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KLV-Lagertagebücher Herbert Sieber: Bulgarien (1943)

Herbert Sieber, geboren am 12. Januar 1930 in Köln, nahm an vier KLV-Verschickungen teil. Dem KLV-Lager in Weißensee bei Breslau im Jahr 1941 folgten in den Jahren 1942/43 und 1943/44 zwei Aufenthalte in Bulgarien. Von dort aus wurde Herbert Sieber 1944 noch nach Kremsier in Böhmen und Mähren umquartiert. Ende 1944

Die Tagebücher wurden dem NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln von Herbert Sieber im Rahmen eines 1999/2000 durchgeführten Projekts zur Verfügung gestellt. Leider konnten damals bis auf einige abfotografierte Reproduktionen lediglich herkömmliche Kopien angefertigt werden, die hier nun – mit einigen Lücken beim 1. Teil - neben der Transkription präsentiert werden. Die Kopien und weitere von Herrn Sieber zur Verfügung gestellte Materialien werden im NSDOK im Bestand „KLV“ aufbewahrt.

Über seine KLV-Zeit fertigte Herr Sieber 1999 zudem folgenden Bericht an:

Meine Erlebnisse während des Krieges

Der Krieg wurde intensiver. Mit wenigen Ausnahmen wurden alle Privatautos eingezogen und in den Dienst der Wehrmacht gestellt. Die Fahrzeuge die für die Aufrechterhaltung lebenswichtiger Betriebe erforderlich waren, erhielten auf dem Nummernschild einen roten Winkel. Inzwischen waren fast alle wehrfähigen Männer eingezogen und die Frauen mussten deren Arbeiten übernehmen. Was heute nicht mehr wegzudenken ist, wurde damals geboren. Die Deutsche Frau wird berufstätig. In allen Häusern mussten Eimer mit Wasser, Schrubber mit Aufnehmern (Feuerpatschen) und Sand griffbereit untergebracht werden. Ein Volkssturm aus nicht wehrfähigen Männern wurde geschaffen, der vorwiegend alle Ausrüstungen für den Ernstfall und die ordnungsmäßige Verdunkelung zu prüfen hatte. Darüber hinaus mussten sie, wie wir HJ-Jungen und Pimpfe, nach Bombenangriffen bei Aufräumungsarbeiten zupacken. Die Alliierten begannen die Städte zu bombardieren um die Bevölkerung zu demoralisieren. Zum Schutz der Jugend wurden Kinderlandverschickungs-Heime in wenig besiedelten Gebieten, vorwiegend in Schlesien, eingerichtet. Ich kam in ein KLV-Lager nach Weißensee bei Breslau an der Oder. Wir waren zu 100 Pimpfen zwischen 10 und 14 Jahren. Als erstes bekamen wir dem Alphabet entsprechend eine Lagernummer, die wir mit wasserfester Tinte oder auf Etiketts in unsere Kleidung platzieren mussten, um nach der Wäsche unser Eigentum wiederzubekommen. Ich bekam die Nr. 68 die mich bei meinen weiteren Lagern begleitet hat. Dann wurden wir altersmäßig auf vier Stuben a 25 Mann verteilt, ein Stubenführer wurde ernannt der für Ordnung, Ruhe, Pünktlichkeit und Sauberkeit zu sorgen hatte. Alsdann bekam jeder einen großen und einen kleinen Sack aus Sackleinen und es ging mit

Gesang in eine strohgefüllte Scheune. Hier mussten die Säcke, die sich als Matratze und Kopfkissen erwiesen, gefüllt werden. Zurück in unseren Stuben bekamen wir Betten zugewiesen, ein Kopfkissenbezug, ein Laken und zwei Wolldecken. Die Betten selbst waren zweistöckig und bestanden aus groben Vierkanthölzern mit Seitenwangen, sowie Kopf- und Fußteilen. An Stelle eines Sprungrahmens waren hier einzelne Bretter eingelegt. Jeder bekam auch ein Spind zugewiesen und so konnten wir gleich üben, Betten und Spinde „ zu bauen“. Wer morgens beim Appell sein Spind nicht zackig (alle Hemden gleiche Breite und gleiche Länge exakt übereinander usw.) oder sein Bett nicht vorschriftsmäßig und faltenfrei vorzeigen konnte, bekam alles auseinandergerissen und musste es neu machen ohne zusätzlich Zeit zu bekommen. Das Lagerleben verlief nach einem bestimmten Rhythmus. Wecken, Frühsport, Waschen, Anziehen, Stubendienst (Betten und Spind machen, Schuhe putzen, Stube kehren ect.) Stubenabnahme, dann Antreten zum Appell (Kleidung, Sauberkeit, Fingernägel) Frühstück, Schule, Mittagessen, Bettruhe. Der zweite Teil des Tages diente ausschließlich der Leibeserziehung. Antreten und Marschieren ging ohnehin in Fleisch und Blut über. Dazwischen standen Sport, Geländekunde, Gewaltmärsche, Exerzieren ganz oben an. Nach dem Abendessen, dem ein Appell voranging, hatten wir Freistunde und Gelegenheit Aufgaben zu machen, Briefe oder Tagebuch zu schreiben, Strümpfe zu stopfen oder Knöpfe anzunähen die z. B. bei Geländespielen abgerissen waren. Ich konnte also froh sein, dass ich zu Hause alles gelernt hatte, was ich hier gut gebrauchen konnte. Zum Frühstück und zum Abendessen gab es grundsätzlich eine Milchsuppe und eine Scheibe trockenen Brotes mit Marmelade. Das Mittagessen gestaltete sich unterschiedlich. Zum Brotschneiden, Tischdecken und Abräumen, stellte wöchentlich eine Stube zwei Leute ab die dadurch von anderen Disziplinen befreit wurden.

