Reaktionen auf Schulverlegungen
Am 20. Januar 1944 berichtet der Sicherheitsdienst der SS über das Thema „Zur Schulevakuierung in den luftgefährdeten Gebieten“:
„Aus den luftgefährdeten Gebieten kommen laufend zahlreiche Meldungen, dass die Frage über das weitere Schicksal der Kinder, die an der Schulverlegung nicht teilgenommen haben, bzw. nicht außerhalb der Großstädte untergebracht werden konnten, die Gemüter nach wie vor stärkstens bewegt. So seien beispielsweise in Berlin immerhin noch etwa 120.000 Kinder, wobei zunächst nur für 35.000 bis 40.000 Kinder eine Schulverlegung möglich sei. Eine befriedigende Lösung, wie mit dem erheblichen Rest verfahren werden solle, sei noch nicht gefunden.
Die Führerentscheidung, wonach in evakuierten Gebieten der Schulunterricht nicht wieder aufgenommen werden solle, ist in der Bevölkerung noch kaum bekannt, so dass sich also die vielen betroffenen Familien innerlich auf diese Entscheidung noch nicht einstellen konnten und sich entweder der Hoffnung auf Wiedereröffnung der Schulen hingeben, andererseits auf die Verlegung der Schulen, die bisher noch nicht durchgeführt wurde, warten. Darüber hinaus sei die Zahl der Eltern, die sich zu einer Evakuierung ihrer Kinder nicht bereitfinden, immer noch beachtlich groß.
In Kreisen, in denen die Führerentscheidung bekannt geworden ist, hört man vielfach folgende Argumente: In dieser Weisung werde von evakuierten Gebieten gesprochen und angeordnet, dass dort eine Wiedereröffnung der Schulen nicht stattfinde. Tatsächlich aber sei eine totale Schulevakuierung nirgends durchgeführt, so dass in luftgefährdeten Großstädten nicht unerhebliche Zahlen von Kindern zurückgeblieben seien. Was aber mit diesen geschehen solle, sei das schwierige Problem. In verschiedenen Bereichen, so z.B. in Düsseldorf, Köln Aachen und Hamburg, ist bereits die Wiederbeschulung der zurückgebliebenen Kinder durchgeführt.
Die beteiligten Kreise, Elternschaft, Lehrer und die örtlichen Stellen der betroffenen Städte, sind der Auffassung, dass dieser Zwischenzustand nicht noch weitere Monate beibehalten werden kann, denn es sei auf die Dauer kaum zu verantworten, dass zehntausende von deutschen Kindern und Jugendlichen ½ Jahr und länger nicht beschult und sich mehr oder weniger selbst überlassen bleiben.
Aus diesem Zwischenzustand haben sich bis jetzt schon folgende Erscheinungen herausgebildet:
a) Die zurückgebliebenen Schüler solcher Großstädte fahren täglich in z.T. weit entfernte Stadtrandgebiete und Nachbarorte, um am dortigen Schulunterricht teilzunehmen. Sie belasten die Verkehrsmittel und die dortigen Schulen, die für diesen Ansturm nicht eingerichtet sind.
b) Vielfach schicken die Eltern ihre Kinder in sogenannte ,Pressen', Privatkurse oder zu einzelnen Privatlehrern, über die die Schulaufsichtsbehörden keinerlei Übersicht haben, vor allem im Hinblick auf die weltanschauliche, fachliche und charakterliche Eignung dieser Lehrkräfte.
c) Zehntausende von Jugendlichen lungern praktisch auf der Straße herum, sind einer geregelten Aufsicht und einer nützlichen Beschäftigung entzogen. Verwahrlosungserscheinungen und die Teilnahme an Jugend-Cliquen und Jugendbanden sind da und dort festgestellt worden.
Um bei einer möglichst großen Zahl von Eltern die Bereitschaft zur Evakuierung ihrer Kinder zu erzielen, seien - den Berichten aus den verschiedenen Städten zufolge - vor allem folgende Gesichtspunkte zu beachten:
1. Schon vor der Schulverlegung müsse in den Aufnahmegauen wirklich so viel wie möglich vorgearbeitet sein. Dadurch sei es möglich, den Eltern in den Elternversammlungen klar zu sagen, an welchen Ort die Schule komme, welche Lehrer dort unterrichten, wann und in welcher Form der Abtransport erfolge, wie die Unterkunft, die Verpflegung, die Beheizungsmöglichkeiten und dergleichen beschaffen seien. Weil seinerzeit auf diese die Eltern bewegende Fragen in Elternversammlungen vielfach keine genügende Auskunft gegeben werden konnte, sei die Bereitschaft zur Evakuierung der Kinder in vielen Fällen gemindert worden.
