Menü
Ereignisse
1944
März

Wehrerziehung statt Kartenspiel

Im Rahmen eines Dienstbesuchs im KLV-Lager der Helmholtzschule in Sölden vom 20. bis 22. März 1944 stellte Direktor Dr. Trieloff von der Humboldtschule u.a. fest:

„I. Organisation und Wirtschaftliches

Sölden liegt im Ötztal, 38 km von Station Ötztal entfernt, und ist mit dem Autobus in 2 ½ Stunden Fahrt zu erreichen. Die Platzkartenbeschaffung für die Fahrt ist sehr schwierig und vollzieht sich in unwürdigen Formen. Die Passagiere schlagen sich beinahe. Der Autobus ist überfüllt, die Fahrt muss stehend in sehr unbequemer Haltung zurückgelegt werden. Verspätungen sind an der Tagesordnung. Bei Schneeverwehungen fällt der Autobus des Öfteren aus. Auf diese Weise bekam ich nicht mehr den Anschluss an den D-Zug auf der Rückfahrt, Zeitverlust 7 Stunden. Aus dieser Darstellung ergibt sich, dass die Lehrkräfte und Schüler des Lagers ziemlich abgeschnitten sind und bei Krankheitsfällen nicht die entsprechende ärztliche Hilfe haben können, wenn auch ein Gemeindearzt im Orte wohnt. Notwendig wäre eine besonders erfahrene und tüchtige Krankenschwester.

Wegen der Abgeschlossenheit fehlt es auch an geistigen Anregungen; nur die Gaufilmstelle ist des Öfteren eingesetzt. Die der Schule zur Verfügung stehenden Film- und Radioapparate können nicht benutzt werden, da Sölden mit Gleichstrom beliefert wird. Auch die Herstellung bzw. Reparatur von Wandtafeln und Unterrichtsgegenständen stößt auf große Schwierigkeiten.

Als Unterrichtsräume werden wie üblich die Speisesäle und Tagesräume der Hotels benutzt. Sie sind durchweg gut beleuchtet und warm genug. Die Entfernung zwischen den einzelnen Hotels ist so, dass der Lehrerwechsel zwischen den einzelnen Unterrichtsstunden in 5-Minuten-Pausen vorgenommen werden kann. Die Schüler sind in folgenden Hotels untergebracht: „Post“, „Sonne“, „Tirol“, „Riml“. Die Dienststelle Oberstudiendirektors Dr. Löscher befindet sich im Hotel Post. Die Unterbringung ist gut und sauber. Die Lagerwirte sind entgegenkommend; das Essen ist sehr gut.

II. Unterricht

Die Klasse 5 war bei meinem Dienstbesuch nicht zugegen, sie war geschlossen zu einem HJ-Führerkursus abkommandiert. Ich habe infolgedessen nur den Unterricht der Klassen 1 – 4 besucht. Die Klassen 1 – 3 sind in zwei Abteilungen aufgeteilt, so dass jede Unterrichtsgruppe aus höchstens 15 – 20 Schülern besteht. Diese Regelung war nötig, weil ein möglichst intensiver Unterricht stattfinden muss, da sehr große Lücken im Laufe der unterrichtslosen Zeit in der Heimatstadt Essen entstanden sind. In Klasse 1a und 1b fällt die schlechte Vorbildung der Schüler auf, eine Erscheinung, die auch an anderen Schulen des luftgefährdeten Industriegebietes festgestellt worden ist. Im Einzelnen habe ich folgende Unterrichtsstunden besucht:

Klasse 1b, Studienrat Krämer, Rechnen:

Längen-, Flächen- und Raummaße, Verwandlungszahlen. Die Jungen kannten nicht die Bedeutung und die Zusammensetzung der Fremdworte: Zentimeter, Milligramm, Dezimeter usw. Sie waren nicht in der Lage, aus dem Sinn der Worte die Verwandlungszahlen abzuleiten. Hier muss der Sprachunterricht Hilfestellung leisten. Die Fremdworte müssen nach Stammsilbe, Vorsilbe und Endsilbe in ihrer Bedeutung geklärt werden. Studienrat Krämer bemühte sich um diese Aufgabe. Sein Unterricht war im Übrigen anschaulich, lebhaft und zielbewusst.

