Bündische Jugend

Die Bündische Jugend in der Weimarer Zeit

Der Altwandervogel Essen-Süd (später DF) „auf Fahrt" in der Nähe von Langenberg, August 1925


Die bündischen Gruppen der Weimarer Zeit standen in der Tradition der Jugendbewegung, die aus der Wandervogelbewegung Ende des 19. Jahrhunderts entstanden war. Die „Wandervögel" wandten sich mit ihrer ausgeprägten Naturverbundenheit gegen die moderne, industrielle Massengesellschaft. Großstadt- und politikfern konzentrierten sie sich auf Selbstbildung und waren dabei nicht frei von völkischen Untertönen und „vaterländischer Gesinnung", wandten sich aber entschieden gegen jegliche Bevormundung durch die staatliche Jugendpflege und zumindest partiell auch gegen die strenge Befehlshierarchie der Pfadfinder. [1] Das Wandern in der Natur entsprach ihrem Lebensideal.

Nach dem Ersten Weltkrieg entwickelten die rund zwanzig Verbände der Bündischen Jugend die Ideen der Wandervogelbewegung weiter. Sie sahen sich in deren Tradition, jedoch rückte in den Bünden die „Gemeinschaft" zunehmend stärker in den Blick. Der Bund als „elitäre Gemeinschaft mit aristokratischen Zügen und einer auf dem persönlichen Charisma eines ‚Führers' beruhenden Führer-Gefolgschafts-Struktur" wurde zum Leitbild.[2] Gemeinsame Wanderungen und Fahrten bestimmten dabei das Gruppenleben, wobei sich die Bünde bewusst an Lebens- und Gesellschaftsformen „primitiver Völker" orientierten. So nannten sie ihre Untergliederungen Stämme, Horden oder Rudel und verorteten sich selbst außerhalb der Gesellschaft, was nicht zuletzt auf eine verbreitete Ablehnung der Weimarer Demokratie zurückzuführen war.[3]

Im Vergleich zu den früheren Wandervögeln, die eher unorganisiert auftraten, zeigten sich die bündischen Jugendlichen zunehmend straffer organisiert, uniformiert und diszipliniert: „Der fröhliche, bewimpelte ‚Sauhaufen' wich strengen Formationen, die Geschlossenheit und Stärke vortäuschten." Nicht nur das Auftreten, auch die Umgangs- und Stilformen änderten sich. Höhepunkte waren nun große Bundeslager und Bundesfeste, aber auch Heimabende, Wanderungen und Fahrten gehörten weiterhin zum Alltagsrepertoire der bündisch bewegten Jugend. In der Weimarer Zeit fanden verstärkt Landsknechts-, Soldaten-, Ritter- und Seeräuberlieder Eingang ins bündische Liedgut, und sie wurden nun nicht mehr von Geigen, Mandolinen und Flöten, sondern von Fanfaren, Gitarren und Trommeln begleitet. Hinzu kamen weitere Neuheiten wie nächtliche Kerzen- oder Fackelzüge, Flaggenappelle, Sprechchöre, Tänze und anderes mehr. Aus dem Pfadfindertum wurden zudem Rangabzeichen, Symbole und spezielle Rituale übernommen.

Der wesentliche Bezugspunkt für die Jugendlichen - zumindest die männlichen - wurde mehr und mehr der „Männerbund", den man bewusst als solchen propagierte. Das neue Model der Jugendarbeit lehnte sich an die Struktur mittelalterlicher Ritterorden an, was dazu führte, dass zunehmend alte Burgen zu beliebten Treffpunkten und Zentren der Bünde wurden - eine Feststellung die im Übrigen auch für die katholischen Jugendverbände Geltung hat. Die heute noch bündisch orientierte Jugendburg Ludwigstein, die auch das Archiv der deutschen Jugendbewegung beheimatet, oder Burg Waldeck im Hunsrück als „Sitz" der „Nerother" und ihres Archivs sind eindrucksvolle „Überbleibsel" aus dieser Zeit.

Die gängige Verhaltensnorm innerhalb der bündischen Jugend lautete „Befehl und Gehorsam" gegenüber dem (idealtypisch) „charismatischen Führer". Sie beruhte allerdings eindeutig mehr auf Freiwilligkeit und Freundschaft denn auf Zwang, weshalb jedem Führer seine Position auch wieder entzogen werden konnte. Anspruch und Realität klafften gerade in der Führerfrage jedoch häufig weit auseinander.

Bis zum Ende der 1920er Jahre waren all die geschilderten Elemente zentral für die innere Struktur und Gestaltung der Arbeit in den Bünden. Ab etwa 1925 entwickelte sich parallel dazu eine neue, „jungenschaftliche" Strömung innerhalb der Bündischen Jugend, durch die Sachlichkeit, Rationalität und technisches Interesse zunehmend in den Fokus rückten. Auch Sport wurde in diesem Zusammenhang nunmehr ein hoher Stellenwert innerhalb des bündischen Lebens eingeräumt. Dieser neuen und zunehmenden Rationalität innerhalb der Jugendbewegung wurde dann jedoch durch die aufkommende Radikalisierung und Politisierung der Gesellschaft Einhalt geboten. Durch nun verstärkt auftauchende Parolen wie „Jugend an die Front" erlebten vor allem die deutlich rechts- und linksorientierten Gruppierungen einen Aufschwung. Hieraus resultierender - oft blinder - Aktionismus bei zugleich wachsender jugendlicher Militanz führte zu einem erheblichen Zuwachs der Anhängerschaft sowohl der NSDAP als auch der KPD. Dabei übten völkische Gruppen und die NSDAP auf die bündischen Jugendlichen eindeutig eine höhere Anziehungskraft aus als kommunistisch ausgerichtete Initiativen. Mit ihren Inhalten und Versprechungen war die NS-Politik für viele jugendbewegte und bündische Jugendliche das, was sie sich schon lange in Form einer „Volksjugend-Bewegung" gewünscht hatten. Nicht wenige hofften, ihre bündischen Überzeugungen in die Hitlerjugend einbringen zu können.

Fußnoten


[1] Vgl. Herrmann, Arbeiterjugendbewegung, S. 20f. Ausführlicher auch Herrmann, Wandervogel

[2] Reulecke, Jugend, S. 101

[3] Dies und das Folgende nach Reulecke, Jugend, S. 101ff.