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Tagebuch Sigrid Bogdan (1937-1948)

Sigrid Bogdan kommt am 28. Februar 1927 in Essen zur Welt. Sigrids Großvater führt in Essen ein weithin bekanntes Fahrradgeschäft, das der Familie einen guten Lebensstandard sichert. Zunächst spielen Religion und Politik für sie keine Rolle. Erst auf der Dreilindenschule kommt sie mit diesen Themen in Berührung, vornehmlich wenn auf dem Schulhof immer wieder Kämpfe zwischen evangelischen und katholischen Kindern entbrennen. Doch tiefen Eindruck hinterlassen die bei ihr nicht, vielmehr spielt sie, selbst evangelisch, in ihrer Freizeit gern mit einem katholischen Mädchen aus der Nachbarschaft.

Sigrid ist ein lebensfrohes Mädchen, das früh seine Liebe zum Reisen entdeckt. Seit 1937, also schon vor dem Krieg, meldet sie sich fast jährlich zur Kinderlandverschickungen an, die - von der NSV organisiert - Kindern während der Ferien einen Erholungsurlaub in ländlichen Gebieten ermöglicht.

Nachdem sie 1941 aus einer der nun kriegsbedingten KLV-Verschickungen zurückgekehrt und 1942 die Schule abgeschlossen hat, beginnt Sigrid eine Ausbildung zur Lehrerin, die sie auch nach Kleve und Bonn führt. Hier erlebt sie auch das Kriegsende, während Teile der Familie nach Arneburg evakuiert sind. Als die Familie endlich wieder vollständig vereint ist, verspürt Sigrid eine durch die Kriegsereignisse bedingte gegenseitige Entfremdung.

Da ihr das Schreiben schon immer große Freude bereitet hat, beginnt Sigrid Niggemann bereits früh damit an, ihre Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten - zunächst sehr emotional, später dann immer stärker an Ereignissen orientiert. Diese Form der Auseinandersetzung, so stellt sie bald fest, ist für sie auch der beste Weg, ihre Erfahrungen aus der NS-Zeit zu verarbeiten.

Hochaufgelöste Scans des Tagebuchs werden im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln aufbewahrt.

Außerdem finden Sie hier eine ausführliche, um Auszüge aus einem ausführlichen Video-Interview ergänzte Lebensgeschichte von Sigrid Niggemann, wie sie nach ihrer Heirat hieß.

Mein
Tagebuch

Mein
Tagebuch!

Meine Kinderzeit

Am 28. Februar 1927 wurde ich in Essen-Borbeck geboren. Bis zu meinem 6. Lebensjahre war ich zwar allein und ohne Geschwister, aber in der kleinen Anni aus dem Nachbarhause hatte ich eine treue Freundin gefunden. Sie war ein Jahr jünger als ich. Suchte meine Mutter mich, so war ich gewiß bei Ihr zu finden und wir spielten zusammen und bei ihr war es genau so. Im Winter gehörte uns die Wohnstube und wir hatten unser Reich, im Sommer dagegen hielt uns

nichts oben. Dann wurden Puppenstube, Kaufladen, Puppenwagen, Öfen und Kochtöpfe in den Garten geschafft und unsere Mütter wußten gar nicht, daß sie überhaupt Töchter hatten. In der Laube konnten wir uns die schönsten Wohnungen einrichten und wenn die Sonne besonders warm war, fuhren wir unsere Puppen stolz im nahen Stadtgarten spazieren.

 

 

Als ich sechs Jahre war, geschah eines Tages etwas für mich ganz Unerwartetes. Meine Mutti war wohl schon einige Tage im Krankenhaus, aber das war nicht das Besondere. Meine Tante zog mir mein Sonntagskleid an und mit einem Blumenstrauß in der Hand ging ich mit meinem Vater in Krankenhaus um Mutti zu besuchen. Wie erstaunte ich aber, als die Schwester mich durch eine Glasscheibe gucken ließ und sagte, dort in dem Korb die beiden Kleinen seien nun meine Geschwister. Ich wollte es erst gar nicht glauben. Wie fein, nun war ich ja nicht mehr allein und sogar Zwillinge, darüber vergaß ich im Anfang sogar meine

Freundin. Es war zu schön, wenn ich zuschauen durfte, wie meine Mutter die Kleinen badete, und wie stolz war ich, wenn ich sogar Helga oder Alfred auf dem Schoße halten konnte und ihnen die Flasche geben.

Beim Spazierenfahren hatte ich nun den Puppenwagen mit dem Kinderwagen vertauscht und es gefiel mir aber auch so viel besser. Wir hatten viel Freude an den Kleinen und manche lustige Stunde, als sie die ersten Sprechversuche machten und gar das erste versuchten, selbstständig auf ihren kleinen Beinchen zu stehen, was unserer Helga zuerst gelang.

 

 

Dann war es mit der goldenen Freiheit aus und ich kam in die Schule. Hier hieß es fleißig lernen, aber ich ging sehr gern zur Schule. Was gab es da nicht alles Neues zu sehen und zu hören. Schön war es, daß ich mit meiner Freundin den gleichen Weg bis zum Stadtgarten hatte, denn dort trennten sich unsere Wege, weil meine Freundin in die katholische Schule ging. Oft gingen wir auch zusammen wieder heim und wir erzählten uns, was in der Schule alles geschehen war. Meine Lieblingsfächer während meiner ganzen Schulzeit waren immer, Zeichnen, Handarbeiten, Sport und Geschichte.

Mit 8 Jahren war ich das erste Mal krank und hatte die Masern. Erst nach 4 Wochen durfte ich das Krankenhaus verlassen und

fuhr vergnügt nach Hause. Da ich inzwischen Geburtstag hatte, wartete ein schöner Geburtstagstisch auf mich.

Bald schon sollte ich meine erste große Reise antreten, und zwar sollte es nach Vechta ins Kinderheim gehen. Mir gefiel es dort gar nicht und so konnte ich kaum die Heimfahrt abwarten, denn dort sollte es fort gehen auf eine schönere Reise. Mit meiner Mutter fuhren wir bald ab nach Berlin zu meiner Tante. In dem netten Häuschen am See verbrachten wir herrliche Ferientage. Da konnten wir nach Herzenslust baden oder mit dem großen Schäferhund spazieren gehen. Wie schön waren die Abende, wenn wir hinuntergingen zum See und den Onkel baten: „Ach Onkel Matthes, fahr uns doch

 

 

etwas mit dem Kahn hinaus.“ Er zögerte dann auch nicht lange und wir liefen voran in den Wald. Es war nicht selten, daß wir ein Reh beobachteten oder ein Eichhörnchen sahen. Nur zu schnell vergingen die Tage und wir mußten wieder heim fahren.

1937

Mit 10 Jahren kam ich zu den Jungmädeln. Ich war gleich begeistert und freute mich immer auf den Mittwoch und Samstag, denn an diesen Tagen hatten wir Dienst. Wie groß war meine Freude, als ich meine erste große Fahrt mitmachen durfte, und zwar ging es nach der Glörtalsperre im schönen Sauerland. Mit gepacktem Affen trafen wir uns alle

am Bahnhof und dann ging es los. Die Jugendherberge lag ganz herrlich im Wald und nur ein paar Schritte vom See entfernt. Das versprach ja allerhand. Bei schönem Wetter konnten wir schwimmen und baden. Die meißte Zeit machten wir Wanderungen. Das Schönste waren wohl des Morgens die Waldläufe und der Frühsport, von dem wir immer mit ordentlichem Hunger zum Kaffee kamen. Vor allen Dingen hielt in der ganzen Zeit der Petrus zu uns. Da ärgerten wir uns doch etwas, das wir schon nach 14 Tagen zurück mußten. Im Heimabend und zuhause wurde fröhlich die erste Großfahrt geschildert.

Zwei Jahre später verlebte ich meine Ferien in Thüringen. Ich hatte sehr nette Pflegeeltern die mich mit dem schönen Thüringer Wald gar bald vertraut machten. Gegen die

 

 

Söhne der Familie Korngiebel mußte ich immer meine Vaterstadt Essen, den „Kohlenpott“ wie sie sagten, verteidigen. Sie wußten nur zu gut, daß gegen ihr schönes Thüringen nichts zu sagen war. Aber trotz allem blieben wir immer gute Freunde. Ich lernte in Eisenach die Wartburg kennen. Dort sah ich das Lutherzimmer, die Waffenkammer, den Spiegelsaal und zuletzt stiegen wir auch auf den Turm, vom dem wir eine herrliche Aussicht auf die Stadt hatten. Es war dort eine schöne Zeit für mich und ich möchte gern noch einmal dorthin.

Von nun an verging kein Jahr, an dem ich meine Ferien zuhause verbrachte. Es ist doch herrlich, so gut reisen und schöne Landschaften Deutschlands kennen zu lernen. Ich habe bisher schon allerhand gesehen

1938

und freute mich auch nun wieder auf meine, mir bevorstehende, Reise in den Harz. Mein Ziel war Wiegersdorf bei Ilfeld, einem netten kleinen Städtchen mit einem großen Strandbad. Fast jeden Tag fuhr ich hinaus oder ich ging mit meiner Freundin Gisela zum Herzberg, an dem sehr viele Himmbeeren standen und darauf warteten, gepflückt zu werden. An einem schönen Sonntag gingen wir auch wieder hinaus in den Wald bis uns unser Weg schließlich zu dem Aussichtsturm in den weiten Himmbeerfeldern führte. Kurz entschlossen stiegen wir hinauf und hatten von oben die herrlichste Aussicht auf den Brocken und die dichtbewaldeten Harzer Berge.

 

 

An einem der nächsten Sonntage war unser Ausflugsziel die Ruine Hohenstein. Durch schmale Schluchten und dichte Büsche führte ein ganz schmaler Weg hinauf zur Ruine. Es konnte einem recht unheimlich werden, wenn man an die Raubritter dachte, die hier hinaufgeschlichen sein mochten, um die Burg zu zerstören. In der Ruine war noch das einstige Verließ zu sehen und die Kellerräume, die den Wein und den Burgschatz bargen. Alles war von wilden Pflanzen umwuchert und die Wände mit den öden Fensterhölen schauten gespensterhaft drein, besonders als wir des abends zurückgingen und noch einmal einen Blick auf die Ruine warfen. So hatte ich auch hier viel gesehen und nahm schöne Erinnerungen an die Harzer Berge mit Heim. Meinen Vorsatz, im nächsten Jahre wieder hinzufahren, konnte ich nicht wahr-

machen, aber ich war gar nicht so traurig darüber, denn ich sollte wieder einen Teil meiner deutschen Heimat kennenlernen, und zwar das schöne Weserbergland.

1939

Das kleine Dorf Aerzen, in das ich kam, lag unweit von Hameln, der Rattenfängerstadt an der Weser. Aerzen ist ein schönes gepflegtes Dorf mit großen Häfen und weiten Feldern die weit weg an den Wald grenzen. Die Bauern sind sehr fleißig und ihre Höfe sauber. Auf einem so großen Hof verbrachte ich 6 Wochen meiner Ferienzeit und lernte vieles, was in der Landwirtschaft notwendig ist. Wie stolz war ich, als ich das erste Mal vom Melken heimkam und sagen konnte: „Nun kann ich auch melken.“ Von da an fuhr ich jeden Tag mit raus auf die Weide. Nur

 

 

das Anbinden der Kühe machte mir noch etwas Sorge, wenn sie sich gar so störrisch anstellten. Aber auch das war bald gekonnt und fröhlich ging es dann mit dem Wagen heim. Mit meiner Pflegemutter verstand ich mich sehr gut und aus der „Frau Rose“ ist nun eine „Tante Gertrud“ geworden. Als ich wieder nach Essen fuhr, freute ich mich schon wieder auf die nächsten Ferien in Aerzen.

Auf meiner Heimfahrt war schon alles in ziemlicher Aufregung. Auf den Bahnhöfen stand so viel Militär und ein Militärtransport nach dem anderen überholte unseren Zug. Die Züge gingen nach Süden, Osten und Westen und alles munkelte von einem vor der Tür stehenden Kriege. Als ich dann nach Hause kam, brach am anderen Tag auch wirklich der Krieg aus und

der Kampf in Polen begann. Jeden Tag gab es etwas Neues und gespannt wurden die Zeitungsnachrichten verfolgt. Es gab Lebensmittelkarten, Bezugscheine und der Luftschutzdienst begann. Am 1. September hatten wir zum ersten Male Alarm. Na, das war eine Aufregung und ein Tumult. Ich war gerade mit meinen Geschwistern im Stadtgarten als die Sirene ertönte. Im Nu stauten sich die Menschen vor den Bunkern und an ein Hineinkommen war nicht zu denken. Als wir uns glücklich hindurchgequetscht hatten, war fast wieder Entwarnung. Alle atmeten aber auch erleichtert auf, denn die Luft dort unten war kaum zu ertragen.

Nach diesem ersten Alarm war alles in größter Aufregung und überall wurden Steine geschleppt, um die Luftschutzkeller auszubauen.

 

 

Auch wir Mädel in der Schule bekamen die Aufgaben, die uns sehr viel Spaß machte und die wir gern erfüllten. Die Bereitschaftsdienste wurden aufgestellt, die je von 8 Mädeln gebildet wurden. Wir machten Kurse als Feuerwehrmann und als Leienhelferinnen mit, damit wir jederzeit bereit waren und überall einspringen konnten, wo Gefahr drohte.

Jeden Freitag blieben wir gleich in der Schule nach dem Unterricht. Mittagessen nahmen wir uns immer mit, was natürlich mit das Schönste an der ganzen Sache war. Wenn eine von uns in der Woche oder im Monat Geburtstag hatte, so wurde er nachmittags im „Bereitschaftsdienst“ gefeiert.

Oft nahm ich dann unser kleines Koffergram-

mophon mit und es wurde getanzt. Lange hat unser „Bereitschaftsdienst“ leider aber auch nicht gedauert, denn eines Tages traten wir mit 3 Mädeln aus unserem Bund aus. Es ging in die „KLV“! 8 Mädel aus unserer Klasse hatten sich gemeldet, da gab es allerlei vorzubereiten und zu rüsten. Die Fahrt sollte ja nicht nur 3 Wochen dauern, sondern voraussichtlich 3 Monate, und dazu noch so weit in die Slowakei. Erwartungsvoll standen wir alle auf dem Bahnhof und machten schon allerlei Pläne wie wir die Zeit in der hohen Tatra verbringen würden.

Wir hatten eine herrliche Fahrt durch schöne deutsche Städte vor uns. Es ging über Paderborn, Weimar, schließlich kamen wir in Pilsen an und es ging weiter nach Prag bis nach Parduwitz. Am anderen Morgen ging es nach Pobrad.

 

 

Nun war es nicht mehr weit bis zu unserem Ziel. Mit dem Omnibus und der Drahtseilbahn langten wir glücklich am Sporthotel an, wo wir von unserem Wirt begrüßt wurden.

Konnte es einem hier nicht gefallen? Na, und ob es uns hier gefiel! Wir hätten mit keinem anderen Lager tauschen mögen. Als wir dort hinkamen, war alles tief verschneit. Weiß und strahlend leuchtete die Lomnitzer Spitze aus der Bergkette heraus. Unser Vorsatz war gleich: „Dort müssen wir einmal hinauf!“

Mit 3 Mädeln bewohnten wir ein nettes Zimmer nach der Bergseite zu. Des Morgens sahen wir die aufgehende Sonne, die Berge strahlten und der Schnee glitzerte wie Christall. Wenn die Skifahrer die Abhänge hinunter stürzten, stürmte alles an die Fenster. Wir lachten, wenn einer den Berg hinunterrollte, oder klatschten Beifall bei einem besonders guten Start.

Dann kam es wohl vor, daß sie winkten und einen fröhlichen Jodler herüber schickten.

Jeden Tag erlebten wir etwas Anderes. Besonders schön war es Ostern, Muttertag, Pfingsten und zur Sonnenwende.

Unseren Vorsatz, die Lomnitzer Spitze zu besteigen, führten wir aus, und an einem schönen Morgen begann unser Aufstieg mit dem Bergführer

 

 

Hanz Scholz und den Jungen aus der Gurhütte. Um 6 Uhr wurden wir geweckt. Als der Ruf ertönte: „Gute Morgen, alles aufstehen!“ spritzte alles aus den Betten. Bald waren wir auch bereit, mit gefülltem Brotbeutel standen wir vor dem Hotel angetreten in einer Linie als unser Wirt sagte: „Na, Hals- und Beinbruch, ihr Gipfelstürmer.“

Nun konnte es losgehen. Zuerst führte uns unser bekannter Weg vorbei an der Gemse, wo wir in der Schiehütte schon einige Leute trafen, die sich in die Sonne gelegt hatten. Also waren wir nicht die einzigen Frühaufsteher. Weiter ging es durch das schöne Kohlbachtal, und wir statteten dem Wasserfall einen Morgengruß ab. Heute floß er besonders gewaltig ins Tal, denn die Schneeschmelze hatte ihm das viele Wasser

geliefert. Vom Kohlbachtaler Wasserfall, auf den Hans Scholz das schöne Lied: „Kohlbachtal, du bist mei Freud“ gedichtet hat. Unser Weg führte uns weiter den Serpentinenweg hinauf. Man konnte gut beobachten, wie die Kiefern immer niedriger wurden und schließlich nur noch in Krüppelholz und Latschen endeten. Über uns lag schon das Hotel des Steinbachsees, das so oft das Ziel unserer kleineren Wanderungen war. Hier wurde erst mal ordentlich gefrühstückt. Nach kurzer Rast ging es weiter, und nun kam erst mal der eigentliche Aufstieg, das schwerste Stück unserer Tour.

Langsam ging es Schritt vor Schritt vorwärts, bei dem starken Nebel mußten wir immer dicht zusammen bleiben. Die Jungen waren uns schon ein ganzes Stück voraus. Am Fuß der Lomnitzer Spitze angekommen, suchte Wolfram 15 Mädel aus, die

 

 

mit das letzte und schwerste Stück ersteigen durften. Wir konnten ja schließlich nicht mit 60 Mädeln hinaufsteigen. Wer sollte denn da die Verantwortung übernehmen.

