Berufskundliche Woche in Köln
Die Sozialabteilung des Gebietes Mittelrhein führt gemeinsam mit dem Kölner Arbeitsamt vom 12. bis 16. Dezember 1938 eine "Woche der Berufsaufklärung" durch, die unter dem Leitwort "Dein Beruf — Dein Schicksal" steht. Die Eröffnung findet am 12. Dezember mit einer Kundgebung im Gürzenich statt, bei der der stellvertretende Gauleiter Richard Schaller, Gebietsführer Hohoff und der Präsident des Landesarbeitsamtes, Dr. Beisiegel, Reden halten. Während der Woche finden in drei Kölner Stadtkreisen je drei Veranstaltungen statt, auf denen Vertreter von Industrie, Technik, Wirtschaft, Handel, Handwerk, Gewerbe und Landwirtschaft sprechen.
Die Eröffnungsveranstaltung wird von musikalischen Beiträgen des Jungvolks umrahmt, 200 Jungen singen, weitere 150 spielen auf Blasinstrumenten. Zu der Veranstaltung sind neben Jugendlichen auch deren Eltern eingeladen.
Im Rahmen der berufskundlichen Woche veröffentlicht die HJ am 9. Dezember 1938 eine Stellungnahme zu Fragen der Berufsnachwuchslenkung, bei der zwei wesentliche Punkte herausgestellt werden:
"1. Die politische Führung des Jugendlichen durch die HJ beschränkt sich nicht auf die Dienststunden, sondern nimmt Einfluss auf den gesamten Lebenslauf. Der Jugendliche braucht vor allem auch in der Welt des Berufes die menschliche und politische Betreuung. Entscheidende Führungsmöglichkeiten liegen dabei bei der Berufsberatung.
2. Auch die Berufsarbeit ist politischer Dienst. Seit Jahren wird dieser Grundsatz durch die zusätzliche Berufsschulung, vor allem aber durch den Reichsberufswettkampf, belegt. Daher muss auch die größte Leistungsfähigkeit auf diesem Dienstabschnitt vorgesorgt werden. Über den Erfolg dieser Bemühungen entscheidet im Anfang wiederum maßgeblich die Berufsberatung."
Die "Berufsberatung", die die HJ hier betreibt, ist verbunden mit einer politischen Beurteilung von Jugendlichen, denn die Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern entwickelt sich daraus, dass die HJ den Ämtern Informationen über die "charakterliche und praktische Lebenstüchtigkeit" der Jugendlichen gab, die aus Beobachtungen im Dienst stammten. Daraus entstand ein System mit Fragekarten, durch die "wesentliche Urteile über die Jugendlichen an die zuständigen amtlichen Stellen" vonseiten der HJ-Führer und BDM-Führerinnen weitergegeben wurden. Diese Mitarbeit, so der Westdeutsche Beobachter, sei von den zuständigen Stellen als "praktisch wertvoll anerkannt worden".
Im weiteren Verlauf kam zu der "fachlichen Fühlungnahme" von HJ und Berufsberatung eine "weitgehende personelle Verbundenheit", indem "geeignete ältere HJ-Führer" Berufsberater wurden und umgekehrt junge Berufsberater in der HJ Führungs- und Sachaufgaben übernahmen. In der Folge ging die HJ zu einer "umfassenden berufskundlichen Aufklärung" über, bei der betont wird, dass kein Zwang ausgeübt werde.
Seit dem Herbst 1937 findet die Berufsberatung auch auf Heimabenden statt. Im August 1938 wurden in dem Zusammenhang entsprechende Heimabendmappen herausgegeben. Zudem soll durch die berufskundliche Woche die Öffentlichkeit erreicht werden.
In drei Sonderveranstaltungen soll während der berufskundlichen Woche über "Berufe für Mädel" informiert werden. Dabei soll vor allem die Arbeit der Heimabende, auf denen die Mädchen auf Berufsmöglichkeiten hingewiesen werden sowie die Forderung, dass jeder Mensch einen Beruf erlernen müsse, unter den Eltern bekannt gemacht werden.
