Strategiepapier von KJMV-Diözesanpräses Roth
Zu einem nicht näher zu bestimmenden Zeitpunkt zwischen April und Juni 1934 verfasst der Münsteraner Diözesanpräses Heinrich Roth ein Vortragsmanuskript zur „Jugendarbeit in der neuen (d. h. anomalen) Situation“, dem man nach Meinung von Christoph Kösters die Funktion eines „Strategiepapiers“ beimessen kann.
Es sind zwei Kernfragen, die Roth beschäftigen: Zum einen die Frage, wie sich - innerkirchlich - die katholische Jugendarbeit unter dem Druck der nationalsozialistischen Herrschaft weiterentwickeln würde, zum anderen das Problem, wie man - äußerlich - auf die weltanschauliche Herausforderung reagieren sollte.
Dabei macht Roth das Streben zu einer geschlossenen Pfarrjugend als zentrales Kennzeichen der Zeit nicht nur beim Jungmännerverband, sondern z. B. auch beim Bund Neudeutschland aus. „Ob organisch oder gewaltsam“, so sein Fazit, „die Blockierung zur katholischen Jugend, Pfarrjugend wird immer mehr kommen.“ Die Konzentration nach innen werde - so Roths weitere Einschätzung -schon deshalb kommen, weil die „Dynamik der HJ“ eine Propagierung und Förderung der äußeren Betätigungen der katholischen Jugend, auch wenn sie anerkannt und geschützt würden, nicht mehr wie früher zuließen.
Zur zweiten Kernfrage, den „Allgemeinen Grundsätzen für den Kampf“, heißt es, dass es bei der weltanschaulichen Ausrichtung der Hitlerjugend keinen Frieden geben könne. Es dürfe darum in keiner Weise laues Zurückweichen geben, sondern nur kämpferische Selbstbehauptung. Und weiter: Je mehr es zur Verschärfung des Kampfes komme, desto mehr seien „Fanale“ notwendig. Die schlimmste Gefahr sieht Roth in der „kalten Abdrosselung“. „Wir müssen uns verbieten lassen, hineinprügeln lassen in die Sakristei, nicht lau verzichten und müde hineingehen. Der Kampf muss Elan, Vitalität, Schwung haben: wichtig ist die ‚Frontgeneration‘ im Klerus.“
Wie gedenkt der Diözesanpräses diesen Kampf um die Glaubensbewahrung und -vertiefung zu organisieren? Die Abwehr müsse erstens einheitlich, zweitens schlagkräftig und drittens lebendig befreiend sein. wozu er unter anderem zählt, sich örtlich zunächst mit allen Mitteln zu wehren und den Widerstandswillen zu wecken. Angriffe, wie etwa das Verbot, die „Junge Front“ öffentlich zu verkaufen, müssten positiv ausgewertet und die Zeitung dann eben in der Kirche verkauft werden.
Zum Aufbau einer „Kampffront“ muss nach Roths Ansicht zunächst deren Vertiefung erreicht werden: Die Eltern seien über die weltanschauliche Erziehung in der HJ aufzuklären; die Pfarrgemeinde als solche müsse in das Bewusstsein gehoben werden, indem man den „Korpsgeist des ganzen kath. Volkes“ aktiviere und praktisch dokumentiere. „Hinter uns muss stehen die ganze kath. Jugend, dann die Eltern, die Kirche.“
Zum anderen müsse die Kampffront von innen her durch Schulung, Einsatz und Erlebnis gestärkt werden: Mit Findigkeit sei aus den vorhandenen Möglichkeiten möglichst viel herauszuholen. Im Übrigen müsse deutlich gemacht werden, dass es sich um die Entfaltung religiöser Energien handele: Öffentliche Kirchenveranstaltungen wie Fronleichnamsprozessionen oder Wallfahrten seien hier ebenso wichtig wie die Führergemeinschaft des Vereins und die Aktivitäten in ihm: „Der Verein als Ganzes soll möglichst oft Zusammenkommen: Gemeinschaftsmesse, gemeinsames Abendgebet.“
Heinrich Roths Aufzeichnungen gewähren insgesamt einen bemerkenswerten Einblick in die innerkirchliche „Lagebeurteilung“ und „Strategiediskussion“. Im Großen und Ganzen wird hier jene Linie aufgezeigt, die für das Verhalten der katholischen Jugendorganisationen gegenüber der nationalsozialistischen Herausforderung bestimmend sein sollte.