Bündische Jugend

Der Stromkreis – Bündische Opposition in der NS-Zeit

Eine im Gegensatz zum „Bündischen Selbstschutz" eher lokal orientierte, aber eine keineswegs mindere Bedeutung kam dem „Stromkreis" zu, der sich nach 1933 in Düsseldorf bildete.[1]

Eine seiner zentralen Figuren war der 1913 in Düsseldorf geborene Konrad „konni" Simons, der dort in den frühen 1930er Jahren als Führer einer Gruppe der Deutschen Freischar tätig war. Nach dem schnellen Verbot der bündischen Gruppen Mitte 1933 gründete „konni" den illegalen „Stromkreis", wobei er in direktem und intensivem Kontakt zum „Jugendhaus Düsseldorf", der Zentrale des Katholischen Jungmännerverbandes - und hier namentlich mit dem mit ihm befreundeten Klaus Franken - stand.

Der „Stromkreis" geriet naturgemäß in den Fokus der Gestapo und galt spätestens seit 1936 als „staatsgefährdende" und „getarnt fortgeführte" bündische Vereinigung. Tatsächlich war „konni" Simons auch mit Hans Ebeling befreundet, der im Exil die widerständige Zeitschrift „kameradschaft" herausgab.

Simons, der 2009 gestorben ist, verfasste bereits 1948 einen „kurzen Entwurf" zur Geschichte des „Stromkreises", der aber nie veröffentlicht wurde, bis ihn Arno Klönne 2011 in der ZEITUNG der Freischar zum Abdruck brachte. Er ist hier komplett wiedergegeben:

Die bündische Opposition in Düsseldorf

Als im Jahre 1933 die Zwangsorganisation der deutschen Jugend in der HJ erfolgte, gründete ich als 20-jähriger Student eine unabhängige bündische Gruppe mit dem Ziel, die ihr an­gehörenden Jungen im bündischen Geist und in Opposition zur HJ zu führen. Ermutigt und beeinflusst wurde ich in dieser Tätigkeit durch den Leiter des Gaues „Stromwache" des Deut­schen Pfadfinderbundes, Dr. H. G., und den Führer der Düsseldorfer Freischargruppe, R. R. Dem Kern der Gruppe gehörten 25 Jun­gen der Jahrgänge 1920-23 an, Söhne von Handwerkern, Kaufleuten und Akademikern. Die Tendenz der Gruppe, die nach der Haus­nummer ihres Heimes „5 a" genannt wurde, war die der Freischar-Jungenschaft. Zusam­menkünfte und Heimabende fanden mehrmals wöchentlich statt, und zwar in dem genannten Heim in der Grafenberger Allee, in meiner Wohnung und, gleichzeitig als Lager, in den Niepschen Kulen bei Krefeld-Traar, dem ehe­maligen Freischarheim.

In den großen Ferien trampten und wanderten die Jungen durch Belgien, Holland, Frankreich, England, die Schweiz, Italien, Dänemark, Norwegen, Finnland (Lappland). Noch Ende August 1939 befanden sich einige Jungen auf Fahrt in Belgien und Frankreich als Angehörige einer belgischen Jungengruppe.

Diese Reisen ins Ausland waren für uns notwendig, denn ein freies Wandern war in der Gemeinschaft für uns nur in fremden Län­dern möglich. So führen wir getrennt durch Deutschland, um uns in fremden Ländern wie­der zu vereinigen. Durch die Erzählungen unse­rer jungen Freunde im Ausland, die uns stets stark unterstützten, und durch die Begegnung mit diesen jungen Menschen selbst, die wir unter dem blauen Himmel Italiens, zwischen den felsigen Steinklippen der Riviera, in den Fjorden Norwegens, auf den grünen Wiesen Englands und in den dunklen wilden Wäldern Lapplands trafen, erlebten wir die Freiheit, die wir so sehr liebten. Diese Sehnsucht weckte in den Jungen eine Zusammengehörigkeit, wie man sie wohl selten fand. Unsere Begegnungen mit der HJ waren nicht besonders tragisch, denn wenn wir auf kleineren Reisen Deutsch­land durchkreuzten, dann geschah es so, dass wir dem sog. Streifendienst entgingen und wir uns nur dort trafen, wo wir uns ungestört glaubten. 1938 war es das letzte Mal, dass insgesamt 15 Jungen in blauer Montur an einem Lager teilnahmen, das jedoch schnells­tens wieder aufgelöst werden musste, weil der Streifendienst schon die Polizei benachrichtigt hatte. Denn so durfte uns die Gestapo nicht überraschen. Die häufigen Verhöre in dem Gebäude der HJ-Gebietsführung waren oft hinterhältiger Art, doch war es für jeden eine Pflicht der Gruppe gegenüber, nichts von unse­rem Geist, von unserem Leben und überhaupt von unserer Existenz zu erzählen; obwohl wir schon zur Genüge bekannt waren, gelang es nie, uns etwas nachzuweisen.