2. Durch eine strenge Inspektion müssen Missstände in den bereits verlegten Schulen und Lagern beseitigt werden. Dadurch würde Gerüchten, klagenden Briefen, drastischen Schilderungen nach Besuchen usw. der Boden entzogen. Positive Briefe verschickter Jugendlicher an ihre Eltern würden sich in Bekanntenkreisen herumsprechen und könnten eine stärkere Werbekraft als Appelle und Versprechungen erzielen.
3. Es ist bei den Eltern immer besonders begrüßt worden, wenn die Verlegung der Schulen unter verantwortlicher Leitung der Schulbehörden in Zusammenarbeit mit der Partei, den Dienststellen der Kinderlandverschickung und der HJ erfolgte. Bei der Werbung und in den öffentlichen Führungsmitteln sei verschiedentlich zu stark der Eindruck entstanden, als ob die Schulverlegung im Wesentlichen in den Händen der HJ-Führer an der Front steht und in den Heimatgebieten mit drittem und viertem Ersatz gearbeitet werden muss. Daher sind die Eltern ohne dass dies irgendwie eine HJ-feindliche Einstellung sei - besorgt, wenn sie ,allzu jungen Leuten" ihre Kinder in die Hände geben sollen.
4. Es habe sich bewährt, wenn die Eltern durch Schule, Partei und HJ möglichst persönlich angesprochen und mit ihnen der Fragenkreis durchgesprochen wurde. Die Einwirkung von Mensch zu Mensch habe sich mehr als Merkblätter, Zeitungsartikel und gedruckte Anrufe bewährt.
5. Vor allem ist die Einrichtung von Eltern-Zügen in solche Lager außerordentlich positiv aufgenommen und begrüßt worden. Wenn eine Mutter die begründete Aussicht hat, in gewissen Zeitabständen nach ihren Kindern sehen zu können, sei die Bereitschaft zur Evakuierung eine ungleich größere, als wenn diese Frage offen und unbeantwortet bliebe.
6. Mehrfach wird der Vorschlag gemacht, in den Lagern besonders geeignete Mütter aus den Entsendegauen mit unterzubringen. Es sei für die Eltern ein beruhigendes Gefühl, wenn sie wüssten, dass um ihr Kind ein in der Kinderbetreuung und Erziehung erfahrenes frauliches Wesen wirke. So habe es sich beispielsweise durchaus bewährt, dass Lehrer ihre Frauen in die Lager mitgenommen hätten, die sich dann der vielen kleinen Sorgen um die warme Bekleidung, die Ausbesserung der Wäsche und des Schuhzeugs und der Betreuung bei leichten Erkrankungen angenommen hätten. Diese bis jetzt vereinzelt durchgeführte Maßnahme solle nach Möglichkeit verbreitert werden.
7. Schließlich wird vorgeschlagen, dass sich die NS-Frauenschaft und die älteren in den Entsendegauen zurückgebliebenen Jahrgänge des BDM und die Kräfte der Partei um die zurückgebliebenen Mütter stärker als bisher kümmern möchten, weil durch die Verschickung der Kinder oft genug wichtige Hilfskräfte im Haushalt und im Geschäft ausgefallen sind und den nun alleinstehenden berufstätigen Müttern dadurch manche Sorge abgenommen und Hilfe gewährt werden könne.
8. Übereinstimmend wird zum Ausdruck gebracht, dass solche Maßnahmen geeigneter seien als ein hart ausgeübter Zwang zur Kinderverschickung. Auf alle Fälle dürfe der Zwang keine generelle Maßnahme werden und solle auf solche Einzelfälle beschränkt bleiben, in denen sich - jeder Vernunft entgegen - elterlicher Egoismus oder eine insgesamt oppositionelle Haltung einer beratenden Beeinflussung verschließt.“