Einsatz bei der Hopfenernte
Am 2. September 1944 erstattet ein Lehrer des KLV-Lagers „Alte Post“ in Tegernsee einen ersten Bericht über den Einsatz der Schüler in der Hopfenernte:
„Samstag, 2. Sept. 1944 bei Matthias Maier Brunn, Post Geisenfeld.
Sehr geehrter Herr Direktor,
gerade hat es angefangen zu regnen und die Jungen, die 500 m vom Hof arbeiten, haben sich in eine kleine Kapelle geflüchtet, um nicht ganz nass zu werden. Leider ist das Zupfen schon öfter durch Regen gestört worden. Die Stimmung ist bei den Jungen nicht so schlecht, da das Essen gut ist. Die Bäuerin ist eine freundliche Frau, die mit Liebe den Kochlöffel handhabt. Der Bauer selbst kümmert sich nicht oder wenig um die Hopfenernte. Sein Bruder, ein Oberbaurat u. Professor einer Maschinenbauschule aus Augsburg, geht mit aufs Feld u. bringt mit dem Ochsenwagen das Mittagessen u. die Brotzeit aufs Feld. Zunächst glaubten wir alle, das sei der eigentliche Bauer, er zeigt für Landwirtschaft mehr Interesse als der Bauer selbst. Seine Schwester, eine Kaufmannsgattin aus Ingolstadt u. die Tochter des Bauern wiegen den Hopfen in Metzen ab u. geben den Jungen die Bons für die 50 Pfg., die eigentlich ein Hungerlohn sind, wenn man bedenkt, dass die Schuhe u. Kleider der Jungen total verdorben werden auf dem feuchten Lehmacker. Unser Bauer erhält im Jahr (in diesem Kriegsjahr!) 30.000,- RM für den Hopfen. Nun kann er mit den 30.000,- nicht viel anfangen u. mancher überlegt, ob er den Hopfen nicht erst mal trocken liegen lässt. Nowaski u. ich schlafen sauber-bäuerlich, aber spartanisch einfach. Auf "Podiebrader KLV Brettern" liegt eine dünne Strohmatratze, unser Rücken schmerzt morgens, als ob wir in einem Futtertrog gelegen hätten. Wenn sich einer nachts umdreht, so knackt die Bettstelle wie eine alte Ölmühle. Wir dürfen uns in dem Landdienstlager waschen u. die Toilette benutzen, weil das Haus bei Tage leer steht. Die Jungen können nur einen locus à la Breughel benutzen. Bei gutem Wetter ziehen sie es vor, in Devisen zu machen. Der Nachbar hat ein transportables Hopfenclosett gezimmert u. das wird jetzt auf dem Feld mitbenutzt. Es wird jeden Tag einen Meter zur Seite gerückt, so braucht er die Wiese dieses Frühjahr nicht zu düngen. Kollege Heer, 2 Stunden östlich, hat 5 Jg. ins Krankenhaus geschickt. Wir hatten einigermaßen Glück. Heute liegt Max B., der ... Pflücker im Bett, er liegt in dem Bett einer 15-jährigen Landdienstjungfrau, die Lagerleiterin stellt ihm das Radio an u. wir hoffen, dass er bald wieder gesund ist. Besagte Lagerleiterin hat auch schon Medikamente zur Verfügung gestellt in Ermangelung von Schwester Tilde, die in Wahnag geblieben ist, fern allen 3 Tegernseer Lagern. Praktisch sind wir ohne Gesundheitsdienst, aber es wird so gehen. Hier, das ist Brunn, besteht aus 3 größeren Bauernhöfen. Unser Hof ist mit 250 Morgen der größte. Er macht den Gebäuden nach den Eindruck eines Rittergutes. Das Herrenhaus hat der Bauer vermietet für 80,- monatl. an den Landdienst (Mädellager). Dafür begnügt er sich mit einem Häuserl, auf dem er sich im Alter zurückziehen wollte. Er verdient ohne Arbeit mal wieder etwas u. wird von Evakuierten ver.... Der Sohn, 19 Jahr, ist bei den Alpenjägern in Sonthofen u. hat Einsatzurlaub. Die besorgte Mutter ist glückl. zunächst, zittert aber schon vor den kommenden Ereignissen. Der Sohn hat 3 Schwestern (22, 10 u. 4 Jahre alt). Auf dem Hof arbeiten sonst 3 Franzosen (Zivilfranzosen).
