Silvestergruß in die Heimat
Zum Jahreswechsel schreibt Schwester Luise am 31. Dezember 1944 "An die lieben Freunde und Mithelfer in der Heimat":
„Sylvester! Jahreswende! Nur noch wenige Stunden, und dann schreiben wir 1945. Diese letzten Stunden möchte ich, rückblickend auf das vergangene Jahr, benutzen, Ihnen in der Heimat den langerwarteten Gruß und Bericht aus meiner Arbeit zu schreiben. (...)
Ich weiß nicht, ob Sie es inzwischen erfahren haben, dass die Schularbeit einen tüchtigen Stoß bekommen hat. Seit dem Sommer durfte ich nicht mehr unterrichten, weil ich nicht Theologe und auch nicht Pädagoge bin. Neue Verhandlungen mit den betr. Regierungsstellen lassen aber erhoffen, dass ich meine Schularbeit bald wieder aufnehmen darf. Sie können sich denken, wie schwer es auf mir lastete, ca. 500 Kinder ohne Religionsunterricht zu wissen. Aber Gott zeigte mir einen neuen Weg. Ich konnte die biblische Geschichte vervielfältigen, sodass alle Kinder in den Besitz der bibl. Geschichte kamen, sogar mit einer Bildzeichnung zum Buntmalen. Sie können sich gar nicht denken, welche Freude die Kinder gehabt haben. Täglich laufen liebe Kinderbriefe bei mir ein, die mir von der Freude etwas sagen. Bei den kleinsten Kindern haben sich sogar katholische Lehrerinnen bereitgefunden, die Geschichte mit der Klasse nochmals durchzunehmen. (...)
Anfang November kamen in meinen Bezirk zwei große Transporte aus Essen mit Müttern und Kindern. Es werden ca. 1000 Evangelische sein, die noch zu den bereits hier wohnenden dazu kommen. Ich war gerade auf dem Bahnhof, als ein Transport einlief. Ich muss Ihnen sagen, ich konnte meinen Tränen nicht mehr wehren über den Anblick, der sich uns bot. Müde, abgespannt, verfroren nach 4-tägiger Fahrt in Abteilen, wo größtenteils die Fenster weg waren. Hier lag der erste hohe Schnee. Es waren ca. 1000 Menschen mehr gekommen als angemeldet. Die NSV hatte schon Mühe und Not mit der Unterbringung. Einige Tage vorher war ein Transportzug gekommen, der in Bochum bombardiert und beschossen worden ist. Viele Verletzte kamen hier in den verschiedenen Krankenhäusern unter, einige sind bald gestorben. So galt meine erste Arbeit den Verletzten in den Krankenhäusern. Wie dankbar und froh waren sie über den heimatlichen Besuch. Ich kann Ihnen das nicht in Worten schildern, was mich bewegte. Eine Mutter hat ihr 7-jähriges Kind verbluten sehen müssen. Ein anderes Kind ist elternlos geworden.“