Nach Ablauf von sechs Monaten wurde dieses Lager aufgelöst und wir konnten unsere Eltern entscheiden lassen, ob wir in ein weiteres Lager sollten, oder ob wir die Heimreise antreten konnten. Ich schrieb an meinen Vater, in der Hoffnung mit ihm besser zurecht zu kommen als mit meiner Mutter, die nur eine kleine Dachkammer bewohnte. Leider konnte mein Vater aber nichts mit mir anfangen, und so blieb ich erwartungsgemäß in Schlesien und kam mit einigen anderen in ein 100-Mann-Auffanglager in welchem alle, die in Lagern waren und verlängerten, zusammengefasst wurden. Hier lernte ich u. a. Lagerleiter Becker, Thomas Holterhoff und Werner Bolten kennen, die später noch eine Rolle spielen sollten. Soweit ich mich erinnere, war dieses Lager ein großer Sauhaufen. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass hier alles was zu Hause unbequem und lästig war, zusammengefasst war. Das Lagerleben als solches gestaltete sich wie im ersten Lager. Der Drill war allerdings (wahrscheinlich wegen der zusammengewürfelten Bande) rücksichtsloser, die Geländespiele arteten meist in rüde Schlägereien aus und bei Disziplinlosigkeit gab es nächtliche Gewalt- und Schweigemärsche, die mich oft an die Grenze meiner Belastbarkeit brachten. Schließlich war ich einer der Jüngsten, Kleinsten und Schmächtigsten aus dieser Gruppe und das Maß der Schinderei richtete sich immer nach den Übeltätern, den Großen. Das Essen war ebenso karg wie im ersten Lager. Im Unterschied zu diesem war die Milchsuppe meist kalt und mit Rahm überzogen oder knubbelig. Dies hatte eines Morgens zur Folge, dass ich mich während des Frühstücks übergeben musste. Mir war hundeelend und ich konnte mich kaum auf den Beinen halten. Daraufhin wurde schnell ein Krankenzimmer eingerichtet, in welchem ich einiges durchmachte. Ein Arzt wurde gerufen, der mir zunächst einmal als Allheilmittel Rizinusöl einflößte, was meinen Zustand nicht gerade verbesserte. Ich bekam hohes Fieber Schüttelfrost und fantasierte zwei Tage lang bis ich wieder zu mir kam. Der Arzt konstatierte dann „Scharlach“, und so kam ich in ein Militärlazarett nach Görlitz in eine Scharlachstube. Untergebracht war ich mit vier Soldaten, denen es offenbar recht gut ging. Bei gutem Essen und den gutgelaunten Soldaten ging es mir bald auch wieder gut. Die Ärzte stellten fest, dass meine Krankheit eher Heimweh in Verbindung mit Erschöpfung war, aber keinesfalls Scharlach. Doch den sollte ich noch bekommen, da ich in einer Scharlachstation war und mich dort gewiss anstecken würde. Ich sollte also noch eine Weile da bleiben. Ich schrieb meinem Vater einen Brief und bekam als Antwort ein Paket mit 20 Flaschen Apfelsaft. Mein Vater hatte jedoch nicht bedacht, dass Winter war, und wir in Schlesien Dauerfrost hatten. Das Paket wurde zusehends nass und nasser, und die Überraschung schrumpfte auf einen Haufen Scherben.

Wieder genesen, war mein Lager verlegt, und niemand wusste wohin. So begann für mich eine kleine Odyssee in Schlesien. Zunächst wurde ich in einem „Truppengenesungsheim“ untergebracht. Ich erinnere mich an eine große Villa (Schloss?) mit weit ausschweifender Eingangstreppe, einer riesigen Empfangshalle, großen Marmortreppen zu den Obergeschossen, große Säle und hübschen Schlafstuben. Hier nun waren Soldaten bis zur Genesung und neuem Einsatzbefehl, und ich mit ungewisser Zukunft, untergebracht. Fast täglich gab es Konzerte und sonstige Kurzweil.

Irgendeine Stelle hatte dann wohl das Lager ausfindig gemacht, in das ich nun wieder integriert werden sollte. Ich bekam einen Marschbefehl und wurde zu einem Zug gebracht, der mich in die Nähe meines Lagers bringen sollte. Abends spät am Bestimmungsbahnhof angekommen, war niemand da außer mir und dem Stationsvorsteher. Dieser war noch ratloser als ich und rief in seiner Not den Bürgermeister an, der mich vom Bahnhof abholte. In der Familie des Bürgermeisters kümmerte man sich sehr um mich. Ich bekam gutes Essen und ein Bett, was dem Winter voll gerecht wurde. Es war ein Riesending in das man hineinklettern musste. Einmal drin, versank ich in einem Ungetüm von Plümo, aus dem ich kaum heraus kam. Der Bürgermeister hatte wohl am Abend noch fleißig recherchiert, so dass ich am nächsten Morgen mit dem Zug weiterfahren konnte. Er gab mir mit auf den Weg, dass mein Lager nicht gefunden wurde und ich deswegen in ein anderes Lager nach Hirschberg im Riesengebirge komme, bis mein Lager gefunden sei.

Als ich dort ankam und abgeholt wurde, war die Überraschung groß. Das Übergangslager entpuppte sich als Mädchenlager und ich entpuppte mich zum Schrecken für die Leiterin als Junge.

Hier verbrachte ich eine vergnügliche Zeit. Vormittags war Schulunterricht und nachmittags ging es in den Schnee. Das Lager hatte ausreichend Skier, und so lernte ich ganz leidlich Skifahren. Doch irgendwie brachte meine Anwesenheit erhebliche Unruhe in die Mädchengruppe. Die Leiterin sprach mich darauf an und sagte mir, dass sie sich ständig bemühe, mein Lager zu finden, damit baldigst wieder Ruhe in ihrem Heim eintrete. Ihre Bemühungen wurden von Erfolg gekrönt, und ich fuhr wieder in mein altes Lager, nicht ohne ein komisches Gefühl im Magen. Als Heimkehrer wurde ich zwar wegen meiner „Odyssee“ beneidet, aber das wurde durch das unverdrossene Lagerleben schnell überschattet.

Wenige Tage nach meiner Rückkehr wurde das Lager aufgelöst. Niemand konnte mehr verlängern, weil ein Lager nicht länger als ein Jahr bestehen durfte. Wohin nun? Unser Lagerleiter, dem ich meine ernste Misere schilderte, schrieb nun selbst an meine Eltern mit dem Ergebnis, dass ich zu meiner Mutter kam. Zwischenzeitlich hatte meine Mutter eine 2-Zimmerwohnung in der Auguststr. in Köln-Nippes von meiner Cousine Hildegard übernommen. Deren Mann wurde zum Militär eingezogen, und sie wollte den Rest des Krieges bei ihrer Mutter wohnen.

Ich kehrte zur normalen Schule zurück. Hinsichtlich des Unterrichtsstoffs war ich den anderen weit voraus, was wohl eine Folge des „Dauerunterrichts“ im Lager war. Hier kam erfreulicherweise Basteln und Handwerken dazu, was mir sehr viel Spaß machte und mir auch Erfolg brachte.