[eine Zeile unleserlich] (...) die Sache gut aus u. gehört zur besseren Hälfte des Einsatzes. - Ich wecke morgens um 6, 1/2 7 Kaffee, 7 auf dem Feld. Es ist auch für Nowaski u. mich immer etwas zu tun, wir sind bis zum Abend meist auf dem Feld u. essen auch mittags mit auf dem Hopfenfeld. Natze W. u. P. müssen mal ermahnt werden, nicht zu viel dummes Zeug zu machen, wenn sie auch viel dazu beitragen, dass die gute Stimmung nicht sinkt. P. markiert Schlagersänger von der Scala. Anton I. erzählt treu 10 mal die 2 sinnlosesten Witze bei gespielten aufmerksamen Zuhörern der Runde, wobei der Hauptwitz darin besteht, zu sagen, dass man ihn noch nicht verstanden hat, er möchte nochmal erzählen!
Bei Regen ist die Arbeit eine Lumperei u. sehr unangenehm für alle. Bei günstigem Wetter ist sie erträglich, wenn man immer wieder aufmuntert u. anweist. Die Jungen eines Gymnasiums sind für diese Arbeit zu geistig rege, weil sie rein mechanisch stur von 7 - 7 U. gemacht werden muss. 54 Jg. haben am Dienstag 107, am Mittw. 149, am Donnerstag 127, am Freitag 130 Metzen gepflückt. Heute ist es wegen Regen schlecht. - Ich hoffe, dass es gegen Mittag besser wird. Wenn es nicht weiter geht, macht der Bauer ein grantiges Gesicht. Gestern Abend haben wir bis 1/2 8 gearbeitet u. Essen u. Stimmung waren ‚pfundig‘! Süße Brotsuppe, Brot mit Leberkäs u. Apfelstrudel in reichlichen Mengen! Fleisch doppelt so viel, wie in Tegernsee! Das Essen muss auch besser sein, für zerschundene Arme, Hände u. zerstochene Beine. Nachts werden einige von üblen Flöhen (oder Wanzen ???) gezwickt. Ein Spähtrupp soll einige Gefangene einbringen! – G. leidet an Schwindelgefühl u. M. an Drüsenanschwellung (nicht sehr geeignet!). Das hatten sie auch in Tegernsee dem Arzt gesagt. - - -
Morgen, Sonntag, muss bei gutem Wetter gearbeitet werden! Verständlich, wenn es heute den ganzen Tag regnen sollte.
Ihnen, sehr geehrter Herr Direktor, u. Ihrer Gattin herzlichste Grüße. Allen Mitgliedern des Kollegiums bitte ich von den Jungen u. mir beste Grüße zu übermitteln!
Diesen Brief bitte ich auch Herrn Spahn zu geben, da man kaum bei gutem Wetter zum Schreiben kommt!“
Ein anderer Lehrer schreibt am gleichen Tag an den Direktor:
„Sehr geehrter Herr Direktor!
Vom Maier-Hof aus Brunn sende ich Ihnen meine herzlichsten Grüße!
Nach gut überstandener Fahrt sind wir nun hier in Brunn auf dem 280 Morgen großen Maier-Hof gelandet. Wir wären selbstverständlich lieber zu kleineren Bauern gegangen, doch hier kann man es auch schon aushalten. Die Hauptsache, und darüber haben wir uns alle gefreut, ist das gute Essen. Wenn auch die Zubereitung nicht so vollkommen ist wie in der Alten Post, so ist aber der Kaloriengehalt wesentlich höher als dort.
