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Ereignisse
1934
Oktober

Oktober 1934: Die Gestapo Düsseldorf berichtet für den Regierungsbezirk Düsseldorf

Rubrik „Stimmung in der Bevölkerung“: „Über die HJ. und den BdM. wurden im Berichtsmonat ebenfalls wieder die bereits gemeldeten Klagen laut. Vor allem die Eltern wünschen die Beaufsichtigung der Jugend durch ältere geeignetere Führer und Führerinnen.“

Rubrik „Katholische Bewegung“: „Erwähnenswert ist die am 30. September 1934 in der Rochuskirche in Düsseldorf abgehaltene Michaelsfeier der katholischen Jugend, an der etwa 2500 Jugendliche und 500 Erwachsene teilgenommen haben. Die Festpredigt, die vom hiesigen Bezirkspräses des Katholischen Jungmännerverbandes, Kaplan Büth, gehalten wurde, befasste sich mit St. Michael als Streiter Gottes, der dadurch gleichzeitig Vorbild der katholischen Jugend geworden sei. Der Mut St. Michaels solle der katholischen Jugend als Vorbild dienen, denn es gehöre auch heute Mut und Demut dazu, katholischer Christ zu sein. Wenn St. Michael, der im alten Deutschen Reich Schirmherr der Nation gewesen sei, mit der katholischen Jugend kämpfe, so sei sie unüberwindlich, trotz aller Bedrückung und allen Misstrauens, dass man ihr heute noch entgegenbringe. Nach der Predigt wurde ein Sprechchor unter entsprechender Orgelbegleitung vorgetragen. Die Wirkung dieses Sprechchores war von tiefer Wucht und gewaltigem Eindruck, da die gesamten Präses in ihrem Ornat mit der Pfarrgeistlichkeit von St. Rochus neben den 30 Bannern und 5 riesigen Fahnen der DJK. Aufstellung genommen hatten. (…)

Weiter sind als Neuerung im Aktivprogramm der katholischen Aktion die Familienwochen anzusehen. In der Zeit vom 7.-14.10.1934 fand in der Maria-Empfängnis-Kirche eine „Eucharistisch-franziskanische Christuswoche“ statt. Allabendlich folgten etwa 4000 Zuhörer den Ausführungen des Franziskanerpaters Ezechiel Seibertz in der überfüllten Kirche. Die Themen der Predigten, die sich auf 5 Abende verteilten, behandelten „St. Franziskus als der Führer zu Christus“. Bemerkenswert waren u.a. die Ausführungen, dass 3 Jahrhunderte Cäsarenwut nicht vermocht hätten, diese Kirche zu vernichten, von der ihr wirklicher Stifter gesagt habe: „Und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden!“ „Kein Diktator und kein Imperator wird das Vernichtungswerk der Kirche fertigbringen.“ Der katholische Mensch wolle nach der Wahrheit leben und keine dritte Konfession errichten. Die Losung sei: „Heiliger Kampf für Christus und seine bedrohte Kirche.“ Dazu sei auch die Laienwelt aufgerufen, weil die Priester es nicht mehr allein schaffen könnten. Wiederholt flocht der Redner die Worte ein: „Armes Volk, wehe dir, wenn man dir deinen Glauben raubt.“ Weiter war beachtenswert, dass das Beispiel Russlands, das dem Judas und damit der Habsucht ein Denkmal errichtet habe, deutlich die menschliche Bosheit unserer Tage zeige. Heute wüssten wir, dass Habgier den Weltkrieg geboren und er ihr Millionen Menschen mit Strömen voll Blut geopfert habe. Heute wüssten wir, dass das Wettrüsten der Völker in der Gegenwart dem gleichen Grundsatz der Habgier entspringe und Europa wieder in ein Meer von Blut zu tauchen drohe. Die Welt von heute starre in Waffenrüstungen und sei erfüllt von Mord und Brudermord. Aber alles vergossene Blut trage die Vergeltung in sich. Blut schreie nach Blut. Immer stärker werde der Druck der Rüstungen und nirgends sei ein Ausweg sichtbar. Nur ein Heilmittel gegen die Bosheit und Rachsucht unserer Tage gäbe es in der christlichen Liebe und Verzeihung. Die Welt von heute trage das Kainszeichen auf der Stirn. Die seraphische Liebe von St. Franziskus bringe der kranken Welt von heute Rettung und Heilung. Er wies daraufhin, dass es gelte, die christliche Caritas wieder auf den Thron zu bringen und die Nächstenliebe praktisch durch Werke der Barmherzigkeit zu unterstützen. Der Redner erwähnte jedoch mit keinem Worte das große Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, dessen grandiose Zahlen bestimmt auch aneifernd auf die Gebefreudigkeit gewirkt und die Herzen geöffnet hätten. Überhaupt war die Caritaspredigt in ihrer ganzen Tendenz eine Propaganda lediglich für die kirchliche Caritas, weil sie unmittelbar am Tage nach der Eröffnung des Winterhilfswerks gehalten wurde. Der Redner hätte sehr viel zur Versöhnung bei den zahlreichen Besuchern beitragen können, wenn er auch in diesem Punkte praktisch christliche Caritas geübt und auch von der Kanzel zur Unterstützung des Winterhilfswerks aufgefordert hätte.