Um eine Beeinflussung der Jugend über Düsseldorfs Grenzen hinaus zu ermöglichen, bemühten wir uns um eine Reihe Publikationen. Wir nahmen Verbindung mit Günther Wolff, Plauen i. V, auf, um den „Eisbrecher" weiter­zuführen. Günther Wolff kam deswegen auch zu uns. Vor allem die Nummer 9 des letzten Jahrgangs stammte aus unserem Kreis. Ähnlich gestalteten wir auch eine Nummer der „Spur", Potsdam. Beide Zeitschriften wurden aber bald verboten. Wir arbeiteten mit Bild und Text an den Wölfischen Kalendern mit und gaben, um eine getarnte Zeitschrift zu drucken, das „Buch der Jungen" bei Günther Wolff in verschiedenen „Lieferungen" heraus, das aber nach vier solcher Hefte auch verboten wurde. Als letzte bündische Veröffentlichung überhaupt ist m. E. der von der katholischen Jungenschaft in Recklinghausen herausgegebene „Speerflug" anzusehen, ein Bilderwerk ähnlich dem „Buch der Jungen", das der mir befreundete Jungscharführer Klaus Franken in Düsseldorf zusammenstellte. Klaus Franken weilte damals oft bei uns. So befinden sich in diesem Buch eine Reihe Texte und Fotos von uns. Kurz nachdem dieses von der Jugend gut aufgenommene Buch mit 20 000 Auflage verteilt war, wurde es auch verboten und be­schlagnahmt. 1938 zusammengestellt, erschien es 1939 und 1940.

Es ist nur zu natürlich, wenn wir Fühlung nahmen mit allen Gruppen, die in Opposition standen. 1936 gab es nur kleine, unbedeutende Gruppen in Düsseldorf. Ab 1937 waren wir die einzige bündische Gruppe. Dafür zeigte sich aber in der Katholischen Jugend reges Jun­genleben. Kurz bevor Franz Steber, der Führer der Sturmschar, verhaftet wurde, hatte ich eine Besprechung mit ihm. Ich blieb die ganze Zeit über mit der Schriftleitung der „Wacht" in Fühlung. Die Verbindung mit Günther Wolff riss 1938 ab, als der Oberstaatsanwalt von Düs­seldorf den Verlag auflöste. Günther wurde u. a. auch wegen unserer Publikationen angeklagt und zu Gefängnis verurteilt. In der Anklage­schrift gegen ihn heißt es u.a. über das „Buch der Jungen": Diese Herausgaben stammen von bündischen Führern bzw. aus bündischen Kreisen und sollten, wie Günther Wolff angibt, der Aufrechterhaltung der bündischen Idee dienen." Bernd Oelbermann, den jüngsten der Brüder, die den Nerother Bund führten, traf ich noch während des Krieges im Jahre 1943.

Den sachlichen Erfolgen der Gruppe ent­sprechen z. T. schwere persönliche Nachteile der einzelnen Mitglieder. Schon früh, im Jahre 1934, wurden wir, angezeigt durch die HJ, von der Gestapo überwacht, was sich zunächst in den vorerwähnten Vernehmungen äußerte. Am gefährlichsten wurde der 1.11.1937, als eine Reihe Mitglieder der Gruppe, darunter der 14-jährige Hans-Harald Bräutigam und der 15-jährige Mättä Schürmann, nachts von der Gestapo verhaftet und im Auto weggeführt wurden. Sie wurden, nachdem sie sich tapfer gehalten hatten, am Morgen wieder freigelassen. Es folgten noch weitere Vernehmungen. Auch ich wurde geholt und erlebte die übliche Haussuchung.

Die Schulen, der Gruppe zunächst positiv gegenüberstehend, weil die Reiseberichte für uns warben, nahmen sofort eine Oppositions­haltung ein, als sie erfuhren, dass wir außerhalb der HJ standen. Die meisten Lehrer waren uns feindlich gesinnt, die anderen ignorierten uns. So wurde Hans-Harald Bräutigam, der der Schule des Oberstudiendirektors Dr. Ellenbeck angehörte, von seiner Klasse (Ordinarius Dr. Heinz Stolz) in die Parallelklasse strafversetzt, weil er weiter mit seinem alten Freundeskreis trotz Verbot in Verbindung blieb. Auf diese Weise jedoch kam H. H. B. zu Dr. Körholz, der der einzige von allen Lehrern in diesen Jahren war, welcher der Gruppe wohlwollend begeg­nete. Allerdings bedeutete es nichts Leichtes für den Jungen, aus der Klasse ausgeschlossen zu werden, der er seit sechs Jahren angehörte.

Trotz aller Schwierigkeiten blieb die Grup­pe fest zusammen, wenn sie sich auch in den letzten Jahren ganz nach innen konzentrieren musste. Es gelang uns, der Gestapo, die uns „bündische Umtriebe kulturbolschewistischer Art" vorwarf, klarzumachen, dass wir niemals mit mehr als drei Mann auf Fahrt waren. Darauf kam es in allen Verhören an, und die Jungen, durch mich instruiert, schwiegen. So schafften wir es, unsere aktiv tätige Gruppe „5 a" zu verschweigen.

Im Jahre 1940 wurden auch die Jüngsten in die Wehrmacht berufen. Damit wurde das Jungenleben beendet. Weitaus der größte Teil der Gruppe ist im Krieg gefallen oder wird vermisst. Einige von diesen schrieben in ihrem letzten Brief an mich, dass sie bei der Gruppe die schönsten Tage ihres Lebens erlebt hätten."

Fußnoten

[1] Die folgende Darstellung nach: Arno Klönne (mit einem Bericht von Konrad Heinrich Simons): Der Stromkreis - bündische Opposition in der NS-Zeit; in: ZEITUNG Deutsche Freischar 3/2011, S. 54f. Der hier abgedruckte Bericht von Konrad Heinrich Simons findet sich ebenda, S. 55-58. Arno Klönne einen herzlichen Dank für den Hinweis auf diesen Beitrag.