„Schwester Käthe“ an verschickte Kinder
Im Dezember 1944 verschickt „Schwester Käthe“ von der Inneren Mission folgenden Weihnachtsbrief:
„Ihr lieben Kinder!
Als der letzte Grußbrief Eurer Heimatkirche zu Euch kam, war Sommer, und Ihr freutet Euch an Sonne und Blumen. Nun ist der Winter eingezogen, und das liebe Weihnachtsfest naht. Da denken wir hier in der Heimat an Euch alle und grüßen Euch ganz lieb. Euren Heimatstädten ist es seitdem hart ergangen. Der Feind will uns auch das Letzte zerschlagen. Die letzten Kirchen zerstört er, die Verkehrsstraßen reißt er auf, dass aller Verkehr still liegt. Unsere Versorgungsadern zerschlägt er. Denkt Euch nur, dann sind große Städte, wie Köln, Düsseldorf, Essen, Oberhausen, Duisburg und viele andere ohne Wasser, Licht und Gas. Denkt mal nach, wenn das Wasser fehlt! Dann kann die Mutter nicht kochen und spülen, man kann sich nicht waschen und die Wäsche nicht, und ohne Licht sitzt man abends ab 5 Uhr im Dunkeln. Wir hatten hier in Essen am Stadtrand eine kleine Quelle, da holten wir uns in Eimern Wasser. Der Weg dahin war schlecht, wir bekamen lehmige Schuhe und wenn viele Wasser holten, mussten wir lange "Schlange stehen". Eines Morgens waren wir traurig, eine Bombe hatte uns nachts die Quelle zugeworfen. Aber so eine Quelle hat lebendige Kraft, sie muss Wasser spenden. Nach zwei Tagen hatte sie sich einen neuen Weg gebahnt und floß wieder. Da haben wir alle von der kleinen Quelle etwas gelernt. Wir müssen durch diese Not durchhalten und bitten Gott, dass er auch im Härtesten unseren Herzen starke Kraft schenkt. Denn an der Front stehen Väter und Brüder in hartem Kampf. Für die muss der Kraftquell der Heimat fließen. Täglich hören wir hier den Kanonendonner der Front. Da freuen wir uns, dass Ihr an sichern Orten seid. Geht Ihr auch alle treu zur Kirche und zum Unterricht? Wenn wir Gottes Wort hören, haben wir einen Kraftquell für unser Leben.
Nun kommt Weihnachten und verkündet uns die Botschaft: Friede auf Erden! Unser Herr und Heiland kam zur Weihnacht in das Dunkel der Erde, um uns Frieden zu bringen. Er sah von seinem Himmelsthron unsere große Not, da erbarmte er sich und wurde ein Mensch wie wir, aus Liebe zu uns. Er sagte: "Ich will bei ihnen wohnen". Damals und heute sagt er uns das zur Weihnacht. Wir dürfen es fest glauben. Er wohnt unter uns. Er ist bei uns, in dem Dunkel und der Not der zerstörten Heimatstädte, und bei Euch, Ihr lieben Kinder, in der Einsamkeit und Fremde. Der Heiland ist bei Euch, er kennt Euch und weiß, dass Ihr Euch oft nach Hause sehnt. Dann ist nichts mehr dunkel, auf unseren Weg scheint ein helles Licht: Unser Heiland Jesus Christus ist da und hilft uns. Einmal wird er uns ganz nach Hause holen, in sein Ewigkeitsreich, wo alles Licht und Friede ist.
Wenn wir nun wissen, der Heiland hat uns so sehr lieb, müssen wir ihn da nicht wieder lieb haben? Könnten wir ihm zur Weihnacht nicht etwas schenken? Ihr habt alle etwas, was Ihr ihm schenken könnt, Euer Herz, und das hat er am allerliebsten. Er nimmt es und macht es rein und fromm.
Es gibt so ein Weihnachtslied:
(Ein Kind fragt): Für Deine Lieb, was sollen wir, lieb's Jesulein, wir armen Kinder schenken Dir?
