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Ereignisse
1934
Februar

Februar 1934: Die Gestapo Aachen berichtet für den Regierungsbezirk Aachen

Unter „Verhalten der katholischen Geistlichkeit“ wird berichtet: „Die im Januar noch in großer Zahl eingegangenen Beschwerden über das Verhalten katholischer Geistlicher sind im Februar seltener geworden. Dabei dürfte mitsprechen, dass sich das Verhältnis zwischen Hitler-Jugend und katholischen Jugendverbänden, das einzelne Pfarrer immer wieder auf den Plan rief, gebessert hat, dass die Geistlichkeit sich im Glauben an ein Fortschreiten der Konkordatsverhandlungen z. Zt. gewisse Zurückhaltung auferlegt, dass das akute Interesse an der Frage der Sterilisierung und an Rosenbergs ‚Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts‘ insbesondere nach seiner großen Rede über die Weltanschauung des Nationalsozialismus zurückgegangen ist und dass auch die seitens der Regierung in besonders krassen Fällen ausgesprochene Entziehung der Berechtigung zur Erteilung des Religionsunterrichtes sowie veranlasste Verwarnungen einzelner Geistlicher durch das Generalvikariat ihre Wirkung nicht verfehlt haben.

Wenn trotzdem gerade auf dem Lande das Verhältnis zwischen katholischer Geistlichkeit und Bewegung heute vielfach noch ein gespanntes ist, so tragen hieran nicht zuletzt oft ungeeignete Führer der Hitlerjugend und gegenüber der Geistlichkeit provozierend auftretende Unterführer einzelner Gliederungen der NSDAP. die Schuld. Durch ihr Verhalten wird häufig bei den Geistlichen eine Verärgerung und Erbitterung erzeugt, die sich dann schließlich in Handlungen und Äußerungen gegen die Bewegung allgemein Luft macht und auswirkt. Dabei ist es meist so, dass die Verwaltungsbehörden gegen die Geistlichen scharf vorgehen und nicht selten auch beim Generalvikariat Maßnahmen gegen sie erreichen, während vielfach die Bewegung über unkorrektes Verhalten ihrer Unterführer gegenüber der Geistlichkeit hinwegsieht. Diese meist unnötigen Reibereien und Zusammenstöße gerade auf dem Lande tragen m.E. in erster Linie auch mit die Schuld daran, dass die Frage der Eingliederung der katholischen Jugend in die Hitlerjugend noch nicht weiter vorangeschritten ist. Es kann allerdings berichtet werden, dass die von der hiesigen Stelle hinsichtlich der Betätigung der konfessionellen Jugend am 20.1. 1934 erlassene einschränkende Anordnung sich durchaus bewährt hat, und seit der Zeit besondere Zwischenfälle nicht mehr zu verzeichnen gewesen sind. Es schweben sogar z. Zt. wegen der Frage der Eingliederung der katholischen Jugend des hiesigen Bezirks in die Hitlerjugend lose und vertrauliche Verhandlungen zwischen HJ-Führung und Geistlichkeit. Hinzu kommt, dass der Übergang vom Winter zum Frühjahr mit seiner Verlegung des Jugendbetriebes aus den Heimen ins Gelände schon an sich eine Stärkung der Hitlerjugend bedeutet. Viele Angehörige gerade des Jungvolks sind deshalb im Winter wieder zu den konfessionellen Jugendverbänden zurückgekehrt und viele deren jüngerer Angehöriger haben sich während des Winters deshalb noch nicht zur Hitlerjugend gefunden, weil die konfessionellen Jugendverbände über bessere und ausgestattetere Heime, insbesondere die Pfarrheime verfügen und auch ihre Führerkräfte in der Veranstaltung von Heimabenden weit mehr ausgebildet sind als die der Hitlerjugend. Deren Stärke liegt - zur Zeit jedenfalls – zweifellos in der Betätigung im Gelände, weshalb sich die katholische Jugend mit Beginn des Frühjahrs wieder mehr zu ihr hindrängt. Endlich muss festgestellt werden, dass bei der Frage des Übertritts einzelner Angehöriger der katholischen Jugendverbände ein gewisses Solidaritätsgefühl eine Rolle spielt. Selbst dann, wenn zwischen Hitlerjugend und katholischer Jugend ein gutes Verhältnis besteht, wollen deren Angehörige oft deshalb nicht einzeln übertreten, weil ein Gefühl kameradschaftlicher Verpflichtung dem alten Kreise gegenüber und das Bewusstsein, sich allein im neuen Kreise unsicher zu fühlen, sie daran hindern. Nicht unrichtig dürfte auch die von dem Diözesanpräses mir gegenüber gemachte Äußerung sein: ‚Die Hitlerjugend hätte uns lange haben können, wenn sie taktischer vorgegangen wäre, insbesondere das Problem der Überleitung von der Seite der Führerfrage aus aufgerollt und sich nicht auf einen Kleinkrieg verlegt hätte, der unsere Jungens in ihrem Stolz verletzen und zusammenschweißen musste.‘“

