März 1934: Die Gestapo Düsseldorf berichtet für den Regierungsbezirk Düsseldorf
Rubrik „Konfessionelle Gegenströmungen“: „Eine starke Verschärfung hat die kirchliche Lage durch die in jüngster Zeit von den Bischöfen erlassenen Hirtenbriefe erfahren. Nachdem zunächst der Erzbischof in Köln einen Hirtenbrief in den Kirchen der Erzdiözese Köln hatte verlesen lassen, der scharfe Wendungen gegen die Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung enthielt, sind später auch die Bischöfe von Münster und Aachen mit ähnlichen Verlautbarungen gefolgt. Diese Hirtenbriefe finden allgemein stärkste Beachtung und werden in äußerst wirksamer Weise von dem katholischen Klerus und der ihm gefügigen katholischen Presse propagandistisch ausgewertet. So hat die gesamte katholische Presse die genannten Hirtenbriefe im vollen Wortlaut veröffentlicht, offenbar von der Anschauung ausgehend, dass gegen die Verbreitung der Hirtenbriefe staatlicherseits nicht eingeschritten würde. Nach wie vor finden auch die Hirtenbriefe und Adventspredigten des Kardinals Faulhaber sowie ähnliche Verlautbarungen von auswärtigen Bischöfen stärkste Beachtung und Verbreitung. Der Absatz der Zeitschrift „Der Katholik“, die in Mainz erscheint, hat in letzter Zeit einen starken Umfang angenommen, da diese Zeitung in wirkungsvoller Weise den Kampf des katholischen Klerus unterstützt. Eine äußerst rege Werbung wird schließlich mit der Osterbotschaft des Papstes an die katholische Jugend Deutschlands betrieben, die in der gesamten katholischen Presse und in den Kirchenzeitungen veröffentlicht ist und die durch Sonderrundschreiben von der Leitung der hiesigen Zentrale der katholischen Jugendvereine an die Mitglieder derselben verbreitet wird. Es bedarf keines besonderen Hinweises, dass an dieser Osterbotschaft die katholischen Jugendorganisationen eine innere Stärkung erfahren werden, da ihnen hier in deutlicher Weise gezeigt wird, dass sie stärkste Unterstützung beim Episkopat finden. Wie von einer Vertrauensperson mitgeteilt wurde, soll diese Osterbotschaft von dem Prälaten Kaas veranlasst und in ihrer inhaltlichen Gestaltung wesentlich beeinflusst worden sein.
Ebenso lebhaft wie die Beteiligung an den kirchlichen Veranstaltungen war auch die Teilnahme an dem katholischen Vereinsleben. Durch die starke Inanspruchnahme des katholischen Bevölkerungsteils durch Missions-Gottesdienste und Bußwallfahrten trat allerdings das äußere Vereinsleben in der Berichtszeit weniger in Erscheinung. Im Zusammenhang mit der gesteigerten Aktivität des Katholizismus zeigt sich aber die zunehmende Teilnahme an den internen Vereinsveranstaltungen, zumal diese eine erhebliche Ausgestaltung erfahren haben.
Das Verhältnis zwischen den katholischen Jugendorganisationen und der Hitlerjugend ist nach wie vor sehr gespannt. Während die Hitler-Jugend bemüht ist, die katholischen Jugendorganisationen zu zerschlagen, versuchen diese unter wirksamer Leitung ihrer geistlichen Führer, ihre Selbständigkeit zu behaupten, die ihnen, wie immer betont wird, durch das Konkordat garantiert sei. Aus Predigten katholischer Geistlicher ist zu entnehmen, „dass die Kirche eher in den Tod gehe, als sich das Recht auf die Jugenderziehung in ihrem Sinne nehmen zu lassen“. Ein Hirtenbrief der Erzdiözese Köln weist auf die religiösen Gefahren der katholischen Jugendlichen beim Übertritt zur H.J. hin. Die jüngere Geistlichkeit scheint keinesfalls gewillt zu sein, ihren gehabten Einfluss auf die Jugend aufzugeben, und bildet nach wie vor eine große Gefahr für die Bemühungen, unsere Jugend in nationalsozialistischem Gedankengut zu verankern. Vielfach haben sich katholische Jugendorganisationen in ihren Uniformen und mit ihren Fahnen gezeigt; die zur Rede gestellten geistlichen Leiter dieser Organisationen lehnen eine Verantwortung hierfür ab und behaupten auch, dem Verbot entsprechende Anweisungen gegeben zu haben. Trotzdem steht es fest, dass gerade sie die Jugend in ihrer oppositionellen Haltung bestärken.
Nicht zu verkennen bei dem Kampf zwischen Hitlerjugend und den katholischen Jugendorganisationen ist allerdings die geistige Überlegenheit der Leiter letzterer Organisationen, die ausschließlich Geistliche sind. Sie besitzen auch vielfach das Vertrauen der Eltern und sind in der Leitung ihrer Organisationen gut ausgebildet. Diesen gegenüber sind die Unterführer der Hitlerjugend infolge ihrer Jugend und der sich hieraus ergebenden teilweisen Unerfahrenheit nicht in der Lage, ein entsprechendes und wünschenswertes Gegengewicht zu bilden.
Ihre Tätigkeit wird außerdem durch die fortgesetzten Ermahnungen an die Jugend und ihre Eltern seitens der Bischöfe und des Papstes selbst erschwert. Diese Ermahnungen werden als Aufforderung, weiter der Eingliederung der katholischen Jugend in die Hitlerjugend jeden nur möglichen Widerstand entgegenzusetzen gewertet. In steigendem Maße ist eine wachsende Hartnäckigkeit und eine sorgfältige Propaganda festzustellen. In der Presse und auf jede sonst nur mögliche Art und Weise werden die Reden Baldur von Schirachs verbreitet und an die Eltern herangebracht. Die kirchentreuen Kreise sind bereits derartig hellhörig gemacht, dass auch die Veröffentlichung der Reden mit kleinen harmlos erscheinenden Zusätzen oder ohne jeglichen Kommentar den gewollten Zweck erreichen. Man versteht es meisterhaft, jede Rede zu erneuter Propaganda, zu erneuter Aufputschung der Jugend und der Eltern zu gebrauchen. Teilweise ist es bereits gelungen, eine ausgesprochen fanatische Stimmung zu erzeugen. Die Anwesenheit von Schirachs im Regierungsbezirk ist ganz besonders, sowohl in Essen wie in Düsseldorf, in dieser Art ausgenutzt worden.
Als erfreulich ist es zu bezeichnen, dass infolge meines Verbotes der öffentlichen Betätigung konfessioneller Jugendorganisationen vielfach der DJK. und andere sportreibende Gruppen zur Deutschen Turnerschaft, zum Deutschen Fußballbund und anderen Verbänden übertraten.“