(Jesus sagt): Mich wieder lieben allein.
(Das Kind gelobt): Wir lieben Dich allein.
(Jesus sagt): Dann seid Ihr alle mein!
So, wie im Liede, wollen wir es machen, wir schenken Ihm zur Weihnacht unser Herz, dann sind wir Seine Kinder, und er segnet uns, dass unser Herz fromm und rein wird.
Wollt Ihr das? Dann könnt Ihr ein seliges Weihnachtsfest feiern, auch wenn es nicht viel Geschenke gibt und die Kerzenlichtlein knapp sind. Solch ein fröhliches, seliges Weihnachtsfest wünschen wir Euch, Ihr lieben Kinder, Euren Müttern und den Vätern, falls sie Weihnachten bei Euch sein können und Euren Pflegeeltern. Grüßt Sie alle von uns, auch die lieben Menschen, die Euch dort im Worte Gottes unterrichten. Alle, die Euch hier in der Heimat das Wort Gottes gesagt haben in Kirche, Kindergottesdienst und Unterricht grüßen Euch und lassen Euch sagen:
Behaltet den Herrn Jesus lieb und schenkt ihm täglich neu Euer Herz.
Das will mit Euch tun
Eure Schw. Käthe“
Aus dem KLV-Lager „Lager 13b“ in Unterthingau bei Aitrang erhält sie daraufhin folgende Antwort:
„Meine liebe Schwester Käthe!
Die besten Sonntagsgrüße aus dem KLV Lager Essen senden Ihnen Ingrid K. und Wilma Sch. Für den lieben Brief, den uns Schwester Luise mitgebracht hat, unseren allerbesten Dank. Das Wetter ist hier sehr schlecht, aber es kann ja auch nicht immer schön sein, und jetzt geht es ja auch dem Winter zu. Als wir gestern Morgen in die Schule gingen, hatte es auch sogar schon geschneit. Und als wir heute Morgen aufstanden, hatte es auch draußen schon feste gereift, und es ist draußen auch schon sehr kalt. Liebe Schwester Käthe, in einer evangelischen Kirche können wir nicht gehen, denn es sind hier im Dorf nur katholische Kirchen. Aber wir beten jeden Morgen und Abend, und dann ist es genau so, als wenn wir in die Kirche gehen. Liebe Schwester Käthe, vorige Woche sind hier flämische Jungen hingekommen. Ein Junge ist dabei, der Sohn von einem Arzt. Seine Eltern sind ermordet worden, und die Amerikaner haben ihn auf ein Nagelbrett geworfen. Nachher haben sie ihn in einen englischen Panzer geworfen. Daraus ist er stiften gegangen, und dann haben deutsche Soldaten ihn in ihrem Panzer genommen, und der Junge war erst 14 Jahre alt. Und in dem Panzer haben deutsche Soldaten ihm ein Gewehr gegeben und ihm das Schießen gelernt und dann ist er wieder weggelaufen, und ist auch noch glücklich durchgekommen. Ist so etwas nicht schrecklich! Wir können alle Gott danken, dass es uns noch so gut geht. In den nächsten Tagen wird der Lagerleiter aus dem Lager uns noch mehr von der Flucht erzählen. Heute ist wieder Sonntag und wir gehen ins Kino. Nun, liebe Schwester Käthe, will ich schließen, es grüßt Sie recht herzlich
Ihre beiden Essener Mädel Ingrid und Wilma.
Schreiben Sie recht bald mal wieder. Auch viele Grüße von einem katholischen Mädel Brigitte P., der Ihr Brief so gut gefallen hat.
Viel Glück
Wünscht Ihnen Ingrid und Wilma
Ingrid K. aus Oberhausen-Osterfeld, Freiligrathstr.
u.
Wilma Sch. aus Mülheim-Ruhr-Styrum, Industriestr.
beide jetzt KLV-Lager Unterthingau b.Aitrang“