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Ereignisse
1938
Dezember

Hitlerjungen schließen sich den „Fahrtenstenzen“ an

Heinz L. gibt in einer Vernehmung durch die Gestapo am 4. Oktober 1939 an, im Dezember 1938 aus Unmut über die Hitlerjugend zu den Essener „Fahrtenstenzen" übergetreten zu sein. „Da uns die strenge Zucht in der HJ nicht gefiel, haben wir mit mehreren HJ-Angehörigen den Entschluss gefasst, den ‚Fahrtenstenzen' beizutreten." Mit ihm seien noch sechs weitere HJ-Mitglieder gewechselt, von denen sich allerdings zwei nach einem dreiviertel Jahr wieder zurückgezogen hätten.

Während L. betont, dass die „Fahrtenstenze" der Hitlerjugend „feindlich" gesonnen seien, und man daher beschlossen habe, „falls eine HJ-Streife uns anhält, über diese herzufallen", erklärt mit Herbert Hechsel eine von deren prägenden Gestalten, der HJ gegenüber nicht grundsätzlich feindlich eingestellt zu sein. Als aber eine geplante Räumungsaktion der Sommerburg durch die HJ bekannt geworden sei, habe man jedoch Abwehrmaßnahmen verabredet: „Daraufhin haben wir Jungen unter uns vereinbart, unseren Platz an der Sommerburg nicht freiwillig zu räumen. Wir waren entschlossen, falls wir von der HJ tätlich angegriffen würden, uns zu wehren. (...) Wir waren alle der Ansicht, dass auch die H.J. nicht berechtigt ist, uns tätlich anzugreifen. Bevor wir aber angegriffen würden, wäre auch keiner von uns gegen die HJ tätlich geworden."

Die „Fahrtenstenze", deren Namensgebung nach eigener Angabe zufällig erfolgte („Wir nannten uns einfach Fahrtenstenze, weil wir von unbeteiligter Seite als solche angeredet wurden."), treffen sich „fast jeden Abend" an der Trinkhalle in der Essener Bendemannstraße: „Später haben wir uns im Mühlbachtal, an der Trinkhalle gegenüber der Brandsmühle oder an den Bänken am Goldfischteich getroffen. Langsam vergrößert sich der Kreis: „Hier haben wir immer mehr Jungen kennengelernt. Diese waren fast ausschließlich aus dem Segeroth und von Mülheim-Heissen."

Neben den Treffen in Essen und Umgebung, Wanderungen und Fahrten sind es insbesondere die - oft augenscheinlich sehr freizügigen - Kontakte zu Mädchen, die für die Heranwachsenden interessant sind. „Im Laufe der Zeit haben nun bei unseren Treffpunkten sich zirka 15 bis 18 Mädels eingefunden." Auf die Frage der ermittelnden Gestapo-Beamten, warum denn die „Mädels" zu den Treffen und Fahrten mitgenommen worden seien, antwortet L. offen: „Wir wollten uns auf den Fahrten mit den Mädels amüsieren. Ich hatte zum Beispiel auf der Fahrt nach Wedau mir als Freundin die ‚Wanda' ausgesehen. Ich bin dann auch mit ihr in Wedau in den Wald gegangen und habe versucht, mit ihr in Geschlechtsverkehr zu kommen. Hierzu ist es aber bei dem Mädel nicht gekommen, weil sie sich sträubte. Dieses Mädel hat auch später an unseren Fahrten nicht mehr teilgenommen Wahrscheinlich war sie von unseren Fahrten nicht erfreut. Mit den andern Mädeln habe ich persönlich nichts gehabt. Ich weiß wohl, dass die Mädel fast sämtlich einen Freund unter uns hatten, mit dem sie sich in die Büsche zurückzogen. Nach Angabe unserer ‚Fahrtenstenze', die mit den Mädels abgehauen waren, haben sie auch Geschlechtsverkehr gehabt. Dieses wurde unter uns immer besprochen." Die Details stoßen bei den Gestapo-Beamten offensichtlich auf großes Interesse, denn sie fragen weiter nach: „Wenn ich nun gefragt werde, ob mit diesen Mädels gleichzeitig an einem Tag mehrere Jungen den Geschlechtsverkehr ausgeübt haben, so muss ich dies bestätigen." Grundsätzlich sei man allerdings überein gekommen, „dass jeder ein Mädel haben sollte, damit kein Streit unter uns ausbrechen sollte. Wir wollten uns alle, soweit wir noch kein Mädel hatten, uns eins besorgen. Ein Leben auf Fahrt mit je einem Mädel haben wir uns gut vorgestellt. Es war nun unser Bestreben, dass jeder Fahrtenstenz recht bald ein Mädel für sich hatte."

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