Rubrik „Vorgänge innerhalb der evangelischen Kirche“: „Der evangelische Pfarrer Hermann in Kirchseifen wollte ein ihm vom Bannführer der Hitlerjugend vorgelegtes Schriftstück, in dem er sein Einverständnis zur Überführung der evangelischen Jugend seines Pfarrbezirks in die HJ. erklären sollte, nicht anerkennen.

Im Übrigen hat die Persönlichkeit des Reichsbischofs Dr. Müller, der anlässlich der Überführung der evangelischen Jugendverbände in die Hitlerjugend am Sonntag, dem 18.2.34 in Aachen weilte, durchweg einen guten und tiefen Eindruck hinterlassen, der im hiesigen Bezirk die an sich schon dominierende Stellung der Deutschen Christen noch weiter gestärkt hat. Andererseits wirken die täglichen Meldungen über neue Streitigkeiten und Auseinandersetzungen in der evangelischen Kirchenführung auf die Gemeinden immer lähmender. Man glaubt in ihnen ausschließlich den Machtkampf einer Pfarrergruppe gegen die andere zu erkennen, an dem die kirchlichen Laien kaum beteiligt sind.“

Rubrik „Jüdische Vereine“: „Außer den angeführten Vereinigungen bestehen noch einige religiöse, caritative und Jugendverbände sowie die jüdische Westmark-Loge, die sich bisher jedoch in irgend einer besonderen Weise nicht betätigt haben. (…) In der Stadt Aachen hat im Gegensatz zu den zahlreichen Veranstaltungen der jüdischen Vereine im Monat Januar im Monat Februar nur eine Versammlung des Reichbundes jüdischer Frontsoldaten stattgefunden, an der etwa 250 Personen teilnahmen. Als Redner trat ein Dr. Fränkel aus Berlin auf (…).In seinen weiteren Ausführungen befasst sich der Redner hauptsächlich mit dem Schicksal der jüdischen Jugend in Deutschland. Die höheren Berufe seien der jüdischen Jugend verschlossen. Sie müsse daher wieder zurück zum kleinen Handwerker und Geschäftsmann. Mit dieser Umstellung müsse auch die geistige und seelische Umstellung der jüdischen Jugend Hand in Hand gehen.

Die in Aachen bestehenden jüdischen Jugendverbände sind an die Ortspolizeibehörde mit der Bitte herangetreten, ihnen das Auftreten in einheitlicher Kluft zu genehmigen. Zur Begründung ihres Antrages berufen sie sich darauf, dass der Jugendführer des deutschen Reiches den jüdischen Jugendverbänden und Vereinen, soweit diese dem Reichsausschuss der jüdischen Jugendverbände e.V. angehören, das Tragen einheitlicher Tracht gestattet habe. Auf meinen einschlägigen Bericht vom 1.3.34 nehme ich Bezug.

Rubrik „Die Bewegung und ihre Organisationen“: „Während sie, wie bereits erwähnt, (…) im Berichtsmonat im allgemeinen sich gegenüber den katholischen Jugendbünden zurückhaltender verhielt, ereignete sich ein besonderer Vorfall am Sonntag, dem 14.2.34 in Düren, wo die nationalsozialistischen Jugendverbände eine Protestkundgebung gegen die katholischen Jugendverbände veranstalteten. Auf dem Marktplatz sprach der etwa 18 Jahre alte Propagandawart Scherpe zu den dort aufmarschierenden Jugendverbänden (etwa 2000 Personen). In scharfen Worten sagte er den katholischen Jugendverbänden den Kampf bis aufs Messer an. Ganz besonders geißelte Scherpe das Verhalten der Führer dieser Verbände. U.a. sagte Scherpe: ‚Im Kriege hat man auch zweierlei Soldaten gehabt, und zwar Frontsoldaten und Etappenschweine. Die HJ. ist Staatsjugend und revolutionär. 21 Jungens sind aus ihrer revolutionären Idee heraus in den Tod gegangen. Die HJ. ist daher im Gedenken an diese 21 Toten und auf Grund ihres Treugelöbnisses zum Führer verpflichtet, keinen Schritt von ihrem revolutionären Kampfe abzuweichen. Wir sind die Frontsoldaten, und wer die Etappenschweine sind, das könnt Ihr Euch ja denken.‘“

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