September 1934: Die Gestapo Düsseldorf berichtet für den Regierungsbezirk Düsseldorf
Rubrik „Stimmung in der Bevölkerung“: „Die Einführung des Samstag als Staatsjugendtag ist nicht überall reibungslos vor sich gegangen, was häufig zu Unzufriedenheit der Eltern geführt hat. Aber auch die Lehrer scheinen mit der Einrichtung und Durchführung nicht einverstanden zu sein. Viel verbreitet ist eine ablehnende Einstellung der Mütter, die am Samstagnachmittag ihre Tochter oder Töchter zur Hilfe im Haushalt haben möchten. Da die Führer und Führerinnen der HJ. und des BdM. scheinbar nicht immer für ihr Amt geeignet sind, wird seitens der Eltern nicht selten darüber Klage geführt, dass ihre Kinder zu viel sich selbst überlassen wären und nicht genügend vor schädlichen Einflüssen bewahrt seien.“
Rubrik „Katholische Bewegung“: „Trotz all dieser versteckten Angriffe würde der Gewinn von Boden auf den von der katholischen Geistlichkeit umkämpften Gebieten wohl nicht den Erfolg haben, wenn nicht aus Kreisen nationalsozialistischer Organisationen manchmal taktisch unkluge oder gar strafrechtlich zu verfolgende Handlungen begangen würden. So hat das bischöfliche Generalvikariat in Münster eine Beschwerde des Kaplans Böcker in Duisburg-Hamborn übersandt, in der zum Ausdruck kam, dass 4 SS.-Männer ohne jeden Grund den Kaplan beleidigt und tätlich angegriffen hätten. Die Täter konnten nicht ermittelt werden. Das Verfahren ist daher von der Staatsanwaltschaft in Duisburg eingestellt worden. Weiter ist in diesem Zusammenhang das unwürdige Verhalten einiger Angehöriger der Hitlerjugend unter der Führung des ehemaligen Unterbannführers Thiele in Geldern herauszustellen. Unter der Führung des Thiele stehende Hitlerjungen haben am 26.8.1934 im Fahnensaal des bekannten Wallfahrtsortes Kevelaer 2 silberne Medaillons in Größe eines 5 Mark-Stückes von einem Schmuckkissen, das von Teilnehmern einer holländischen Prozession niedergelegt worden war, entwendet. Naturgemäß hat diese Handlungsweise ein lebhaftes Echo bei der örtlichen Bevölkerung ausgelöst. Thiele, der auch für weitere Verstöße gegen gesetzliche Bestimmungen verantwortlich gemacht wird, ist bereits aus der HJ. ausgestoßen und festgenommen worden. Dieser Vorfall ist umso bedauerlicher, als gerade Holländer die Betroffenen waren.
Im Interesse des öffentlichen Friedens wäre zu wünschen, dass die Angehörigen nationaler Verbände noch mehr als bisher ein etwa erforderliches Einschreiten gegen katholische Kreise ausschließlich der Polizei überlassen würden.
Schritt um Schritt mit ihren geistigen Führern marschiert die katholische Jugend. Über die Bestrebungen des Klerus gerade auf dem Gebiete der Jugendbestrebungen habe ich laufend und in monatlichen Zusammenstellungen berichtet. Das Ringen um den jungen katholischen Menschen geht unverändert weiter. In Wort und Schrift wird ihm immer wieder die Verpflichtung auferlegt, seiner katholischen Kirche, der er Treue geschworen hat, treu zu bleiben. Die Eltern werden angehalten, ihre Kinder nur katholischen Organisationen zuzuführen, weil nur hier die Voraussetzungen zur Erziehung in positiv katholischer Lebensauffassung gegeben seien. Es ist aber nicht nur die katholische Geistlichkeit, die sich in diesem Sinne betätigt. Die Laienleiter der Organisationen selbst und die Angehörigen führen diesen Kampf folgerichtig durch.
Ein besonders krasses Beispiel hierfür gibt das Verhalten der Hubbelrather Mitglieder des St. Georg Pfadfinderbundes, die erklärt haben, jeden katholischen Jungen, der in die HJ. oder das Jungvolk eintreten würde, zu verprügeln. Der weltliche Führer dieser Pfadfindergruppe, der Primaner Schemuth, ist zudem wegen Verächtlichmachung der Reichsregierung und Verbreitung von Gräuelpropaganda bestraft worden. Die Hubbelrather Pfadfinder-Abteilung hat ein Verbot jeglicher Versammlungstätigkeit und Zusammenkünfte, auch solcher geschlossenen Charakters, von der zuständigen Ortspolizeibehörde erhalten.
Durch Werbung von Mund zu Mund wird versucht, die noch keiner Organisation angehörenden katholischen Jugendlichen in die konfessionellen Jugendvereine zu bringen. Es gelingt immer wieder, die Reihen der konfessionellen Organisationen zu stärken.
Auch dem Führernachwuchs wird in der katholischen Jugendbewegung größere Bedeutung als bisher beigemessen. Führertagungen und Jungführerkurse sind für den kommenden Winter in reichlichem Maße geplant. Größtenteils finden diese Tagungen und Kurse in dem katholischen Jugendhaus in Altenberg statt.
Die Anordnungen über die Beschränkung der Betätigung der katholischen Jugendorganisationen werden nur ungern befolgt. Gerade hier setzt auch der Widerstand durch die Jungen selbst ein. Liegt es doch in der Natur des gesunden Jungen, die Anordnungen, die ihn in seinem persönlichen Tatendrang in Sport und Spiel beeinträchtigen, zu umgehen; noch dazu, wenn er weiß, dass seine geistlichen und weltlichen Führer sein Tun nicht nur nicht tadeln, sondern sogar noch fördern. Aber auch offen werden katholische Jungen zu Wanderungen und Zeltlagern zusammengefasst. Hier treten als Veranstalter nicht die Jugendorganisationen auf, sondern die katholischen Pfarrgemeinden fassen die Jugendlichen zusammen und senden sie auf Fahrt oder in ein Zeltlager, wobei ein Kaplan oder ein älterer weltlicher Führer die Leitung übernimmt. Ich habe bisher die Auffassung vertreten, dass es sich hier nicht um eine geschlossene Organisation einer katholischen Jugendgruppe handelt und mithin die staatspolizeiliche Anordnung vom 28.5.1934 keine Anwendung finden kann.
Auch in den pfarramtlichen Mitteilungen kommt in kurzen Sätzen die Aufforderung an die katholische Jugend zum treuen Aushalten immer wieder zum Durchbruch. Aufforderungen: „unbedingt an der Wahrheit festzuhalten“ oder: „die Bezwingung von Schwierigkeiten allen Gewalten zum Trotz“ kehren regelmäßig wieder.