Lagerverlegung und Stimmung der Eltern
Am 11. April 1944 berichtet der Bonner Bann- und Schulbeauftragten für die KLV Schleimer dem KLV-Inspekteur Vandàme in Breslau:
„Betr.: Die aus dem Kreise Guhrau in K.L.V.-Lager verlegten Bonner Schulklassen
Leider traf ich Sie bei meinem Besuch am Gebiet am 5.4.44 nicht an. Ich gab also meine Wünsche an Frl. Kühne weiter. Als Bann- u. Schulbeauftragter für die K.L.V. im Bann Bonn 160 obliegt mir die Werbung für die K.L.V. in der Stadt Bonn.
Aus Veranlassung des Gauleiters wurde im Januar d.J. durch die Partei eine Großwerbung für die Evakuierung in den luftgefährdeten Städten des Gaues Köln-Aachen durchgeführt. Bei dieser Werbung propagierten alle Parteiredner in den Elternversammlungen 3 wahlfreie Arten der Verschickung:
1. Verschickung im geschlossenen Klassenverband unter gleichzeitiger Abordnung des Lehrers,
2. Verschickung durch die NSV-Organisation „Mutter und Kind“,
3. private Verschickung zu Verwandten.
In Köln erreichte diese Werbung nur 13% freiwillige Meldungen, worauf von der angekündigten Schließung der Schulen in den luftgefährdeten Städten des Gaues Abstand genommen wurde. In Bonn waren bereits 40,5% erreicht, als das Gerücht von der Aufrechterhaltung des Schulbetriebes durchsickerte. Immerhin konnte von Bonn aus ein Sonderzug mit 355 Kindern, die sich zur Evakuierung im Klassenverband gemeldet hatten, und zwar je ein 1. bis 6/7 Schuljahr Knaben und Mädel mit 6 Bonner Lehrern und 6 Lehrerinnen in den Kreis Guhrau entsandt werden. Die Aufnahme der Bonner Klassen im Kreise Guhrau war außergewöhnlich freundlich. Das günstige Echo aus Guhrau bot für die weitere Werbung die beste Grundlage und war sehr geeignet auf die breite Masse derer, die der Evakuierung bisher ablehnend gegenüberstanden, für die Verschickung zu gewinnen. Diese Entwicklung, die den K.L.V.-Lagern gutes und bestes Material zugeführt hätte, ist nun durch die plötzlich angeordnete Verlegung der Klassen, aus sehr guten Privatquartieren in Lager unterbrochen worden. Ich hatte durch ein Telegramm nach Prag, wo die K.L.V.-Gebietsbeauftragten tagten, noch rechtzeitig gewarnt. Nun ist die Stimmung für Verschickung in Bonn durch die sprunghafte Entwicklung auf den Nullpunkt gesunken.
Als verantwortlicher Leiter der Werbung für die K.L.V. brachte ich den Rest der für die K.L.V. gemeldeten Kinder, 33 Jungen und Mädel in die betreffenden Lager nach Probshain, Mauer a. Bober, Petersdorf und Reimswaldau und überzeugte mich persönlich von der Beschaffenheit der zugewiesenen Lager, um bei der Werbung Rede und Antwort stehen zu können. Mein Eindruck war der, dass der Bann Bonn, mit den zugewiesenen Lagern sehr zufrieden sein kann. Ganz einwandfrei fand ich die Mädellager in Brobsheim und Mauer, in denen, abgesehen von der Lage, auch die denkbar beste Harmonie zwischen Leiterin, Führerin und Wirtschaftlerin herrschen. Das Jungenlager „Zollhaus“ leidet stark unter Wassermangel. Bei dem Lager „Freudenschloßbande“ kann die Weiterführung des Gastwirtschaftsbetriebes leicht zu Schwierigkeiten in der Verpflegung führen. Beide Lagerleiter fand ich bei guter Stimmung in gewillt, die Schwierigkeiten zu meistern.
Nicht so günstig kann ich die Lage im Lager D.J.H. in Petersdorf beurteilen. Bannführer Gerhardt klagte über die Einrichtung des Lagers, die mangelhafte Ausrüstung der Lagerinsassen (Schuhwerk) und auch über die Verpflegung. Zu der persönlichen Einstellung des Bannführers möchte ich als sein langjähriger Mitarbeiter sagen, dass er seit Kriegsausbruch ehrenamtlich den Bann Bonn geführt hat. Seine Nerven sind abgewirtschaftet, und ich persönlich möchte ihn zur Erholung und in Anerkennung seiner Verdienste um den Bann Bonn eine leichtere Aufgabe wünschen, als ein Lager von 48 Jungen der Oberklasse zu führen. Ich schlage Ihnen vor, das Lager in 2 kleinere, unter Auffüllung durch weitere Bonner Jungen mit einem neuen Bonner Lehrer zu teilen. Vielleicht haben Sie noch gute Räumlichkeiten für ein kleineres Lager in schöner Gebirgsgegend für den Bannführer Gerhardt zur Verfügung. Eine schnelle Regelung halte ich im Interesse der Werbung und um weitere Rückführungsanträge und Elternbesuche zu verhindern, für unbedingt erforderlich.
Die Werbung für die K.L.V. stellte ich unter die Parole: ‚Bonner Jungen und Mädel unter Bonner Lehrern und Lehrerinnen in die K.L.V.‘ Es ist für viele Eltern, die Wert auf Erziehung legen, entscheidend zu wissen, unter welcher verantwortlichen Leitung sie ihre Kinder in die K.L.V. schicken. Unter dieser Parole konnte Bonn im Februar über 400 schulpflichtige Jungen und Mädel nach Niederschlesien und im März die Hauptschule mit 88% Zustimmung der Eltern in den Sudetengau entsenden. Ich bitte, das Gebiet, wenn eben möglich, diesen Grundsatz bei den Bonner Lagern zu beachten.
Aus diesem Grunde bitte ich, die Lagerleiterin in Probshain, Frl. P a u l i, zur persönlichen Werbung für die Auffüllung ihres Lager zu beurlauben. Ich gab diese Anregung bereits persönlich an Frl. Kühne weiter.“