Negative Reaktionen auf KLV-Werbung
Am 10. Februar 1944 berichtet der Sicherheitsdienst der SS über „"Neue Erfahrungen bei der Evakuierung der Kinder aus den Luftkriegsgebieten und der Verlegung der Schulen“:
„Um die noch verhältnismäßig hohe Zahl von Kindern in den luftgefährdeten Gebieten zu verringern, wurden in den letzten Wochen durch die Partei, die Hitlerjugend, die Dienststellen der Kinderlandverschickung, die NSV und die Schulen größere Werbeaktionen für die Schulverlegung durchgeführt.
Bedauerlicherweise haben sich trotz dieser Werbeveranstaltungen immer noch ein erheblicher Teil der Eltern zur Verschickung ihrer Kinder nicht bereitgefunden.
Aus den Meldungen seien die nachfolgenden Beispiele über die durchgeführten Elternversammlungen herausgegriffen, die erkennen lassen, mit welchen Argumentationen und Einwänden sich die Eltern in diesen Versammlungen gegen die Kinderevakuierung aussprachen:
,Den Eltern der 28. und 29. Volksschule wurde im Lichtspielhaus Passage Neukölln zunächst ein Film über ein KLV-Lager gezeigt. Die anwesenden Jugendlichen zeigten sich begeistert, die Mütter hielten sich zurück. Als der Redner ausführte, dass es durchaus möglich sei, dass die Jungen und Mädel auch einmal einige Tage im Stroh schlafen müssten, dafür aber nicht durch Alarm aus dem Schlaf geweckt würden und die Bunker aufsuchen müssten, kam der erste Zwischenruf: ,Im Bunker ist es aber prima!' Auf den Hinweis, dass Berlin Kriegsgebiet sei, in dem Kinder nichts zu suchen hätten, riefen verschiedene Mütter: ,Wir aber auch nicht!' Als der Redner daraufhin erklärte, die Mütter sollen dankbar sein, dass ihre Kinder in Sicherheit seien, ertönte der Zwischenruf: ,Die Kinder wollen aber nicht.' Nach einem Appell an die Mutterliebe und der Feststellung, dass es unvernünftig sei, zu erklären, man wolle mit seinen Kindern zusammen sterben, wurde dem Redner laut entgegengehalten: ,Nein, das ist richtig.' Die Feststellung, dass hier in der Stadt kein Unterricht erteilt werde, wurde mit ,Na dann eben nicht' quittiert. Die Feststellung, dass Kinder unter 10 Jahren in Familienstellen untergebracht werden, da sie nicht als lagerfähig angesehen würden, beantworteten Eltern mit lautem Gelächter. Als der Vortragende, der bisher die Zwischenrufe mit Geschick beantwortete, auf die Frage, wohin die Kinder unter 10 Jahren kämen, keine genaue Auskunft geben konnte, verließ der größere Teil der Eltern die Versammlung. Ihre Auflösung konnte vom Versammlungsleiter auch nicht durch die versuchte Führerehrung verhindert werden.'
,In der Volksschule in Berlin W 58, wo die Eltern der 9., 10., 21 und 22. Volksschule zusammen waren, hatte ein Rektor in sehr anschaulicher Form gesprochen. Als er ausführte, dass die Kinder, die keinen Schulunterricht hätten, nicht versetzt werden könnten, ertönten die ersten Zwischenrufe. Der Versuch, einen Vater, der seine Kinder zur Verschickung anmeldete, sprechen zu lassen, wurde von Anwesenden mit der Bemerkung, dies sei doch nur ,Theater‘ beantwortet. Mehrere Eltern hatten sich inzwischen erhoben und dem Ausgang zugewendet.'
