Agnes H. (*1929): Die Nacht zum 29. Juni 1943
In der Nacht zum 29. Juni suchten die englischen Terrorflieger die Hansestadt Köln heim. Wir waren schon schlafen gegangen, als die Sirene ertönte. Da zogen wir uns an und gingen in den Öffentlichen Luftschutzkeller in der Agrippastraße. Sonst gingen wir immer bei uns in einen Keller, aber es hatte schon einmal bei uns gebrannt, da war der Keller voll Dreck und Wasser, da mussten wir in den Öffentlichen Luftschutzkeller gehen.
Als wir dahingingen, dachten wir, es würde nicht viel geben, wir waren aber kaum im Keller, da fielen auch schon die ersten Bomben. Im Keller gab es ein großes Durcheinander, das Licht war ausgegangen und einer lief den andern um. Die Leute machten Kerzen an, diese mussten sie aber wieder ausmachen, weil Phosphor im Keller war. Nachher konnten wir es oben nicht mehr aushalten, da sind wir unten in den Keller gegangen, da wollten sie uns nicht hereinlassen, die Leute sagten, es käme immer noch mehr Rauch in den Raum, wenn noch mehr Menschen hereinkämen. Da mussten die Männer mit Gewalt die Tür aufdrücken, dass wir hereinkämen.
Als wir drinnen waren, konnte ich nicht mehr stehen, da haben sie mich gegen die Türe gestellt. Meine Mutter war schon ganz blau, da haben sie ihr Kognak gegeben, da ist sie wieder zu sich gekommen. In der Zwischenzeit sind von oben auch wieder Leute gekommen, die wollten auch unten in den Raum, sie konnten aber nicht herein, weil ich vor der Türe stand, da haben mich die Leute in die Mitte gestellt, ich konnte aber nicht mehr stehen, da bin ich hingefallen und ohnmächtig geworden.
Des Morgens haben sie mir etwas ins Gesicht geschüttet, da bin ich wieder zu mir gekommen. Wir mussten noch etwas warten, da kam ein Mann, der sagte, wir sollten uns zu fünf und fünf aufstellen, dann kämen wir heraus. Als wir an der Reihe waren, nahmen wir unsere Sachen und gingen herauf, da mussten wir noch etwas warten, bis die Leute, die vor uns waren, durch die Mauer geklettert waren, da mussten wir durch die Mauer klettern und dann durch ein brennendes Haus über die Sterngasse, da lagen schon Tote und Bewusstlose. Dann sind wir weiter am Krankenhaus vorbei, über die Trümmer und dann zum Neumarkt. Da mussten wir warten, dann sind wir nachher zur Opernhausgaststätte gegangen. Da haben wir eine Tasse Kaffee getrunken. Als ich den Kaffee getrunken hatte, habe ich mich auf dem Tisch schlafen gelegt.
Um 5 Uhr sind wir zum Klausner-Essen gegangen, von da aus sind wir zur Lütticherstr. schlafen gegangen und haben da Kaffee getrunken. Nachher sind wir zur Lütticherstr. gegangen und haben da unsere Koffer abgeholt. Mittags sind wir zu meiner Tante gegangen, da konnten wir auch schlafen. Nach drei Wochen, als wir zu meiner Tante nach Riehl gefahren waren, kam ein Mann zu meiner Tante und sagte, er hätte zwei Zimmer frei, da sind wir sofort zum Wohnungsamt gegangen und haben uns eine Bescheinigung geholt. Wir waren froh, dass wir die Wohnung bekamen. Mein Vater ist sofort für die Möbelscheine gegangen und hat sie auch bekommen. Es ist nur traurig, dass so viele Menschen noch keine Wohnung haben, wo es doch schon anfängt, kalt zu werden. Wir wollen hoffen, dass auch diese Menschen bald wieder ein eigenes Heim bekommen.
Agnes H. (geb. 1929)