Im Jungvolk wurde ich integriert und lernte hier meine langjährigen Freunde Heinz Hengstenberg und Hans-Jakob Schöster (Köbes) kennen, ebenso wie z. B. Josef Thymister, Herbert Brauburger, Erich Nünke und Roland Ragus.

Der Bombenkrieg auf deutsche Städte hatte in erheblichem Maß zugenommen und wir von der HJ wurden genauso wie der Volkssturm bei Bombenangriffen zu Rettungsmaßnahmen, Entrümpelungen, Leichen bergen usw. eingeteilt.

Eines Tages wurde in der Schule bekanntgegeben, dass ein KLV-Lager für 6 Monate zur Repräsentation in Bulgarien zusammengestellt werden soll. Wer Interesse hat, sollte sich melden. Dieses Lager sollte 100 Mann etwa gleichen Alters groß sein und aus dem Rheinland stammen. Jungens die bereits Lagererfahrung hatten, sollten bevorzugt werden, wobei eine endgültige Auswahl nach einem vierwöchigen Aufenthalt in einem Vorbereitungslager getroffen werden sollte. Ich meldete mich und kam als einer von rund 1.000 zur Auswahl und Vorbereitung in ein Arbeitsdienstlager nach Lindlar. Hier sollten also von den 1.000 anwesenden Interessenten die 100 Besten ausgesucht werden. Verantwortlich hierfür waren ausschließlich Lehrer und ausgesuchte HJ-Führer, wobei die Lehrer bereits als Lagerleiter fungiert hatten oder ein Lager leiten sollten und die HJ-ler als Lagermannschaftsführer tätig werden sollten. (Lagerleiter Becker und mein Lehrer Fritz waren auch dabei.) Die Bestenauslese erfolgte nach den Kriterien: Disziplin, Marschieren, gutes Benehmen, Ordnungssinn und Sport.

Ich war dabei; und am 18. August 1942 fuhren wir zu 4 Gruppen a 25 Mann, begleitet von einem Lehrer oder Lagermannschaftsführer, im Abstand von einem Tag nach Bulgarien. Die Zugreise erstreckte sich von Köln über Wien, Belgrad nach Sofia in ein Sammellager. Morgens in Wien machten wir erste Station verbunden mit einer Stadtbesichtigung. Nachmittags fuhren wir weiter durch Ungarn Richtung Belgrad. In Jugoslawien ging die Fahrt mitten durch das Balkangebirge. Es war grandios, und wir konnten die Karl-May-Geschichte „In den Schluchten des Balkans“ richtig nachempfinden. Etwas bedrückend war eine Wehrmacht-Eskorte, die zu unserer Sicherheit mitfuhr. Ein Waggon mit Militär und Geschütz war direkt hinter unserem Waggon. Eine Lokomotive mit einem vorgespannten Waggon mit Sand zum Aufspüren von Minen fuhr vor uns. (Jugoslawien war zwar von Deutschland besetzt, aber die Jugoslawen hatten gut ausgebildete Partisanen, vor denen man auf der Hut sein musste.) Am nächsten Morgen erreichten wir Sau (Sawe), wo wir einen längeren Aufenthalt hatten, damit eine Eisenbahnbrücke nach Minen abgesucht werden konnte. Weiter ging es nach Belgrad, wo wir ebenfalls eine Stadtbesichtigung machten. Nun ging es weiter nach Bulgarien. Wir waren alle gespannt, denn trotz allem, was wir schon gesehen und erlebt hatten, sollte es jetzt noch fremdartiger werden. An der Grenze wurden wir festlich von einer Abordnung der Jugendorganisation BRANNIK empfangen. Ihre Uniform ähnelte der unsrigen bis auf einige Farbunterschiede.

Auf Bahnhöfen, wo wir halten mussten, um Kohle und Wasser zu tanken, begrüßten uns die Menschen in ihren fremdartigen Gewändern und Schaffellkleidung aufs freundlichste, reichten uns zu Essen und zu Trinken. Darunter Unbekanntes und Südfrüchte, die wir bereits seit Jahren nicht mehr gesehen hatten. Bei anbrechender Dämmerung fuhren wir in Sofia ein. Es war ein einmaliges Erlebnis. Die Stadt lag unter uns und war hell erleuchtet. Ein Anblick, wie ich ihn bis dahin noch nicht gesehen hatte. Militärmärsche einer bulgarischen Militärkapelle empfingen uns. Nach der Begrüßung durch einen Vertreter der Brannik sprach der Deutsche Gesandte zu uns. Mit Straßenbahnen fuhren wir zunächst zu einem ehemaligen Priesterseminar, in dem wir drei Tage bleiben und uns akklimatisieren sollten. Ein Abendessen war für uns in einem Gartenrestaurant arrangiert. Die Tische standen in Gartenlauben, alles war mittels Lampions erleuchtet, und für je vier Personen stand bereits ein Teller mit Salat bereit. Alles sah aus wie zu Hause in besseren Zeiten. Doch die Gurken entpuppten sich als Paprika und die Böhnchen als Peperoni. An das Essen kann ich mich nicht mehr erinnern, nur an den Nachtisch. Es gab Joghurt aus Ziegenmilch. Spätestens jetzt wurde mir klar, dass wir in einer fernen Welt waren, in der wir noch vieles zu lernen hatten.

Die Tage in Sofia waren gekennzeichnet von großartig angelegten Aufmärschen gemeinsam mit unseren Gastgebern, der Brannik. Teilnehmer war auch eine Hundertschaft Wiener HJ-Führer. So machte es denn Sinn in Zehner-Blöcken zu marschieren. Vorneweg unser Lagermannschaftsführer Wolfgang Richter, dahinter unsere Lehrer (Hauptlagerleiter Becker, Lagerleiter Fritz und Lagerleiter Dreesbach) - das erste Mal in Uniformen.

Zu unserem Programm gehörten Kranzniederlegung am deutschen und bulgarischen Ehrenmal, Besuche beim deutschen Botschafter und im bulgarischen Königshaus. Stadtbesichtigungen und Einladungen zu Abendessen von der Deutschen Kolonie oder von Einzelpersonen rundeten unser Sofia-Programm ab.

