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Ereignisse
1944
Juni

Nachrichten aus der Heimat

Am 16 . Juni 1944 schreibt „Schwester Käthe“ aus Essen-Borbeck Folgendes an „unsere evangelischen Kinder aus dem Rheinland“:

„Ihr lieben Kinder!

Nun seid Ihr schon eine ganze Zeit aus Eurer Heimat fort, und manchmal denkt Ihr wohl, wie es jetzt hier sein mag. In diesen Tagen kam Schwester Margarete, die dort zu Euch hingekommen ist, zu uns ins Rheinland, und sie hat uns von Euch und Eurem Ergehen erzählt. Viele von Euch kennen Schw. Margarete, die in Kempten wohnt, anderen kennen Schw. Luise, die mit ihr dort hingekommen ist, und in Kaufbeuren wohnt. Beide Schwestern hat Euch Eure evang. Heimatkirche, zu der Ihr gehört, dorthin geschickt, damit sie Euch, Ihr lieben Kinder, im Worte Gottes und in Eurem evang. Glauben unterrichten. Als Schwester Margarete uns von Euch erzählt hat, da haben wir schön hingehört. und uns gefreut, denn sie hat uns viel Gutes erzählt. Sie sagte uns, dass viele von Euch liebe Pflegeeltern gefunden haben, bei denen sie wie zu Hause sind. Und das hat sie ganz besonders gelobt, dass Ihr fleißig seid, und Euren lieben Pflegeeltern, die dort auf dem Lande so viel zu tun haben, so fleißig helft. Ja, wie könnte das denn anders sein, als dass Ihr fleißig seid! Ihr seid ja aus den Städten der Arbeit dorthin gekommen, aus Duisburg, Mülheim, und besonders auch aus Essen und nicht weit davon. Manche von Euch sind auch im Lager, oder sie dürfen mit ihren Müttern zusammen dort wohnen. Wir hier, von Eurer Heimatkirche, Euer Pastor, die Schwestern und alle, die Euch das Wort Gottes hier gesagt haben, grüßen Euch und freuen uns, dass es Euch dort gut geht. Vor allem freuen wir uns, dass Ihr nachts dort ungestört schlafen könnt. Das wisst Ihr ja alle, dass wir das hier nicht können. Jede Nacht ist Gefahr, dann geht die Sirene. Dann heißt es aufstehen aus dem warmen Bett und stundenlang im Keller oder im Bunker sitzen, bis die Gefahr vorüber ist. Dann denken wir an Euch, und freuen uns, dass Ihr ungestört schlafen dürft.

Nur eins hat uns hier in der Heimatkirche Sorge gemacht, dass Ihr dort keinen evang. Religionsunterricht habt. Deshalb hat die Kirche Euch die beiden Schwestern dorthin geschickt. Viele von Euch gehen nun schon zu Schw. Luise und Schw. Margarete in den Unterricht. Da habe ich gehört, das sei nicht immer so leicht. Die Wege sind sehr weit, und manchmal ist auch das Wetter schlecht. Aber ich kann mir nur von Euch denken, dass Euch das gar nichts ausmacht, und dass Ihr ganz eifrig und treu zur Unterrichtsstunde geht, und dass Ihr auch die andern mitbringt, die neu hinkommen und es noch nicht wissen. (...)

Ihr wisst ja, dass uns die Feinde hier fast alle unsere Kirchen zerstört haben. Aber wir halten doch Gottesdienst und auch Kindergottesdienst, wenn auch manchmal nur in einem kleinen Saal, oder auch schon mal im Keller. Und wisst Ihr, was das Schönste ist? Dann denken wir zum Schluss auch immer an Alle, die nicht hier bei uns sein können. Zuerst an unsere Soldaten, die vorm Feind stehen. Und an Euch, die Mütter und Kinder, die nicht in der Heimat sein dürfen. Wir beten für Euch alle, dass Gott Euch behüten möge und auch in der Ferne Euch helfe. Dann ist es, als seien wir Alle eine große Familie, gerade, wenn Ihr da sonntags in der Kirche und im Kindergottesdienst betet, beten wir hier für Euch. Dann gehören wir alle zusammen, als Gotteskinder, die zu ihrem Vater im Himmel beten. Ist das nicht schön.

Nun will ich Euch noch etwas von hier erzählen. Ihr wisst ja, in unsern Städten, in Mülheim, Essen, Oberhausen, Duisburg, und wo Ihr sonst her seid, da sieht es traurig aus, Trümmer und nur Trümmer. Aber das darf uns, die wir hierbleiben mussten, gar nicht mutlos machen. Manchmal gibt es auch etwas zum Lachen. Als am 26. April uns der Feind die Oberleitung der Elektrischen zerschlagen hatte, da fuhr in Essen von der Wickenburg zum Hauptbahnhof die Elektrische trotzdem. Wisst Ihr, was vorgespannt war? Eine kleine Dampflokomotive. Und dann ging das immer: tsch... ttsch... ttsch... so ganz gemütlich die Kruppstr. herunter bis zum Hauptbahnhof. Wir sagten dazu: Wickenburgexpress. Da sehr Ihr schon, wie verlieren den Mut nicht, und Ihr dürft ihn auch nicht verlieren, auch dann nicht, wenn Ihr manchmal mit Sehnsucht an die Heimat denkt, die Ihr verlassen musstet. Da wo Ihr jetzt seid, habt Ihr die schöne Gottesnatur, die Berge und Felder, die Tiere und Blumen und habt viele Freude. Dafür sollt Ihr, und wir tun es hier mit Euch und für Euch, dem Schöpfer im Himmel danken.

Sehr Ihr, so wollen wir aneinander denken und füreinander beten.

Es grüßen Euch aus der Kirche Eurer Heimatstadt Euer Pastor, die Schwestern und alle die Ihr kennt, vor allen auch die, die Euch sonst unterrichtet haben. Wir grüßen auch Eure Mütter. und Eure Pflegeeltern.

Besonders grüßt Euch alle

Eure Schwester Käthe aus Essen-Borbeck“

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