Der Abschluss tag am 14.10.1934 hatte einen Massenbesuch aufzuweisen. Die einstündige Schlusspredigt behandelte den apostolischen Lehrauftrag von St. Franziskus.

Wie einst Peter von Amiens den hl. Kreuzzug gepredigt habe und Könige, Fürsten, Ritter und Knappen voller Begeisterung zur Verteidigung des hl. Landes hinausgezogen seien, so schalle auch heute der heilige Ruf „Gott will es“ wieder durch deutsche Lande. Aber der Feind Unglaube stehe im Neuheidentum schon mitten unter dem Christenvolk. Dieses Neuheidentum, vom Papst die „Pest des Laizismus“ genannt, versuche, Christus aus dem öffentlichen Leben überall zurückzudrängen. Diese Pest des Laizismus habe Christus aus der Politik herausgedrängt und ihm nur noch Verehrung in den Kirchen übrig gelassen. Der hl. Kampfruf des Peter von Amiens müsse darum wieder durch die Lande gehen. Es gelte wieder das Königtum Christi auf den Thron zu heben. Wie ein Fels im Meer müsse sich die katholische Jugend dem Unglauben unserer Tage entgegenwerfen. Pathetisch rief der Pater: „Katholische Jugend, Dir gilt heute Abend ganz besonders mein Gruß. Lass Dich durch keine Lockungen betören und von Christus und seiner Kirche losreißen. Katholische Jugend, bleibe treu. Die Stunde der Gegenwart erfordert Männer von Charakter.“ An Schlusse nahm der Redner seinen Zuhörern den feierlichen Abschwur an das Neuheidentum ab, der mit erhobenen Schwurfingern geleistet wurde. Die Monstranz wurde, umgeben von der gesamten Geistlichkeit im Ornat, den Teilnehmern entgegengehalten. Dieser feierliche Schwurakt war besonders wirksam und eindrucksvoll. Jedermann fühlte, dass durch den feierlichen Abschwur das Neuheidentum und die von dem Redner genannte „Pest des Laizismus“, vorgetragen von Rosenberg, Bergmann, Wirth, Hauer und anderen, getroffen werden sollte. (…)

In der Schriftleitung der „Jungen Front“, die in Düsseldorf im Jugendführungsverlag erscheint, ist der bekannte Konvertit Prof. Karl Thieme an führender Stelle tätig. Die der Konversion vorausgehenden literarisch-weltanschaulichen Dinge haben noch im vorigen Jahr großes Aufsehen erregt, weil Thieme die Führung der prominenten protestantischen Theologen hatte, die sich zum Katholizismus hingezogen fühlten. Es sollen auch bereits Bestrebungen im Protestantismus bemerkbar sein, die einer Wiedervereinigung beider Konfessionen das Wort reden.

Im Zusammenhang hiermit dürfte auch der Besuch eines protestantischen Jugendführers beim katholischen Jungmännerverband in Düsseldorf stehen, bei der der protestantische Jugendführer dem Generalsekretär Clemens vom katholischen Jungmännerverband erklärte, daß die protestantische Jugend auch nach ihrer Eingliederung in die HJ. ihre weltanschauliche evangelische Einheit bewahrt habe und größten Teils hinter der Bekenntnissynode stehe. Die Eingliederung werde im gläubigen evangelischen Lager heute allgemein bedauert, da sie die Zukunft des deutschen Protestantismus gefährde. Im weiteren Verlauf der Besprechungen wurde nach Anknüpfungspunkten gesucht, die ein gemeinsames Vorgehen der Jugend gegen das Neuheidentum ermöglichen sollen. Der Name des protestantischen Jugendführers ist hier nicht bekannt geworden.