Dazu finden am 14. Dezember in der Aula des Dreiköniggymnasiums, am 15. Dezember im Stollwerck-Saal und am 16. Dezember im Saal der Kreisleitung Köln-Ost Veranstaltungen statt, auf denen Vertreterinnen des Arbeitsamtes, die Gaujugendwartin der Landesbauernschaft und die Bauerntumsreferentinnen des Obergaues referieren.
Als zentrale Aufgabe der Berufslenkung wird die Verteilung des Nachwuchses auf die einzelnen Berufsgruppen gesehen. Dabei wird es besonderes Problem betrachtet, dass einige Berufsgruppen stark bevorzugt, andere kaum in Betracht gezogen werden. Begehrte Berufsgruppen sind die wichtigsten technischen und werkstattmäßigen Berufe in der Metallindustrie, kaufmännische Beamten-, soldatische und teils auch akademische Berufe. Gemieden würden hingegen Berufe in der Landwirtschaft, im Bergbau, im Bau und seitens der Frauen in der Hauswirtschaft sowie in pflegerischen und erzieherischen Berufen. Diese Berufe seien jedoch von "besonderer staatspolitischer Bedeutung" und hätten "hervorragende Zukunftsaussichten".
Die berufskundliche Woche wird mit einer Feier im Gürzenich eröffnet, die mit Liedern, Sprechchören und Instrumentalmusik der HJ umrahmt wird.
Der Präsident des Landesarbeitsamtes, Dr. Beisiegel, spricht einleitend über die "verantwortungsvolle Aufgabe der Eltern und Erzieher, ihren Kindern und Schützlingen den rechten Weg ins Berufsleben zu weisen". Er unterstreicht die Freiheit der Berufswahl, die er jedoch dahingehend einschränkt, dass dabei die "Belange der Allgemeinheit" nicht außer acht gelassen werden dürften. So hätten von 676.000 schulentlassenen Jungen im vergangenen Jahr 249.000 Schlosser werden wollen, obgleich es nur 136.000 entsprechende Lehrstellen gegeben habe. Hier müsse ausgleichend gewirkt werden, zumal der mangelnde Nachwuchs während der Kriegsjahre einen Ausfall von 1,5 Millionen Menschen haben werde.
Anschließend ermahnt Gebietsführer Hohoff die Jugendführer, "in der Jugend die innere Bereitschaft für ihre großen Pflichten in der Volksgemeinschaft zu wecken". Die Berufswahl müsse unter dem Motto stehen: "Dein Beruf — dein Schicksal — das Schicksal Deutschlands". Die Ausfüllung jeden Berufes sei "Dienst an der Volksgemeinschaft".
Der stellvertretende Gauleiter Richard Schaller hebt zum Schluss hervor, dass die größten Kraftanstrengungen der "Sicherstellung unserer Nahrungsfreiheit" sei. Zum "Schutz des Volkes" habe der Führer die Wehrmacht geschaffen, für die Nahrungsfreiheit müsse die Wirtschaft sorgen. Viele Eltern würden sich an ihren Kindern "versündigen", da sie ihnen Berufe vorschlagen würden, mit denen sie möglichst schnell Geld verdienen könnten. Dabei würden sie nicht bedenken, dass Ungelernte immer benachteiligt sein würden. Er appelliert daher dafür, "dass jeder Junge und jedes Mädel den Beruf ergreifen müsse, in dem sie das Beste und Größte für die Volksgemeinschaft zu leisten vermögen".
Der "Tag des berufstätigen Mädesl" wird als besonderer Erfolg bewertet, so dass der Gauobmann der DAF, Richard Schaller, zusagt, künftig den Tag jährlich im Gau Köln-Aachen durchzuführen.