Für uns kam nun das schwerste Stück des Aufstiegs. In der schmalen Schlucht mußten wir uns hintereinander durcharbeiten und immer in die Fußstapfen des Vordermanns treten. Wolfram, unser Führer, konnte nicht genug gute Ermahnungen geben. Oftmals ertönten die Warnrufe des Vorauseilenden: „Achtung, Steinschlag, Kopf weg!!!“ Dann bückten sich alle ruckartig und warteten, bis die Gefahr vorüber war. Eh wir irgendwo Halt suchten, mußten wir die Steine abfühlen, ob sie auch Halt genug boten. Ein Fehltritt und wir wären hinuntergestürzt. Der Aufstieg wurde immer beschwerlicher. Einige Bergsteiner, denen wir begeg-

neten riefen uns zu: „Na, Mädel, Ihr seid aber schnell mit unseren Bergen vertraut geworden, bei Euch fehlts ja nicht an Mut.“ Das ist aber auch etwas Besonderes, wenn Mädel aus der Stadt den zweithöchsten Berg der hohen Tatra besteigen, die „Lomnitzer Spitze“. Endlich kamen wir schwitzend, denn wir hatten die Schihosen an und es war inzwischen ziemlich warm geworden, oben an und wurden von den Jungen mit einem kräftigen „Berg heil!“ empfangen.

Vier Stunden hatten wir gebraucht, da war es uns nicht zu verdenken, wenn wir zuerst an unsere Brotbeutel dachten. Wie gut taten die kühlen Apfelsinen, die uns unser Wirt mitgegeben hatte. Nach dem fröhlichen Schmaus sahen wir uns das Gipfelhotel an und trugen

 

 

unsere Namen in das Gipfelbuch ein. Da standen sie nun und wir dachten gleich: „Ob wir diese schöne Tour wohl jemals wieder machen?“

Hans Scholz erklärte uns die umliegenden Gebirgszüge und wir lernten die Namen und auch einige Sagen kennen. Die Lomnitzer Spitze ist 2634 m hoch. Man befördert die Lebensmittel mit der Drahtseilbahn hinauf. Selbst im Sommer liegt dort auf der Spitze Schnee. Die Leute, die dort oben wohnen, sind in ihrer Bergeinsamkeit die meißte Zeit allein. Sie kennen die Berge und Witterun-

gen mit ihren Gefahren ganz genau.

Nachdem wir uns alles gründlich angeschaut hatten, rüsteten wir zum Abstieg, der natürlich viel schneller vor sich ging. In knapp 2 ½ Stunden waren wir bei den anderen im Hotel und schilderten ihnen unsere schöne Tour, die wohl alle gern mitgemacht hätten. Unser Wirt empfing uns mit den Worten:
„Da sind ja unsere Gipfelstürmer wieder.“

Das war neben vielen anderen Touren unsere größte und letzte Tour. Man kann sie ja nicht mit allen Einzelheiten schildern, aber sie wird mir auch so eine schöne Erinnerung bleiben. Wir haben in den 7 Monaten sehr viel gesehen und viele lustige und ernste Stunden gehabt. Wir hatten vor allen Dingen nette Führerinnen, die uns die Zeit so lustig wie sie nur konnten gestalte-

 

 

ten. Viel Spaß haben wir in den Kameradschaftsabenden mit der Guhrhütte, in den Heimabenden und in der Führerinnen-Anwärterinnenschaft bekommen.

So hatte die schöne Zeit am 1. Oktober ein Ende. Die Jungen von der Gurhütte fuhren mit uns hinunter nach Alt-Schmecks zum Bahnhof. Hier gab es ein fröhliches Verabschieden. Die Jungen fuhren einen Monat später. In Poprad stiegen wir dann in den D-Zug und die lange Heimfahrt begann. Kaum konnten wir abwarten, bis wir die deutsche Grenze passierten und es dann der Heimat zu ging. Die Städte wurden immer bekannter und schließlich fuhr der Zug in die Halle ein, an der überall groß angeschlagen stand: „Essen Hauptbahnhof!“ Die Koffer wurden hinausgereicht, wir stürmten unseren Eltern

entgegen. Als ich mit meinem Vater nach Hause kam, stürzte mir mein kleiner Bruder entgegen. Er war in der Zeit tüchtig gewachsen. Seine erste Frage war: „Hast Du mir was mitgebracht?“ Natürlich, wie hätte ich ihn auch vergessen können. Stolz marschierte der kleine Mann mit seinem geschnitzten Spazierstock durch die Stube.

Bisher hatte ich noch nie ernsthaft über meinen Beruf nachgedacht, den ich später einmal ergreifen würde. Ich erstaunte daher sehr als ich nach Hause kam und mein Vater mir sagte, daß unser Rektor mich für eine LBA vorgeschlagen habe. Das wollte ich nun absolut nicht. Lange überlegte ich hin und her, bis ich doch den Entschluß gefaßt hatte, am 10. zur Prüfung nach Langenberg zu fahren. Mir war es nicht so recht,

 

 

denn wenn man gerade von einer großen Fahrt glücklich wieder nach Hause kommt, fährt man wohl ungern gleich wieder weg. Aus den 14 Tagen im Musterungslager wurden fast 4 Wochen, denn inzwischen war Scharlach ausgebrochen und wir wurden isoliert. Da blieb uns halt nichts übrig als die Zeit abzuwarten.

Wir waren glücklich, als wir wieder im Zuge saßen und heim fuhren, hier holte uns niemand wieder zurück.

In der Schule wurde sehr viel von unserer schönen KLV Zeit erzält, und wir sangen unseren Kameradinnen die schönen Lieder vor, die wir in der langen Zeit gelernt hatten. Besonders stolz waren wir auf ein Lied in slowakischer Sprache, ein Volksdeutscher hatte es uns beigebracht. Wenn wir so

von schönen Stunden und besonderen Erlebnissen schwärmten, bereuten die meißten es doch, daß sie nicht mit uns gefahren waren.

Nach der langen Zeit ohne jeglichen Unterricht hieß es für uns doppelt fleißig sein, damit wir alles nachholten und das Entlassungszeugnis gut ausfiel. Täglich wartete ich auf eine Nachricht, ob ich die Prüfung für die LBA bestanden hätte. Als immer noch keine Antwort kam, gab ich die Hoffnung schon auf.

In der Schule und in den Heimabenden saßen alle eifrig über die Werkarbeiten gebeugt. Was wurden da nicht für nette Weihnachtsgeschenke gebastelt. Puppen für die kleineren Schwestern, Stecken-

 

 

pferde für die Jungen und nützliche Gegenstände für die Eltern. Bis spät abends saßen wir im Heim beim Lampenschein und warmem Ofen. Dann wurde gesägt, gefeilt und geleimt. Die schönsten Puppenwiegen standen hübsch angemalt da, all die Sachen sollten ja auf dem Weihnachtsmarkt ausgestellt und verkauft werden. Wie stolz würden die kleinen Jungen und Mädel sein, wenn sie unsere netten Sachen auf dem Weihnachtstisch vorfinden würden.

Der Winter meinte es in diesem Jahre besonders gut mit uns, und es dauerte nicht lange, da war der große Teich im Stadtgarten zugefroren und in den Gärten wurden die schönsten Schneemänner gebaut. Nach dem Schulunterricht ging

es hinaus auf die herrlich große Eisfläche zum Schlindern, wenn es auch noch verboten war. Sobald ein Gärtner auf der Bildfläche erschien, ging es heidi den Abhang hinunter und aus dem Stadtgarten hinaus. Der gute alte Wärter stand nun da mit seinem stolzen Pflichtbewußtsein und schimpfte darauf los, als hätte er den ganzen Zorn für uns aufgehoben, aber allerdings nur vor tauben Ohren, denn am Nachmittage ging es doch mit den Schlittschuhen dort hin.

Als kurz vor Weihnachten alles tief verschneit war, ging es mit „Hurra“ und „Hallo“ zum Molkteplatz auf die „Todesbahn“. Die Jungen hatten ihr den Namen gegeben. Wenn das einer hört, so denkt er bestimmt: „Man kann es auch leicht übertreiben.“ Es war aber

 

 

auch wirklich ein waghalsiges Stück, die lange, glatte Straße in einem Tempo hinunterzusausen. Gerade weil es am Molkteplatz so steil hinunterging, reizte es uns, dort zu rodeln. Ach, wie mancher zog da mit betrübtem Gesicht und zerbrochenem Schlitten nach Hause. Die Bäume, die die Straße säumten, hatten wieder viele zerschundene Knie und verstauchte Füße auf dem Gewissen. Wie herrlich war es, an den Bäumen und Leuten vorbeizusausen, aber schrecklich langweilig, den Schlitten wieder die lange Straße hinaufzuziehen.

Diese Winterfreuden hielten eine ganze Zeitlang an, bald war auch das Weihnachtsfest herangerückt und in unserem Wohnzimmer hatte mein Vater den Weihnachts-

baum geschmückt. Wie jedes Jahr weilten wir erwartungsvoll bei unseren Großeltern, die im gleichen Hause wohnten, und warteten auf das Klingelzeichen meines Vaters. Dann stürmten meine kleineren Geschwister die Treppen hinauf in unsere Wohnung und blieben doch wie gebannt stehen, von dem Glanz des großen Tannenbaumes geblendet. Bei unserem Werner war das Stillstehen nicht von langer dauer, er war gleich bei den Spielsachen und alles mußte ganz genau ausprobiert werden.

Mein Vater spielte auf dem Klavier die schönen alten Weihnachtslieder und wir sangen dazu. Für meine Geschwister war es etwas Besonderes, wenn sie nach dem Abendessen noch aufbleiben durften und mit den neuen Spielsachen

 

 

spielten. Wenn es dann spät genug geworden war, sagte meine Mutter: „Nun aber schnell in die Betten und träumt schön von euren Weihnachtsgeschenken.“ Bei mir war das schon etwas schwieriger, ich mußte immer noch den einen Abschnitt des neuen Buches zuende lesen, wobei es doch immer noch mehrere wurden.

Am anderen Morgen war nicht nur der erste Weihnachtsfeiertag, sondern wir hatten noch ein kleines Fest. Unser Werner hat am 25. Dez. Geburtstag, und da mußte doch doppelt gefeiert werden. Für ihn war es noch besonders überraschend, noch

einmal etwas geschenkt zu bekommen, da er noch zu klein war, um zu begreifen, daß er heute Geburtstag habe und was das überhaupt sei. Na, ich finde daß wir uns besser stehen, wenn wir im Laufe des Jahres Geburtstag haben. Natürlich nur materiell gedacht.

Am zweiten Feiertag fuhren wir dann für gewöhnlich zu meinen Großeltern mütterlicherseits. Na, da wurde erst mal erzählt, was das Christkind alles gebracht hatte. Auch bei der Oma wartete immer ein bunter Teller mit allen möglichen Süßigkeiten auf uns. Wenn er auch nicht so groß war wie zuhause, aber dafür hatten Oma und Opa auch zu viele Enkelkinder. Am besten schmeckte zum Kaffee immer Omas Streusel-

 

 

kuchen, worauf sich sogar ihre Kinder noch freuten.

Wenn es dann des Abends schon ziemlich dunkel wurde, fuhren wir mit der Straßenbahn nach Hause und Vati mußte Werner immer tragen, denn er schlief schon in der Bahn ein. Zuhause ging es dann gleich in die Betten. So nahm das Weihnachtsfest immer für uns viel zu schnell ein Ende und es dauerte nur noch ein paar Tage, bis die Neujahrsglocken feierlich das Jahresende ankündigten und ins neue Jahr hineinläuteten.

1941

Mit diesem neu begonnenen Jahr begann für uns auch ein neuer Abschnitt unseres Lebens. Schon am 1. Januar erhielt ich die er-

freuliche Nachricht, daß ich die Prüfung für die LBA bestanden hätte und nach meiner Schulentlassung auf die Einberufung warten solle. Ich brauchte mir nun also keine Sorgen machen, was ich einmal werden wollte. Es hieß nun für mich, alles nachzuholen, was ich in der KLV-Zeit versäumt hatte. Die Schulentlassung rückte immer näher heran und wir mußten fleißig üben, bis die Gedichte, Lieder und Sprüche saßen. Die letzten Arbeiten für das Entlassungszeugnis wurden geschrieben, aber trotzdem ging alles fröhlich und lustig zu. Wie oft hatten wir die Stunden der Entlassung herbeigesehnt, und da sie nun so nah war, wurde es uns doch etwas komisch zumute.

Am 21.3. verabschiedete uns der Rektor mit den herzlichsten

 

 

Glückwünschen für unseren weiteren Lebensweg und ebenso die übrigen Lehrpersonen. Die meißten kannte ich von ersten Schultage an. Die acht Jahre auf der Dreilindenschule waren eine schöne Zeit, an die ich gern zurückdenke, wenn auch unsere schöne Schule nun dem Bombenterror zum Opfer fiel.

In der evg. Erlöserkirche wurde ich am 29. März 1941 konfirmiert. Meine Konfirmation fiel ziemlich traurig aus, da wir meinen Großvater drei Tage vorher beerdigten. Das Versäumte wird dann bei der Konfirmation meiner beiden Geschwister nachgeholt.

Die Wartezeit bis zu meiner Einberufung in die LBA wurde mir reichlich lang. Zuerst wußte ich nicht, was ich in der langen Zeit beginnen sollte, irgend eine andere Tätigkeit anzufangen lohnte nicht, denn es konnte ja jeden Tag eine Nachricht von der LBA eintreffen. Natürlich dachte ich nicht im Geringsten daran, daß sich die Sache bis zum November des Jahres hinziehen würde.

Mit dem Beginn des Sommers sollte es sich für mich anders entscheiden. Tante Gertrud aus Aerzen fragte an, ob ich ihr nicht in den Ferien helfen könnte. Natürlich sagte ich gleich zu, und in der nächsten Woche ging die Reise in das schöne Weserbergland schon los.

 

 

Da der junge Bauer eingezogen war, gab es auf dem Hof sehr viel zu tun. Ich wußte ja schon einigermaßen in der Landwirtschaft bescheid, und da machte es mir besonders viel Spaß, zumal ich schalten und walten konnte, wie es mir Spaß machte. Ich bekam in den drei Monaten sehr viel vom Weserbergland zu sehen und hatte manch schönes Erlebnis in Erinnerung, als ich dann endlich die Fahrt an den Rhein und in die LBA antrat. Alle Einzelheiten meiner schönen Elbazeit zu schildern, würde zu weit führen und zu viel Zeit in Anspruch nehmen.

Am besten hat es mir in Hersel gefallen. Unser Heim war wunderbar am Rhein, und umgeben von

1941

einem herrlichen Park gelegen. Vor allen Dingen hätten wir keine bessere Klassenlehrerin bekommen können. Der Abschied von ihr und unserer Schule fiel uns allen sehr schwer, als wir am 1. Juli als beste Klasse nach Kleve versetzt wurden, um eine neue LBA aufzubauen. Da hatten wir Hersel bald vergessen, denn wie sehr waren wir von unserem neuen Schulführer begeistert. Das war doch gleich etwas anderes, als er uns mit: „Da sind ja meine Mädel!“ begrüßte. Von der ersten Stunde an wußten wir, in Haus Freudenberg würde es uns allen gut gefallen.

Leider war diese Zeit auch nicht

 

 

von langer Dauer. Wenn es am Schönsten wird, hat die Sache bald ein Ende. Den schönsten Abschluß bildete unser Gebietssportfest in Duisburg. Wir hatten das herrlichste Sommerwetter und alles war von unserer Gymnastik und unseren Volkstänzen begeistert. Nach der Siegerehrung und Beendigung des Sportfestes ging es hinein in den Zug und zurück nach Kleve, um unsere Koffer zu holen und in die langersehnten Sommerferien zu fahren.

Keine von meinen Kameradinnen ahnte, daß wir 6 Wochen später schon wieder in Bonn, und zwar in der Junge-LBA einziehen würden. Wenn wir bisher wenig

Ruhe vor den Fliegern hatten, so trauten wir uns hier kaum noch aus den Luftschutzkellern raus. Der Unterricht fiel selbstverständlich gänzlich aus. Dazu kam noch der Angriff auf Bonn, der die Stadt in knapp einer halben Stunde fast in Schutt und Asche legte. Natürlich meldeten wir uns zum Einsatz und halfen 14 Tage in der Eisenbahnküche. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend wurde gekocht. Des Abends ging es gleich ins Bett, denn wir waren zum Umfallen müde. Waschen konnten wir uns nicht viel, denn es war kaum Wasser da. Licht kannten wir schon gar nicht mehr. Geschlafen wurde nur noch im Keller, denn Besuch aus der Luft hatten wir jede

 

 

Das Schlimmste für uns war, als nacheinander die Terrorangriffe auf das Ruhrgebiet und vor allen Dingen unsere Heimatstadt Essen erfolgten. Da blieb jede Nachricht von unseren Angehörigen aus und wir machten uns die größten Sorgen. Wen hätte es da noch in Bonn gehalten. In Aachen rückte der Amerikaner vor und es war fraglich, ob wir noch rechtzeitig über den Rhein kommen würden.

Auf unsere Frage hin, gab uns unser Schulführer sogleich drei Tage Heimaturlaub. Unsere Heimfahrt wurde eine Fahrt mit Hindernissen.

Nach 9 Stunden erreichten wir endlich unsere zertrümmerte Heimatstadt Essen. Unsere Wohnung war auch unbewohnbar geworden. Da hielt es uns nicht länger in Essen. Meine Mutter meldete uns zum nächsten Transport an, und die Fahrt ging mit allem was wir eben mitnehmen konnten los in die Altmark und das Endziel war das Städtchen Arneburg an der Elbe im Kreise Stendal.

Über den Empfang waren wir

 

 

nicht wenig erstaunt, denn die Arneburger Bevölkerung kam uns in allem sehr freundlich entgegen. Wir atmeten erleichtert auf, als wir unser Quartier besahen und feststellen konnten, daß wir es hier wohl vorläufig aushalten konnten und würden. Es war seit langer Zeit mal wieder die erste Nacht, in der wir uns richtig ausschlafen konnten. In der ersten Zeit hoffte ich immer noch, irgend eine günstige Nachricht von der LBA zu erhalten. Daß der Unterricht in Bonn nicht mehr fortzuführen war, war mir vollkommen klar, aber ich hoffte eben immer noch auf eine Versetzung in ein sicheres Gebiet.

