Der Sicherheitsdienst der SS berichtet
„Klagen über einen Mangel an Kinder- und Jugendbüchern in der Bevölkerung
Aus zahlreichen Meldungen, die sich gleichmäßig über alle Reichsgebiete verteilen, ergibt sich, dass von vielen Eltern über das Fehlen von Kinder- und Jugendbüchern geklagt wird. Es hat sich zwar allmählich die Einsicht durchgesetzt, dass auch auf diesem Gebiet des Schrifttums der vorhandene Bedarf aufgrund beschränkter Kriegsmöglichkeiten nicht voll zu befriedigen ist. Doch wird im Vergleich zu anderen Schrifttumsgruppen, die in den Buchhandelsbeständen angetroffen werden, häufig gefragt, ob gerade das Kinder- und Jugendbuch derartig knapp sein müsse. Selbstverständlich werde man auf die große Hilfe, die das Kinder- und Jugendbuch für die Eltern bedeutet, verzichten, wenn der Krieg zu radikalen Einschränkung der gesamten Literatur zwingt, doch falle gerade ein Ausfall der Bücher für unsere Kinder und Jugendlichen besonders schwer ins Gewicht. Derartige Bücher seien nicht nur das zumeist einzige, was man seinen Kindern zum Geburtstag oder zu Weihnachten noch bieten könne. Sie erleichtern auch die vielen angespannt tätigen Frauen in der Weise, dass die Jungen und Mädel mit dem ganzen Leseinteresse und der Aufnahmefähigkeit der Jugend stundenlang mit einer anziehenden und interessanten Lektüre beschäftigt seien, so dass sich die Mutter in dieser Zeit nicht um sie zu kümmern brauche und selbst die Möglichkeit habe, etwas auszuspannen oder sich notwendigen häuslichen Beschäftigungen zu widmen.
Gerade bei den durch die Evakuierungen hervorgerufenen Schwierigkeiten in der regelmäßigen Beschulung, in der Trennung vieler Kinder von ihren Eltern, bei der Notwendigkeit, dass die Mütter in abgelegenen Landgebieten mit völlig neuen Problemen auch der Beschäftigung und Erziehung der Kinder fertig werden müssen, findet das Kinder- und Jugendschrifttum in allen Volkskreisen eine große Beachtung.
Verschiedentlich fällt auf, dass Kinderbücher die man noch bekommt, nicht aus dem Reich stammen, sondern beispielsweise aus tschechischen Verlagen des Protektorats oder aus niederländischen Verlagen. Diese Bilderbücher entsprächen zumeist sehr wenig dem Wesen unserer Kinder und seien in Text und Bildwiedergabe sehr schlecht. Nachdem diese Gebiete unter deutscher Herrschaft stünden, müsse es - so wird gemeint - möglich sein, Material und Arbeitskraft der Druckereien im Protektorat oder in den besetzten Gebieten für die Herstellung ansprechender deutscher Kinder- und Jugendbücher einzusetzen.
In Fachkreisen werden die verschiedensten Überlegungen angestellt, ob es möglich sei, bei den Kinderbüchern und bei dem sonstigen Jugendschrifttum weitere Einsparungen an Material und Arbeitskraft vorzunehmen, um den wachsenden Anforderungen der Rüstung an die graphischen Betriebe gerecht zu werden. U. a. wurde dabei der Vorschlag gemacht, auf den Buntdruck zu verzichten und lediglich Schwarzweiß-Bilder zu bringen. Es würden dadurch sowohl Faben als auch Arbeitsgänge eingespart werden. Dem wird von anderer Seite entgegengehalten, das insbesondere das Kinderbuch ohne das bunte Bild nicht zu denken sei, und dass gerade im Buntdruck die besondere Wirkung und Einflussnahme auf das Gemüt der Jugendlichen liege. Es gebe sicher bei anderen Veröffentlichungen bessere Gelegenheit, mit dem Buntdruck zu sparen als ausgerechnet bei den Kinderbüchern. U. a. wird auf die besondere Stellung hingewiesen, die die Fibel im Erziehungsvorgang besitzt. Wenn es tatsächlich aus Kriegsgründen so weit sei, dass man auch den Buntdruck einsparen müsse, dann sei es allerdings fast besser, auf das Kinderbuch und auf viele andere Jugendbücher überhaupt zu verzichten. Zahlreiche Erscheinungen in anderen Bereichen des nationalen Lebens ließen jedoch erkennen, dass dieser äußere Maßstab beim Kinder- und Jugendbuch noch nicht anzulegen sei.“