In Schulungen, Konferenzen und Tagungen werden bereits bewährte Führer und junger Führernachwuchs besonders weiter- und ausgebildet. So ladet das erzbischöfliche Generalvikariat Köln zum Besuch von 7 Bezirkspriesterkonferenzen des Bonifatiusvereins ein, zu denen der Oberhirte der Patendiözese Meißen, Bischof Dr. Petrus Legge, sein Erscheinen zugesagt hat. Die einzige der 7 Konferenzen, die in den Bereich des Regierungsbezirks Düsseldorf fällt, findet am 13. ds. Mts. im Kloster Marienberg in Neuß für die Dekanate Grevenbroich, Neuss und Zons statt. Weiter sind in der nächsten Zeit folgende der Weiterbildung dienende Veranstaltungen vorgesehen: Vom 31. Oktober bis 4. November im Kloster Nettersheim Exerzitien für die Jungenschaft der Sturmschar; am 8. und 9. November in Altenberg Tagung des Generalpräsidiums; am 10. und 11. November Tagung der Reichsführerschaft des Jungmännerverbandes; am 17. und 18. November in Altenberg Bezirksleitertagung für die Diözesanverbände Köln, Aachen und Paderborn; am 19. und 20. November in Altenberg Tagung der Bezirkspräsides der Erzdiözese Köln.

Zum Christ-Königsfest am 28. Oktober wurde in allen Kirchen der Erzdiözese Köln das in dem beigefügten   kirchlichen Anzeiger für die Erzdiözese Köln abgedruckte Hirtenwort zum Jugendsonntag verlesen. Hierin kommt die schon oft berichtete Sorge um die katholische Jugend und die Verpflichtung der Eltern zur Erziehung der Jugend im katholischen Sinne zum Ausdruck.

Auch die katholische Studentenschaft wird in den Kampf um die katholische Kirche eingespannt. Am 8., 9. und 10. Oktober hat im Canisiushaus in Düsseldorf ein Kursus der Studentenseelsorge unter dem Titel „Christus in der Zeit“ stattgefunden, der von Rektor Lutz, dem Vorsitzenden der katholischen Studentenseelsorgevereinigung, geleitet wurde.

Besonders bezeichnende Vorkommnisse haben sich im Berichtsmonat in M.-Gladbach ereignet. Am 16., 17., 18. und 20.10.1934 wurden abends nach Eintritt der Dunkelheit Fensterscheiben des katholischen Jugendheims der Hauptpfarre in M.-Gladbach zertrümmert. Außerdem erfolgte in der Nacht zum 16.10.1934 ein Einbruch in dieses Heim, bei dem die Eingangstür mit Gewalt erbrochen und in dem dahinterliegenden Raum alles durchfühlt und ein Holzkreuz von der Wand heruntergerissen und zertrümmert wurde. Ferner waren etwa 400 Lichtbilder, die auf einem Tisch zum Trocknen aufgelegt waren, derart auf dem Boden zerstreut worden, dass sie nicht mehr verwertbar sind. Durch den Vereinspräses Kaplan Spülbeck und Vereinsmitglieder wurden diese Straftaten versteckt der HJ. zur Last gelegt. Eine eingehende Tatbestandsaufnahme ergab jedoch Anhaltspunkte dafür, dass die Straftat nur von Vereinsmitgliedern ausgeführt worden sein konnte. Das Sturmscharmitglied Ludwig Claßen wurde überführt und war nach längerem Leugnen geständig, die Straftaten ausgeführt zu haben. Claßen wurde festgenommen und dem Richter vorgeführt. Da wider Erwarten kein Haftbefehl erlassen wurde, habe ich über Claßen bis auf weiteres Schutzhaft verhängt.

Claßen ist bereits im April ds. Js. in Erscheinung getreten. Er verunglückte damals beim Radfahren auf einer abschüssigen Straße und zog sich mehrere Verletzungen am Kopf zu. Dieser Vorfall wurde tendenziös aufgemacht und als Überfall „von unbekannten Tätern“ hingestellt. Kaplan Spülbeck hatte damals den Claßen mit seinen Verletzungen und Verbänden selbst fotografiert und die Lichtbilder mit einem Begleitschreiben in der Hauptkirche in M.-Gladbach zum Aushang gebracht. Der Zweck war, gegen die HJ. Stimmung zu machen, die auch offen der Täterschaft bezichtigt wurde. Gegen Kaplan Spülbeck wurde damals ein Strafverfahren eingeleitet, das jedoch auf Grund des Straffreiheitsgesetzes eingestellt worden ist.

Wegen der Versetzung des Kaplans Spülbeck ist im Einvernehmen mit dem Regierungspräsidenten zu Düsseldorf das Erforderliche veranlasst. Das betreffende Jugendheim habe ich bis zur endgültigen Klärung der Vorfälle durch polizeiliche Verfügung geschlossen. Auf meine Sonderberichte nehme ich Bezug.“

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