Unser nächstes Ziel zur Akklimatisierung war ein zehntägiges Zeltlager in Küstendil bei Göschewo im Balkangebirge nahe der serbischen Grenze. Spätestens hier musste jeder von uns sich auf seine Weise auf die uns fremdartigen Speisen einstellen. Zudem es hier landestypischeres Essen gab als in Sofia. Wir alle hatten einige Tage Magen-Darm- und sonstige Probleme. Hinzu kam die für uns ungewöhnliche Hitze. Exerzieren und Unterricht fielen aus vorgenannten Gründen aus. In lockerer Disziplin wurden wir von unseren Lehrern mit der Geschichte des Landes und mit seinen Sitten vertraut gemacht. Dies vor Allem, weil wir in noch vor uns liegenden Freizeiten von Bulgaren eingeladen würden. Kirsipu (Kirschbaum), ein Kamerad von uns, war Lette und so mit der slawischen Sprache vertraut. Er übernahm es, für uns zu dolmetschen und uns die bulgarische Sprache beizubringen. Dorfbewohner führten uns ihre Trachten vor, und auf einer Wanderung wurden wir wie selbstverständlich zu einer Hochzeit eingeladen. Später reihten wir uns in einen Volkstanz ein. Hier im Balkangebirge lernten wir so richtig das Volk kennen. Es gab nur armselige Behausungen mit festgestampftem Lehmboden und einer offenen Kochstelle, ohne richtige Schlafstätten und Einrichtungen.

Während die Männer das Vieh hüteten oder mit ihrem Eselskarren unterwegs waren, versorgten die Frauen den Gemüsegarten oder sponnen lediglich mittels einer Kopsel aus einem Haufen Wolle einen Garnfaden. Die Kleidung der Bauern war sehr deftig und meist ohne Rücksicht auf die Jahreszeit aus Lammfell. Elektrizität gab es nicht, und Wasser gab es nur aus einem Bach. Dies und die Tatsache, dass die Leute ständig Knoblauch aßen, ließen sie recht streng riechen. Aufgrund unseres Speiseplans haben wir das später kaum noch wahrgenommen.

Unser Lagerleiter Willi Dreesbach bekam eine Gürtelrose und Blutvergiftung im Bein. Am 2. September mussten wir ihn beerdigen. Sein Name sollte aber stets mit dem Lager verbunden sein, indem fortan unser Lager seinen Namen trug. In Warna z. B.

K.L.V. Bulgarienlager
-Willi Dreesbach-
Warna (Bulgarien)
Gymnasium „Maria Luise“

Von Küstendil nahmen wir Abschied und fuhren über Sofia nach Warna ans Schwarze Meer. In einem für uns geräumten Mädchengymnasium „Maria Luise“ bekamen wir fünf Klassenräume als Schlafstuben zugewiesen. Hier sollten wir den Herbst verbringen. Die Schlafstuben wurden nach bulgarischen Städten benannt. Ich war gemeinsam mit Eduard Brenner, Thomas Holterhoff und Werner Bolten eingeteilt in die Stube „Warna“ mit Blick zum Meer. Vom Meer bekamen wir am Abend der Ankunft nichts zu sehen, weil es schon dunkel war und wir noch einrichten und einziehen mussten. Meine Enttäuschung am nächsten Morgen war groß. Statt ein Meer zu sehen, sah ich Berge mit kleinen Schneekuppen. Alsbald entpuppten diese sich aber als Brandungswellen und meine Welt war wieder heil. Zur Vervollständigung unserer Truppe, erhielten wir Fanfaren, Rührtrommeln und Trommeln. Da einige Kameraden zu Hause bereits in Fanfarenzügen waren, wurden unsere Märsche ab sofort durch einen kleinen Fanfarenzug, der hinter der Fahne marschierte, ergänzt. Nun gab es auch zünftiges Wecken und abends einen Zapfenstreich. Später, in Bankia, wurde ich in den Kader der Fanfarenbläser aufgenommen und avancierte schließlich zur ersten Stimme.

Hier in Warna hatten wir neben dem Schulunterricht viel Sport und Spiel sowie viel politischen Unterricht. Dieser erstreckte sich sowohl auf das „Großdeutsche Reich“ als auch auf unser Gastland. Da wir sonntagnachmittags frei hatten und meist von bulgarischen Familien zu Spaziergängen, Konzerten oder Kinobesuchen eingeladen wurden, war es wichtig, viel über unser Gastland zu wissen. Auch mit deutschen Soldaten hatten wir Kontakte. Bei Warna waren mehrere Einheiten der Deutschen Wehrmacht und der Kriegsmarine stationiert. So hatten wir einmal die Gelegenheit eine Spritztour mit einem Schnellboot zu unternehmen. Es war wirklich ein schnelles und wendiges Boot. Man musste sich schon gut festhalten um nicht schwimmen zu gehen. Einige Wasserbomben durften wir werfen, aber keine Torpedos abschießen, weil kein unverfängliches Ziel vorhanden war. Am Tag nach unserer Spritztour bekam das Boot Marschorder nach Sewastpol. Dort kam es nie an, weil es unterwegs auf eine Mine lief.

Ein andermal fuhren wir auf einem Landungsboot über den Beikalsee. Hier wurde uns gezeigt, wie Treibminen beschossen und zur Explosion gebracht werden. In Ermangelung einer Mine wurde eine Holzkiste ausgesetzt und aus sicherer Entfernung mit einer Kanone beschossen. Die Kugel schlug kurz vor der Kiste auf, machte ein, zwei Hüpfer und traf eine am Ufer grasende Kuh. Der Bauer wurde natürlich entschädigt. Ob es sonstige Verwicklungen gegeben hat, weiß ich nicht.

So waren wir bei einem Seefliegergeschwader zu Gast und bei deutschen und bulgarischen Soldaten der Küstenverteidigung. An offiziellen Feiern und Festlichkeiten nahmen wir immer teil. Meist standen ein Aufmarsch und Reden mit anschließendem Vorbeimarsch auf dem Programm. In vielen Fällen gab es dann noch ein großes Essen für uns. Besuche des Deutschen Gesandten und des Vertreters des Deutschen Reichsjugendführers in Bulgarien, Hauptbannführer Breipohl, bei uns, waren natürlich herausragende Ereignisse. Zu solchen Anlässen und zu offiziellen Sportwettkämpfen war auch stets die Brannik vertreten. So lernte ich u.a. Lia Klein kennen, die nach dem Krieg einen Ostdeutschen heiratete und später mit Familie in den Westen übersiedelte.