Mit der Zeit mußte ich auch diese Hoffnung aufgeben und war darum froh, als ich in

der Arneburger Schule in den Oberklassen den Sportunterricht aufnehmen konnten. Mit den Mädeln verstand ich mich sehr gut, nur machte uns das Wetter des öfteren einen Strich durch die Rechnung, denn das Bedauernswerte war, daß Arneburg keine Turnhalle besaß.

Im Winter hatten wir ja Gelegenheit genug, am Elbufer Schlittschuh zu laufen, oder an der Roßpforte zu rodeln. Herr Winter war in diesem Jahre gnädig und schickte uns für eine kurze Zeit genügend Schnee, damit auch die Kinder ihr Vergnügen hatten. Wunderschön sah auf der Elbe das Treibeis aus.

Trotzdem sehnten wir uns aber doch nach dem Frühling und begrüßten freu-

 

 

dig die ersten Veilchen, die am Elbufer blühten. Bald war das Osterfest herangerückt. Die Zeit verging ja zu schnell. Schade war nur, daß Eppi, meine Arneburger Freundin durch den Verlust ihres Bruders, der kurz vor Weihnachten im Osten gefallen war, nicht alles mitmachen konnte. Die Sonntage auf der Burg waren immer die schönsten der ganzen Wochen, und wir freuten uns schon auf die Abende, an denen wir mit unseren Bekannten aus dem Lazarett Phielo und Willi knabelten. Es ging immer lustig zu und wir ärgerten uns sehr, wenn um die gewohnte Zeit das Waldhorn ertönte und Onkel Jahns uns nicht mehr auf der Burg sehen wollte.

Na, ja, da blieb uns halt nichts anderes übrig,

Alarm Alarm Alarm Alarm Alarm

als nach Hause zu gehen!!!

Im Anfang hatten wir in Arneburg Ruhe vor den Fliegern, aber als sie auch schon Stendal als gutes Ziel anerkannten, wurde die Sache doch etwas unheimlicher. Wenn unsere schwere Flak donnerte, blieben nur noch die wenigsten oben in ihren Wohnungen.

In dieser Beziehung merkten die Arneburger und Stendaler nun doch etwas vom Luftkrieg. Der richtige Schrecken kam aber erst, als die Aliirten Truppen über Hannover hinaus und immer weiter auf unser Gebiet vorrückten. Als in Gardelegen das Stromwerk zerstört wurde und wir in Arneburg kein Licht mehr hatten, war es völlig aus. Uns konnte das ja so weiter kaum erschüttern. Knöpfchen, der Feldwebel aus der Schule, hatte seine junge Frau geholt und wir haben

 

 

natürlich erst noch einmal gefeiert. Vor allen Dingen, daß Max, Hein und Ernst nun doch nicht nach Bismark versetzt werden würden und wir noch einige schöne Tage hätten. Anneliese, Knöpfchens Frau, war ja so froh, daß sie nun in Arneburg bleiben konnte und wir waren in den wenigen Tagen schon sehr gute Bekannte geworden. Mit Eppi ging ich sehr oft spazieren, denn sie konnte ja nun ohne Strom im Geschäft nichts anfangen. Als wir uns am 12. April abends im Lazarett verabschiedeten ahnte niemand von uns, daß es das letzte Mal war, daß wir zusammen ausgegangen waren.

Von weitem hörte man schon Frontschießen und an manchen Stellen brannte es. Da hatten

es Eppi und Vera auch eilig, nach Hause zu kommen.

Am anderen Tage war in Arneburg alles auf den Beinen. In allen Straßen waren unsere Soldaten zu sehen, die rüber über die Elbe wollten. Das ganze Elbufer war belebt. Von unseren Bekannten in der Schule hatten wir kaum noch Zeit, uns richtig zu verabschieden, auch sie mußten rüber ans andere Elbufer. In den Geschäften wurde alles verkauft. Die ganze Arneburger Bevölkerung war wie ein Bienenschwarm und man wunderte sich, wo die vielen Menschen herkamen. Jeder wollte etwas Neues wissen, nur das eine war Wahrheit, daß die Amerikaner in Stendal eingedrungen waren und die Stadt sich ergeben hatte.

 

 

Es kam alles so schnell aufeinander, daß man gar nicht alle Einzelheiten aufschreiben kann. Arneburg hatte zwar zuerst die weißen Fahnen rausgehängt, aber dann wurden sie doch wieder eingezogen und Arneburg wurde verteidigt. Da war es aber vollkommen aus mit der Ruhe. Uns wurde schon ganz schön angst und bange, als wir bei Markwarts im Keller saßen und die schwere Flak ballerte. Die Amerikanischen Panzer schossen wie wild in die Stadt. Jeden Augenblick meinte man, ein Treffer ginge auf den Keller, dann wäre alles aus gewesen gewesen.

Zweimal schlugen unsere Soldaten den Angriff ab. Wir kamen

vorläufig nicht aus dem Keller raus, außer daß man in den Feuerpausen mal rausschauen konnte, wo die Treffer eingeschlagen waren. Bei Markwarts war auch ein Geschoß in die Scheune gegangen und bei Maybohm war das Schlachthaus zerstört. Überall lagen die Fensterscheiben auf der Straße. Die Nacht brachten wir dann im Keller ganz gut rum, und am Morgen konnte man noch rüber in unsere Wohnung. Am 14.4. gegen 11 Uhr gelang ihnen der Einbruch in die Stadt. Da wurde uns doch etwas anders zumute.

Als dann einige Amerikaner bei uns auf dem Hof erschienen und wir aus dem Keller mußten, sagten die meißten schon: „Nun ist es aus, jetzt erschießen sie uns!“

 

 

Von dem, was die Amerikaner untereinander erzählten, konnte ich kein Wort verstehen, so sehr ich mich auch mit meinen geringen Englischkenntnissen anstrengte. Vor den Amerikanern hatte ich keine Angst, so schlimm sahen die nun auch wieder nicht aus.

Am anderen Tage konnten wir schon wieder in unsere Wohnungen. Auf der Straße mußte man immer ein weißes Tuch bei sich haben. Überall begegnete man einem amerikanischen Soldaten. Als ich zu Vera kam, hatten es sich dort schon einige Soldaten gemütlich gemacht und ich erschrak nicht wenig, als ich sie dort sitzen sah. Vera war bei ihrer Tante und traute sich nicht nach Hause.

Zuerst durfte man nur in der Zeit von 11-12 Uhr einkaufen, aber schließlich kam es doch so weit, daß man von morgens um 7.00 Uhr bis um 18.00 Uhr auf die Straße konnte.

Wenn man mal ein wenig gefeiert hat, kommt hinterher meißtens etwas unangenehmes Neues. So auch am 17. April. Wir hatten unsere Bekannten im Lazarett besucht, denn Hildes Bruder lag im Lazarett, und Vera Mayers Mann ebenfalls. Natürlich sind wir eine kurze Zeit dort geblieben und haben gefeiert. Die Sache hatten wir ja bisher gut überstanden und ziemlich viel Freiheit ließen uns die Amerikaner auch.

 

 

Da wir nur bis 5 Uhr Ausgang hatten, verließ ich schon frühzeitig das Lazarett, um noch einige Besorgungen zu machen. Als wir in die Stadt kamen, war dort schon alles in hellster Aufregung. Es war bekanntgegeben worden, daß bis zum 19. Mittags um 12.00 Uhr Arneburg geräumt sein müßte, da eine Offensive von Seiten der Deutschen zu erwarten sei und für Arneburg dann Gefahr bestände.

Meine Mutter wartete schon auf mich und es ging natürlich gleich ans Packen. Ich war ja nur froh, daß Willi Lausch, ein Bekannter aus dem Lazarett sich uns anschließen wollte. Er half mir dann gleich beim Aufladen der Sachen auf den Handwagen. Wenn Willi nicht dagewesen wäre, hätten wir

bestimmt den größten Teil unserer Sachen nicht mitbekommen.

Am gleichen Abend hatten wir schon unsere Sachen startbereit und wollten losfahren, um am anderen Tage nicht in das Gedränge zu kommen, als uns zwei Amerikaner zurückschickten mit der Antwort, wir dürften erst am nächsten Tage fahren. Na, ja, da blieb uns halt nichts anderes übrig, als noch eine Nacht zu warten. Geschlafen haben wir nicht mehr, was bei der Aufregung und dem Schießen ganz erklärlich ist. Nachdem wir uns am

 

 

anderen Tage tüchtig gestärkt hatten, ging es ziemlich früh los und im Treck nach Groß-Ellingen zu. Man kann die vielen Wagen schon als Treck bezeichnen. Bis Ellingen hatten wir Glück und konnten unseren Handwagen an ein Fuhrwerk anhängen. Hier war aber auch keine Möglichkeit zu bleiben, denn Ellingen hatte ebenfalls den Räumungsbefehl bis zum Mittag des Tages.

Also hieß es weiter. Auf dem Wege begegneten uns sehr viele amerikanische Fahrzeuge die an uns vorübersausten. Alle Ortschaften durch die wir kamen waren mit Militär belegt und teilweise von der Zivilbevölkerung geräumt. Es war wirklich keine Kleinigkeit, den schweren Handwagen zu ziehen

und das vollbepackte Fahrrad zu schieben und zu lenken. Wir wußten wirklich was wir getan hatten, als wir unsere 20 Klm hinter uns hatten und nach fast 6 Stunden in Walzleben ankamen. Bei den Verwandten von Weddings wurden wir gleich freundlich aufgenommen und konnten den ersten Tag dort wohnen.

Da wir mit vier Familien zusammen waren, war es ja unmöglich, daß wir alle bei Kietz schlafen konnten, und so siedelten wir des Abends über in die Scheune bei Gradertz. Ich habe dort im Stroh sehr gut geschlafen, wenn es auch gegen Morgen etwas kalt wurde. Willi schimpfte am anderen Morgen, daß er die

 

 

ganze Nacht wachgelegen hätte, weil die Pferde im Nebenraum so gestampft hätten. Am liebsten hätte er sie aufgehängt. Da war für ihn wie für uns ja am anderen Tage die beste Erlösung von diesem Übel, daß wir ein Quartier mit zwei Zimmern bekamen. Vor allen Dingen freute meine Mutter sich, daß sie dort kochen konnte wie es ihr paßte.

Um die Verpflegung brauchten wir uns keine Sorge machen. Willi und ich sorgten schon für Nachschub. Das schönste an der ganzen Sache war, daß uns alle Leute wo wir hinkamen als ein jungverheiratetes Ehepaar ansahen. Wir ließen sie natürlich in dem Glauben und amüsierten uns darüber. Die 14 Tage in Walzleben waren

wirklich schön, vor allen Dingen hatten wir einigermaßen Ruhe und konnten uns ausschlafen. Interessant war es, die Gerüchte die in Walzleben umherliefen zu verfolgen, von denen natürlich nur ein ganz kleiner Teil auf Wahrheit beruhte. Als in einem Teil des Dorfes die Häuser belegt wurden von Amerikanern, hatte ganz Walzleben schon Angst, alles müßte geräumt werden. Wir atmeten erleichtert auf, als endlich wieder Strom da war und wir die englischen Nachrichten in deutscher Sprache hören konnten. So erfuhren wir endlich etwas über die Lage und konnten die Nachrichten vor allen Dingen mit ruhigem Gewissen abhören. Früher hätte man sich nicht getraut, auch nur einmal den englischen

 

 

Sender zu hören. Da konnte man beim Vergleichen feststellen, wieviel unnützes Zeug von den Leuten geredet wurde.

Ich glaube wir säßen heute noch in Walzleben, wenn nicht ein Junge aus Arneburg zufällig dort hingekommen wäre und wir von ihm erfahren hätten, daß man seit Samstag wieder nach Arneburg rein könnte, einige Amerikaner aber noch in unserem Hause seien. Da hielt uns aber nichts mehr dort. Am Montag morgen setzten wir uns auf die Räder und auf dem kürzesten Wege ging es nach Arneburg um Auszukundschaften, ob wir wieder in unsere Häuser konn-

ten. Es war aber auch die höchste Zeit daß wir dort hinkamen. Im ganzen Hause herrschte ein heilloses Durcheinander und die Polen hatten gestohlen was sie nur konnten. Ganz abgesehen von der Unordnung, in die die Amerikaner alles gebracht hatten, was wir ihnen ja auch nicht weiter übelnehmen können.

Lange aufhalten konnten wir uns nicht, denn es sollte ja am gleichen Tage noch mit Sack und Pack zurückgehen. Frl. Annemarie blieb gleich in der Wohnung, um weiterhin aufzupassen, und Willi und ich fuhren, nachdem wir Eppi kurz begrüßt hatten nach der „langen Trennung“, zurück nach Walzleben. In Goldbeck hatten wir

 

 

noch das Wichtigste eingekauft. Na, unsere Arneburger waren heilfroh, als sie hörten, daß es wieder zurückging. Da konnten sie nicht schnell genug aufpacken und losfahren. Unser Rückzug am 1. Mai war insofern leichter, als wir alle Sachen auf den Pferdewagen laden konnten und nichts zu tragen hatten. In der Eile waren wir gar nicht zur Besinnung gekommen und ich hatte am Abend nach der 30 Klm Radtour und dem 17 Klm Marsch allen Grund, müde zu sein.

Meine Mutter kam kaum aus dem Staunen raus, als sie die Bescherung sah. Ich hatte mich am Morgen schon genug gewundert und so ging es gleich los mit dem großen Reinemachen. Vor allen

Dingen mußten erst mal sämtliche Sachen aussortiert werden. So viel Geschirr hatten wir, seit wir hier in Arneburg sind, noch nicht zu spülen gehabt wie bei diesem einen Mal. Da die Amerikaner mit unserem Ofen gut fertig wurden, hatten sie aus der ganzen Nachbarschaft die nötigen Sachen rangeholt und bei uns gekocht. Da kann man sich ja vorstellen, wie so eine Männerwirtschaft aussieht. Aber mit gutem Mut geht alles. In noch nicht einer ganzen Stunde hatte ich im Schlafzimmer alles wieder in Ordnung gebracht und die Stube glänzte wieder.

Am anderen Tage war unsere ganze Wohnung wieder in Ordnung und man merkte

 

 

nichts mehr von dem ganzen Durcheinander, das dort geherrscht hatte. In den ersten Tagen wohnte Willi noch bei uns, aber da Weddings das Zimmer für andere Bekannte brauchte, zog er zu Frau Johns auf die Burg. Wir haben uns eigentlich gewundert, daß hier in Arneburg alles so ruhig ist, was die Besatzung anbetrifft. Man kann nun schon wieder bis des Abends um 20 ½ Uhr ausgehen. Augenblicklich wird auf der anderen Elbseite tüchtig geschossen. Man kann auf der ganzen Linie die Einschläge gut beobachten. Der Russe ist so weit vorgedrungen und einige deutsche Soldaten verteidigen sich immer noch bei Kliez. Wir sind gespannt, wann der Kampf ein Ende hat und die Russen das Elbufer

erreicht haben. Dann wird hoffentlich alles ruhig werden. Wenn doch nur schon wieder die Post ging, daß man von den Angehörigen etwas erfahren könnte. Karli wird wohl in russischer Gefangenschaft sein. Hoffentlich höre ich bald, oder überhaupt noch etwas von ihm.

Heute am Sonntag den 5. Mai muß Willi auch nach Stendal. Er hat keinen Wehrpaß hier und wird wohl in Gefangenschaft müssen bis der Krieg ein Ende hat. Wenn er dann zu seiner Frau und seinem Kinde kann, ist das noch ganz gut zu ertragen. Vielleicht kommt er auch morgen schon zurück. Jetzt heißt es nur noch abwarten, bis der Krieg ein Ende hat, dann werden wir auch wohl

 

 

wieder zurück können nach Essen.

Arneburg, den 22. Mai.
Wie schnell doch die Zeit vergeht. Nun ist der Krieg zuende und man merkt kaum etwas davon. Das Einzige, was an Frieden erinnert ist, daß man nun nicht mehr verdunkeln muß. Sonst ist in allem noch eine große Ungewißheit. Man hört dieses und jenes, aber glaubhaft ist eigentlich nur der geringste Teil. Dieses Kriegsende bringt uns nicht viel Gutes. Nun heißt es für jeden arbeiten, wenn man Geld erhalten will. Ich hätte mir auch nie träumen lassen, daß ich nun meinen Beruf nicht zuende lernen kann. Nun kann ich nicht mehr in der

Schule aus Vergnügen im Sport unterrichten. Na, vielleicht kommt das alles einmal wieder. Welche Tätigkeit man nun ausführt ist ja gleich. Es kann für mich gar nicht schaden, wenn ich nun ab morgen bei Wolfs im Haushalt und im Geschäft helfe. Was man gelernt hat, kann einem niemand nehmen. Hoffentlich können wir bald zurück nach Essen. Ob unsere Wohnung noch steht, wissen wir ja auch nicht. Vielleicht erfüllt sich dann doch noch mein Wunsch, und ich kann Kunstgewerblerin werden, oder zum Mindesten in ein Kunstgewerbegeschäft. Da heißt es eben nur abwarten, wie die Bestimmungen herauskommen.

Gestern kam auch

 

 

Willi von Kalbe zurück und ist wieder frei. Ich war gar nicht erstaunt, denn es waren schon einige Männer wieder zurückgekommen. Ob unser Vati wohl bald wiederkommt? Ich habe immer das Gefühl, daß er eines Tages hier sein muß. Wann werde ich wohl mal wieder etwas von Karli hören? Hoffentlich lebt er noch und kommt mit den anderen gesund wieder. Wenn nur erst wieder die Züge fahren und die Post geht, dann werden wir wohl auch wieder etwas von Oma, Alfred und Helga hören.