Klasse 1a, Oberschullehrer Hentschel, Zeichnen:

Thema: Mischung von Farben, um Harmonie- und Disharmonieempfindungen in den Jungen zu wecken. Die Jungen waren mit Eifer bei der Sache. Es mangelt aber an Zeichenmaterial und Farben. Im Gespräch mit dem Lehrer wurden die Möglichkeiten erwähnt, die sich für den Kunstunterricht aus der Landschaft ergeben, etwa: Zeichnen nach der Natur, Betrachtung von Gebirgsformen, Bauweise der Häuser und Kunstäußerungen des Bauerntums, Bauernbarock.

Klasse 3n, Studienrat Dr. Löwe, Latein:

Cursus Latinus, Stück 11/12, Seite 51. Es wurden deutsche Sätze ins Lateinische übertragen. Die Jungen zeigten gutes Geschick und Verständnis; die grammatischen Grundbegriffe waren klar und richtig angewandt. Studienrat Löwe ist ein junger, aufgeschlossener, sehr tüchtiger Lehrer. Sein Unterricht ist lebhaft und erweckt das Interesse der Schüler. Seine Anforderungen gehen über den Durchschnitt hinaus. Ich habe ihm meine Anerkennung ausgesprochen und ihn gebeten, über das rein Unterrichtliche hinaus auch dem Menschlichen weitesten Raum zu geben. Der Lehrer ist in solchen abgeschlossenen Lagern nicht nur Erzieher, sondern auch Stellvertreter des Vaters und der Familie. Aus dem Unterricht ist die Behandlung des Wortes Diktator und seiner Abwandlungen zu erwähnen: Diktieren, Diktat, Dichter, Diktat von Versailles usw.

Klasse 2a, Studienrat Huch, Geschichte:

Thema: Lehnswesen, Spaltung der Stände, der Krieger und der Bauern, der Edlinge und Ritter, Freie und Unfreie. Der Unterricht war gut, die Anteilnahme der Jungens ehr rege. Studienrat Huch verfügt über ein sehr gutes historisch-politisches Wissen. Er ist der stellvertretende Leiter der Volksbildungsstätte in Essen.

Klasse 3a, Oberstudiendirektor Dr. Löscher, Erdkunde:

Thema: Deutsch-Südwest-Afrika. Oberstudiendirektor Dr. Löscher ist ein anerkannter Fachmann in Geologie, Geographie und Biologie, der sich durch viele wissenschaftliche Veröffentlichungen einen Namen erworben hat. Bemerkenswert war die Lösung, wie er an seiner Schule die Knappheit und Unzulänglichkeit des Karten- und Atlantenmaterials gemeistert hat. Die im Besitz der Schüler vorhandenen Schulatlanten sind zu einer Handbibliothek zusammengezogen und werden für die Erdkunde-Stunden zur Verfügung gestellt, so dass jeder Schüler der Klasse einen Atlas zur Benutzung hat: Eine praktische Demonstration des Begriffes: ‚Gemeinnutz’.

Klasse 4, Studienrat Bethmann, Deutsch:

Thema: Schipp ahoi. Ballade von Strauß und Torney. Studienrat Bethmann ist nach seiner Pensionierung wieder in den Schuldienst eingetreten. Er verfügt über eine reiche Erfahrung und hat sich eine ungebrochene Arbeitskraft bewahrt. Er war früher Ausbilder am Seminar der Kandidaten für das höhere Lehramt und als solcher mein Lehrer.

