Bündische Jugend

Die Bündischen aus NS-Sicht

Zeichnung aus der HJ-Zeitschrift „Niederrheinische Fanfare" aus dem Jahr 1939


Die Sicht der Reichsjugendführung auf die Bündische Jugend war zwiegespalten. Auf der einen Seite hatte man großes Interesse daran, die Bündischen in die HJ zu integrieren, auf der anderen Seite sah man die Gefahr einer bündischen Unterwanderung der HJ. Vor allem dort, wo sich ganze Gruppen bündischer Jugendlicher in der HJ sammelten, war diese Befürchtung sehr präsent und auch nicht unberechtigt. Bis 1935 war die Reichsjugendführung angesichts rasant steigender Mitgliedszahlen und des daraus resultierenden ausgeprägten Führermangels jedoch zugleich darauf angewiesen, die Erfahrungen der bündischen Jugendlichen für sich zu nutzen, da fast nur sie auf dem Gebiet der selbstorganisierten Freizeitgestaltung Kenntnisse hatten und es verstanden, die Jugend für sich zu begeistern und anzuleiten.

Daher war die HJ sehr darum bemüht, möglichst schnell eigene Führer auszubilden, die im Sinne der HJ ideologisch gefestigt waren. So wurde für das Jahr 1934 die Parole „Jahr der Schulung" ausgegeben und verstärkt Führerschulungen durchgeführt. Dadurch konnte die HJ die bündischen Führer mehr und mehr durch systemkonforme Jugendliche ersetzen, womit sie nicht zuletzt die „Gefahr bündischer Umtriebe" mindern wollte.

Als „bündisch" galten dabei in den Anfangsjahren diejenigen, die vor 1933 einem Bund angehört hatten. Dabei waren es vor allem ehemalige Angehörige von dj.1.11 und Nerother Wandervogel, die als „gefährlich" eingestuft wurden. Mit dem Zunehmen „wilder Cliquen" wurde der Begriff dann jedoch auch auf Jugendliche ausgedehnt, die sich zwar bündischer Formen bedienten und sich z.T. auch als „bündisch" bezeichneten, die aber nie in einem Bund organisiert waren und auch keine neuen Bünde gründeten. Da unter ihnen viele Jugendliche waren, die sich weigerten, in die HJ einzutreten und ihr gegenüber zudem eine provokante Antihaltung an den Tag legten, suchte die Reichsjugendführung nach Mitteln und Wegen, diese Jugendlichen zu disziplinieren. Hierzu diente schließlich ein Erlass des Innenministers vom 4. Februar 1936, der noch existierende Gruppen auflöste und künftig jede Form bündischer Betätigung unter Strafe stellte. Das Auf-Fahrt-Gehen, das Singen bestimmter Lieder oder das Tragen von Abzeichen war seitdem als „bündisch" offiziell verboten. Damit hatte man eine Grundlage dafür, die Jugendlichen durch Polizei oder Gestapo verhaften zu lassen - oder sie einfach vor Ort zu verprügeln.

Eine andere beliebte Methode der Gestapo war es, die Jugendlichen zu Kommunisten abzustempeln und sie auf dieser Grundlage zu verfolgen. Als „Beweis" dafür diente der in vielen Bünden der 1920er und frühen 30er Jahre verbreitete Russenkult. Vor allem die dj.1.11 mit ihren russischen Liedern und Balalaikas galt als „kulturbolschewistisch verseucht", nicht zuletzt weil deren Führer Eberhard Koebel vorübergehend Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war. So hetzte die Führerzeitschrift der HJ „Wille und Macht" schon 1933: „Bündische Jugend ist heute Bolschewismus".

Gelang es nicht, Jugendliche aus politischen Gründen zu verfolgen, wurde auch das Verbot der Homosexualität herangezogen - dies allerdings zumeist als reiner Vorwand mangels anderer Belastungsmöglichkeiten, wie 1941 in einem Lagebericht der HJ freimütig eingestanden wurde: „Bei der Bekämpfung der Bündischen Jugend aus politischen Gründen gelang mangels anderer gesetzlicher Grundlagen die Zerschlagung der Bünde fast immer auf dem Wege über ein Strafverfahren wegen Vergehens nach §175 StGB." [1]

Fußnoten


[1] Zitiert nach Hellfeld, S. 188