Montag, den 2. Juli.
Heute endlich komme ich dazu weiterzuschreiben. Inzwischen hat sich wieder allerlei Neues ereignet. Nun ist schon eine ganze

vergangen, seit ich bei Wolfs aufgehört habe. Das war wohl doch nicht das Richtige für mich. Wenn man gar nichts recht machen kann, macht die Arbeit auch keinen Spaß. Wie es nun ist, ist es schon das Richtigste. Das erfreulichste Ereignis war für uns, daß unser Alfred am 3. Juni ganz plötzlich hier ankam. Der Junge hat bestimmt schon allerlei mitgemacht, denn es ist für einen 12 jährigen Jungen keine Kleinigkeit, sich von Tirol hier rauf durchzuschlagen.

Ein Wunder ist es nur, daß es ihm die 6 Wochen, die er beim Russen zubringen mußte, gut gefallen haben, denn man hört doch im allgemeinen nichts Gutes von drüben. Nun fehlen nur noch

 

 

Vati, Helga und Oma. Inzwischen hat die englische Besatzung die amerikanische abgelöst und das aufregende Gerücht, daß der Russe dieses Gebiet besetzen will ist nun Wahrheit. Seit gestern morgen stehen wir unter russischer Herrschaft. Das wir aber auch so ein Pech haben müssen, denn unsere Sachen stehen schon fertig gepackt zur Rückkehr nach Essen. Wenn wir uns nun durchschlagen wollten, käme doch nichts Gescheites dabei heraus, denn wir kämen ja nicht über die Westgrenze. Hoffentlich können wir bald hier raus, bevor das Gerücht, das alle Frauen von 15-35 Jahren nach dem Osten zum arbeiten sollen, auch noch zur Wahrheit wird. Das wäre doch zu schrecklich. Ändern könnten wir dann auch nichts,

denn wir haben es ja mit den russischen Frauen und Mädeln nicht anders gemacht. Na, augenblicklich lassen wir uns noch keine grauen Haare darüber wachsen, und es geht noch fleißig weiter zum Johannisbeerpflücken bei Darandorff. Man muß die Dinge erst an sich herantreten lassen, dann ist immer noch Zeit genug, um sich darüber aufzuregen.

Nun schreiben wir heute schon den 24. Juli und es hat sich bisher noch nicht viel geändert. Der Russe ist nach wie vor im Besitze dieses Gebietes. Unseren Bürgermeister Schindler hat ein zweiter mit Namen Crämer abgelöst. Das er sich für uns einsetzt, muß man ihm lassen. Wir haben nun des

 

 

Sonntags wieder beim Tanzen auf der Burg Abwechslung genug. Die Kapelle spielt wirklich gut. Gestern abend haben wir bei Maiers fleißig geübt, denn das Tanzen muß wirklich noch besser klappen. Wir haben ja nie Gelegenheit gehabt. öffentlich zu tanzen. Aber darum lassen wir den Kopf nicht hängen, so oft es die Zeit erlaubt, wird getanzt. Bei Darendorff arbeite ich schon lange nicht mehr. Die schwarzen Johannisbeeren sind schon längst in den Marmeladengläsern und stehen Reih an Reih nebeneinander wie Soldaten in den Speisekammern. In der letzten Zeit haben wir schon viele schöne Stunden unten an der Elbe verbracht. Die Sonne meinte es besonders gut und wir konnten nach Herzenslust

schwimmen und springen. Zur Abwechslung ist die Erntearbeit sehr interessant und vor allen Dingen sehr gesund. Die Gerste haben wir schon eingefahren und nun haben wir den Roggen restlos aufgestellt. Der Hafer ist auch schon angemäht. Es wäre ja sinnlos, augenblicklich nach dem Westen zu fahren um dort unten an der Hungersnot teilzunehmen. Hier habe ich meine geregelte Arbeit, die mir viel Freude macht. Da gibt es immer viel zu lachen. Karli und Bubi sind doch zu doll. Mit Hilleken verstehe ich mich sehr gut, und von Anni und Dora kann ich nur sagen, daß sie prima Kameradinnen sind, von denen man allerlei lernen kann. Von der Verschleppung der Jugendlichen ist schon gar keine Rede

 

 

mehr, das war mal wieder eins von den vielen Gerüchten. Nun sollen bis zum 28. die Russen das Feld räumen und durch Engländer abgelöst werden. Ich bin ja mal gespannt, ob das Gerücht zur Wahrheit wird, schön wäre es allerdings, es bestände dann die Möglichkeit, meine Schwester aus I’stadt zu holen. Wo mag wohl unser Vati jetzt stecken. Ob er in England ist?

Am Sonntag abend ist Max ganz plötzlich gekommen und am Montag mittag gleich wieder mit Anneliese nach Braunschweig gefahren, wo er schon wieder einen eigenen Betrieb hat. Schade, das ich ihn nicht mehr sprechen konnte. Es kommen nur noch ganz selten Soldaten zurück, der Russe läßt ja niemanden

zurück. Heute ist Helga Kaiser auch fortgefahren um sich zu ihrem Verlobten nach Aachen durchzuschlagen. Na, hoffentlich hat sie Glück und trifft ihn gesund an, dann kann die Hochzeit ja losgehen. Ich wünsche ihr von ganzem Herzen Glück.

Die Fahrt nach Wolmierstedt konnten Alfred und ich ja nun endlich wagen. Mose ist ein schöner alter Gutshof, allerdings haben wir uns den Empfang etwas freundlicher vorgestellt. Man sollte meinen, das so eine Nachricht mit Freuden empfangen würde, aber Familie Gurkenbrodt zeigte sich ziemlich kühl uns gegenüber. Na, wir sind ja allerlei gewöhnt und können viel vertragen. Da geht man eben so kühl über die Sache überweg.

 

 

Auf jeden Fall war das Schönste an der ganzen Fahrt für mich der Nachmittag, den wir noch in Stendal zubringen mußten. Vielleicht hat er für die kommende Zeit eine schöne Bedeutung für mich, aber das kann ich jetzt noch nicht voraussagen. Na, hoffen wir das Beste lieber Leser. Die Zeit vergeht wie im Fluge und ich bin gespannt, was noch alles in nächster Zeit geschieht.

30. August 1945
Jetzt wird es aber endlich Zeit, das ich mein Tagebuch weiterführe. Eigentlich geschieht jeden Tag so viel Neues, aber man hat ja nicht immer Zeit dazu, alles gleich niederzuschreiben. Der 28. ist schon wieder vorbei, und das Gerücht, daß der Russe abrückt ist noch nicht zur Wahrheit geworden.

Es wird ja immer noch so allerlei gemunkelt und schön wäre es wirklich, wenn es doch noch einmal wahr werden würde. Andernfalls ist an ein Nachhausefahren mit sämtlichen noch nicht zu denken. Nun glaube ich es doch bald, daß unser Vati schon hier in der Nähe ist, oder in Essen. Wenn man nur wüßte, ob unsere Wohnung noch heil und unbewohnt ist, dann wäre man nicht so in Unruhe.

Das Wetter meinte es doch noch mal gut mit mit uns, wenn auch reichlich spät. Unser Weizen war ja schon ziemlich ausgewachsen, aber er konnte immerhin noch trocken eingefahren werden.

 

 

So ist das ganze Getreide sicher geborgen, der Russe wird uns nur leider nicht viel in den Scheunen lassen, wenn er wirklich beim Abzug alles mitnehmen will. Na, ich denke doch, das der Engländer und Amerikaner da noch ein Wort mitzusprechen hat. Jetzt fliegen augenblicklich viele Flugzeuge umher und schießen ab zu beim Üben mit Bordwaffen. Kanonenschüsse sind auch ab und zu zu hören. Das erinnert alles wieder so sehr an den Krieg, den wir nun Gott sei Dank hinter uns haben. Bei einem nochmaligen Krieg würde dieses Gebiet hauptsächlich in Mitleidenschaft gezogen, darüber können wir uns wohl alle im Klaren sein. Es ist traurig, wenn man unsere Soldaten aus dem Osten zurückkehren sieht. In neuer, blinkender Uniform sind sie in den Kampf

gezogen, und verhungert und in zerlumpten russischen Uniformteilen kehren sie sogar aus Stalingrad zurück. Aus den Flüchtlingen, die von ihrem Besitztum verwiesen worden sind, spricht das Elend, das über uns durch diesen Krieg gekommen ist. Täglich sterben alte Leute, die hier in unserem Hilfskrankenhaus untergebracht sind. Da können wir noch froh sein, das wir noch eine Heimat im Westen haben.

Für Vergnügungen wird hier in Arneburg augenblicklich noch tadellos gesorgt. Schließlich muß das Leben ja auch wieder mit der Zeit friedensmäßig verlaufen. Was man in der Kriegszeit nicht miterleben konnte, muß nun doppelt nachgeholt wer-

 

 

den, wenn es eben geht!!!! Daß jetzt auf der Burg Tanz ist, habe ich ja schon erwähnt. Es werden dort am Nachmittag noch genau so die Stühle freigehalten, um abends beim Tanzen einen Platz zu haben, wie am Anfang. Die Tanzsucht wird wohl auch so schnell noch kein Ende haben.

Und wenn man dann so einen kleinen hartnäckigen Tänzer hat, der fast um jeden Tanz bittet, freut man sich umso mehr auf den Abend. Ewald und Ernst sind wirklich zwei nette, lustige junge Männer, bei denen man immerzu lachen kann, wenn man gemütlich zusammen sitzt. Wenn Ernst auch etwas stiller ist als Ewald, so kann er doch besser Schnaps brauen und den schönen Bärenfang zubereiten. Eine süße, seltene Quelle hat er auch, bei Ernst kann man sich noch Schokolade verdienen, wenn es auch auf die anstrengende Art und Weise ist, ihm einen Tango beizubringen, denn er läßt sich wirklich schwer führen. Bei dieser Sache quälen selbst die Götter sich vergebens. Na, die Schokolade bekomme ich ja doch!

 

 

Wenn Ernst ein Künstler ist im Schnaps zubereiten, so ist Ewald im Trinken erst recht einer. Als wir am Samstag bei Sieglinde gemütlich zusammensaßen, haben sie uns natürlich stolz ihr Teufelsgetränk vorgeführt, und ich muß sagen, als ich nach Hause ging und abends im Kino saß, war mir der Kopf reichlich schwer. Ebenso am Sonntagabend auf der Burg. Es ist nur schön, daß Ewald mich beim Tanzen so fest im Arm hält, daß man die Schritte richtig setzen muß, und bei den vielen Umdrehungen, die er so gern macht, nicht schwindelig wird.

Ich freue mich heute schon auf unseren nächsten gemütlichen Abend, und auf den nächsten Tanzabend.

Arneburg   Stendal

Es war eine rauschende Ballnacht

Kasse
.... 1.20
...........

Unsere samstägliche Bahnfahrt nach Stendal, um dort ins Kino zu gehen, können wir uns nun auch sparen, denn in Arneburg ist das Kino nun endlich wieder eröffnet. Wir können uns bestimmt nicht beklagen. Drei mal in der Woche Film reicht für so eine kleine Stadt wir Arneburg bestimmt aus. Ein neu eröffnetes Hotel Görmann, in dem es sogar Berliner Ballen und Amerikaner zu essen gibt, haben wir auch. Ja, das ist noch gar nicht alles. In der gemütlich eingerichteten „Fischerklause“ leuchtet eine kleine Lampe romantisch die alte, holprige, krum-

 

 

me Gasse hinunter und weist den Weg zu der Quelle, wo es jetzt sogar schon wieder Likör gibt, allerdings nur für ausgesuchte Gäste.

Vatis Nachricht.
Eine besonders erfreuliche Nachricht erhielten wir am vorigen Mittwoch. Nun wissen wir doch endlich, wo unser Vati steckt. Seit Anfang Juli befindet er sich schon in Neustadt bei Hannover und arbeitet dort in der Landwirtschaft. Hier her zu kommen, und uns abzuholen ist ihm noch nicht möglich, da er von den Amerikanern noch keine Entlassungspapiere hat. Na, das macht ja auch nichts, die Hauptsache ist ja schließlich, daß er gesund ist und wir wissen, wo er ist. Allmählich glaube ich auch, daß Kartenlegen vielfach die Wahrheit enthält, denn das wir eine Nachricht erhalten, ist ja

nun eingetroffen. Wenn wir nun nur noch wüßtenh, was unsre Helga und Oma machen, ob sie noch gesund sind. Hoffentlich gelingt es uns bald, über die Grenze zu fahren, dann ist I’stadt von Essen aus mein erstes Ziel. Ich habe es mir nun abgewöhnt, jedesmal meine Mutti von der Heimfahrt abzuhalten, wenn davon gesprochen wird. In Arneburg wird es einem doch auf die Dauer zu langweilig, man ist als Großstadtkind doch mehr an das lustige und frohe Treiben der Stadt gewöhnt, als an das ruhige, gleichmäßige Leben eines großen Dorfes, wie Arneburg. Ich möchte jedenfalls keinen Arneburger heiraten, und mein ganzes Leben hier oben verbringen.

Wenn auch im Schützenhaus ein Kabarett eingerichtet werden soll und später vielleicht wieder Bälle stattfinden, so könnte dieses alles

 

 

mich doch nicht hier halten. Jetzt heißt es, so bald wie möglich zurück nach Essen. In der letzten Woche haben wir bei Meiers Gott sei Dank keine Kartoffeln lesen brauchen, das ist nämlich ein Greuel für mich. Die Heuernte ist eine ganz angenehme Beschäftigung. So viel wie in den letzten Tagen haben wir schon lange nicht mehr gelacht. Natürlich immer über unser Thema 1, die Männer. Wenn die immer wüßten, wie viel wir über sie sprechen, müssten ihnen eigentlich zu oft die Ohren klingen. Na, Kalli hat uns ja den meißten Gesprächsstoff gegeben. Wie kann ein Mann sich nur so vor uns Mädeln blamieren. Jetzt sind Kalli und Bubi sicher schon zuhause, wenn sie nicht von den Russen geschnappt wurden. Aber das sie sich nicht von mir verabschiedet haben, nehme ich ihnen sehr übel.

Vor allen Dingen von Bubi, denn wir sind kameradschaftlich prima miteinander ausgekommen.

Heute abend werde ich ja Anni und Doras Brüderchen, Kurti Meier auch kennenlernen. Ob Ewald und Ernst zum Tanzen kommen? Hoffentlich!! Hildchen hat Rheuma und feiert schon die ganze Woche krank. Davon, das die Russen abziehen, ist nun auch schon nicht mehr die Rede. Das einzig Gute ist augenblicklich, das wir schönes Wetter haben, und daß es sich noch einigermaßen hält. Christa Subroweit hat jetzt auch in der Tangermünderstr. ihre eigene Wohnung. Da ist ja Frau Wedding mächtig zornig, aber ich würde es genau so machen. Alles ist gut u. schön, nur nicht, wenn man mit

 

 

den Eltern oder Schwiegereltern zusammen wirtschaften muß. Einige Essener sind nach Magdeburg gefahren, um den allierten Zug zu benutzen, sie sind aber wieder zurück gekommen, denn die Russen haben die Leute ausgeplündert und Frauen vergewaltigt. Da kann einem schon wieder angst und bange werden, wenn man das hört. In was für einer Zeit leben wir doch nur. Wenn das doch bald ein Ende hätte.

Heute, am Erntedanktag den 30. Sept. komme ich dazu, all die Neuigkeiten weiter einzutragen. Das Wichtigste und erfreulichste ist wohl, das heute vor acht Tagen mein Vati und Helga ankamen. Wir hatten wirklich vor, am Mittwoch nach Essen zu fahren, diese umständliche Fahrt bleibt

uns nun Gott sei Dank erspart. Es hätte ja auch keinen Sinn, jetzt nach Essen zu fahren, nachdem unser Haus nun doch den Gnadenstoß erhalten hat, und man die Möbel aus der Wohnung gestohlen hat. Man kann eben keinem Menschen mehr trauen, auch nicht den besten Bekannten! Da heißt es halt, augenblicklich noch in Arneburg zu bleiben. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Nun haben wir schon bald Oktober und Mutti hat Geburtstag. Wann wird man wohl wieder richtig Geburtstag feiern können? Die netten Stunden, die ich ab und zu in Bürs erlebe, erfreuen einen auch. Gestern hatte Ewald Geburtstag. Richard Hesse hat wieder einige seiner neuesten Lieder aus der Revue „Traumreise“ zum Besten gegeben. Ich hätte wirklich nicht gedacht, daß

 

 

Herr Hesse erst 31 Jahre alt ist. Ein tüchtiger Komponist ist er auf jeden Fall, da gibt es nichts gegen einzuwenden.

ohne Dich kann ich nicht glücklich sein
Denk an mich

Ich freue mich jetzt schon auf die Uraufführung der neuen Revue, „Traumreise“. Ernst gibt sich alle Mühe, in mir eine Freundin zu finden, aber da ist der gute Mann auf dem Holzwege. Da muß schon ein anderer kommen als Ernst Gawlitza, vor allen Dingen ein jüngerer.

Nun ist Walpurga Saalmann auch schon die junge Frau Lupold. Hoffentlich bleibt sie ihrem Werner treu, bei der Trauung hat sie sich ein paar mal umgesehen, das soll ja wohl nichts Gutes bedeuten. Na, ich glaube den ganzen Spuk nicht.

Hier in der Arneburger Kirche möchte ich wirklich nicht getraut werden. Es ist alles so gar nicht feierlich, da ist es bei uns in der Großstadt wirklich schöner. Aber bis zur Trauung habe ich ja noch eine ganze Weile Zeit, erst muß einmal der richtige Mann gefunden sein.

Annemarie Wedding wird sich ja nun auch bald verloben. Hoffentlich können wir dann noch dieses große Zimmer dazu erhalten. Auf dem Dachboden haben wir uns ein recht nettes Zimmer zurecht gemacht. Natürlich möchte ich nicht meine ganze weitere Zukunft hier in Arneburg verbringen. Auf die Dauer macht die landwirtschaftliche Arbeit auch keinen Spaß. Ab morgen wird wieder fleißig gearbeitet. Die Kartoffeln sind nun bald alle raus. Wenn uns der Russe nur nicht

 

 

alles wegschleppen würde, dann könnte es uns in diesem Winter nicht schlecht gehen. Ich glaube nun gar nicht mehr daran, daß die Grenzen noch einmal geöffnet werden, und daran, daß die Russen dieses Gebiet verlassen, schon gar nicht. Es hat gar keinen Zweck, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Vorläufig lassen wir die Sache laufen wie sie läuft und erfreuen uns am Tanzen und an schönen Kinostücken, es ist doch das einzig Schöne, was wir in dieser Zeit noch haben.