Nun die Unterbringung: Hierin waren wir allerdings etwas enttäuscht, unsere Schlafräume bestehen aus 3 Zimmern, von denen das erste doppelt so groß ist wie die beiden anderen. Der Boden dieser Zimmer, ausgefüllt mit Stroh und darüber ausgebreitete Decken, bildet unsere Schlafstelle. Dies hätte uns nicht so sehr verstimmt, da ja keine andere Möglichkeit gegeben war. Verwundert waren wir nur über den "vielen" Platz, den vorher ein HJ-Führer als geeignet für die Unterbringung von 70 Jungen befunden hatte; es stellte sich aber heraus, dass der Platz nicht einmal für unsere 54 Jungen reichte, so dass der Bauer auf unser Drängen noch ein Zimmer frei machte. Nun sind wir ganz gut zufrieden.
Die Arbeit! Davon möchten Sie sicher am meisten hören. Über unsere Arbeit denke ich so: das Zupfen ist nicht so sehr eine körperliche Anstrengung, wie eine starke seelische Geduldsprobe. Das einzige Mittel, uns die Arbeit zu erleichtern, ist die gute Unterhaltung; und die ist wirklich vielfältig. Zuerst, also morgens, wenn wir gerade angefangen sind, singen wir lustige Lieder, dann nach einiger Zeit folgen faule, dumme Witze, die dann von einer gemütlichen Unterhaltung abgelöst werden, bis letzten Endes alle Gesprächsthemen erschöpft sind; dann beginnt gewöhnlich das Schlimmste; man denkt an zu Hause, an die viele Arbeit, die noch vor uns liegt, so dass man jede Lust verliert. Dass nun auch diese nicht zu lange dauert, dafür sorgen dann die Mahlzeiten, die uns wieder voll aufrichten.
So vergeht nun ein Tag nach dem anderen, bis wir wieder froh zu Hause sein können.
Den Jungen geht es allen gut bis auf M., der sich leicht erkältet hat. Er be... sich aber schon wieder.
Nun muss ich schließen, die Zeit ist sehr knapp!“
Nach Abschluss des Einsatzes der KLV-Lager „Alte Post“ und „Adelhof“ in Tegernsee am 12. September 1944 erstattet der „Einsatzleiter“ Lehrer Homoet darüber folgenden Bericht:
„Die Fahrt des Sonderzuges von Tegernsee 9.30 nach Geisenfeld verlief glatt und planmäßig. 1.30 war Geisenfeld erreicht. Hier wurde das Gepäck auf einen Bauernwagen geladen. 250 Jungen marschierten dann nach dem 6 km entfernten Rottenegg. Hier wurden unsere 54 Jungen vom örtlichen Einsatzleiter nach dem Hopfengut Maier in Brunn beordert. Der Bauer hatte sich mit einem Trecker u. 3 Flachwagen eingefunden, um auch die Abteilungen für seine beiden Nachbarn abzuholen. Nach einer Fahrt von 25 Min. langten wir auf dem alten, sehr stattlichen Hofe an. Die Jungen wurden auf Strohlagern in Leerzimmern eines großen Herrenhauses untergebracht. Dieses Wohnhaus selbst diente dem B.D.M. als Landdienstlager, das aber in der Erntezeit nur von wenigen Landdienstmädeln als Heim benutzt wurde. Die Lagerführerin stellte bereitwilligst 10 Wolldecken u. bei kaltem Wetter auch Trainingsblusen den Jungen zur Verfügung. Die Unterkunft war zufriedenstellend, nur die Klosettanlagen waren für die Jungen zu primitiv u. mangelhaft. Sie zogen es deshalb meist vor, ins Freie zu gehen. -
Das Essen war gut und reichlich. Nachdem ich am 2. Tage an die uns zustehende Butterration erinnert hatte, gab es jeden Morgen 15-20 gr. Butter oder Marmelade.