Anlässlich eines Besuchs von Hauptbannführer Breipohl wurden einige von uns, darunter auch ich, zu Jungenschaftsführern ernannt und zu Hordenführern bestätigt. Von nun an trugen die so Ausgezeichneten eine rot-weiße Schnur.

Irgendwann bekam ich Kopfschmerzen, Schüttelfrost, Fieber und Schweißausbrüche. Die Diagnose war: Malaria. Durch die nahen Sümpfe am Beikalsee war dies wahrscheinlich. Ich kam in einem deutschen Militärlazarett in eine Malariastube, wo ich bis zur Genesung blieb.-

Anfang Dezember gingen wir das letzte Mal im Meer schwimmen. Es wurde gepackt, denn wir sollten den Rest unseres Bulgarienaufenthaltes in Bankia verbringen. Bankia ist ein kleiner Ort circa 20 km von Sofia entfernt im Witoschgebirge gelegen und bekannt durch seine Thermalquellen. Wir wurden untergebracht im „Invalidendom“, einem geräumiger, zweistöckigen Gebäude. Unsere Stuben waren alle auf der ersten Etage. In den Fluren war je ein Kanonenofen (Petschka) aufgestellt. Die Öfen hatten einen Zug von oben nach unten. Einmal pro Tag wurden die Öfen mit Koks gefüllt und von oben befeuert. Das Feuer brannte dann einen Tag lang. Zuständig für die Wartung war ein bestimmter Mann. Wir nannten ihn „Petschkamann“. Im Erdgeschoß waren Küche, Essraum, Unterrichtsraum und Büro untergebracht. In Bankia verbrachten wir also den Winter 1942. Wir hatten Temperaturen bis -45°, aber es war eine trockene Kälte, die gut zu ertragen war. Dieser Winter war sicher überall so hart. Wir hörten von den Leiden unserer Soldaten, deren Marsch durch Russland gestoppt wurde. Schnee hatten wir bis 1 Meter Höhe. Skier gehörten mit zu unserer Ausrüstung und das Gebirge war ideal zum Fahren. Eine angenehme Abwechslung war der wöchentlich Besuch im Thermalbad.

Sonst ging alles seinen gewohnten Gang mit Unterricht, Marschieren, Geländespielen, die fast wie Kriegsspiele aussahen, und abends Freizeit zum Briefeschreiben, Spielen, Basteln etc. Weihnachten bekamen wir Besuch von Volksdeutschen aus Sofia, die uns Geschenke mitbrachten und unseren im Geländespiel erbeuteten Tannenbaum bewunderten. Bis auf einen Besuch bei einer bulgarischen Offiziersschule hatten wir kaum noch Kontakte mit der Bevölkerung. Am 26. April 1943 fuhren wir wieder nach Hause. Vor unserem Zug fuhr wieder eine Lok mit vorgespannten Sandwaggons zur Aufspürung eventueller Minen, wie wir es schon von der Hinfahrt kannten. Auf den bulgarischen Bahnhöfen, die wir passierten, wurden wir von den Einheimischen freundschaftlich begrüßt und beschenkt. Wegen des bevorstehenden Osterfestes gab es eine Unmenge gekochter Eier, die wir, den Kölner Dom im Blickfeld, gezielt auf Telegrafenmasten warfen. Keiner wollte sich mit unnötigem Ballast abplagen. Erst zu Hause angekommen wurde mir klar, was wir angerichtet hatten. In der Heimat herrschte große Not. Die Lebensmittelrationen wurden immer geringer und die Fliegerangriffe immer schrecklicher. Und so gab es ein Osterfest ohne Ostereier.

Unser Lagermannschaftsführer Wolfgang Richter war bereits am 17. Dezember 1942 nach Hause gefahren. Er wurde durch die Lagermannschaftsführer Max Wecks und Wolfram Witte, die schon am 9. Dezember 1942 zur Einarbeitung kamen, ersetzt. Richter wurde zur Wehrmacht eingezogen und ist in Russland gefallen.

In unserem Lagerleiter Fritz hatten wir einen leidenschaftlichen Fotografen mit, der alle wesentlichen Begebenheiten festhielt. Die Negative schickte er zur Entwicklung in ein Fotogeschäft nach Deutschland, wo unsere Eltern sich Bilder aussuchen und bestellen konnten. Meine Mutter kaufte 100 Bilder, die jedoch bei einem Fliegerangriff verloren gingen. Von meinem damaligen Lagerkameraden Eduard Brenner, mit dem ich später beruflich zu tun hatte, bekam ich einige Bilder zum Kopieren. Seine Bilder und alle seine Briefe, die er in die Heimat schickte sind noch vorhanden und als Tagebuch zu betrachten. Einige Details aus diesem ersten Bulgarienlager stammen aus seiner Zusammenstellung, die er mir überlassen hat.

Der Krieg hatte an Schärfe zugenommen und es verging kaum ein Tag und kaum eine Nacht ohne Fliegeralarm und Aufenthalt in einem Luftschutzraum. Alle Kellerräume zu Nachbarhäusern bekamen einen Durchbruch von 1x1 Meter, um bei evtl. Verschüttungen über Nachbarhäuser nach draußen zu kommen. Die normalerweise aus Holz bestehenden Kellertüren wurden gegen Stahltüren mit zwei Schnellverschlüssen ausgewechselt, um den Druckwellen der Sprengbomben besser Stand zu halten. Luftminen, die inzwischen geworfen wurden, waren sie jedoch nicht gewachsen. Wer also keinen Bunker in erreichbarer Nähe hatte, musste bis zur Entwarnung im eigenen Haus Schutz suchen. Mit der Zeit wurden die Keller ständiger Aufenthalt. Für Gemütlichkeit wurde im Rahmen des Möglichen gesorgt. Es gab einen Ofen zum Wärmen und Kaffeekochen ( aus Spitzbohnen). Die meisten hatten eine Matratze, um ein wenig zu schlafen. Nachrichten konnte man mit einem Kofferradio empfangen, wenn auch nur einen Sender über das Bleikabel der Telefonleitung, die damals immer im Keller auf Putz verlegt war. Nach jedem Luftangriff wurden wir wie früher zu Rettungseinsätzen eingeteilt. Konnten früher noch Brandbomben, die frühzeitig entdeckt wurden, auf die Straße geworfen oder mit Sand bzw. mit Feuerpatsche gelöscht werden, so ging das jetzt nicht mehr. Die Alliierten warfen jetzt statt Brandbomben Phosphorkanister, die beim Aufprall zerplatzten. Der Phosphor spritzte dann in die Gegend und war kaum noch zu löschen. Man konnte ihm nur mit Sand den Sauerstoff entziehen und dann die betroffene Stelle aussägen.