Heute, am heiligen Abend 1945 habe ich endlich Zeit und Ruhe, mein Tagebuch weiterzuführen. In letzter Zeit hat sich so viel verändert, daß dieses Buch voll werden würde, wenn ich alles eingehend schildern würde. Ja, das hätten wir uns allerdings auch

nicht träumen lassen, daß wir noch mal hier in Meggen, in Westfalen, landen würden. Nun sind wir schon seit dem 2. Nov. von Arneburg weg. Unsere Fahrt von dort nach Essen dauerte volle acht Tage, und ich hätte wenig Lust, diese Reise so bald noch einmal zu unternehmen. Bis zur Grenze war ja nur langsam ein Weiterkommen möglich. Schon in Stendal hatten wir keinen Anschluß und mußten die Nacht im Tunnel auf der Treppe zubringen. Am anderen Morgen hatten wir soeben Glück, daß wir den Zug nach Magdeburg noch erreichten, allerdings hieß es dort auch wieder bis zum Mittag auf den Anschlußzug nach Sangerhausen warten. Unsere Hoffnungen, am selben Abend noch weiter zu fah-

 

 

ren nach Heiligenstadt, um an anderen Vormittag bei Arenshausen über die Grenze zu gehen, schlugen fehl und wir mußten die Nacht in Sangerhausen verbringen, was uns insofern nicht gefiel, als die Russen mit dem Sonderzug in Sangerhausen Aufenthalt hatten und in betrunkenem Zustand die Mädel belästigten. Wir atmeten auf, als schon früh am Morgen ein Arbeiterzug nach Heiligenstadt fuhr und alle Leute, die über die Grenze wollten, mitnahmen. Auf der Burg in Heiligenstadt erhielten wir nach langem Anstehen unsere Nummern, die uns beim Grenzübergang von den Russen abgenommen wurden.

Es war bestimmt keine Leichtigkeit, den schweren Handwagen mit sämtlichem Gepäck von

der Burg bis Arenshausen die 15 Klm zu ziehen, dabei mußte man jeden Augenblick Angst haben, daß das ganze Gepäck seitlich herunterkam.

Das ging ja alles noch ganz gut und schön, aber das schwerste Stück Arbeit für uns kam nun erst. Wir mußten unsere sämtlichen Gepäckstücke einzeln Stück für Stück vorwärtstragen. Vati und Alfred waren schon mit einigen Teilen vorgefahren, sodaß meiner Mutter, meiner Schwester und mir die anstrengenste Arbeit überlassen wurde. Auch das hätten wir uns noch geduldig gefallen lassen, wenn wir nicht einen ganzen Kilometer vor uns gehabt hätten

 

 

und bis zum Grenzschluß nur noch eine Stunde Zeit gewesen wäre. Zum Schluß erbarmte sich doch eine junge Frau, und wir konnten unser letztes Hab und Gut auf ihren Wagen laden, mit dem wir das letzte Stück im Dauerlauf zurücklegten. Gott sei Dank, das hatten wir geschafft. Nun hatten wir Zeit. Wenn die Fahrt noch eine Woche gedauert hätte, es wäre uns gleich gewesen, denn aus dem russischen Gebiet, in dem die Er[näh]rungsweise so schlecht war, waren wir ja Gott sei Dank raus.

Aber wir hatten gar keinen Grund, uns zu beklagen. Man merkte gleich, beim Engländer wehte ein anderer Wind. Wir hatten noch keine halbe Stunde gewartet, als wir schon

mit Lastwagen abgeholt wurden und ins Lager Friedland gefahren wurden. In kurzer Zeit ging hier die Registrierung, Entlausung und Untersuchung vor sich und wir konnten die erste Nacht in einem geheizten Raum schlafen. Dadurch, das ich bei der Registrierung im Büro half, kam ich gut an der Entlausung vorbei, denn es war alles andere als schön, sich den weißen Staub in die Kleider spritzen zu lassen. Allerdings mußte ich, als wir, nachdem wir morgens um 9 Uhr von Friedland abfuhren und abends in Ahlen in Westfalen ankamen, beim Entlausen doch daran glauben, nur mit dem Unterschied, daß man hier nicht so weiß gemacht

 

 

wurde, während man in Friedland im Nu wie ein Schneemann aussah. Von Ahlen ging es dann am anderen Tage glatt weiter bis Hamm und von dort hatten wir gleich Anschluß nach Essen. In Essen ließen wir unsere Sache bei Helga Schwesig stehen. Das gab eine freudige Begrüßung, denn wir hatten uns doch über ein Jahr lang nicht gesehen. Übernachtet und gewohnt haben wir in den paar Tagen bei Tante Hilde, denn es war trotz allen Bemühungen unmöglich, in Essen eine Wohnung, und Vati eine Anstellung zu bekommen. Na, da blieb uns halt nichts anderes möglich, als uns wieder evakuieren zu lassen, und zwar in den Kreis Olpe. Da sind wir nun mit unserem Sack und Pack hier in Meggen an der Lenne

im Werksheim Walbecke gelandet.

Meggen, den 24.1.46
Seit unserer Ankunft hier in Meggen ist schon wieder allerhand Zeit verflossen. Wir haben uns in unserer feudalen Einzimmerwohnung so gemütlich wie es nur eben ging eingerichtet. Mit der Zeit kommt doch ein Teil nach dem anderen dazu. Wir hätten uns doch im Leben nicht träumen lassen, daß wir einmal so auf den Staat angewiesen sein würden. Allerdings geht das als vorübergehenden Behelf ganz gut, aber in nächster Zeit sehnt man sich doch nach einer eigenen Wohnung, und wir haben auch alle Schritte unternommen, um hier in Meggen seßhaft zu werden. Wie schön

 

 

hätten wir nun alle zusammenleben können, wenn uns unser lieber Alfred nicht so früh hätte verlassen müssen. Wir können es noch gar nicht fassen, wie das nur hatte kommen können. Mußte das zu allem Elend, das uns schon betroffen hat, noch dazukommen? Das Schicksal hat uns schon gerade genug Trauriges erleben lassen. Ich darf gar nicht weiter über Alfred Tod nachdenken. Wenn man auch nun schon wieder lustig ist, so doch nur, um den anderen, vor allen Dingen Mutti, die es doch am meisten schmerzt, leichter darüber hinwegzuverhelfen.

Helga wird nun auch schon Ostern konfirmiert, womit wir noch nicht gerechnet hatten. Hoffentlich haben wir bis

dahin eine eigene Wohnung, damit man einigermaßen feiern kann, denn es ist doch ein nur einmaliges Ereignis und wir wollen Helga doch die Freude machen, und die Verwandten, soweit sie hier her kommen können, einladen.

Im Grunde genommen ist es hier in Meggen recht eintönig und einsam. Gewiß, unten im Ort bei Beier ist wohl Tanz, aber ich war erst einmal dort, und es behagt mir nicht so recht. Erstens mal, wird Beier allmählich zum dollsten „Puff“, und zweitens ist gar nicht genug Platz zum Tanzen. Man ist von Arneburg her zu sehr verwöhnt. Wenn auch dort die Tanzfläche recht klein war, so hatte man doch

 

 

anständige Musik und vor allen Dingen gute Tänzer. Ich warte nun schon die ganze Woche mit Sehnsucht auf Inge, sie wollte mich hier besuchen. Wenn ich doch nur bald nach Essen fahren könnte, dann bleibe ich etwas länger dort und wir Essener könnten mal wieder alle zusammen sein. Ich freue mich schon so sehr darauf.

Weihnachten traf ich ganz plötzlich unten im Ort Änne Viehoff, von der ich nicht wußte, daß sie aus Meggen ist. Ich war einmal bei ihr, und wir haben uns sehr gut unterhalten. Ich ginge hier in dem schrecklichen Werksheim ein, wenn ich nicht Franzjosef kennengelernt hätte, und mir

des öfteren unten bei ihm im Büro die Zeit vertrieb. Wir ferstehen uns sehr gut, und haben, bisher noch im Scherz vor, einmal zu heiraten. Kann mans wissen, weiß mans denn? Wir sind natürlich beide noch viel zu jung dazu, und Herr Becker würde uns beide zum Teufel jagen, wenn wir ihm damit ankämen. Vorläufig sind wir noch so gute Freunde und müssen beide noch viel ernster werden. Das Heiraten habe ich mir auch aus dem Kopf geschlagen. Womit soll man denn anfangen? Ich freue mich nur schon auf meinen Geburtstag. Hoffentlich können wir ihn in diesem Jahre endlich einmal wieder gemütlich feiern. Im vorigen jahre hat mir der dauernde Alarm einen Strich durch

 

 

die Rechnung gemacht.

Allmählich bekommen wir auch Sonne in unsere Wohnung. Als wir anfangs hier her kamen, war der Wald vor uns noch dicht, und ließ keinen Sonnenstrahl in unser Zimmer, aber nun sieht man an Stelle der einstmaligen Bäume nur noch die abgehauenen Baumstümpfe. Wie viele großte Tannen sind da schon zu Fall gekommen, aber wenn man kein Brennholz und eine kalte Stube hat, kennt man kein Erbarmen. Es ist schade um den schönen Wald, denn so ein Baum ist nicht wie ein Haus, was wieder aufgebaut werden kann. Man erlebt in so einem großen Gebäu-

de doch täglich etwas Neues. Die Zeit vergeht, und unsere große Weihnachtsbastelei ist schon längst wieder vergessen. Wir haben in diesem Jahre so recht noch keinen Winter gehabt, es friert wohl mächtig, was für den Boden auch notwendig ist, aber es will gar nicht richtig schneien, daß alles weiß ist und wir rodeln können. Also warten wir ab, was es Neues gibt, und ich hoffe, daß wir recht bald eine eigene Wohnung bekommen.

Nun haben wir heute schon den 15. Febr. und mein Geburtstag rückt immer näher heran. Ob wir in diesem Jahre wohl etwas lustiger feiern können, als im vorigen? In

 

 

Arneburg hat mir der Tommy einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir hatten damals jeden Tag Alarm. Aber nun sind wir ja hier wieder alle zusammen, und wenn es dann nicht klappt, verstehe ich es wirklich nicht. Seit dem 7. dieses Monats bin ich hier in Essen bei Inge. Ich mußte doch mein Versprechen, einmal nach Essen zu fahren, wirklich einlösen. In Meggen konnte ich ja gut abkommen. Hoffentlich hat sich inzwischen die Sache mit unserer Wohnung geklärt.

19.2.45.
Bisher habe ich immer noch keine Nachricht von Zuhause, und Franz Joseph schreibt mir auch nicht. Hoffentlich hat alles geklappt. Ich habe, solange

ich hier bin schon nette Stunden verlebt. Wenn Inge nach Pluta in die Geigenstunde geht, warte ich immer bei Oberholz, in einem netten Kaffee auf sie. Wir haben dort schon allerhand Beobachtungen gemacht und fabelhafte Unterhaltungen geführt (Decorativ). Am Sonntag war ich in Krefeld-Linn bei Alice. Sie war ganz erstaunt, als ich auf einmal dort ankam. Wir haben dann so viel zu erzählen gehabt. Ihren Freund Kalla habe ich auch kennengelernt, und er ist bestimmt ein netter junger Mann, auf den Alice sich verlassen kann.

Zum 2. März sind wir beide eingeladen zu einem Kostümball, und ich freue mich schon riesig darauf,

 

 

hoffentlich klappt alles so, wie ich es mir vorstelle. Allerdings fehlt mir noch das richtige Kostüm. Inge darf ja leider nicht mit. Also dann hinein ins Vergnügen. Morgen wollen wir in die Bredemeyer Krone, das gibt ja auch mal wieder Spaß. Wie lange ist es nun schon her, daß ich das letzte Mal dort war. Damals war ich noch ein kleines Mädel und freute mich, wenn ich zugucken konnte, wie die anderen tanzten, heute tanze ich nun bedeutend lieber selst. Ja, wann werden wohl die fröhlichen Karnevalzeiten wiederkommen. Hoffen wir es also recht bald.

26.3.46
Nun sind es schon wieder 4 Wochen her, seit ich von Inge fort bin. Die vier Wochen in Essen waren mal wieder seit langer Zeit eine schöne Erholung und Abwechslung. Der Kostümball in Krefeld hat mir besser gefallen, als ich es gedacht habe. Alice hatte mir ein fabelhaftes Rosenkostüm besorgt. Natürlich mußte ich alles umändern, aber bis zum abends hing es fix und fertig aufgehängt, sodaß ich noch Zeit hatte, Alice vom Geschäft abzuholen. Sie kamen mir dann auch schon auf der Ürdingerstr. entgegen und Kalla begleitete uns bis zur Bück. Wir verabschiedeten uns schnell und hatten nun auf dem Heimweg Zeit genug, alle Neuigkeiten zu

 

 

berichten. Wenn man nur eine Woche voneinander weg ist, gibt es hernach so viel zu erzählen.

Zuhause angekommen wurde zunächst einmal Abendbrot gegessen und dann ging es mit viel Vorsicht hinein in die Kleider. Kalla und Werner holten uns pünktlich ab zu unserem ersten Kostümball. Unsere Mäntel wagten wir natürlich gar nicht zu zu mache, dann hätten ja die, mit viel Sorgfalt aufgebügelten Kleider „zerknittert“ werden können. Auf dem Hinweg hatten wir schon so viel zu lachen, was sollte daß erst dort angekommen geben. Der Ratskeller war natürlich karne-

valsmäßig geschmückt und mußte wirklich staunen, woher die Leute all die Sachen hatten. An Luftschlangen und Konvetti fehlte es uns nicht und der Krach, den die jungen Männer mit den kleinen Trompeten machten, war gar nicht zu beschreiben. Die Büttenreden der Ürdinger Karnevalsvorsitzenden riefen anfangs sehr viel Gelächter hervor, und da es uns an Getränken nicht fehlte, war schnell die nötige Stimmung hervorgerufen. Unsere alten traditionellen Karnevalslieder von Willi Ostermann ertönten wieder. Wir jungen hatten ja den Text meißtens schon vergessen, oder noch nicht richtig gehört, dafür ließen dann die älteren Semester ihre Stimmen erschallen.

 

 

Die jungen Semester konnten natürlich nicht mehr erwarten, bis zum ersten Tanz aufgespielt wurde. Wir hatten gleich den günstigsten Tisch erwischt. Wenn wir auch bei den Büttenreden nur die Hälfte verstanden, so hatten wir doch beim Tanzen den Vorteil, gleich an der Tanzfläche zu sitzen. Werner war Gott sei Dank ein ebenso leidenschaftlicher Tänzer wie ich, und da wurden dann gleich die ersten Takte benutzt, besonders beim Walzer schnell ein paarmal um die Fläche zu tanzen, ehe sich die anderen Paare durch die Stuhl und Tischreihen hindurchgezwängt hatten. Natürlich wurde kein Tanz ausgelassen. Wir waren eine nette lustige Gesellschaft am Tisch, und so ging es immer

abwechseln. Mit Kalla konnte ich auch sehr gut tanzen, er kann so fabelhaft führen.

Abends um 8 ½ Uhr hatten wir begonnen. Gegen 5 Uhr morgens wurde es uns dort zu warm und man verlor auch schon die Lust, noch länger dort zu bleiben. Alice und ich zogen es vor, um 5 ½ Uhr nach Hause zu gehen, denn ich mußte ja am Morgen wieder zurück, und da wollten wir doch wenigstens noch ein paar Stunden schlafen. So ließen wir uns dann von unseren Herren heimgeleiten. Sie bedauerten es zwar, daß ich am Montag

 

 

nicht noch einmal mit ihnen feiern konnte, aber da halfen alle noch so gut gemeinten Ratschläge und Bitten nicht, ich blieb bei meinem Entschluß, am Montag nach Hause zu fahren.

Wie ich mit Alice nach Hause kam, überkam uns so recht die Müdigkeit. Wir hatten noch nicht einmal mehr Lust, all das feine Konvetti aus den Haaren zu kämen, und so sahen auch unsere Betten dementsprechend aus. Im Zimmer flog in allen Ecken das bunte Zeug herum. Leider hatten wir nur drei Stunden Zeit zum Schlafen, denn ich mußte mit dem Mittagzug wieder zurück. Nach dem Mittagessen ginge Alice mit mir zum Zug und unter fröhlichem Verabschie-

den fuhr ich wieder zurück.

Am anderen Tage erledigte ich Vormittags noch alle nötigen Gänge und fuhr mittags nach Essen, um mich das letzte Mal mit einem früheren Schulkameraden zu treffen. Der Nachmittag wurde dann auch sehr nett und wir haben in der Bredemeyer Krone fabelhaft zusammen getanzt. Der Nachmittag mußte ausgenutzt werden, denn in Meggen war bei meinen Heimkommen so schnell keine Gelegenheit dazu.

Ich hatte mich mit Tante Hilde verabredet und so fuhren wir am anderen morgen in Richtung – Hagen – Meggen.

Mit unserer neuen Wohnung hatte es in-

 

 

zwischen geklappt und ich muß sagen, sie gefiel mir gleich sehr gut. Die Zimmer waren recht gemütlich und meine Eltern hatten es mit den wenig Möbeln, die uns zur Verfügung standen, schon ganz nett eingerichtet. Es ist doch ein Unterschied, ob man auf einem oder 3 Zimmern wohnt.

