Evangelische Jugend in Essen

Pfarrer Wilhelm Busch - „Der konnte aus dem Stehgreif Geschichten erzählen, die faszinierend waren“

Pfarrer Wilhelm Busch während einer BK-Führerschulung im Weigle-Haus


Wilhelm Busch wurde am 27. März 1897 als Sohn des Pfarrers Dr. Wilhelm Busch in Elberfeld geboren. Nachdem er die Schule beendet hatte, kämpfte er als begeisterter junger Offizier im Ersten Weltkrieg. Seine politische Einstellung blieb auch nach dem Krieg national und konservativ. In der jungen Weimarer Republik begann Wilhelm Busch sein Studium der Theologie. Anschließend lernte er während seiner Zeit als Lehrvikar in Gellershagen bei Bielefeld seine spätere Frau kennen. Nach Essen kam der junge Theologe durch seine erste Stelle als Gemeindepfarrer. 1929 bestimmte ihn der Leiter und Gründer des Jugendhauses in der Hohenburgstraße, Wilhelm Weigle, zu seinem Nachfolger.

Dem charismatischen und redegewandten Wilhelm Busch gelang es fortan, die Jugend in seinen Bann zu ziehen. Er habe, so ein Zeitzeuge, „eine unheimliche Phantasie" gehabt, „der konnte aus dem Stehgreif Geschichten erzählen, die faszinierend waren. Das waren die Räuberpistolen und die waren unheimlich spannend. Die brachen immer an einer spannenden Stelle ab, nächsten Sonntag ging es weiter."[1] Auch die pietistisch geprägte Bibelarbeit sei „spannend vom ersten bis zum letzten, gespickt mit persönlichen Erinnerungen, mit persönlichen Erlebnissen" gewesen.[2]

Neben seiner Arbeit im Weigle-Haus hielt Wilhelm Busch Jugendgottesdienste in der Marktkirche, die durch seine Predigten stadtweit bekannt und auch bei Erwachsenen sehr beliebt waren. Deshalb versuchte die HJ ab 1933 immer wieder, gerade diese Gottesdienste in der Marktkirche mit Trommeln, Pauken und Fanfaren von außen zu stören. Wilhelm Busch pflegte in solchen Situationen den Gottesdienst zu unterbrechen und Lieder anzustimmen, die dann alle Kirchenbesucher gemeinsam sangen. Manchmal gingen aber auch, so ein Zeitzeuge, „handkräftige Männer raus" und sorgten dafür, „dass das da draußen aufhört".[3] Im Jahre 1939 wurde Wilhelm Busch schließlich ein Redeverbot für das gesamte Reichsgebiet auferlegt, wobei allerdings die Predigten in der Marktkirche als einzige ausgenommen waren. Als Grund für das Verbot wurden „staatfeindliche Äußerungen" angegeben, die seine Predigten und Reden wiederholt enthalten hätten. Sie würden „Zwiespalt in die Bevölkerung tragen und Ruhe und Ordnung" stören. Da sich Busch nicht immer an das Redeverbot hielt, kam es mehrfach zu Verhaftungen durch die Gestapo.[4]

Neben den evangelischen Pfarrern Held, Böttcher und Gräber war Wilhelm Busch einer jener evangelischen Pfarrer in Essen, die sich regional und reichsweit maßgebend im Kampf der Bekennenden Kirche einsetzten. Dennoch stand er nicht in allen Fragen konträr zu den Auffassungen der Nationalsozialisten. Im Gegenteil: Vor der Machtübernahme hatte sich Busch dem Nationalsozialismus gegenüber mehr als aufgeschlossen gezeigt. Als Anfang 1935 seitens der Gestapo weitreichende Ermittlungen zu seiner Person angestellt werden, gab ein Oberscharführer der SA, der Busch seit 1929/30 durch die Arbeit im Weigle-Haus gut kennengelernt hatte, zu Protokoll, er habe „nie aus seinem Munde etwas gehört, das mich als Nationalsozialist gekränkt hätte". „Im Gegenteil, seit seinem Amtsantritt als Jugendpfarrer hat er mich und meine Kameraden, die zum Teil höhere Führerstellungen in der HJ bekleideten, nicht nur im Nationalsozialismus bestärkt, sondern sogar Andersdenkende überzeugt. Ich erinnere mich an eine Helferversammlung, an der ich im Jahre 1931 teilnahm, dass er dort seinen Helfern ausgeredet hat, dass sie in mangelndem Weitblick den Christl. Soz. Volksdienst wählten und forderte sie auf, Hitler zu wählen." Auch Busch selbst habe seit 1930 „unbedingt nationalsozialistisch" gewählt, eine Behauptung, die von ihm selbst an anderer Stelle bestätigt wurde. Während der zuständige Pfarrer, so der SA-Mann weiter, es ablehnte habe, „die Kinder unseres damaligen Sturmführers im Jahre 1932 unter der Hakenkreuzfahne zu taufen, wurde Pfarrer Busch gebeten, diese Amtshandlung zu übernehmen. Im weiteren Verlauf nahm der damalige [SA-] Sturm 5/58 häufiger an seinen Gottesdiensten geschlossen teil. In der Erziehung seiner Jungen hat Pfarrer Busch Hervorragendes geleistet, seine Jungens sind mit wenigen Ausnahmen ein prachtvolles Führermaterial für die HJ geworden."

