Menü
Ereignisse
1934
Dezember

Dezember 1934: Die Gestapo Köln berichtet für den Regierungsbezirk Köln

Rubrik „Stimmung in der Bevölkerung“: „Wie bereits erwähnt, gibt die nat.soz. Presse manchmal dadurch zu Beanstandungen Anlass, dass sie übertrieben optimistische Berichte und Artikel bringt. Man kann keine erfolgreiche Pressepolitik machen, wenn man einerseits übertrieben optimistische Artikel schreibt, andererseits ernstzunehmende Erscheinungen im katholischen Lager bagatellisiert, wie dies der "Westdeutsche Beobachter" getan hat, als er von der großen Jugendkundgebung der Kölner Jugend im Dom (30 000 Teilnehmer) lakonisch berichtete, dass das Mittelschiff des Domes gefüllt gewesen sei und dass einige Leute vor dem Dom gestanden hätten und den Kardinal sehen wollten. Auf gleicher Linie liegt die   Meldung des "Westdeutschen Beobachters" über eine andere große Kundgebung der katholischen Frauen im Kölner Dom. Hierbei führte der "Westdeutsche Beobachter" in Sperrdruck Äußerungen des Kardinals an, die für die Bewegung sehr günstig lauten, die aber der Kardinal einwandfrei überhaupt nicht getan hat. Da solche Vorgänge auch in der breiten Bevölkerung bekannt sind oder werden, trägt jede unwahrhaftige Presseberichterstattung nur zu einer Ansehensminderung der Bewegung bei. Die katholische Kirchenzeitung führte in der Berichtszeit entsprechend der allgemeinen Haltung der katholischen Kreise eine bemerkenswert scharfe Sprache. Die sogenannte bürgerliche Presse gab zu ernsthaften Beanstandungen keinen Anlass.“

Rubrik „Katholische Bewegung“: „Die katholische Kirche und ihre Vereine zeigen nach wie vor starke Aktivität. Die Schärfe gegenüber Rosenberg hat in Berichtsmonat etwas nachgelassen. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass nach der Saarabstimmung eine großangelegte geistige und politische Offensive gegen den Nationalsozialismus erfolgen wird. Im katholischen Klerus ist die von Reichsminister Dr. Göbbels in Trier gehaltene Rede lebhaft besprochen worden. Teilweise wurde sie sympathisch aufgenommen, besonders hinsichtlich der Jugenderziehung. Der katholische Klerus gab dabei zu erkennen, dass er gern die katholische Jugend zur sportlichen Ertüchtigung an den Staat abgebe, sich aber zurzeit noch gegen diese Einwilligung wehren müsse, weil ein Jugendführer an der Spitze stehe, der sich öffentlich als Antichrist bezeichnet habe. Sobald die Person des Reichsjugendführers Baldur von Schirach verschwinde, werde man bei der Geistlichkeit einen Umschwung in der Behandlung der Jugendfrage feststellen können.

Im katholischen Vereinsleben scheint der Höhepunkt der Aktivität und des Interesses erreicht zu sein. Mitgliederzugänge sind weder bei den katholischen Arbeitervereinen noch bei den katholischen Jugendvereinen festzustellen. Das Interesse an den katholischen Arbeitervereinen hat merklich nachgelassen.“

Rubrik „Die Bewegung und ihre Organisationen“: „HJ: Immer wieder werden Klagen über zu junge und unerfahrene Führer laut. Im Regierungsbezirk Köln, der bei der Machtübernahme über eine zahlenmäßig geringe HJ.-Organisation verfügte, der aber in der Folgezeit ein außerordentlich rasches und starkes Anwachsen der HJ. brachte, wirken sich Mängel in der Qualität der Führer besonders nachteilig aus.

Über den Staatsjugendtag berichtet mir der Oberbürgermeister von Bonn folgendes :

‚In steigendem Masse ist in den letzten Wochen zu beobachten, dass die Eltern ihre Kinder, welche dem Jungvolk und dem BDM. angeschlossen sind, von den Veranstaltungen dieser Gliederungen am Staatsjugendtag zurückhalten und zur Schule schicken. Um die Schule von vornherein vor dem Verdacht zu bewahren, als begünstige sie diese Erscheinung, haben Erhebungen stattgefunden um festzustellen, worauf die Einstellung der Eltern und auch der betreffenden Schüler und Schülerinnen zurückzuführen ist.
Nach den eingegangenen Mitteilungen können die Gründe wie folgt zusammengefasst werden:
a.   Es wird Klage geführt über die Führung beim D.J.V. bezw. beim B.D.M.. Die Jungvolk- und BDM.-Führer(innen) seien vielfach nicht in der Lage, ihre Aufgabe, den Staatsjugendtag sinngemäß auszufüllen und die nationalpolitische Erziehung sicherzustellen, zu erfüllen. Sie besäßen nicht die genügende Autorität, um die Mitglieder zusammenzuhalten, so dass wiederholt beobachtet werden konnte, dass sich Jungen an den betreffenden Tagen aufsichtslos herumtrieben. - Die Benachrichtigung über den Dienstplan erfolgte teilweise zu spät.
b. Gemessen an der Art des nationalpolitischen Unterrichts in der Schule am Staatsjugendtag, erscheint den Schülern der Aufenthalt in der Schule interessanter als die Mitarbeit in ihrer Gliederung, so dass sie lieber den Unterricht hören wollen und ohne Beurlaubung von Seiten der Gliederung dem Dienst fernbleiben.
c.   Wenn der Dienst nachmittags angesetzt wird, wissen die Eltern nicht, wie sie ihre Kinder in den Vormittagsstunden beschäftigen sollen und schicken sie dann zur Schule.
d.   Weitere Schwierigkeiten bei der Ausgestaltung des Staatsjugendtages entstehen infolge schlechter Witterung. Entweder stehen für solche Fälle nicht genügend Heimräume zur Verfügung oder, wenn es doch der Fall ist, fehlt es an einem geeigneten Plan, die Zeit voll und ganz auszunutzen und interessant zu gestalten. Wird bei schlechter Witterung Außendienst angesetzt, dann halten manche Eltern ihre Kinder zurück, weil sie nicht in der Lage sind, für genügende und entsprechende Kleidung zu sorgen.
e.   Ebenfalls erscheint manchen Eltern der Ganztagsdienst als zu anstrengend für die Kinder, sie fürchten für ihre Gesundheit. Die Versorgung für den Ganztag mit Butterbroten erscheint ihnen teurer, als die Verpflegung zu Hause. Teilweise benötigen die Eltern ihre Kinder am Samstagnachmittag außerdem für Besorgungen verschiedenster Art. Wenn jedoch der Dienst bis 6 Uhr ausgedehnt wird, so haben sie dazu keine Möglichkeit mehr.
Es ist zu befürchten, dass diese Gründe geeignet sind, der Durchführung des Staatsjugendtages Abbruch zu tun und das Ansehen der HJ. und des BDM. zu gefährden.
Es wäre zu prüfen, ob die Schwierigkeiten sich durch eine stärkere Heranziehung der Schule bezw. Lehrerschaft bei der Ausgestaltung des Staatsjugendtages beheben lassen, um auf diese Weise stehende Unzufriedenheit auf Seiten der Elternschaft und Unlust und Gleichgültigkeit auf Seiten der Schüler und Schülerinnen zu beseitigen.‘“

Baum wird geladen...