Als Luzia Beckmann und mir dann eines Tages der Gedanke kam, nach Süddeutschland zu fahren, und meine Großmutter zu holen, hielt ich es nicht mehr zuhause aus. Natürlich mußte der Gedanke gleich in die Tat umgesetzt werden, und nachdem meine Eltern dann die Einwilligung gegeben hatten, wir konnten die nötigen Papiere mitnehmen, traten wir nur mit einem Rucksack bepackt

unsere Fahrt an. Es klappte alles wider Erwarten gut. Wir hatten uns natürlich die größten Kopfschmerzen gemacht und Luzias einzige Sorge war die Nacht, die wir auf der Bahn verbringen mußten, aber auch die verlief tadellos und so lustig hatten wir sie uns natürlich nicht vorgestellt. Zwei Herren, die uns auf der Bahn gegenübersaßen, luden uns zu einem Glas Wein ein. Natürlich schlägt man so etwas heutzutage nicht mehr aus. Wir schädigten die jungen Herren natürlich dementsprechend und auf das erste Glas folgten noch weitere. Luzia lehnte das dritte Glas und die folgenden ab. Da ich sehr gern Wein trinke wäre es mir sehr schwer gefallen, und so

 

 

opferte ich mich halt nur zu gern und half fleißig dabei, die fünf Liter Pfälzer Wein bis auf den letzten Tropfen aus der Flasche zu locken. Von Frankfurt bis München hatten wir es dann glücklich geschafft. Als wir aus dem Zug stiegen und an die frische Frühlingsluft kamen, war es und doch etwas anders zu Mute. Aber darf uns so etwas schon ausmachen.

Wie groß war aber nun die Enttäuschung, als unser Zug erst in 8 Stunden Anschluß hatte, und wir dann erst weiterfahren konnten unserem Ziel entgegen. So trafen wir am Dienstag den 12. März glücklich in Hindelang an und Omas Erstaunen war natürlich groß, als wir auf

einmal da standen, und sie dazu noch abholen wollten. Für sie gab es nun nur noch Reisevorbereitungen, während wir noch gar nicht an eine Heimfahrt dachten und uns erst paar schöne Tage bereiten wollten.

Die Unterkunftsfrage war bald gelöst, aber eigentlich war es uns noch garnicht mal so recht, daß wir im Altersheim, und dann noch jeder bei so einer alten Frau schlafen sollten. Ein nettes Zimmer für uns wäre uns lieber gewesen. Aber so mußten wir uns eben in diese Umstände schicken.

Natürlich sollte jeder Tag ausgenutzt werden, und zogen wir auch gleich am ersten Tag in unseren Skianzügen los. Wenn wir

 

 

auch erst planlos die Jochstraße hinaufbummelten, so sollte sich bald unser Ziel entscheiden. Zwei braungebrannte Skiläufer hatten uns bald eingeholt und auf unsere Frage hin, wie lange man zum Oberjoch gehe, boten sie sich an, uns auf dem kürzeren Weg mitzunehmen. Der Weg war für unsere Schuhe doch nicht der geeignete, wir rutschten immer wieder so, daß wir bald die Skistöcke der jungen Herren zur Hilfe nahmen.

Am Oberjoch war natürlich ein Gewimmel von Skiläufern. Deutsche und Amerikaner, die sich am Skilift drängten, um hinaufzufahren auf den Abfahrtsplatz. Wir waren doch etwas betrübt, daß wir nicht auch im Besitz von Brettern waren, und

uns dem schönen Skisport widmen konnten.

Nachdem Siegfried und Erwin genug gelaufen hatten und wir noch eine Weile im Hochpaßhaus plauderten, ging es wieder heimwärts und wir verabschiedeten uns, jeder mit dem heimlichen Wunsch, sich wieder zu treffen.

Aber so schnell sollte sich unser Wunsch nicht erfüllen, erst nach einigen Tagen trafen wir uns am Oberjoch wieder. Von dem Tage an war es öfter der Fall. Unser Weg führte meist zum Oberjoch, wir sonnten uns dort oben am Heustadl und ich versuchte auf Siegfrieds Skiern mein Glück; wobei ich dann aber doch einen Sturz machten und ein hübsches

 

 

goldenes Armband, daß ich erst am gleichen Vormittag geschenkt erhielt, verlor. Da hatte es mir natürlich fürs erste gelangt. Abends saßen wir dann öfter im Schimmel oder gingen zum letzten Heller, wo es so herrlichen Apfelwein gab. Meißt waren wir alle vier zusammen, wenn es Luzia auch nicht so recht paßte, daß ich meist mit Siegfried zusammen ging. Es sollte eben (nicht) so sein.

Dann folgten Abende, die ich mit ihm allein verbrachte, und sie waren die schönsten in der Zeit unseres Aufenthaltes in Hindelang. Wir bedauerten nur immer wieder, diese Stunden nicht schon eher gehabt zu haben und so schwanden die Tage zusehendst dahin, bis der letzte Abend heran-

gerückt war. Im Sonnensaal wurde ein hübsches Theaterstück gespielt, „Die Spielwurz“, ganz im Hindelanger Dialekt gesprochen. Nur gut, daß ich den Dialekt verstehe, sonst hätte mir das Stück nur halb so gut gefallen. So war auch dieser letzte Abend ausgefüllt und wir nahmen mit den besten Vorsätzen, uns immer zu schreiben und im Sommer wieder beieinander zu sein, voneinander Abschied. Am 26. März traten wir mit unserer Oma die Heimreise an. Wie erstaunten wir, als in Würzburg zwei Hindelanger Kurgäste, die wir gut kannten, am Abteilfenster Einlaß begehrten. Da wurde natürlich viel gelacht, und die Fahrt verlief wie im Fluge.

 

 

16.4.46
Lange hielt es mich natürlich nicht zu hause. Ich bin nun mal so eine Reisetante und da entschloß ich mich, am 5. April nach Essen zu meiner Tante zu fahren. Natürlich besuchte ich auch Inge, meine Freundin. Inge übt immer noch fleißig, und man könnte die kleine Geigen- und Klavierkünstlerin bestimmt beneiden. Wie wenig wollte sie damals mit den männlichen Geschöpfen zu tun haben und heute steht sie mit ihrem Fränz, in den sie bis über beide Ohren verliebt ist, im engsten Verhältnis. Ja, so schnell kann alles anders kommen, ohne das man es ahnt. Allerdings blieb ich nur eine Woche in Essen,

denn das Osterfest rückte immer näher heran, und da gab es Vorbereitungen genug. Ich ahnte natürlich noch nicht, daß ich so bald eine andere Tätigkeit finden würde, und nicht mehr untätig zuhause sitzen brauchte. Und nun ist es so weit und ich werde morgen mit Herrn Nöcker sprechen, ob er mit mir zufrieden ist, dann geht es mit frischem Mut an die Arbeit. In Kirchhundem war ich zwar noch nie, aber es soll dort sehr nett sein, und ist nur eine Bahnstation hinter Altenhundem, da werde ich doch schnell mal am Wochenende nach Hause fahren können.

 

 

21.7.46
Die schöne Zeit, die ich augenblicklich hier auf der Vasbach verbringe, ist es wirklich wert, an den Anfang des neuen Tagebuches geschrieben zu werden. Nun sind es schon 8 Wochen her, seit ich das erste Mal hier nach Nöcker kam. Wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich habe mich hier schon so gut eingelebt und ich muß sagen, so schnell möchte ich hier nicht wieder weg. Ich bin hier nun schon wie Zuhaus und es macht doch Spaß, so einmal nach Herzenslust im Haushalt zu wirtschaften und vor allen Dingen befriedigt es zu wissen, daß man etwas leisten kann,

nicht zuhaus sitzt, und dem lieben Gott den Tag stiehlt.

Hier ist der ganze Tag vollauf mit Arbeit ausgefüllt. Es sich niemals die Langeweile heraufstehlen, denn eine Beschäftigung folgt der anderen. Es ist nur schade, daß Frau Nöcker, unsere Mama, so krank ist, und wir wünschen alle nichts sehnlicher, als daß bald die alles gutmachende Operation vorgenommen werden kann. Man kann ihr niemals böse sein und liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Aber auch Helmalein und Hermann-Joseph habe ich sehr gern. Vor allen Dingen ist Helma sehr anhänglich und gehorcht sofort.

Daß der Papa immer so besorgt um seine bei-

 

 

beiden Kleinen ist, kann ich gut verstehen, aber die Sorge ist gar nicht berechtigt, denn sie sind bei mir in guten Händen. Die Männer können oft nicht verstehen, wenn man für alles allein zu sorgen hat, daß man dann doch mit allem heutzutage zu rechnen. Wenn die Mama nun am Dienstag wieder nach Köln ins Krankenhaus muß, habe ich das Reich wieder für mich allein, das heißt aber nicht, daß ich mich so sehr darauf freue, denn wenn auch alles ganz gut klappt, bin ich doch froh, wenn Frau Nöcker wieder das Regiment in die Hand nimmt. Es ist dann eben doch lustiger und gemütlicher, denn Herr Nöcker ist bei der Sorge um seine Frau natürlich sehr schweigsam.

Heute am Sonntag finde ich nun endlich Zeit, einige Zeilen weiterzuschreiben. Wenn mir auch im Augenblick gar nicht so zumute ist, wie es eigentlich sein soll, so muß die Zeit doch ausgenutzt werden. Als Hausfrau, die ich ja nun einmal augenblicklich bin, kann man sich ein Kranksein und ins Bett legen nicht gestatten, obwohl es eigentlich sehr not täte, denn meine Rippen machen mir immer mehr zu schaffen. Wenn das doch nur endlich ein Ende hätte.

Am Mittwoch kommt die Mama nun endlich wieder. Vielleicht habe ich dann etwas Ruhe. An die Spaziergänge

 

 

ist nun freilich nicht zu denken, denn bei solchen Sachen ist nun mal nicht zu spaßen.

Mutti und Helga haben mich inzwischen auch wieder besucht. Hoffentlich kommt Vati gesund wieder, damit wir wieder so ein schönes gemütliches Familienleben haben wie früher. Wann werde ich wohl mal nach Haus in unser kleines, neues Heim fahren können. Vielleicht, wenn es Mamas Krankheit erlaubt, daß sie die Arbeit mal allein schaffen kann.

Draußen scheint die Sonne so schön und lockt hinaus, da muß man nun wegen so einer Erkältung zuhaus bleiben, denn das wäre gerade nicht zum Vorteil,

wenn man sich nun den Wind in die Rippen blasen ließe. So lege ich mich halt hin, und verschlafe den schönen Sonntagnachmittag.

Warum ich nur von niemanden Post erhalte? Was mag wohl mit Schlußi los sein, daß sie nichts von sich hören läßt? Die Bekannten jenseits der Grenze im russischen Gebiet haben mich anscheinend auch vergessen. Man war eben zu sehr mit Post verwöhnt. Ach Siegfried, warum durfte es nicht so sein, wie ich es mir gewünscht hatte, nämlich, daß ich Dich besuchen durfte. Es sollte eben noch nicht sein.

Wann werden wohl die geregelten Zeit wieder-

 

 

kommen, wo alles seinen geregelten hat. Es kann doch nicht immer so weitergehen. Einmal muß es doch für uns schön werden. Aber dann bin ich vielleicht schon längst verheiratet und es stellen sich andere Sorgen ein.

Die Zeit vergeht zu schnell. Noch zwei Monate und der Herbst meldet sich wieder an, um bald darauf dem Winter den Einzug zu gestatten. So folgt eine Jahreszeit der anderen und jede bringt etwas Neues mit, von dem man vorher, oft zum Glück, nichts weiß.

4.4.47.

Wie schnell doch so ein Jahr dahinfliegt. Es wird nun endlich Zeit, daß ich meine Eintragungen in mein Tagebuch weiterführe. Was hat sich in dem letzten dreiviertel Jahr nicht alles geändert. Wieviel frohe Stunden sind den trüben gefolgt. Nun wird es ein Jahr im September, daß ich von Kirchhundem fort bin, aber darum ist mir die schöne Zeit in Kirchhundem doch nicht in Vergessenheit geraten.

Wieviel Trauriges habe ich erfahren, als ich vor kurzem auf der Vasbach war. Warum mußte Frau Nöcker

 

 

so krank werden. Nun hat sie die Operation endlich überstanden und wir wollen hoffen, daß auch alles weiterhin gut geht, und zur baldigen Genesung führt. Die Kinder tuen mir nur leid, Helmalein wäre doch zu gern mit mir auf die Vasbach gegangen, sie mußte doch erst noch einmal an die Tür kommen, um mir zu sagen, daß ich sie noch einmal besuchen solle.

Und Lisa Guntermann heiratet nach Ostern. Wie schön kann Winfried Hoffmann schon Klavier spielen, er ist doch mächtig groß geworden. Ja, so findet man überall Veränderungen.

Im September vorigen Jahres zog es mich mal wieder nach Aerzen. Wie erstaunt waren sie, mich nach drei Ja-

ren wiederzusehen. Das war aber auch eine lange Zeit, in der ich nicht dort war. Überall gab es ein fröhliches Wiedersehen. Der kleine Fritzchen Maier war mir schon über den Kopf gewachsen und hatte sich zum fabelhaften Tänzer entwickelt. Hans-Hindrik verwaltete den Hof an seines Vaters Stelle der im KZ sitzt.

Frau Müller ist nun schon lange tot und Werner und Wilhelm führen bald ihre Mädel als Braut heim.

Tante Gertrud war aber immer noch genau so freundlich wie früher, und auch Onkel Wilhelm konnte die Neckereien nicht lassen. Selbst die Oma war mir nun freundlich gesonnen und hatte mir meine

 

 

viele Bücherleserei in den früheren Zeiten verziehen, aber damals hegte ich ja auch noch den Gedanken, Lehrerin zu werden.

So kam ich dort gerade recht, um beim Dreschen zu helfen, und ich fühlte mich zwischen den alten Bekannten wohl. Wie oft gingen wir des Abends zum Tanzen und ich mußte heimlich über die neugierigen Gesichter lachen, denn die meißten kannten mich doch nicht, weil sie Flüchtlinge waren, während viele mich noch kannten, als ich schon als kleines Ferienmädel dort war. Nach drei Wochen mußte ich leider wieder heim, um meine neue Arbeitsstelle anzutreten. Wo diese sein würde, wußte ich allerdings noch nicht.

Eines erschwerte aller-

dings meine Heimfahrt, denn die alte Geschichte mit meinem Rippenfell zeigte sich wieder.

Als ich dann zuhause in Gerlingen zum Arzt ging, sollte es sich entscheiden, wo ich in Zukunft meine Tätigkeit finden würde. Auf die Frage Dr. Schneiders hin, ob ich zu ihm kommen wolle, sagte ich zu und trat am ersten Oktober meine Tätigkeit an. Anfangs wurde ich mit der jungen Frau gut fertig, und den kleinen Gisbert hatte ich in mein Herz geschlossen. Gisberti ist ein lieber Kerl, der nun schon so nett allein laufen kann. Er hatte mich aber auch zu gern und freute

 

 

sich, wenn er mich so nach Herzenslust in den Haaren ziehen konnte. Es hätte alles so schön sein können, wenn Schneiders nur mehr Einsicht gehabt hätten, aber sie wollten es eben nicht wissen, daß mir die viele Putzerei auf die Dauer zu viel wurde und ich es eben nicht mehr aushielt. So lange mußte es eben gehen, bis ich aussetzten mußte und mit einer Rippenfellentzündung im Bett lag. Wenn er es mir auch nicht bestätigen wollte, so fühlte ich es doch und wußte es besser, was mir fehlte. Selbst alle Einwände seinerseits halfen auf die Dauer nicht und das Arbeitsamt gab mich endlich zum 15. Februar frei.

Hätte ich damals, als Siegfried mich ermahnte

und Clemens mir rieten mit der Arbeit auszusetzen darauf gehört, dann wäre alles gut gewesen.

Wie groß war damals meine Freude, als Mutti mit dem Telegramm zu mir kam und ich die Nachricht erhielt, daß Siegfried am anderen Tage kommen würde. Endlich sollte sich mein Wunsch erfüllen und wir uns wiedersehen. Ich konnte es kaum noch erwarten, und dann stand er am anderen Morgen plötzlich in der Diele und ich ließ vor freudigem Schreck die Läufer fallen. Es folgten nun für uns herrliche Stunden und wir bedauerten nur immer wieder, daß ich nicht ganz zuhause bleiben durfte und

 

 

mit ihm fahren konnte. So fiel mir der Abschied doch schwer und es war eben unser einziger Trost, daß ich bald zu ihm fahren würde. So trösteten wir uns eben in den Briefen und das Weihnachtsfest rückte immer näher heran, das auch die Sehnsucht wach werden ließ. Aber es konnte nicht sein, und so feierte jeder daheim im Kreise seiner Lieben das Fest der Weihnacht. Selbst Sylvester konnte die Enttäuschung nicht ganz verwischen.

Am 12. Februar war dann für mich der langersehnte Tag gekommen, an dem ich mit Helga südwärts fahren konnte, 14 schönen Tagen entgegen. Helga fuhr zu Herrmanns und in Hindelang wartete Siegfried auf mich. Wie glück-

lich war ich, endlich bei ihm zu sein, und so ging es am ersten Abend gleich fröhlich hinein ins Karnevalvergnügen und es wurde im Adler vergnügt getanzt. Diesem Abend folgten noch weitere, um dann den stillen Abenden daheim Platz zu schaffen.

Wie besorgt waren alle, meine Erkältung wieder auszutreiben, aber von Siegfried ließ ich mir die Besorgnis nur zu gern gefallen. Das Wetter ließ aber allerhand zu wünschen übrig. Einmal war es lausig kalt, dann taute es wieder und ein warmer ungesunder Wind strich durch das Tal. Die Kurgäste waren unzufrieden, und schimpften

 

 

über das langweilige Hindelang während der Fastenzeit. Mir konnte es absolut nicht langweilig werden. Ich liebte die Stunden, an denen ich mit Siegfried allein sein durfte und wir uns über alles aussprechen konnten. An die Heimfahrt wagte ich gar nicht zu denken und doch rückte sie mit Riesenschritten heran. So war dann der letzte Abend der schönste während meines Aufenthaltes dort. Ich werde den schönen sternübersäten Himmel, und die schneebedeckten, im Mondlicht leuchtenden Berge immer, wenn ich daran denke vor mir sehen. In einer herrlichen glatten Fahrt ging es die Jochstraße hinab. Dreimal stiegen wir wieder hinauf, um

um in schneller Fahrt hinabzugleiten. Theo konnte wirklich gut lenken und so ließen wir uns hinabfahren bis nach Hindelang hinein. Es wurde spät, als wir heimkamen und müde sanken wir in die Federn. Nur gab es keinen langen Schlaf für mich, denn am frühen Morgen ging die Reise los und nach nochmaligem kurzen Verabschieden fuhr ich Heimwärts.

