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Ereignisse
1934
Juli

Juli 1934: Die Gestapo Koblenz berichtet für den Regierungsbezirk Koblenz

Rubrik „Katholische Bewegung“: „Die katholische Geistlichkeit entfaltet im Stillen nach wie vor eine große Aktivität in der Werbung für die konfessionellen Verbände, insbesondere die katholischen Jugendverbände. – In allen katholischen Vereinen ist eine lebhafte Mitgliederwerbung festzustellen. So soll z.B. der katholische Gesellenverein in Neuwied, Kreis Neuwied, allein in den letzten Wochen rund 120 inaktive neue Mitglieder geworben haben. Bei den neu eingetretenen Mitgliedern handelt es sich größtenteils um ältere Handwerker. – In Hönningen, Kreis Neuwied, ist ein neuer Mütterverein gegründet worden, dem angeblich 400 Mütter beigetreten sind.

Andererseits ist festzustellen, dass in Ortschaften, wo besonders rührige Pfarrer wohnen, die Werbung der HJ und des BdM vielfach ohne nennenswerten Erfolg war. Aus manchen Orten wird berichtet, dass Eltern, die ihre Kinder bereits für die HJ angemeldet hatten, diese Anmeldung durch Beeinflussung katholischer Geistlicher später wieder rückgängig gemacht haben.

In den letzten Wochen wurden in vielen Orten des hiesigen Bezirks von den katholischen Geistlichen Totenandachten und Seelenämter für den im Laufe der Säuberungsaktion erschossenen Ministerial-Direktor Dr. Klausener und den Sekretär des Jungmänner-Verbandes Probst abgehalten. In manchen Orten wurden auch sogenannte Totenzettel verschickt, in denen der Tod Dr. Klauseners und des Jugendführers Probst mitgeteilt wurde, ohne dabei auf die Säuberungsaktion selbst einzugehen. (…)

Die Angehörigen der katholischen Jugendverbände haben sich im vergangenen Monat in der Öffentlichkeit stark zurückgehalten. Zusammenstöße mit den nationalsozialistischen Jugendverbänden haben sich trotz der gespannten Verhältnisses nicht ereignet.“

Rubrik „Die Bewegung und ihre Organisationen“: „HJ und BdM.

In der HJ werden trotz des guten Willens der Führer, die sich aber infolge ihrer Jugend nicht durchsetzen können noch immer wieder Übergriffe festgestellt. Insbesondere kann sie sich nur schwer daran gewöhnen, dass ihr gegenüber den konfessionellen Verbänden keinerlei polizeiliche Befugnisse zustehen. So wurde in Neuwied ein von der katholischen Jugend daselbst aufgehängtes Werbeplakat, in welchem die katholische Jugend aufgefordert wurde, sich nicht unter Druck setzen zu lassen und der katholischen Jugendsache treu zu bleiben, von Angehörigen der HJ eigenmächtig entfernt. Der zuständige Oberbannführer der HJ hat die Angelegenheit durch mündliche Rücksprache mit dem katholischen Pfarrer gütlich beigelegt. Vereinzelt kommt es auch noch immer vor, dass von Angehörigen der HJ Zeitungen, die an Mitglieder der katholischen Jugendverbände verteilt werden sollen, ohne vorherige Fühlungnahme mit der Polizei eigenmächtig beschlagnahmt werden. Im Allgemeinen kann jedoch gesagt werden, dass sich die Haltung und die Disziplin der HJ in der letzten Zeit bedeutend gebessert hat.

Die Vorgänge des 30. Juni haben Führerschaft wie Gefolgschaft der HJ im ersten Augenblick stark erschüttert. Vielen Jugendlichen merkt man es an, dass sie es heute noch nicht verstehen können, dass die Männer, die ihnen bisher immer als Ideal der Treue und des Mannestums vorgeschwebt haben, den Führer verraten konnten.

Der Werbefeldzug der HJ hatte trotz starker Gegenpropaganda der katholischen Geistlichkeit recht befriedigende Erfolge zu verzeichnen. Wenn der von der HJ erstrebte Erfolg an manchen Orten nicht voll erreicht wurde, so lag das, wie ich bereits in meinem letzten Lagebericht näher ausführte, vor allem an der teilweise überaus ungeschickten Propaganda der HJ.

Auch die von der HJ herausgegebene und vertriebene Wochenschrift „Die Fanfare“ erregt wegen oft darin enthaltener Hetzartikel gegen eigene Volksgenossen bei einem großen Teil der Bevölkerung immer wieder Ärgernis. Es dürfte angebracht sein, die Schriftleitung der genannten Zeitschrift darauf hinzuweisen, dass die Art und Weise des Kampfes, wie er von der „Fanfare“ geführt wird, der Sache der HJ mehr abträglich als fördernd ist.“

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