Bei gutem Wetter wurde die Arbeit als nicht schwer empfunden. Die Stimmung im Hopfengarten war dann gehoben und fröhlich. Der Bruder des Bauern, ein Augsburger Professor einer Maschinenbauschule, leitete die Arbeit im Hopfengarten. Dieser und der Besitzer waren mir dankbar, dass ich den ganzen ... [eine Zeile unleserlich] unterstützte. Bei Regenwetter sank die Stimmung u. Arbeitslust schnell u. es bedurfte dann eindringlichen Zuredens u. Aufmunterung, die Jungen bei der Arbeit zu halten. Die Finger wurden kalt u. rissig. Das Kupfervitriol reizte dann die Haut besonders. Hier tat ‚Rudol‘, ein hartwerdender Überzug aus Zellulose über der wunden Stelle gute Dienste! -
Ich selbst wurde mit dem Einsatzleiter des Nachbarhofes in einem Zimmer des Landdienstlagers neben dem Jungenstrohlager untergebracht. Ein Kleiderschrank war nicht vorhanden. - Das Wecken um 6 Uhr wurde von mir besorgt. Bei gutem Wetter wurde von 7 bis 19.30 Uhr auf dem Feld gearbeitet. Die Mahlzeiten wurden auch von mir auf dem Feld eingenommen. Die Abendmahlzeit im Hause um 20 Uhr war besonders gut u. gab den Jungen das körperliche u. seelische Gleichgewicht wieder. Leider war in Brunn (3 Höfe mit 140 Jungen) keine "GD"-Station. Die Tegernseer Rotkreuzschwester war für uns darum nicht erreichbar, weil sie dem Lager Woluzag zugeteilt war. So waren wir zunächst ohne G.D. Betreuung. Die Landdienstführerin stellte deshalb bereitwilligst ihre Medikamente, Tropfen u. Pillen aus ihrer Lagerapotheke, zur Verfügung. An den kühlen Sonntagnachmittagen ließ sie den Gemeinschaftsraum heizen u. gestattete den Jungen, einen lustigen Heimabend aufzuziehen. Zwei erkrankte Jungen wurden vom Arzt besucht. Sie erholten sich nach 3 oder 4 Tagen. Ein oder zwei Revierkranke, die meist an Magenverstimmung litten, musste der Bauer tägl. in Kauf nehmen. - Die Arbeitsleistung betrug durchschnittlich das geforderte Maß von 3 Metzen. Das zu langsame Tempo am Anfang wurde durch Anweisung u. Preisaussetzung später so gesteigert, dass mehrere Jungen 6-8 Metzen tägl. zupften. - Die Rückfahrt sollte am 12.9. 14 Uhr erfolgen. Die Abfahrt verzögerte sich bis 20 Uhr. Dann fuhr der Zug wegen eines Maschinendefektes so langsam, dass wir um 11.30 in Dachau in den Vollalarm gerieten. Der Zug fuhr trotz großer Gefahr weiter. Glücklicherweise unterblieb ein Angriff. Nach Maschinenwechsel in München und Umsteigen in Schaftlach kamen wir erst 3 Uhr früh in Tegernsee an.“
Ein weiterer Bericht lautet:
„Bericht über den Hopfeneinsatz 1944.
Einsatzort: Eschelbach bei Bürgermeister Brunner.
Zeit: vom 30.8. - 12.9.44.
Anzahl der Teilnehmer: 120 Jungen und 2 HJ-Führer.
Die Unterkunft war zwar primitiv, aber für 14 Tage war sie zu ertragen.
Leider war die ärztliche Voruntersuchung sehr oberflächlich. Denn es waren Jungen für tauglich erklärt worden, die in keiner Weise den Strapazen der Unterkunft und der Witterung gewachsen waren. Z.B. Jungen mit Mittelohrentzündung, Herzmuskelschwäche und Fußverletzungen. Ferner ein Junge, der kurz vor dem Hopfeneinsatz seine dritte Lungenentzündung hinter sich hatte. Durch solche und ähnliche Fällen war der Gesundheitszustand in den ersten Tagen sehr schlecht. Die Anzahl der Kranken betrug zeitweilig mehr als 20 % der Gesamtstärke. Nachdem aber die Untauglichen ausgeschieden und wieder in die Lager zurückgeschickt waren, war der Gesundheitszustand durchweg gut. Abgesehen von einigen Magenverstimmungen, die aber größtenteils auf den verbotenen Genuss unreifen Obstes zurückzuführen waren.
Die Verpflegung war derb und einfach, aber kräftig. Der Bauer zeigte sich für Abänderungsvorschläge in verpflegungsmäßiger Hinsicht sehr zugänglich.
Die Arbeit selbst war weniger schwer als stumpfsinnig und geisttötend. Sie kann auch von Jugendlichen der jüngeren Jahrgänge ohne Schädigung ihrer Gesundheit geleistet werden.“