Nun bin ich schon wieder 4 Wochen daheim und immer noch habe ich keine Antwort von Siegfried. Ich mache mir schon Sorgen und wünsche mir zu Ostern nur eines, daß endlich ein Brief von ihm käme, dann wäre alles wieder gut.

 

 

Uebermorgen feiern wir nun Ostern und wenn uns in diesem Jahre der Osterhase auch keine Eier bringt, so wollen wir nur zufrieden sein, wenn wir in dieser schweren Zeit noch genug zu essen haben und alles ruhig bleibt. Wieviele Soldaten weilen noch fern der Heimat von ihren Lieben getrennt und ich wünsche ihnen von ganzem Herzen eine baldige Heimkehr.

Hoffentlich kommt bald für uns eine bessere Zeit als wir sie augenblicklich haben, denn einmal muß sich doch alles zum Guten wenden. So will ich für heute mein Tagebuch schließen und nur hoffen, daß mit der morgige Tag die ersehnte Post bringt.

14.4.46
Seit ich die letzten Zeilen schrieb, sind nun schon wieder zehn Tage vergangen und sie brachten uns das Osterfest, auf daß wir uns schon lange gefreut hatten, aber dann waren die Ostertage doch eine Enttäuschung, denn der Regen wollte absolut kein Ende nehmen. Wie schön war der Freitag, und auch der Samstag versprach schönes Wetter. So habe ich mir Ostern nur einen anständigen Schnupfen geholt. Der ist natürlich so schnell nicht wieder wegzubringen. Eine kleine Entschädigung brachte uns der Montagabend. Bei Wacker in Brün war es nicht so arg voll und zum guten Schluß

 

 

stellte sich doch noch ein guter Tänzer ein, mit dem ich den Rest des Abends zusammen tanzte.

Es war natürlich schade, daß am Ostersonntag der Regen nur so herniedergoß, denn die Hilmiker hatten ihr Osterfeuer zu weit draußen aufgeschichtet, so daß sie es nicht anstecken konnten. Dagegen loderte es auf der Wendener Hütte, ja selbst hier auf unserem Vorplatz, hell leuchtend in den Himmel hinein. Es ist eine schöne Sitte, die Osterfeuer anzuzünden, auch daß sich die Osterjungen montags bei ihren Ostermädeln die Eier abholen. Früher konnten die Jungen den Mädeln noch etwas bieten, aber heutzutage macht es ihnen keinen Spaß, mit lee-

ren Händen hinzugehen, und doch hatten die meißten noch für Getränke gesorgt. So war dann, trotz der schweren Zeit, die Stimmung überall lustig und ausgelassen.

Nun ist auch das nur noch eine Erinnerung, und der Wettergott meinte es wenigstens gestern mit den Kleinen gut, die zur ersten Kommunion mitgingen. Die Feier in der Kirche war schön und alle waren bemüht, den Kindern den größten Tag in ihrer Kindheit so zu gestalten, daß er ihnen in schöner Erinnerung bleibt.

Dann denkt man selbst an den Tag, an dem man konfirmiert wurde. Wie lange ist das nun

 

 

schon wieder her, inzwischen hat Helga, leider ohne Alfred, das Fest der Konfirmation gefeiert, und bis Wernerlein so weit ist, vergehen auch noch einige Jahre. Dann werden wir hoffentlich wieder eine schöne eigene Wohnung haben.

Wie herrlich ist es jetzt draußen, alles grünt und blüht, die Bäume und Sträucher tragen die ersten Knopsen, und es wird nicht mehr lange dauern, so sprießen aus ihnen die zarten grünen Blättchen hervor, und wieder eine kurze Zeit weiter, so steht der Frühling da in seiner ganzen Pracht. Was wird mir der folgende Sommer bringen? Eigentlich sollte man sich an dem schönen Wetter und der leuchtenden

Welt freuen, und doch dringt ein leiser trauriger ton durch alles hindurch. Warum läßt Siegfried mich in dieser Ungewißheit? Warum schreibt er nicht mehr? Wenn er wüßte, wie sehr ich an ihn denke. Ob er krank ist, aber dann hätte Marie mir gewiß geschrieben. Ich bin mir keiner Schuld bewußt. Vielleicht wollte es das Schicksal so. Es soll eben nicht sein, und Siegfried ist wohl nicht derjenige, der für mich bestimmt ist. Ja, es kommt eben zu oft im Leben anders, als man es erwartet, und die heißesten Wünsche gehen oft nicht in Erfüllung, und doch will ich noch nicht alles aufgeben, vielleicht kommt bald der langersehnte Brief.

 

 

Am Donnerstag wird es sich nun entscheiden, wie sich die nächsten Wochen für mich gestalten werden. Warum ist es mir nicht vergönnt, einen festen Beruf zu ergreifen? Durch unser ständiges Wandern ist es ja fast unmöglich und mein Wunsch, Kunstgewerblerin zu werden wird wohl immer nur ein Traum bleiben.

Wie zufrieden könnte Inge dagegen mit ihrer Musik sein, und doch verliert sie die Freude zu allem, vor lauter Sorgen um die Ernährung. Ja, da wissen wir oft gar nicht, wie gut wir es dagegen haben. Wenn bei uns auch alles knapp ist, und Mutti sich oft den Kopf zerbricht, was sie kochen soll,

so findet sich immer noch ein Ausweg, und Vati versucht, so traurig auch alles ist, daß er eben doch noch etwas herbeischafft. Da würde ich auch verzweifeln, wenn ich an Inges Stelle ständ und so von keiner Seite Hilfe zu erwarten hätte.

Alice klagt ebenso über die schlechte Ernährungslage und läßt nichts von sich hören. Die anderen scheinen sich meiner auch nicht mehr zu erinnern. Man sollte die viele Schreiberei aufgeben, es kommt doch keine Antwort.

Wernerlein liegt heute schon den ganzen Tag im Bett und hat Fieber. So bringt jeder Tag etwas anderes und die Zeit fliegt dahin.

 

 

29.4.46
Nun sind schon wieder 14 Tage her, seit es sich entschieden hat, wie meine weitere Zeit nun verlaufen wird, und ich glaube auch, daß ich diesmal Glück habe. Soviel ich mir von dem kurzen Beisammensein ein Urteil erlauben kann, sind Neuhaus wohl sehr freundlich und ich werde mich in dem schönen sauberen Haushalt wohl fühlen. Arbeit gibt es überall, und wenn man mit frischem Mut die Arbeit beginnt, geht es noch einmal so leicht.

Bis zum 15. diesen Monats habe ich nun noch Zeit. Morgen werde ich mit Oma nach Bonzel fahren, denn Oma will dort in ein Altersheim.

Wie lange wir nun noch hier wohnen können, ist auch noch eine Frage. Ich glaube ja kaum, daß wir schon in 10 Tagen hier raus müssen, wie Herr Frickel mir sagte. Auf keinen Fall möchten wir natürlich wieder in ein Lager, wenn es uns doch nur gelänge, in der Nähe eine Wohnung zu bekommen. Schöner wäre es noch, wenn sie sogar in der Nähe von Olpe wäre, dann könnte ich doch ab und zu einmal nach Hause gehen.

Vorigen Sonntag war ich nun in Altenhundem. Auf Alfreds Grab wird schon alles grün. Den Winterschmuck habe ich abgenommen, um den hervorspringenden Kappen[?] Luft zu

 

 

schaffen. Schade, daß Alfred nicht miterleben kann, wie nun in diesem Jahre sein Samen, den er selbst einmal in unseren Garten säen wollte, als erste grüne Spitzchen aus der Erde sprießt. Wenn nur alles vor nochmaligem Frost bewahrt bliebe. Man sollte doch annehmen, das ernährungsmäßig bald eine bessere Zeit für uns anbrechen würde, aber die neuen Lebensmittelkarten zeigen uns immer das genaue Gegenteil. Wenn es doch das alles einmal gäb, was auf den Karten aufgedruckt ist. Ich bin nur immer wieder froh, daß ich mir jetzt noch nicht darüber den Kopf zerbrechen brauche, wie ich mit allem auskommen müßte, und es wird wohl auch so schnell nicht dazu kommen.

Siegfried hat mich anscheinend doch vergessen, und die schönen Stunden dürfen wohl nur noch eine Erinnerung für mich sein. Jetzt, da ich noch nicht die Ursache seines Schweigens weiß, habe ich immer noch so eine kleine Hoffnung und ich wage auch noch nicht daran zu denken, daß über kurz oder lang die allem ein Ende machende Nachricht eintreffen könnte. Man kann einen Menschen den man gern hatte, und dem man sein volles Vertrauen schenkte so leicht nicht vergessen. Vielleicht will das Schicksal es so, und dann muß ich mich ihm wohl fügen.

 

 

14.8.1947.
Jetzt wird es aber endlich Zeit, daß ich meine Eintragungen fortsetze. Was hat sich inzwischen nicht schon alles geändert und wie viel schöne Stunden sind den schweren gefolgt. Fünf Wochen bin ich nun schon bald wieder zuhaus und plage mich mit dieser Nervenentzündung im Arm, die gar nicht wieder weggehen will. Ja, das sagt man immer so, zuhaus ist es am Schönsten, aber jedem ist es eben nicht gegeben, untätig herum zu sitzen. Ich bin schon ganz unglücklich, daß ich noch hier zuhaus sein muß und abwarten, wie es sich mit meinem Beruf

entscheidet. Die kurze Zeit bei Fam. Neuhaus ist mir so schnell verflossen. Wenn Frau Neuhaus auch annimmt, ich hätte meine Krankheit als Vorwand benutzt, um dort aufzuhören, so berührt mich das nicht im Mindesten. Jedenfalls bin ich froh, nicht mehr zu hören, daß ein Mädel vom Lande lieber gesehen würde. Nur finde ich es nicht richtig, daß einem so etwas erst hinterher gesagt wird.

Wie meinen die Leute doch oft was sie für eine Tat oder einen guten Zweck erfüllt haben, wenn sie einen anderen Menschen herabgesetzt oder schlecht gemacht haben, und wie wenig Charakter haben andere dagegen, wenn sie

 

 

auf derartiges Gerede eingehen und sich gleich Vorurteile bilden, von denen sie nicht mehr abkommen können. Man kann darüber nur lachen, selbst wenn sie als noch so vornehm erscheinen. Es wird einem eben selten gelohnt, wenn man dem anderen helfen will und sich selbst dafür ganz vergißt. Frau Neuhaus ist eben krank, und da muß man Ihr viel verzeihen und ich wünsche Ihr, das sie wieder ein Mädel bekommt, daß sich so oft um sie bemüht und Ihr möglichst alle Arbeit fern hält.

Ich denke so oft an die schönen Abendstunden in meinem sonnigen Zimmer. Wer wird jetzt wohl bis spät abends mit Ria Mathema-

tikaufgaben üben, Deutschsätze vorsagen und Vokabeln üben? Ob sich die Herren Brüder dafür die Zeit stehlen? Aber die Zeit ist nun auch vorbei, und im Augenblick genieße ich die kurzen Ferientage so gut es hier in dem sonst so langweiligen Gerlingen geht. Nur gut, daß die Sonne es immer noch so gut mit uns meint, obwohl einige anständige Regengüsse für den Boden viel besser wären.

Warum konnte es die 8 Tage, die ich nun in Essen verbrachte, nicht auch so schön sein? Ja, Hannelore, da solltest Du wohl erstaunt sein, als ich auf einmal bei Dir ankam. Nun ist sie auch schon die junge Frau Gärtner

 

 

und hat Ihr Lebensschifflein in den Hafen der Ehe gelenkt. Ob sie glücklich wird? Ich wünsche es von ganzem Herzen. Aber wie ich sie so schön als Braut sah, wurde es mir doch ein bißchen anders und ich mußte daran denken, wie es gewesen wäre, wenn Siegfried und ich vor dem Altar gestanden hätten.

Was hat es wohl zu bedeuten, daß ich so viel an ihn denken muß, und ihn nicht vergessen kann! Ob er wohl noch einmal wieder schreibt? Ich wünschte es ja so sehr. Kann man denn ein Mädel, was man gern hat, so ohne jede Erklärung vergessen? Wie kann nur auf einmal alles aus sein? Ich glaube, ich verstehe das nie und werde derartige Enttäu-

schungen, wie so viele andere Mädel es können, nicht so leicht überwinden. Dann ist einem alles Vertrauen genommen und doch sehnt man sich danach, alles mit einem anderen zu teilen und zu vergessen zu suchen.

Darin werden mich selbst Vati und Mutti nicht verstehen und mein geheimster Wunsch, mich im Zeichnen auszubilden, wird sich nie erfüllen. Wie schwer ist es doch, wenn man etwas schönes schaffen möchte, und es fehlen einem die Mittel dazu. Dann ist es schon besser, man besitzt gar keine Fähigkeiten, dann erübrigen sich auch derartige Wünsche.

Hoffentlich kann ich meine Pläne ausfüh-

 

 

ren und bald meine Ausbildung als Kinderpflegerin an irgend einer Klinik beginnen. Bis dahin wird noch mal tüchtig an der Talsperre geschwommen und am Sonntag auf der Wendener Kirmes getanzt. Was für uns Stadtmädel etwas unbedeutendes ist, erscheint den Mädeln hier als ein Fest, zu dem man sogar neue Kleider haben muß, und so muß ich mich morgen beeilen, damit ich noch für Lydia das Kleid fertig bekomme. So gibt es jeden Tag etwas anderes, nur nicht das, was man sich wünscht.

Wie anders ist es dagegen in der Stadt, und im Stillen denke ich ja doch oft, könntest Du doch immer dort sein. Aber ich glau-

nach einer Weile sehnt man sich doch wieder hier her zurück, denn das kann man nicht bestreiten, daß es landschaftlich hier im Sauerland herrlich ist. Es ist doch eine nette Abwechslung, mal wieder nach langen Jahren im Waldtheater zu sitzen und mir hat die Operette „Der Vetter aus Dingsda“ sehr gut gefallen. Einmal wird wohl wieder die Zeit kommen, wo so etwas keine Seltenheit mehr ist.

Nun muß ich aber allmählich zum Ende kommen. Gleich geht es schnell in die Bigge zum Schwimmen und ob Lieschen und Reni unsere vier Listernohler[?] Junggesellen angetroffen haben?

 

 

Schade, daß ich den Zug verpaßt habe, aber dafür wurde wenigstens meine Briefkorrespondenz erledigt und ich fand endlich die Zeit, meinem Tagebuch diese Zeilen einzutragen. So hatte es wieder sein Gutes, und die Talsperre läuft nicht aus.

31.8.47.
Da heute Sonntag ist, und ich nicht weiß, ob in den nächsten Tagen meine Zeit dazu ausreicht, alles zuletzt erlebte, einzutragen, will ich schnell meine Gedanken an die lange Kette der Erinnerungen ketten. Heute ist in Wildbergerhütte das alljährliche Pferderennen, aber mein Weißheitszahn, von dem ich annahm, daß er bald auf

der Bildfläche erscheint, gestattet mir die Fahrt auf so einem offenen Lastwagen nicht. Und es ärgert mich auch gar nicht, denn für mich sind die schönsten Stunden, wenn ich allein bin und meinen Gedanken freien Lauf lassen kann.

Der Monat August geht zuende und es scheint so, als ob mit ihm das warme Wetter ein Ende hätte. Das Laub färbt sich schon ein klein wenig, und des morgens und abends ist es schon reichlich kühl. Heute ist nun auch mein letzter Ferientag, denn morgen geht es nach Rhothmühle, an den neuen Arbeitsplatz. Da erst im April 1949 die neuen Kurse auf den Kinderpflegerin-

 

 

nenseminaren beginnen, habe ich mich entschlossen, beim Herrn Schmitz im Photoatelier zu beginnen, und ich hoffe, nun endlich den Beruf gefunden zu haben, der mein volles Interesse besitzt, da ich mich nun endlich zeichnerisch betätigen kann.

Es sind ja kaum noch ganze vier Monate, und das Weihnachtsfest steht wieder vor der Tür. Bis dahin muß noch viel geschaffen werden.

Die beiden Tage der Wendschen Kirmes werden mir ebenfalls in netter Erinnerung bleiben. Es ist das erste Mal, daß ich sie erlebte, und ich muß sagen, daß hätte ich mir doch nicht gedacht, daß, was für uns nur eine einfache Belustigung ist, die hauptsächlich den

Kindern gilt, für die Leute dieser Gegend ein Fest sein kann, bei dem die ganze Nacht hindurch getanzt wird und zu dem schon Wochen vorher die Vorbereitungen getroffen werden. Einem Fremden kommt das ganze etwas übertrieben vor, aber hier ist es eben langjährige Tradition. Ich habe dann natürlich fröhlich mitgefeiert und die Wendsche Kirmes haben Lieschen Weber und mich noch enger zusammengebracht. Lieschen weilt nun unten in den herrlichen Bergen am Tegernsee und ich muß wohl meine Hoffnungen, bald wieder dort unten weilen zu dürfen, noch eine Weile begraben.

 

 

Meine Gedanken eilen hinab in die süddeutschen Berge, in denen ich mich stets so heimisch fühlte, und zugleich weilen sie bei Siegfried.

Nun wird er wohl bald meinen Brief erhalten. Ach, wenn er mir doch glauben wollte, daß alles so wahr ist. Meine einzige Hoffnung immerzu ist nur, daß er mich wieder gern hat, und alles so ist

wie es vordem war. Wozu aber all die Hoffnungen? Würde Siegfried mich jemals heiraten? Und doch meine ich, es müßte alles wieder gut werden. Ich kann ihn nicht vergessen und so übergebe ich alles hoffnungsvoll dem Schicksal. Ich bin nur beruhigt, nun endlich Post von ihm erhalten zu haben, und den Grund seines Schweigens zu wissen.

