Gewissenszwang zur KLV?
In „Das schöne Sudetenland. Elternbrief der Erweiterten Kinderlandverschickung, Gauhauptstadt Reichenberg“ heißt es in der Juli/August-Ausgabe 1944:
„Es gibt auch einen Gewissenszwang!
Wir haben im Interesse unserer Jugend vor allem eine Reihe von Großstädten, die den brutalen Tag- und Nachtangriffen des Feindes in stärkerem Maße ausgesetzt sind, von Kindern räumen lassen. Nichts fällt den Eltern dieser Zeit schwerer, als sich von ihrer Jugend zu trennen, sie in eine gänzlich fremde Umgebung versetzt zu sehen und unbekannten Händen die Führung und Erziehung anzuvertrauen. Die daraus entspringenden Besorgnisse sollen hier in keiner Weise bestritten werden. Doch ist der Zwang des unmittelbaren Schutzes von Leben und Gesundheit unserer Kinder härter als alle anderen Überlegungen.
Daran ändert auch nichts die Tatsache eines gelegentlichen Ausbleibens feindlicher Luftangriffe auf diese oder jene Stadt oder diesen oder jenen Gau. Der feindliche Luftterror ist unberechenbar. Und die Eltern, die sich aus Kurzsichtigkeit dazu verleiten lassen, ihre Kinder aus Umquartierungsgegenden zurückzuholen in der Meinung, es werde schon nicht so schlimm werden, da es ja bis heute gut gegangen sei, übernehmen damit eine schwere Verantwortung. Schon manche Mutter sah sich weinend und zum Teil sich selbst anklagend am Sarge ihres Kindes stehen, die sich trotz aller Ermahnungen geweigert hatte, es in luftsichere Gaue zu verschicken, oder es von dort zurückholte, weil sie glaubte, die Trennung von ihm nicht ertragen zu können. Nun musste sie von ihrem Jungen und Mädel für immer Abschied nehmen, und es blieb ihr keine Hoffnung, sie in einer ruhigeren und schöneren Zeit wieder gesund und munter in den Kreis der Familie einzuschließen.
Ich weiß sehr wohl, dass man in dieser Frage mit Zwang nicht viel weiter kommt, und er wird deshalb auch von der Staatsführung nicht angewandt. Aber es gibt auch einen Gewissenszwang, der stärker ist als alle menschlichen Gesetze. Und er kann nicht durch den Einwand widerlegt werden, die Familie wolle doch unter allen Umständen auf das Schlimmste gefasst, zusammenbleiben. Denn die so sprechen, ziehen meistens das Schlimmste nicht in Betracht und fühlen erst, wie schlimm es wird, wenn es zu spät ist.
Auf keinen Fall erlaubt es die ohnehin angespannte Transportlage, den Umquartierungsprozess je nach der Veränderlichkeit der Entwicklung des Luftkrieges beliebig oft zu wiederholen.
Ich muss so offen über diese Probleme sprechen, weil sie jetzt wieder dringend geworden sind.
Es hat keinen Zweck, bei dieser Frage wie eine Katze um den heißen Brei herumzugehen, es im gegebenen Augenblick an der nötigen Offenheit fehlen zu lassen und diese Versäumnis unter Umständen einmal bitter bereuen zu müssen. Wenn beispielsweise nach der Umquartierung in Berlin auch bei den letzten schweren Luftangriffen auf die Reichshauptstadt die Zahl der gefallenen Kinder glücklicherweise über Erwarten niedrig geblieben ist, so führe ich das in der Hauptsache darauf zurück, dass die meisten Berliner Eltern meinem Appell vom August vorigen Jahres, wenn auch manchmal etwas gegen ihr Gefühl oder gegen ihre Überzeugung nachkamen und ihre Kinder aus der Stadt herausbrachten. Sie sind ihnen heute zwar fern, aber sie wissen, sie heil und gesund und werden sie eines Tages wieder in ihre Arme schließen können.“