,In der Elternversammlung in der Schule Eberwalder Straße 10, Bezirk Prenzlauer Berg, versuchte der Redner durch den Hinweis auf noch zu erwartende schwere Angriffe, die Eltern zur Verschickung zu bewegen. Die darauf entstandene Beunruhigung machte sich in Zwischenrufen laut: ,Wir wissen, dass wir damit zu rechnen haben - wo bleibt aber die Vergeltung? Unsere Kinder sollen bei uns bleiben.' Als der Redner zum Ausdruck brachte, dass Kinder nicht nur Eigentum der Eltern, sondern ebenso wie der Boden, der vom Landmann bearbeitet werde, auch Eigentum des Staates seien, erhob sich ein Soldat und verließ wortlos die Versammlung. Dabei erfolgten Zwischenrufe wie: ,Wir haben die Kinder aber in die Welt setzen dürfen, mussten sie großziehen und jetzt gehören sie uns nicht mehr. Das sind ja bolschewistische Zustände.' Unter Anspielung auf die Uniform des Redners sei die Frage gestellt worden: ,Der ist wohl gar von der Partei?' Auch die sachlich einwandfreien Ausführungen über die Betreuung in den Lagern wurden durch Zwischenrufe gestört. So z.B. eine Mutter: ,Ich habe meinen Jungen acht Monate in der KLV gehabt. Dort kommt er nie wieder hin, da die Jungens von unreifen HJ-Führern geschunden werden'. Der Hinweis, dass die Schulappelle eingestellt würden, führte zu Zwischenrufen wir: ,Na, also', ,Gott sei Dank' oder ,Endlich hat man es eingesehen!'
,In einer Versammlung sind einige Männer aufgestanden und haben die Frage dem Redner vorgelegt: ,Können wir dazu gezwungen werden, die Kinder zu verschicken?' Als darauf der Redner die Notwendigkeit zum Zwang andeutete, für den Fall, dass der Aufruf an die Freiwilligkeit ohne Erfolg bleibe, habe ein großes Trampeln eingesetzt.'
Ergebnis der Werbeaktion
Aufgrund der Elternveranstaltungen sind die Erwartungen nur zum Teil erreicht worden.
Nach den bei der Schulabteilung des Stadtpräsidiums Berlin bis zum 28.1. vorliegenden Meldungen haben sich insgesamt 5.607 Schüler und Schülerinnen zur Teilnahme an der Schulverlegung aufgrund der neuen Werbeaktion gemeldet. Diese Zahlen setzen sich wie folgt zusammen:
Einzelverschickung 6-9jährige Kinder: 2.159
Volksschüler von 10-14 Jahren
1.562 Jungen
1.203 Mädchen 2.765
Mittelschüler 209 Jungen
193 Mädchen 402
Oberschüler 143 Jungen
138 Mädchen 281
Im einzeln können folgende Beispiele angeführt werden:
,Im Schulkreis Zehlendorf haben sich von 8 Volksschulen 50 Kinder gemeldet; von der Mittelschule 7 Schüler. In Charlottenburg von 28 Volksschulen 50-60 Schüler. In Wilmersdorf von 12 Volksschulen 12 Kinder.'
,Aus Köln liegen u.a. folgende Meldungen vor: Von 8.262 zur Evakuierung vorgesehenen Schulkindern haben sich die Eltern von 1.253 = 15,1 % einverstanden erklärt. (Teilergebnis).'
An einzelnen Schulen ergibt sich folgendes Bild (Köln):
Schule R. von 380 Schüler(innen) = 55 Meldungen (14,5 %)
Schule A. von 296 Schüler(innen) = 61 Meldungen (20,0 %)
Schule P. von 361 Schüler(innen = 63 Meldungen (17,4 %)
Schule W. von 430 Schüler(innen) = 23 Meldungen (5,5 %)
Ergänzend zu den bereits in den Meldungen vom 20.1.1944 dargestellten Gründen, die die Eltern zur Ablehnung der Kinderevakuierung veranlassen, wird besonders in den Berichten aus dem Rheinland auf die konfessionelle Beeinflussung der Eltern durch die Geistlichkeit hingewiesen. Die Geistlichkeit betonte dort, dass die Eltern unbedingt auf die seelsorgerische Betreuung und die Durchführung des Konfessionsunterrichtes in den Schulen der Aufnahmegaue dringen sollen. Außerdem ist zu beobachten, dass gerade in konfessionell gebundenen Kreisen die Gerüchte über die Missstände in den Lagern usw. besonders groß seien.