In meiner alten Schule wurden inzwischen Mädchen und Jungen wegen Lehrermangel gemeinsam unterrichtet. Nur wenn wir Bastelstunde hatten, hatten die Mädchen Handarbeit. Es war ein ganz neues Erlebnis für mich. Die meisten Mitschüler hatten ganz andere Ansichten als ich, wie ich sie seit Jahren eingetrichtert bekommen hatte und die für mich schon wie ein Evangelium waren. Das war mir alles gegen den Strich und ich wünschte mir, wieder in ein Lager zu kommen. Am 1. Juli 1943, also 10 Wochen nach meiner Rückkehr, war es dann so weit. Mich erreichte ein Schreiben von Lagerleiter Becker, der anfragte, ob ich Lust hätte, noch einmal an einem Bulgarienlager teilzunehmen. Herr Becker hatte den Auftrag, nach dem positiven Ergebnis unseres ersten Lagers, nun 3 Lager a 100 Mann für eine Bulgarienreise zusammenzustellen. Eins dieser Lager sollte von Berlinern, eins von Aachen-Dürener und eins von Kölnern bestritten werden. Natürlich sagte ich zu, und nach kurzer Vorbereitung ging es los.

Laut Tagebuch, das ich damals schrieb, trafen wir uns morgens um 5.00 h am UFA-Palast. Weil der HBF durch einen Angriff zerstört war, sollten wir von Deutz aus um 9.00 h fahren. Nach Deutz kamen wir mit einem Auto. Doch wegen den zerstörten Straßen verpassten wir diesen Zug und fuhren erst um 22.00 h. Die erste Etappe ging über Würzburg mit Umsteigen nach Passau, wo wir um 22.30 h ankamen. Den Rest der Nacht verbrachten wir in einer Turnhalle. Den nächsten Vormittag besichtigten wir die Stadt und Umgebung. Nachmittags war Schwimmen in der Donau angesagt. Auf dem Rückmarsch sahen wir einen Raddampfer mit der Aufschrift „KLV“. Hiermit sollte am nächsten Tag die Reise nach Bulgarien fortgesetzt werden. Es war recht gemütlich auf dem Dampfer. Wir bekamen unsere Plätze angewiesen und konnten den ganzen Tag über die Sonne und die Gegend genießen. Abends kamen wir nach Wien, wo bereits die Berliner Mannschaft angetreten war. Nach der Aufnahme von Kohle ging es am nächsten Tag weiter über Budapest, Belgrad, durch das Eiserne Tor nach Lom. Kurz vor Belgrad bekamen wir gegen möglicher Partisanenangriffe Soldaten und ein MG an Bord. Unsere Fenster wurden mit Strohballen verkleidet und wir mussten unten bleiben bis wir das Partisanengebiet verlassen hatten. Am Vormittag des 9.7.1943 erreichten wir Lom und wurden mit den Nationalhymnen beider Länder, die von einer bulgarischen Militärkapelle gespielt wurden, empfangen. Draußen empfing uns Hauptbannführer Breipohl, die Brannik und die Bevölkerung von Lom, die es sich nicht nehmen ließ, uns zu sich einzuladen. Hier bekam ich zum ersten Mal das bulgarische Gastgetränk zu kosten. Es besteht aus einem dünnflüssigen, sehr, sehr süßen Brei, dessen Bestandteil aus Weintrauben und entsetzlich Süßem besteht. Da man ein solches Gastgetränk nicht ausschlagen darf, habe ich ganz tapfer geschlürft. Abends ging es dann weiter zu unserem Bestimmungsort nach Bankia. Dort angekommen wurden wir in drei Lager eingeteilt. Die bereits in Bulgarien waren und die Kölner kamen in Lager eins, die Aachener und Dürener in Lager zwei und die Berliner in Lager drei. Der Tag verging mit Einrichten der Stuben, Geschirr vom Bahnhof holen usw. Es war der 10.7.1943.

Aus meinen Tagebüchern geht folgendes hervor:

Einen Tag nach unserer Ankunft besichtigten wir ein nahegelegenes Kadettenlager. Hier waren angelegt Schützengräben und ein Übungsplatz mit Strohpuppen; Übungshandgranaten lagen um einen selbstgemachten Panzer herum. In den Räumen betrachteten wir Gewehre und Maschinengewehre. Alles war für Kriegsübungen ausgelegt, was durch eine Militärkapelle unterstrichen wurde. Am 25.7. war eine feierliche Kranzniederlegung auf dem Heldenfriedhof in Bankia vorgesehen. Einige Tage vorher hatten wir den Friedhof gesäubert und alles instand gesetzt. Wir marschierten mit Fanfarenzug, 3 Kranzträgem, der Fahne und den drei Lagern zum Friedhof. Die Kranzniederlegung erfolgte mit Begleitung des Fanfarenchors.

Am 10.8. war eine Lagerinspektion angesagt. Wir empfingen den Hauptleiter der Brannik in Begleitung von Hauptbannführer Breipohl. Nach einem Appell und einer Ansprache erfolgte die Besichtigung unserer Unterkünfte. Am 12.8. besuchte uns der Deutsche Gesandte (S.A. Obergruppenführer Beckerle), der sich ebenfalls davon überzeugen wollte dass wir gut untergebracht seien. Nach Empfangsmarsch, und einer Ansprache schritt der Gesandte die Front ab, gab jedem die Hand und wechselte mit jedem ein paar Worte. Die Inspektion verlief offenbar zufriedenstellend.

Der 15.8. brachte uns ein wenig um unseren Schlaf. Von 20.00 h bis 23.30 h konnten wir eine fast totale Mondfinsternis beobachten. In der Hauptphase war nur noch ein kleiner Randstreifen des Mondes zu sehen.

Unsere drei Lager machten nur gemeinsam Dienst, wenn etwas Besonderes auf dem Programm stand. Sonst verlief der Dienst in den einzelnen Lagern wie üblich und nach Gestaltung des Lagerleiters. Zu einem Besuch von Volkstänzen z. B. marschierten wir gemeinsam. Nach der Vorführung allgemeiner Volkstänze, an denen wir uns auch beteiligten, wurden noch Feuertänze gezeigt. Auf glühenden Kohlen wurden kurze Tänze mit nackten Füßen aufgeführt. Angeblich sollten die Tänzer durch Selbsthypnose keine Schmerzen empfinden und es sollten keine Verbrennungen auftreten.

