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Ereignisse
1934
Juni

Juni 1934: Die Gestapo Aachen berichtet für den Regierungsbezirk Aachen

Rubrik „Allgemeine Übersicht“: „Die Hitlerjugend lag nach wie vor in gespanntem Verhältnis zu den katholischen Jugendorganisationen, mit denen es wiederholt zu Reibereien kam.“

Rubrik „Katholische Bewegung“: „Sowohl die katholische Pfarrgeistlichkeit als auch die früheren Zentrumskreise, also alle die Personen, die in dem Pfarrer gleichzeitig auch den politischen Führer sehen, waren im Berichtsmonat zurückhaltender als bisher, und auch die Hirtenbriefe gemäßigter. Die noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit beobachteten Hetzreden von der Kanzel haben nachgelassen. Man lässt die unvermindert vorhandene Unzufriedenheit jetzt vorsichtiger durchblicken. Der Kampf um die Jugend geht jedoch im gleichen Masse weiter. Die Polizeiverordnung des Herrn Regierungspräsidenten in Aachen vom 26.5.34 betreffs der katholischen Jugendverbände hat zwar äußerlich eine Beruhigung gebracht, die Geistlichkeit und die katholischen Jugendverbände empfinden sie jedoch als Willkür, und man hat häufig den Eindruck, als wenn die letzteren beinahe einen Ehrgeiz darein setzten, die Polizeiverordnung zu übertreten oder zu umgehen. Wer gefasst wird, kommt sich als Märtyrer vor. Am eifrigsten wacht die Hitler-Jugend darüber, dass die angezogene Verordnung genauestens durchgeführt wird. Diese ihr nicht zukommende polizeiliche Kontrolltätigkeit führt begreiflicherweise des Öfteren zu Reibereien.

Wie ich schon im allgemeinen Teil erwähnte, werden seitens der Geistlichkeit in verstärktem Masse Wallfahrten durchgeführt. Seit Jahren ist eine so starke Beteiligung wie in der letzten Zeit nicht beobachtet worden. Schon die Fronleichnamsprozession am 31. Mai 1934 zeigte in allen Teilen des Regierungsbezirks eine äußerst starke Beteiligung. Wallfahrten brachten Beteiligungen von 20.000 und mehr Menschen. Auffällig ist hierbei, dass man besonders Männerwallfahrten durchführt. Man geht wohl nicht fehl, wenn man annimmt, dass dies geschieht, um die Männer von der Arbeit in der Bewegung möglichst fernzuhalten, andererseits, um zu zeigen, wie groß auch heute noch der Einfluss der Geistlichkeit in der Bevölkerung ist. Dieselbe Taktik kann man in den Jugendorganisationen beobachten, in denen die Erfolge der Kirche entschieden grösser sind. Aus einzelnen Bezirken werden Austritte aus H.-J. und B.d.M. gemeldet und gleichzeitig ein verstärkter Eintritt in die katholischen Jünglings- und Jungfrauenkongregationen. Nur in Einzelfällen tritt die Ablehnung des Nationalsozialismus durch die Geistlichkeit offen in Erscheinung. So hat der katholische Pfarrer in Geilenkirchen am Fronleichnamstage den Schützenvereinen verboten, mit Hakenkreuzwimpeln an den Fahnen die Kirche zu betreten und an der Prozession teilzunehmen. (…)Besondere Aufmerksamkeit wurde den katholischen Kirchenblättern zugewandt. In geschickter Form werden immer wieder versteckte Angriffe gegen die Bewegung gebracht, der man vorwirft, dass sie nicht genug von den kirchenfeindlichen Bestrebungen, insbesondere der Deutschen Glaubensbewegung, abrücke. Angriffe gegen die Reichsregierung dagegen oder staatsfeindliche Einstellung konnte nicht beobachtet werden. In Einzelfällen werden katholische Blätter beschlagnahmt und verboten, u.a. auch die Nr. 26 der „Jungen Front“ vom 1.7.34 wegen eines Artikels betreffend den Überfall in Gollmütz. Dass nach dem Verbote des Herrn Regierungspräsidenten betreffs Verkaufs von Zeitungen usw. in der Nähe von Kirchen und kirchlichen Veranstaltungen konfessionelle Schriften und Zeitungen nunmehr in den Kirchen selbst zum Verkauf gebracht werden, habe ich bereits berichtet.

Ich habe nach Möglichkeit alles vermieden, was der katholischen Geistlichkeit einen Grund geben könnte zu behaupten, die Kirche werde unterdrückt, um das so gern gebrauchte Propagandamittel des Märtyrertums von vorne herein auszuschalten. Übergriffe Einzelner, wie das Verbrennen einer PX-Fahne durch Hitler-Jugend und das Umstürzen eines Altars – beide Fälle sind berichtet – werden sich allerdings wohl immer wieder ereignen.“

Rubrik „Die Bewegung und ihre Organisationen“: „In der Hitler-Jugend werden trotz guten Willens der Führer, die sich aber vielfach infolge ihrer Jugend nicht durchsetzen können, immer wieder Übergriffe festgestellt. Insbesondere kann sie sich nicht daran gewöhnen, dass ihr gegenüber den Angehörigen der konfessionellen Jugendverbände keine polizeilichen Rechte zustehen. Über den Fall der üblen Beklebung des Jesuitenheimes mit Plakaten zum Reichsjugendtag habe ich berichtet. Der Ton der H.J.-Monatszeitung „Die Fanfare“ erregt bis in weiteste Kreise der Bewegung hinein großen Unwillen.“

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