Aus Köln wird mitgeteilt, dass die Elternversammlungen an verschiedenen Tagen durchgeführt worden seien. Dies hatte zur Folge, dass sich die Eltern in der Zwischenzeit ‚gegenseitig weich gemacht hatten‘ bzw. durch Verbreitung unsinniger Gerüchte eine Stimmung gegen die Verschickung erzeugt war.
Einstellung von Berufstätigen zum Verbleiben der Kinder
Nach vorliegenden Meldungen verstärkt sich bei Berufstätigen immer mehr die Ansicht, dass nichtberufstätige Frauen, Kinder und ältere, gebrechliche Personen nichts mehr in den vom Terror betroffenen Gebieten zu suchen hätten. Besonders in stark besetzten Verkehrsmitteln kann man immer häufiger hören, dass Frauen mit Kleinkindern kein Recht mehr auf Bevorzugung haben würden, da sie der arbeitenden Bevölkerung nur die Sitzplätze wegnähmen. Vor allem aber würden sich in Bunkern die berufstätigen Frauen in steigendem Maße gegen die Bevorzugung von Mutter und Kind aussprechen.
Einer Ortsgruppe der NSDAP ging folgendes anonyme Schreiben zu:
,Sorgt endlich so schnell als möglich dafür, dass die Kinder aus Berlin rauskommen. Macht die wenigen Bunker für die arbeitenden Frauen frei, damit dieselben ihre Nerven und Herzen schonen können, um arbeiten zu können. So gehen sie kaputt. Lass diese Frauen auch für ihre Leistung einen Vorteil haben, auch wenn sie ohne Kinder sind. Schenkt dem Gehör, bitte.'
Regelung bei den Abschlussklassen der Volksschulen und Chorklassen der höheren Schulen
a) In der Elternschaft hat sich das Gerücht verbreitet, dass die Kinder der letzten Klassen der Volksschule nicht nach Berlin entlassen, sondern sofort zum Pflichtjahr oder Landdienst einberufen werden würden. Auch würden die in Lehrstellen eingewiesen werden, die außerhalb Berlins lägen. Eltern hätten daher verschiedentlich ihre Jungen und Mädel vorzeitig nach Berlin zurückgeholt.
b) Bei den höheren Schulen wird es als Härte betrachtet, dass die zeitweise als untauglich vom Luftwaffenhelferdienst zurückgestellten Schüler an den verlegten Schulen vielfach keinen ordnungsgemäßen Unterricht erhalten. Die Begründung dafür sei, dass angesichts des Lehrermangels für wenige Schüler keine Klassen eingerichtet werden könnten.
c) Neuerdings hat sich ergeben, dass die Ende Januar bzw. Anfang Februar entlassenen Luftwaffenhelfer bis zu ihrer Einberufung zum Reichsarbeitsdienst, die erst Anfang April erfolgen wird, ebenfalls unbeschult bleiben. Eine Versetzung in die nächsthöhere Klasse würde ihnen dadurch genommen und damit die Möglichkeit der Zuerkennung der Hochschulreife.
In den vorliegenden Meldungen werden zur positiven Beeinflussung der Eltern immer wieder die Anregungen gemacht, die schon im hiesigen Bericht vom 20.1. dargelegt wurden, und sich folgendermaßen zusammenfassen lassen:
Schon vor der Schulverlegung möge in den Aufnahmegauen so viel wie möglich vorgearbeitet sein, um den Eltern möglichst konkrete Angaben über den künftigen Verbleib ihrer Kinder machen zu können. Eine schnell arbeitende Inspektion müsse in den Lagern, die ja in ihrer Qualität sehr verschieden seien, offensichtliche Mängel beseitigen, da sich erfahrungsgemäß Mängel viel schneller als positive Tatbestände herumsprechen. Soweit es irgend möglich sei, sollten ab und zu Eltern-Züge zu den Lagern eingerichtet werden, um wenigstens in einigen Zeitabständen den Eltern ein Zusammentreffen mit ihren Kindern in Aussicht stellen zu können. Schließlich möchte unter allen Umständen ermöglicht werden, in den Lagern der Entsendegaue geeignete Mütter mit unterzubringen, die sich der vielen Kleinigkeiten annehmen, die eben nur eine Frau und Mutter an den Kindern beobachtet.“