Eindruck.
Wiederholt ist mir auch bei Umfragen nach den Ursachen des Fernbleibens erklärt worden, dass die Eltern das öffentliche Marschieren und Singen auf den Straßen als wenig Mädchenhaft empfänden und deshalb die Teilnahme nicht wünschten.
Des Öfteren habe ich in den Unterrichtsstunden den Beitritt zum BDM. empfohlen, habe aber aus den oben angeführten Gründen keinen durchschlagenden Erfolg erzielen können.
Eine ablehnende Stellung gegenüber dem Nationalsozialismus liegt in keinem Falle vor.
Es steht zu erwarten, dass, wenn künftighin der Sonnabend als Staatsjugendtag eingeführt wird, sich manche Bedenken der Eltern bezügl. der Überanstrengung ihrer Kinder zerstreuen lassen werden.

Lippstadt, den 19. Juli 1934

Die Lehrerinnen der Friedrichschule Frl. Schulte, Heidemann und Röper erklären, nachdem mit ihnen die Angelegenheit eingehend besprochen worden ist, dass sie andere Gründe für das Fernbleiben der Mädchen vom BDM., wie sie die Lehrerinnen der Nikolaischule angegeben hätten, nicht anführen könnten. Sie schlössen sich den Ausführungen der Lehrerinnen der Nikolaischule an, bemerkten aber, dass nach ihrer Meinung infolge erneuter Werbung nach den Herbstferien mit Neuanmeldungen zum BDM. zu rechnen sei.

Die Lehrerinnen der Josefschule Frl. Schulte, Wietheger und Jacobi erklären: Wir schließen uns den obigen Ausführungen an.

Lippstadt, den 19. Juli 1934

Konrektor Humburg erklärt auf Befragen folgendes:
Meine Klasse IIIa, die ich vor 3 Monaten übernommen habe, zählte zur Zeit 44 Knaben.
Hiervon sind 17 in der Hitlerjugend, 14 in anderen Verbänden und 13 nicht organisiert.
Im Bezirke der Josefschule ist besonders der Turnverein Germania, die Teutonia und die DJK. in Ansehen. Eltern und erwachsene Söhne gehören diesen Verbänden an und sehen deshalb darauf, dass die jüngere Generation ebenfalls dort Anschluss findet. Für eine Doppelorganisation fehlt es an Zeit und Geld.
Bei den 13 überhaupt nicht erfassten Schülern handelt es sich durchweg um solche, deren Eltern die Kosten für Beitrag und Ausrüstung nicht aufbringen können. 2 Schüler sind aus dem Jungvolk ausgeschieden, weil sie angeblich von einem Unterführer geschlagen worden sind; außerdem ist ein Schüler bruchleidend und einer schwächlich.
Ich habe es an Bemühungen, die Jungen zum Beitritt zum Jungvolk zu bewegen, nicht fehlen lassen.
U.E. ist auch der Einfluss des geistlichen Leiters der DJK. auf Eltern und Kinder von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die Haltung der Eltern.
Eine vollständige Erfassung der Jungen im Jungvolk und Hitlerjugend ist nur dann möglich, wenn nur eine staatlich anerkannte Organisation vorhanden ist und die Beitragsfrage nicht hindernd im Wege steht.“

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