Oktober 1934: Die Gestapo Recklinghausen berichtet für den Regierungsbezirk Münster
„Das Wirken des politischen Katholizismus ist in der hiesigen katholischen Kirche im ganzen Bezirk weitgehendest spürbar und nicht ohne beachtenswerte und der politischen Beobachtung auffallende Erfolge. Die Teilnahme an den Prozessionen und Wallfahrten von kirchlichen Veranstaltungen, die sich weit über das bisher übliche Maß vermehren, ist geradezu erstaunlich. Bei der Marienfeier in Bocholt war die ganze Stadt auf den Beinen, während sich zu einem gleichzeitigen Bannaufmarsch der Hitler-Jugend fast keine Zuschauer einfanden. Bei Anwesenheit des Weihbischofs in Bocholt, die unter größter Anteilnahme der Bevölkerung stattfand, wurden bedauerlicherweise an der Wohnung des Kaplans eine Christus- und eine Bischofsfahne gestohlen. Bel der Besprechung dieses Vorfalls in allen Kirchen wusste jedermann, dass sich die Ausführungen der Geistlichen gegen die Hitler-Jugend richteten, in deren Kreisen die nicht ermittelten Täter vermutet werden. An einer üblichen Prozession von Münster nach Telgte nahmen etwa 10.000 Personen teil. In Dorsten flaggten die katholischen Kirchen zum Erntedankfest nicht.
Die Christkönigsfeiern am 28. Oktober wurden allerorten zu Ansprachen, unter denen besonders die Ansprache des Bischofs Clemens August in Münster auffiel, benutzt, in denen das Führertum Christi in einer Form zum Ausdruck gebracht wurde, die als eine Spitze gegen das weltliche Führertum des Nationalsozialismus aufgefasst werden musste. (…)
Das kirchliche Vereinsleben ist sehr rege. Die Vereine und Verbände versuchen, ihren Zusammenhalt trotz der ihnen auferlegten Beschränkungen mehr denn je geistig zu fördern. Ein Erfolg der Befestigung des inneren Zusammenhaltes der katholischen kirchlichen Verbände ist nicht abzuleugnen. (…)
Die Jugendorganisationen der Sturm- und Jungscharen verletzten im Laufe des Berichtsmonats mehrfach und absichtlich die Bestimmungen meiner staatspolizeilichen Anordnung vom 28.6.1934 über das öffentliche Auftreten konfessioneller Verbände. Trotz Zeltverbots errichtete die Sturmschar St. Mauritz-Münster im Kreise Warendorf «in Wochenendzeltlager. Das gleiche geschah in Werne, wo unter Beteiligung von Trommlern und Bannerträgern sogar ein gemeinschaftlicher Zug in die Kirche nach Bork stattfand. In der Liebfrauengemeinde in Recklinghausen zog der als oppositionell besonders bekannte Jugendpräses Witte sämtliche Ortsgruppen der Sturmscharen zu einer Veranstaltung zusammen, auf der der Reichssturmscharführer Steber aus Düsseldorf sprechen sollte. Ich habe diese demonstrativ gehaltene Veranstaltung aufgelöst. Gegen die Sturmscharen in Mauritz und Werne bin ich mit Beschlagnahme der Zelte, Verhängung von Schutzhaft und Erhebung von Zwangsgeld vorgegangen.
Die im Berichtsmonat gemachten Erfahrungen lassen auf eine Stärkung des Selbstbehauptungswillens der unter dem Einfluss des politischen Klerus stehenden katholischen Bevölkerung schließen, aus der sich, auf lange Sicht gesehen, Gefahren für die zukünftige Entwicklung der nationalsozialistischen Idee im hiesigen Bereich entwickeln können, weil hierin Ansätze zu einer geistigen Widerstands« front erblickt werden können. (…)
Hitler-Jugend.
Bei der Hitler-Jugend ist in den letzten Monaten eine höchst erfreuliche Entwicklung festzustellen. In der Einsicht, dass Gewalttätigkeiten gegen die konfessionelle Jugend letzten Endes nur der H.J. selbst schaden, wendet sich die H.J. meines Amtsbereiches mit großem Ernst der Aufgabe des inneren und organisatorischen Ausbaues zu.
Es wird auch immer weniger beobachtet, dass einzelne H.J.-Führer sich öffentlich ungeschickt und schädigend auslassen. Auch hier ist die erfreuliche Wirkung der in der H.J. nunmehr einsetzenden eigenen Erziehungsarbeit zu spüren, die auch auf der großen vom Reichsjugendführer besuchten Tagung in Münster am 21. Oktober ihren beredten Ausdruck fand. Die Ansprachen, in denen die Jugend auf das Leistungsvorbild der ihr vorhergehenden Generation und auf die Pflicht zur Nacheiferung hingewiesen wurden, fanden ungeteilten Beifall.
Nach Mitteilung der H.J. sind bei der Abhaltung des Staatsjugendtages noch Schwierigkeiten dort zu überwinden, wo die in Betracht kommenden H.J.-Führer am Sonnabend selbst in Arbeit stehen und die Veranstaltung des Staatsjugendtages in Händen mehr oder weniger geeigneter Vertreter legen müssen. Die H.J. ist bemüht, auch hier eine Führerauslese zu treffen und geeignete Persönlichkeiten mit den ihnen zufallenden Aufgaben zu betrauen.“