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Ereignisse
1938
September

Sudetenkrise prägt Balkanfahrt mittelrheinischer HJ-Führer

Unter Leitung von Hauptbannführer Bornemann begeben sich eine Reihe von Bann- und Jungbannführer ab dem 25. September 1938 auf eine "Balkanfahrt". Sie besuchen unter anderem Budapest, Russe in Bulgarien, Warna am Schwarzen Meer, Tirnovo und Sofia. Die Gruppe wird, so der Westdeutsche Beobachter, "in allen Orten überaus herzlich empfangen", in Budapest unter anderem von dort ansässigen Deutschen und einigen ungarischen Jugendlichen, die im Sommer 1938 auf Einladung der Gebietsführung Mittelrhein an den HJ-Zeltlagern teilnahmen.

Die Fahrt, die durch das Grenz- und Auslandsamt des Gebietes Mittelrhein sorgfältig vorbereitet worden ist, muss wegen der Sudetenkrise um einige Tage verschoben werden. Da zunächst nicht klar ist, ob die Fahrt überhaupt wie geplant durchgeführt werden kann, reisen die Teilnehmer zunächst nach Wien.

Der Bericht über den Aufenthalt, den der Westdeutsche Beobachter am 18. Oktober 1938 veröffentlicht, gerät zu einer Art Legitimierung der nationalsozialistischen Politik während der Sudetenkrise. In Wien nämlich, so der WB, seien die Fahrtteilnehmer auf die ersten sudentendeutschen Flüchtlinge gestoßen, vor allem Frauen und Kinder, denen man "jahrelange Not und schreckensreiche Tage nur zu deutlich" angesehen habe. Sie hätten nur das "nackte Leben" retten können und würden nun zur Erholung ins Innere des Reiches gebracht. Ihre Männer stünden "an der Grenze im Freikorps, um die Scholle zu verteidigen".

Nach einer Übertragung der Sportpalastrede Hitlers und einer Kundgebung auf dem Heldenplatz, wo Gauleiter Bürckel "das Bekenntnis der Ostmärker zum bedingungslosen Kampf des Führers um das Recht der sudetendeutschen Brüder ablegte", schließen sich die HJ-Angehörigen einem Fackelzug durch Wien an.

In der folgenden Zeit erleben die Jugendlichen dann eine großangelegte Propagandaaktion in Wien, bei der die neuesten Meldungen über angebliche "Grausamkeiten der Tschechen" per Lautsprecher von Radiogeschäften oder über die Großlautsprecher der Partei auf den Straßen übertragen werden. Die Meldung über die Konferenz in München nehmen sie mit einem "Aufatmen" zur Kenntnis, nicht zuletzt, da sie nun nach Ungarn weiterfahren können, statt nach Köln zurückkehren zu müssen. Die geplante Anfahrt auf der Donau fällt jedoch aus, angeblich weil "die Tschechen es nicht unterließen, auf Schiffe fremder Nationalität zu schießen".

In Budapest ist die Stimmung offenbar auch angespannt, doch die Münchner Verhandlungen würden angeblich auch hier erleichtert aufgenommen. Als Deutsche würden sie "überall zuvorkommend behandelt, meistens sogar freundlich und begeistert begrüßt". Dabei würde darauf verwiesen, dass viele Ungarn Deutsch sprächen, "die alte deutsch-ungarische Waffenbrüderschaft ist nicht vergessen".

In Budapest nimmt die HJ Kontakt zur Gesandtschaft auf, besucht den Landesgruppenleiter der NSDAP, Konsul Graeh, und erhält Unterstützung durch den "reichsdeutschen Landesjugendführer" Engel, der dafür sorgt, dass sie immer von Hitlerjungen des Standortes Budapest begleitet werden.

Von Budapest aus unternehmen die Jugendlichen u.a. Ausflüge in "deutsche Siedlungen, die seit 400 Jahren bestehen und von dort eingewanderten Schwaben gegründet wurden". In einem Gasthof in einem dieser Dörfer wird ein Abend mit den "Volksdeutschen" verbracht, die selbst noch nie in Deutschland waren, jedoch angeblich "glücklich und begeistert" sind, "von der Heimat zu hören".

Von Ungarn aus geht die Fahrt weiter nach Jugoslawien.

Mit dem Dampfer geht es auf der Donau von Budapest durch Ungarn, Rumänien, Jugoslawien bis nach Russe in Bulgarien. Die Stadt sei, so der Kommentar, früher ein "blühender Handelsplatz" gewesen, habe jedoch durch die Abtrennung der fruchtbaren Dobrudscha an Rumänien nach dem Weltkrieg an Bedeutung verloren. In Russe werden die Hitlerjungen von der deutschen Kolonie aufgenommen, organisiert vom örtlichen Standortführer der HJ.