Angesichts solcher Lobeshymnen aus NS-Sicht gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass es hinsichtlich der Person des Jugendpfarrers in NS-Kreisen durchaus unterschiedliche Ansichten gab. Allerdings scheinen aus NS-Perspektive negative Beurteilungen fast ausschließlich auf die Weigerung Buschs zurückzugehen, die evangelische Jugend in die HJ zu überführen, ein Vorwurf, der zur Jahreswende 1934/35 etwa von der NSDAP-Ortsgruppe Essen-Steinplatz gegen ihn erhoben wurde. Zur gleichen Zeit urteilte die Ortsgruppe Essen-Mitte weitaus positiver: Wilhelm Busch sei mit 17 Jahren als Kriegsfreiwilliger ins Heer eingetreten, habe sich 1919 als Mitglied im „Studenten-Freicorps Stuttgart" an der Bekämpfung der Kommunistenaufstände in Württemberg beteiligt und auch während des Kapp-Putsches an der Bekämpfung der Kommunisten teilgenommen. „Die Einstellung von Pfarrer Busch zur NSDAP war und ist stets durchaus positiv. Er ist förderndes Mitglied der SS und Mitglied der NSV. Schon sehr früh ist er für die Bewegung bei jeder sich bietenden Gelegenheit eingetreten und hat sie nachweisbar in jeder Weise eifrig gefördert. Als noch sehr viel Mut dazu gehörte, ist er offen für die SA und SS eingetreten. Der HJ sind durch ihn eine große Zahl der besten Unterführer zugeführt worden. In seinem früheren Pfarrbezirk (Gegend um den Elisenplatz und Segeroth) hat Busch den Kampf gegen Marxisten und Kommunisten mit großem Erfolg geführt und ist dabei nachweisbar mehrere Male zusammengeschlagen worden. Busch, der seit mehreren Jahren Jugendpfarrer ist, ist einer der beliebsteten Prediger mit immer übervollen Kirchen, auch ist er Standortpfarrer der hiesigen Schutzpolizei." Zudem habe er in Zeiten der Wirtschaftskrise die seitens der NSDAP ausdrücklich gelobte „UfE" (Universität für Erwerbslose) ins Leben gerufen und sich in der Sozialfürsorge für Jugendliche „große Verdienste" erworben. „In ganz Deutschland und auch im Auslande ist er eine anerkannte Autorität auf dem Gebiet der evangelischen Jugendarbeit." Busch sei zudem in Kreisen der „Alten Kämpfer" sehr beliebt.[5]

Die Einstellung Buschs zum Nationalsozialismus änderte sich dann spätestens ab Mitte 1933 deutlich und nachhaltig, weil er insbesondere dem Versuch des NS-Regimes, die Kirche und ihre Jugend ganz für sich zu vereinnahmen, zunehmend kritisch gegenüberstand. So begehrte er derart entschieden und konsequent gegen die Eingliederung der evangelischen Jugend in die Hitlerjugend auf, dass er mit seiner klaren Linie reichsweit zu einem der Vorreiter in der Bekämpfung des Vereinnahmungsversuches wurde. Bei den Eingliederungsverhandlungen mit Reichsjugendpfarrer Zahn und der offiziellen Eingliederungsfeier der Essener Jugend glänzte er - wie hier an entsprechender Stelle ausführlicher geschildert wird - durch provokative Abwesenheit und hatte angeblich auch die Jugendlichen angewiesen, nicht an der Zeremonie teilzunehmen. So blieb die Hitlerjugend bei dieser Zeremonie weitgehend unter sich.

Solch provokantes Verhalten blieb nicht ohne Folgen. Wilhelm Busch stand während der gesamten NS-Zeit im Visier der Gestapo und wurde wiederholt inhaftiert. Letztlich hatte er Glück im Unglück, und wurde stets - im längsten Fall nach drei Monaten - wieder aus der Haft entlassen. So gelang es ihm trotz all der Schwierigkeiten, die Arbeit im Weigle-Haus auch während des Krieges fortführen.[6]

Fußnoten


[1] Vgl. Interview Klaus Schlimm

[2] Vgl. Interview Klaus Schlimm

[3] Vgl. Interview Klaus Schlimm

[4] Vgl. Staebler, 78f.

[5] Alles nach HsTAD, RW 58/1264, Bl. 14ff.

[6] Vgl. dazu die Zeitzeugeninterviews Elisabeth Währisch, Hans Währisch, Hanna Busch, Klaus Schlimm, Werner Freund und Fritz Schenk sowie Meiners, CVJM, S. 101. Zu den Gestapoverfahren vgl. HStAD, RW 58/2251, 31490, 49966, 1264, 21021, 18890, 44756, 44757.