An einem Tag, den ich nicht genau definieren kann, hatten wir Besuch eines deutschen Geistlichen bei uns. In seiner Wehrmachtsuniform machte er auf uns einen seltsamen Eindruck, doch seine Predigt die er vor dem Abendessen hielt, entsprach etwa dem, was wir kannten. Nach dem Abendessen ging ich zu ihm und sagte, dass ich noch nicht zur Kommunion gegangen sei. Der Geistliche fragte nach meinem Alter und ob ich bereit sei, die Erste heilige Kommunion zu empfangen. Während des Krieges brauche man das Einverständnis der Eltern nicht. Der Priester nahm mir nach Wehrmachtsbrauch die Beichte ab, („warst Du auch Gehorsam zu Deinen Vorgesetzten“ usw.), sprach ein Gebet, brach ein Stück liegengebliebenes Brot ab und gab es mir als Leib Jesu Christi. Das war meine Erste heilige Kommunion.

Am 25.8. besuchte uns der bulgarische Ministerpräsident Dr. Filoff. Er war der höchste Regierungsführer neben dem König. In seiner Begleitung waren der Deutsche Gesandte und der Hauptleiter der Brannik. Die Visite verlief wie üblich mit Fanfarenchor, Liedersingen, Meldung, Begrüßung und Besichtigung unseres Domizils.

Der 28.8. brachte nach einem fröhlichen Tag, den wir als Gäste in einem Kinderheim mit Singen und Spielen verbrachten, die Kunde vom Tod des Zaren. Wir erhielten die Nachricht kurz vor dem Zapfenstreich. Zar Boris III. war am 28.8.1943 um 16.22 h gestorben. Wir trauerten um den König, aber die Trauer des bulgarischen Volkes war unbeschreiblich. Von nun an wurde bis zur festgesetzten Trauerzeit in keinem Lager mehr ein Lied gesungen. Der Fanfarenzug spielte keinen Marsch mehr. Sogar das Wecken und der Zapfenstreich wurden unterlassen.

Die Begegnungen mit Einheimischen wurden spärlicher. Es wurde gemunkelt, dass Zar Boris auf dem Rückflug von Deutschland mit einem deutschen Flugzeug absichtlich in einer Höhe geflogen wurde, die der Zar gesundheitlich nicht überstehen würde.

In der Folge gab es vermehrt Geländeübungen mit Karte und Kompass, die schon richtige Kriegsspiele waren, z. B. am 18.9. der „Kampf um Bankia“ mit mehreren Trupps. Fuhrwerke sollten Panzer darstellen, die Bevölkerung sollte als gegnerische Patrouille angesehen werden usw.

Ohne Datum: Ein Nachtmarsch ohne Vorankündigung um 3.00 h morgens. Es ging darum, unter allen Umständen eine „feindliche“ Fahne zu erbeuten. Unser Hauptlagerleiter Becker, selbst Soldat im Ersten Weltkrieg, leitete die Operation unter Anwendung jedweder Kriegslist und unter geschickter Einbeziehung des Geländes selbst. Ich erinnere mich noch, dass dieser Nachtmarsch in einer heillosen Schlägerei endete.

Fünf Jungen von uns fassten am 22.9. 43 den Entschluss, in unseren Bastelstunden ein Hänneschen-Theater zu bauen. Die Gruppe bekam den Namen: PREUSIROPOFU als Kürzel der Gründer PREUHS, SIEBER ROCK PORL FUND. Das Theater wurde gebaut, Figuren aus Papierschnipsel und Kartoffelbrei gefertigt, Kleidung genäht und ein Drehbuch geschrieben. Es wurden drei Aufführungen mit drei, vier und sechs Akten durchgeführt. Das Drehbuch habe ich noch im Original. Eines Tages werde ich es einmal abschreiben.

Der 3.10. war Erntedanktag. Der Fanfarenzug und die Singgruppe mussten früh mit dem Zug nach Sofia fahren. Es waren 20 Auserwählte aus den drei Lagern und der F.Z. In Sofia empfingen uns die Jungen und Mädchen der Brannik, die uns an Gastfamilien verteilten. Den Tag über kümmerten sich die Familien um unser leibliches Wohl, und zeigten uns die Sehenswürdigkeiten der Stadt. Am Abend wurde dann unter Fanfarenklängen, Marschmusik und Dankesreden der Erntedanktag begangen. Anwesend waren u.a. der deutsche Gesandte, der Italienische Gesandte, Ritterkreuzträger und Offiziere. Nach dem offiziellen Teil ging es mit einem Bus zurück ins Lager. Der 4.10. brachte eine besondere Überraschung. Zu Besuch kam ein deutscher Schachmeister, der uns so manchen Trick beibrachte. Damit favorisierte in der nächsten Zeit während der Freistunden wieder das Schachspiel. Auch wenn wir nicht wie der Schachmeister blind spielen konnten.

Am 10.10. sollte in Sofia ein Sportfest stattfinden. Wir fuhren bereits am 9.10. nach Sofia wo wir wieder an interessierte Gastfamilien zur außerdienstlichen Betreuung verteilt wurden. Nachmittags gab es eine Sportfest-Probe und am Abend ging ich mit meiner Gastfamilie in einem noblen Hotel Hummer essen und anschließend ins Kino. Zum Sportfest am nächsten Tag marschierten wir gemeinsam mit der Brannik am Schloss des Zaren vorbei um Zar Boris zu gedenken und seinen Sohn Simeon zu grüßen. Nachmittags begannen die sportlichen Wettkämpfe. Nach der Siegerehrung fuhren wir wieder ins Lager.

Der 9. November war für die Nazizeit natürlich ein Tag, der unbedingt begangen werden musste. Zu unserer Morgenfeier war der Hauptbannführer angereist. Aus Anlass des 9.11. wurden einige von uns befördert, ich z. B. zum Oberhordenführer. Mittags fuhren wir nach Sofia, um bei der Feier der Deutschen Siedlung mitzuwirken. Im Anschluss an die Feier schliefen wir bei unseren Gastfamilien die sich auch den ganzen nächsten Tag um uns kümmerten.