Am ersten Tag besichtigen sie die am Stadtrand gelegenen Siedlungen der Türken, Armenier und Juden: "Unser Staunen kannte keine Grenzen. In Erdhöhlen und Hütten, die jedoch teilweise sehr sauber und ordentlich gehalten waren, hausten Tausende von Menschen." An die Kinder, die die Besucher bald umringen, werden eigens zu diesem Zweck mitgebrachte Zigaretten verteilt, die die Hitlerjungen zuvor von ihren Gastgebern erhalten haben. Die Kinder würden teils schon im Alter von sieben bis acht Jahren rauchen.

Im Anschluss wird ein Weinberg besichtigt, und die Jugendlichen kosten bulgarischen Ziegenkäse, Schnaps und Obst. Zudem werden Bauerhöfe und Dörfer besucht, wo die Jungen nach eigener Aussage überall "herzliche Freundschaft" erleben. Thema ist überall die "Heimkehr des Sudetenlandes", und es gibt zahlreiche Fragen nach dem "Führer".

Sprachliche Probleme haben die Jungen nicht, da in Bulgarien die erste Fremdsprache Deutsch ist, und es vier deutsche Schulen gibt. Hier würden die Jugendlichen der deutschen Kolonie sowie zahlreiche junge Ausländer unterrichtet und "zum Bewusstsein ihrer Nationalität" erzogen, jedoch auch "die Auffassungen, die Geschichte und das Nationalbewusstsein" Deutschland kennenlernen. So würden sie die Schule schließlich als "Freunde dieses Volkes" verlassen und hätten den Wunsch, Deutschland zu besuchen.

Kurz vor der Abreise aus Russe werden die Jungen noch zu einem Kameradschaftsabend der Ortsgruppe der Auslandsorganisation der NSDAP eingeladen, auf dem Hauptbannführer Bornemann den Wunsch vorträgt, einmal mit einer Spielschar zu den Deutschen in den bulgarischen Städten zu kommen. Dies wird von den Gastgebern mit dem Wunsch quittiert, dann auch den Bulgaren "etwas von der deutschen Jugend zu zeigen".

Nach der Ankunft in Sofia spricht Hauptbannführer Bornemann zunächst in der deutschen Gesandtschaft vor, danach begibt sich die ganze Gruppe zur deutschen Schule. Dort berichtet der Direktor von der Arbeit und spricht von den Neu- und Anbauten, die nötig geworden seien, da die Schule aus Platzmangel viele Bewerber habe abweisen müssen.

Später besuchen sie die Ausstellung "Kraft durch Freude", die kurz zuvor von Reichsorganisationsleiter Ley eröffnet worden war. Die Ausstellung stößt bei den Jugendlichen auf reges Interesse, nicht zuletzt, da im Hof des Ausstellungsgebäudes ein Musterzeltlager der HJ aufgebaut ist und eine Vielzahl von HJ-Heimen, Jugendherbergen, HJ-Führerschulen und Adolf-Hitler-Schulen ausgestellt sind.

In den nächsten Tagen werden die Pläne der Gruppe durchkreuzt, weil in Sofia der Belagerungszustand verhängt wird und niemand auf die Straße darf. Auch das Haus, in dem die Jugendlichen wohnen, wird durchsucht und die Pässe werden kontrolliert. Abends wird der Belagerungszustand wieder aufgehoben. Durch die Verzögerung verlängert die Gruppe ihren Aufenthalt, die Besichtigung der Stadt beenden zu können. Zum Abschied gibt es noch ein Treffen mit dem Landesjugendführer, dem Standortführer der HJ und bulgarischen Bekannten, mit denen ein baldiges Wiedersehen in Deutschland verabredet wird.

Am nächsten Tag reist die Gruppe nach Sarajewo weiter, eine Stadt, die als "märchenhaft schön" und eine Mischung aus Morgenland und Abendland erlebt wird. Danach geht es zu einem kurzen Aufenthalt nach Mostar, wo die Jungen vom Besuch einer Moschee besonders beeindruckt sind. Noch in der Nacht geht die Weiterreise über Dubrovnik nach Split, wo die Jungen Adria und Sonne genießen. Von hier geht es über Laibach, Villach, Salzburg und München zurück nach Köln.

Die Fahrt, so das Resümee, war für alle Teilnehmer sehr erlebnisreich. Sie habe nicht nur den Zweck gehabt, "Ferien zu machen, fremde Ländern, Menschen und Sitten kennenzulernen und — was besonders wichtig ist — Deutschland auch einmal von außen zu sehen, sondern die auch den Zweck hatte, die Reichsdeutschen im Ausland zu besuchen und mit ihnen Verbindung und Fühlung aufzunehmen, viele ausländische Freundes- und Bekanntenbesuche zu erwidern und Freundschaften zu bekräftigen".

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