2. August 47.
Gestern morgen war alles hier in hellster Aufregung. Wie zuversichtlich brachte ich die Nachricht heim, daß uns nun endlich das zweite Zimmer zu unserer Wohnung zugewilligt sei. Gewiß, wir haben nun unsere nette Wohnung, aber mit welchen Unannehm-

 

 

lichkeiten war auch alles verbunden. Das hätte ich allerdings nicht gedacht, daß Vogelheims sich in dieser Weise dagegen sträuben würden, daß man ihnen mit Polizeigewalt daß Zimmer nehmen würde. In solchen Situazionen zeigt sich erst der wahre Charakter des Menschen. Es ist schon hart genug für uns evakuierte, daß wir in fremden Wohnungen wohnen müssen, da brauchen die Einheimischen nicht auch noch versuchen, uns jede kleine Bequemlichkeit zu nehmen. All diese, die sich gegen uns auflehnen, sollten nur mal ein halbes Jahr in einem Lager und auf einem Zimmer wohnen müssen, dann würden sie schon gern ihre freien Zimmer

zur Verfügung stellen und sich einschränken. Aber es wird immer so ungerecht zugehen, und wir wünschen den Leuten nichts Schlechtes, nur wünschen wir uns, daß auch wir bald wieder unser eigener Herr sind und nach unserem Ermessen handeln können.

Mit der Ernährungslage können wir wohl so schnell noch nicht zufrieden sein, denn nach diesem trockenen Sommer ist nicht viel zu erwarten, und das Ausland wird uns nicht viel helfen. Trotz allem will ich mit frohem Mute in die Zukunft sehen, denn so ganz können mir meine Wünsche doch nicht versagt bleiben.

 

 

9.11.47
Nun haben wir schon 3 Monate das zweite Zimmer dazu und Vogelheims haben sich in das Unabänderliche gefügt und sind wieder genau so freundlich wie früher. Es blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Sonst hat sich aber auch nicht viel geändert. Der Herbst hat den Sommer nun endgültig abgelöst und bald wird der Winter seinen Einzug halten. Im nächsten Monat feiern wir das Weihnachtsfest und es ist schon das dritte seit dem Kriegsende. Wie sehr sehnten wir uns damals nach der ersten Friedensweihnacht und nach besseren Zeiten. Hat sich nun die Zeit gebessert? Ich glaube, man kann es verneinen, aber man kennt es halt schon nicht mehr anders.

Besonders den Kindern fehlt jede Freude, denn man kann ihnen ja nichts schenken. Was heutzutage hergestellt wird, ist mit einem Wort gesagt „Kitsch, und am Material, um es selbst zu basteln, fehlt es eben. Bei allem muß man Altpapier abliefern, ja sogar am Standesamt, wenn man die Trauscheine erhalten will, aber darum brauch ich mir Gott sei Dank noch nicht den Kopf zerbrechen.

Und dann muß ich meinem Tagebuch noch die Begegnung mit Herrn Königsmark anvertrauen. Es war damals, als ich mit Herrn Schmidt in Altena war. Wollte es das Schicksal so, daß ich ihn kennenlernte? Warum mußte ich hernach immerzu

 

 

an ihn denken und konnte seine Post nicht erwarten? – Nun hat er endlich geschrieben, und ich bin neugierig, wann ich Ihn wiedersehe.

Ob die Sache mit Herrn Gantz in Olpe bald geregelt wird und wann werde ich wohl dort anfangen können. Wie konnte ich mich so in Herrn Schmidt täuschen. Wenn ich bei ihm noch etwas lernen könnte, wäre die Sache viel interessanter, aber dazu ist er nicht der Mann, der selbstgelerntes weitergeben kann und vor allen Dingen hat er eine falsche Vorstellung, wie man sich als Chef zu benehmen hat, denn die Höflichkeit und das Benehmen einem Mädel gegenüber läßt doch, auch als Chef, dem Mädel den Vortritt. Aber, manch einer lernt es nie.

Tante Wandas Grete hat auch geheiratet und erwartet im Frühjahr ihren Stammhalter. Hoffentlich geht es nach ihrem Wunsch. Ich wünsche ihr nur alles Gute.

Werner hat sein erstes Zeugnis bekommen. Der kleine Bursch hat nur sein Fußballspiel im Kopf. Aber dumm ist er nicht, nur ein wenig bequem. Es soll schon noch ein tüchtiger Mann aus ihm werden.

Jetzt ist in Gerlingen und Olpe auch öfter eine Abwechslung. Heute abend singt der Gesangverein Möllmicke. Vor 14 Tagen war der Feuerwehrball, an dem tüchtig gefeiert wurde. Der erste Abend seit der Wendener Kirmes, an dem ich wieder einmal vernünftig getanzt habe.

 

 

Und dann Mia’s Geschichte mit dem Gregor. Sie hat es sich nun zuhaus auch erkämpft, daß sie mit ihm gehen darf, aber ob aus den zwei, jetzt so glücklich Menschen, einmal ein Paar wird? –

Der Menschen Leid und Liebe wird verweht.
Vom Wind der Zeit,
vom Sturm der stets aufs neue
erschütternd durch das Leben geht!

Tief aus dem Herzen der Glockenruf,
Hast du ihn auch vernommen?
Tief aus dem Herzen das leise Licht,
Ist es auch Dir erglommen?
Tief aus dem Herzen ein Neues bricht,
Lichtwende will nun kommen!

Weihnacht 1947.

 

 

Nun hat für uns wieder ein neues Jahr begonnen, dem wir freudigen Hoffens entgegensehen. Das heißt, das eigentliche Kalenderjahr beginnt ja am erst am 1. Januara, aber ist nicht die Wintersonnenwende symbolisch und führt nicht gerade sie uns vom dem alten Jahr in das neue? Das ist von Urväterzeit so Sitte und daran läßt sich nun nichts ändern. Wie lange freut man sich an den vielen langen Abenden schon auf den Tag, an dem die Nächte kürzer und die Tage länger werden, und unsere

Freude wird noch verdoppelt, denn es rückt dann ja auch das Fest der Freude, die Weihnacht heran. Genau wie wir in jedem Jahre das Frühlingsfest feiern, feiern wir auch die Weihnachtszeit, und doch sind die Weihnachtsfeiern in jedem Jahre so verschieden. Wenn wir sie jetzt kurz nach dem Kriege nicht so gestalten können, wie wir es wohl gern möchten, verlieren sie nie den Glanz und das Freudige.

Auch wir zuhaus feierten das Christfest fröhlich und jeder war zufrieden. Besonders Helga und mir hat es Freude gemacht, daß wir meine Eltern und Werner so reichlich beschenken konnten. Vor allen Dingen, da sie gar nicht damit gerechnet hatten.

 

 

Vergessen waren all die Abende und Nächte, die für die Weihnachtsarbeiten geopfert wurden. Sie hatten ja ihren Sinn erfüllt, nämlich den Beschenkten zu erfreuen. Wenn auch kein rechtes Weihnachtswetter zustande kommen wollte, so daß wir an Stelle von verschneiten Feldern überschwemmte Wiesen, und den ganzen Tag Regen hatten, konnte es uns die Feiertage und die Weihnachtsstimmung nicht verderben, und es hinderte Helga und mich nicht, beim Regenwetter frühmorgens nach Hillmicke in die Christmesse zu gehen.

In diesem Jahre war der Altar noch schöner geschmückt als im vorigen. Die Glocken läuteten feierlich die

Weihnacht ein, und die kleinen Jungen sangen hell die Verkündigung: „Ehre sei Gott in der Höhe!“ Eigentlich empfindet man es erst immer zu spät, wie feierlicher die Weihnacht ist, wenn sie durch die Weihnachtsmesse eingeleitet wird. Und ich glaube, daß ich es auch fernerhin immer so halten werde. Aber kann ich denn heute schon über meine Zukunft bestimmen? Nein, und das ist auch gut so, denn womöglich würde man sich das ganze Leben hindurch Vorwürfe machen, daß man sich nicht alles anders gestaltete.

Darum will ich mir auch nicht den Kopf zerbrechen, was mir dieses neue Jahr wohl bringt, sondern alles

 

 

dem Schicksal überlassen, es wird schon alles recht machen. So will ich mir nur auf morgen freuen, denn dann kommt ja Gerd und wir wollen glücklich ins neue Jahr hineingehen und nur vorwärtsschauen.

Hoffentlich läßt die Überschwemmung nach, daß sich das Wasser verliert, denn heute müssen sogar die Leute mit dem Auto ins Dorf gefahren werden, da das Wasser kurz vor dem Dorf die Straße überspült. Heute abend hat der Regen nachgelassen. Einmal mußte er ja nachlassen. Es schien so, als ob aller Regen der in diesem Sommer fehlte, nun nachträglich vom Himmel wollte. Es geht eben nicht alles so, wie wir es uns wünschen.

16. März 1948
Mein Tagebuch hat diesmal reichlich lang auf meine Eintragungen warten müssen. Mit welch freudigem Hoffen schloß ich meine letzten Zeilen, und wie anders ist nun doch alles gekommen. Ich zerbreche mir oft den Kopf, ob sich ein Mann so gar keine Gedanken macht, wie es einem Mädel zumute ist, wenn es erfährt, daß er sie gar nicht gern hat, sondern daß es eine Andere ist, dem er sein Herz schenkt. Warum bringt ein Mann oft nicht so viel Mut auf, es offen und ehrlich zu gestehen, aber er weiß es gar nicht, wie es ist, wenn man es durch einen

 

 

zweiten erfahren muß. So ist es nun auch zwischen Gerd und mir gekommen. Er durfte mir keine Hoffnungen machen und seine Pflicht wäre es gewesen, mir zu sagen, daß ein anderes Mädel auf ihn hofft, die er vielleicht wirklich gern hat, denn man weiß ja nie, wie weit man alles glauben kann.

Aber nun ist auch dieses vorbei, es hat keinen Zweck, darum den Kopf hängen zu lassen, denn die Zeit heilt alles. Es ist halt schwer, den richtigen Lebenskameraden zu finden, und ich weiß, daß dieses bei mir besonders schwer ist, denn ich nehme alles nicht so leicht und bin vielleicht zu träumerisch veranlagt und mache mir zu viel Gedanken um

alles. Gewiß, man macht mit den jungen Burschen allen Spaß mit und feiert so manche Stunde zusammen, aber ich kann nicht dazu, daß mir dann mit einem Male alles zuwieder ist, und ich mich dann mit aller Gewalt nach einem Menschen sehne, dem ich in allem Vertrauen kann, und der mich versteht und so gern hat, wie ich bin. Muß denn das, was zwei Menschen erst vollkommen zueinander führt und für sie allein ein Geheimnis bleibt, etwas alltägliches sein? Es würde ja alles Reine verlieren, wenn man es zu etwas Alltäglichem machte. Aber das verstehen eben nur wenige Menschen und es ist mein größter

 

 

Wunsch, den Menschen zu finden, der meine Gedanken auch in sich trägt, erst dann würde ich vollkommen glücklich sein.

Und Reinhard, denkt er nicht ebenso wie ich? Er ist einer von den Wenigen, für die die Freundschaft mit einem Mädel etwas Besonderes ist und der offen und ehrlich bleibt, ganz gleich, was geschehen mag. Sein Mädel kann stolz auf ihn sein, wenn er auch noch so jung ist und auch nicht wissen kann, ob das Schicksal ihn mit ihr zusammenführt, so hat sie doch die Gewißheit, daß er sie einmal nicht im Unklaren lassen wird. Reinhard wird mir stets ein lieber Kamerad bleiben, dem ich für seine Zukunft

nur Glück wünsche. Ich glaube, er wird die kleine Schneeflocke vom Karnevalsball nicht vergessen und für uns beide wird es ein schönes Erlebnis bleiben, besonders, da wir mit so reinem Gewissen daran zurückdenken können, denn Hedi weiß um unsere Kameradschaft.

Auch die Sylvestertage in Düsseldorf mit Gerd zusammen werden mir nicht unvergessen bleiben, denn wenn nun alles so plötzlich ein Ende genommen hat, ändert es nichts daran, daß ich in den Tagen recht glücklich war. Und zugleich habe ich die ehemals so schöne Stadt Düsseldorf kennengelernt.

 

 

Wie glücklich kann Inge sein, die von einem kleinen Kreis Menschen umgeben ist, die ihr nur schöne Stunden bereiten wollen. So ein gemütlicher Hausmusiknachmittag ist für mich schöner als alle Tanzabende hier, an denen man doch nur immer die gleiche Musik hört. Natürlich hätte für mich alles noch viel gemütlicher sein können, wenn mich nicht immerzu die dumme Herzgeschichte plagen würde. Wenn es nur das wäre, ginge es noch, aber meine Bronchitis will auch nicht zurückgehen und macht mir im Augenblick viel zu schaffen, besonders da ich die Nitrogase nicht vertragen kann. Es ist manchmal zum Verzweifeln, aber es

glaubt mir ja niemand. Viel lieber blieb ich oben im Betrieb als unten in der Malerei. So gern wie ich male, so lieb wäre es mir auch, wenn ich nichts mit den Nitrolacken zu tun hätte. Es ist halt ein Unterschied, ob man malen kann, wie einem der Sinn danach steht, oder ob man sich nach dem Geschmack des Chefs richten muß, der in Wirklichkeit gar keinen Sinn für Kunst hat.

Und doch freue ich mich jeden Tag, wenn ich nach Olpe fahren kann, denn es ist doch etwas anderes, was mich dort hinzieht. Das bleibt aber mein alleiniges Geheimnis.

 

 

Nun bin ich inzwischen schon großjährig geworden, das heißt, ich habe mein 21. Lebensjahr erreicht. Wenn sich mein Wunsch auch nicht erfüllen ließ, so vertröste ich mich halt bis Ostern, Anni hier bei mir zu haben. Es ist nun schon fünf Jahre her, daß wir zuletzt zusammen waren. Wie viel wird es da zu erzählen geben. Heute kam noch ein lieber Brief von ihr, mit der Ankündigung, daß sie bald kommt. Sonst schreibt aber auch kaum einer. Dora Maier ist nun auch hier in der Nähe und in Arneburg ist, außer reichlichem Schnee in diesem Winter, noch alles beim

alten. Gretes Junge von den Zwillingen ist gestorben und Friedhelm wurde am Sonntag konfirmiert. So geschieht an jedem Tag etwas Neues. Morgen kommt Oma. Mutti liegt krank im Bett. Hoffentlich wird es nicht schlimmer, daß sie ins Krankenhaus muß. In zwölf Tagen ist Ostern, wer weiß, was bis dahin noch alles geschieht. Für heute will ich mein Büchlein schließen und ich möchte mir wünschen, daß ich recht bald wieder etwas Schönes eintragen kann.

27. Juni 1948.
Ein viertel Jahr ist verflossen, seitdem ich meine letzten Eintragungen in mein Tagebuch machte, und wieviel an Neuigkeiten hat uns das letzte Jahr gebracht. Mutti ist nun längst wieder gesund, und ich löste sie inzwischen mit einer anständigen Grippe ab. Drei Wochen mußte ich schön brav im Bett liegen und konnte erst nach fünf Wochen wieder zum Betrieb fahren. Das Wetter war dann aber so herrlich, daß wir oft genug Gelegenheit hatten, in Olpe in die Badeanstalt zu gehen, oder an die Listertalsperre zu fahren. Es war so herrlich erfrischend, end-

lich einmal wieder nach Herzenslust zu schwimmen, und nun hatte ich auch den Beweis, daß Sepp wirklich so gut schwimmen kann. Nur bei mir wollte es die ersten Male gar nicht so klappen. Oftmals will das Herz doch ein wenig anders, als man es gern möchte, und so widersetzte es sich auch diesmal wieder. Als ich dann den Sprung vom Dreimeterturm wieder wagte und das Bassin in der

 

 

ganzen Länge durchschwamm, freute ich mich, daß es doch wieder klappte.

Allerdings scheint uns der Wettergott im Augenblick doch nicht hold zu sein. Oder ob er auch mit der Sonnenkraft sparen will, wie wir es nun, nachdem die Währungsreform endlich in Kraft getreten ist, mit dem Strom machen müssen. Ja, das war nun allerdings eine große Aufregung und Spannung, und der eine fragte den anderen Bekannten: „Wie mag es wohl werden?, und: „Was hältst Du von der Sache?“ Endlich hat sich das Rätsel gelöst und man muß mit den vierzig Deutsch-Mark Kopfgeld, die jeder erhielt, wirk-

lich sparsam umgehen. In den Geschäften sind die herrlichsten Sachen ausgestellt, es erscheint einem fast alles wie ein Traum. Wenn man nun könnte, wie man so gern möchte. Die zweite Frage ist nur, werden die Betriebe bestehen können? Wird Peter Gantz Kapitalskräftig genug sein, seinen Betrieb hochzuhalten, und die Leute zu bezahlen. Morgen werde ich nach 3 wöchentlichem Urlaub, den ich zu einem Teil in Köln verbrachte, wieder nach Olpe fahren.

Ach ja, es ist doch ein heimatliches Gefühl, wenn man wieder in der Stadt ist. Und vor allen Dingen, wie sehr hat sich Anni gefreut, als ich auf einmal vor ihr stand. Nur war ich sehr

 

 

Vor einer Woche hatten wir mal wieder ein paar Tage Besuch. Onkel Jupp und Tante Hilde waren gekommen. Gretes kleines Mädel ist nun auch tot, und Anneliese hat einen kräftigen Jungen.

Oma war auch hier, aber nun liegt sie in Elspe im Krankenhaus. Ein Blutsturz war ganz plötzlich eingetreten. Hoffentlich ist sie bald wieder gesund.

Ja, und meine kleine Freundin Helga, Sepp und Gustl’s liebes Mädelchen hätte ich bald ganz vergessen. Wie nett lacht sie mir entgegen, wenn sie mich sieht. Nun erkennt sie Tante Sigrid sofort und ist außer Rand

und Band, wenn ich sie auf den Arm nehme. Aber auch Gustl habe ich gern und ich glaube, wir werden uns in Zukunft immer besser verstehen. Ich freue mich auf jede gemeinsame Stunde und hoffe, daß ihrer noch sehr viel folgen werden.

22.8.48.
Den schönen Stunden bei Gustl sind leider in letzter Zeit nur wenige gefolgt. Und wer ist Schuld daran? Ich glaube fast, daß sie zur Hauptsache bei der D-Mark liegt. In den letzten Wochen habe ich doch sehr viel genäht, um den Ausfall, den ich durch die Kündigung bei