Am 12.11. bekamen wir das Leistungsabzeichen überreicht, für das wir zwei Monate gerackert hatten.

Am 24.11. fuhren wir mit Bussen zum Rila-Kloster. Ab Sofia wurde die fünfstündige Fahrt wegen den miserablen Straßen zur Tortur. Inmitten des Klosters steht die Kapelle, in welcher der verstorbene Zar beerdigt ist. Sein Grab war schlicht und einfach. Es war mit gebeiztem Holz umsäumt. An den Grabecken waren ebensolche Pfähle angebracht, die mit schwarzen Ketten verbunden waren. Auf dem Grab lag Kies und an seinem Kopfende stand ein Kreuz mit der Aufschrift: „ König Boris III Zar von Bulgarien.“

Weihnachten feierten wir wieder einmal fern der Heimat. Hauptbannführer Breipohl hatte für jeden ein Paar Lammfellpantoffel und einen Teller mit Süßigkeiten mitgebracht. Am 25.12 konnten wir wieder zu Gastfamilien kommen, die uns weiter beschenkten. Ich kam wieder zu meiner „alten Familie“ und bekam ein Buch und ein Paar Handschuhe. Laut Tagebuch besichtigten wir auf dem Weg zum Nationaltheater Bombenschäden in der Stadt. (Hieran erinnere ich mich nicht.) Offensichtlich wurde der Weltkrieg auch hier ernster genommen. Unsere Wehrmacht saß an allen Fronten fest. Im Osten rückten die Russen vor und die Sympathien für die Deutschen wandelten sich zusehends in Sympathien für die Russen. Schließlich waren die Russen es, die die Bulgaren von der fünfhundertjährigen Herrschaft der Türken befreit hatten.

Wir sollten also wieder nach Hause fahren. Ein Zug mit vorausfahrendem „Minensucher“ brachte uns über die Grenze bis Prag. Hier wurden wir in einer Sporthochschule untergebracht. Wie es hieß für ein, zwei Tage bis wir einen neuen Zug bekämen. Doch unter unseren Lagerleitern gab es viel Nervosität und Hektik, die auch uns ansteckte. Nach drei Tagen glaubten wir nicht mehr an eine Heimfahrt. Und so kam es. Nach etwa einer Woche in Prag bestiegen wir wieder einen Zug und fuhren ab. Mit Hilfe von Kompass und Uhrzeit stellten wir fest, dass wir nicht nach Deutschland fuhren, sondern nach Süden. Unser Bestimmungsort war Kremsier in Mähren. Schon in Prag hatten wir neue Lagerleiter bekommen, die nun für eine Unterkunft zu sorgen hatten. Es waren reine Lehrer ohne Militärerfahrung, und so funktionierte es denn auch. In der nächsten Zeit hatten wir nur noch Schule und sonntags Ausgang. Mannschaftsdienst gab es einfach nicht mehr. Es war öd und langweilig.

Auch machte uns zu schaffen, dass wir nicht wussten, wie es weitergehen sollte. In etwa drei Monaten war offizielle Schulentlassung, und niemand wusste, wie wir eine Lehrstelle bekommen sollten. So reifte bei uns der Plan, bei Nacht und Nebel über die Grenze und nach Hause zu fahren. Dank meiner Mutter, die mir oft Kupons schickte, die ich in Bulgarien einwechseln konnte, hatte ich reichlich Geld. Ich ließ für meine Schwester ein Paar Lammfellstiefel machen, kaufte für meine Mutter Zigaretten und in Etappen eine Menge Brötchen. Außer mir waren noch Thomas Holterhoff, Günther Ohrem, noch ein Kölner und Michalsky, ein Berliner, mit von der Partie. Wir schmiedeten zwei Pläne. Eine Route über Regensburg und eine über Dresden. Da wir Hilfe brauchten, um mit unserem Gepäck zum Bahnhof zu kommen, mussten wir unsere Kameraden einweihen. Mit ihnen sprachen wir nur über eine Fahrt via Regensburg, weil man uns sicher auf dieser kürzeren Route suchen würde. Ich kaufte Fahrkarten für den Bummelzug bis Prag, und dort wollten wir einen Fernzug erreichen. Eines Abends, nach dem Zapfenstreich, schlichen wir uns in den Keller, holten unsere Koffer, ein paar Schlitten und packten unsere Sachen. Dann zogen wir mit einigen Kameraden, welche die Schlitten zurückbringen mussten, zum Bahnhof. In Prag versteckten wir uns erst einmal bis alles still war. Dann suchten wir auf den Abstellgleisen einen Zug und fanden einen mit der Aufschrift „Dresden“. Darin machten wir es uns gemütlich. Wir schliefen bis der Zug anfuhr und im Bahnhof deutsche Soldaten einstiegen. Wir mussten natürlich beichten. Die Reaktionen waren von unverantwortlich bis heldenhaft. Schließlich beschloss man, uns zu decken, denn Kontrollen der Feldgendarmerie waren sicher. Kam eine solche Kontrolle, so wurden wir hinter Mänteln und unter den Sitzen versteckt. Als Lohn gab es Zigaretten, die ich heimlich aus dem Koffer nahm. So kamen wir nach Dresden. Kaum angekommen, begann ein Bombenangriff. Der Bahnhof wurde getroffen und wir hatten Sorge, nicht weiterfahren zu können. Lange konnten wir mit unseren harten Brötchen hier nicht unentdeckt bleiben, denn es wimmelte von Kettenhunden. Wir beschlossen, den ersten Zug zu nehmen, egal mit welchem Ziel. Wir hatten Glück. Es war ein Zug nach Köln über Berlin. Das Gedrängel von Landsern, die in Urlaub fuhren, war groß. Doch erwischten wir wieder eine Truppe, die Verständnis für uns hatte und uns ebenso wie vorher versteckte. In Berlin stieg Michalsky, von dem ich nie wieder etwas hörte, aus, und wir fuhren weiter nach Köln. Die Stadt hatte sich sehr verändert. Vieles lag in Trümmern. Die Straßen waren nur Fußweg breit freigemacht und man sah nur noch alte Männer und Frauen. Das Haus in dem wir gewohnt hatten war abgebrannt. Meine Mutter wohnte nun in einer schönen 3- Zimmerwohnung in der Blücherstraße, worin ich ein eigenes Zimmer bekam. Weil viele Familien evakuiert waren, gab es trotz Bombenangriffen genügend Wohnungen.