Klasse 2b, Studienrat Haymann, Englisch:

Current English, Lektion 25. Studienrat Haymann erteilt einen väterlich-freundlichen Unterricht. Die Jungen folgen ihm gern und angeregt, haben keine Hemmungen beim Gebrauch der Fremdsprache in der Konversation, halten andererseits Verstöße gegen die Grammatik für nicht so wesentlich. Grundsätzlich muss eine stärkere Betonung der Grammatik, insbesondere ein tieferes Verständnis für die Zusammensetzung und die Umwandlung der Worte aus fremden Sprachen erfolgen. Eine solche Behandlung der Sprache führ zur allgemein gültigen wissenschaftlichen Methode der Analyse, Definition und Synthese. Diese Gegensätzlichkeiten im Sprachunterricht, äußerliche Beherrschung und inneres Sprachverständnis, wurden auf der Schlusskonferenz von mir besonders behandelt.

Klasse 1, Studienrat Wolpers, Deutsch: Thema: Scharnhorsts Tod von Schenkendorff. Studienrat Wolpers gibt einen national-betonten Deutschunterricht, der die Wehrfreudigkeit und den nationalen Stolz der Jungen weckt. Die Jungen lernen Gedichte auswendig und werden im Vortrag geübt. Sie zeigten eine große Bereitwilligkeit zu deklamieren, allerdings war der Vortrag nicht von seelisch-künstlerischen Schwingungen bestimmt, sondern mehr schulmäßig und verstandgebunden. Die vielen historischen Anspielungen des Gedichtes waren den Jungen klar; sie kannten die Stellung Scharnhorsts in Bezug auf die Neuschöpfung des preußischen Volksheeres.

Klasse 1a, Studienrat Bethmann, Englisch:

Current English, Lektion 6. Besprechung des Bildes: Lehrer und Schüler in einer englischen Schule. Auch in dieser englischen Stunde ergab sich ein ähnliches Bild wie in Klasse 2b. Die Jungen sprechen mutig drauf los und vergessen darüber die grammatische Exaktheit. Auch in der Aussprache nehmen sie es mit den Aussprache-Regeln über die Endungen (stimmlos, stimmhaft) nicht allzu genau. Dies gab Anlass zu einer Nachprüfung der Kenntnisse über die Begriffe: Laut, Selbstlaut, Mitlaut, stimmhaft, stimmlos, Wortart, Satzteil. Hier muss manche Lücke aus den Volksschuljahren ausgefüllt werden. In der Schlusskonferenz wurde angeordnet, dass in einer Woche in allen Sprach- und Deutsch-Stunden die grammatischen Grundbegriffe verstärkt behandelt werden sollen, damit die notwendige Grundlage des Sprachunterrichts sichergestellt ist.

Klasse 1b, Professor Pahde, Rechnen:

Umwandlung von Brüchen. Periodische Brüche usw. Die Stunde diente der Vorbereitung einer Klassenarbeit. Professor Pahde ist trotz seiner beinahe 70 Jahre ein außerordentlich energievoller Lehrer, der in zielbewußter, methodischer Arbeit sichere Erfolge erzielt. Sein Unterricht ist auch in den unteren Klassen schon auf die wissenschaftliche Behandlung der Oberstufe eingestellt.

In der Schlusskonferenz wurden die einzelnen Stunden kurz charakterisiert. Ich war in der Lage, die Einsatzbereitschaft der Lehrkräfte besonders zu unterstreichen. Für den Sprachunterricht wurden die Vorzüge und Nachteile der Sprechmethode herausgestellt und eine stärkere Betonung des Sprachwissenschaftlichen gefordert. Besonderer Wert muss auf das Erkennen des Wortstammes, der Grundbedeutung und des Bedeutungswandels gelegt werden. Das gilt für die Worte der Muttersprache genauso, wie für die wissenschaftlichen Fremdworte in unserer Sprache. Das Ziel muss sein, dass die Schüler, besonders aber die Schüler der Oberstufe, sich Rechenschaft über die Worte geben, die sie gebrauchen. Es ist dies notwendig, um einer Halbbildung und der phrasenhaften Anwendung von Schlagworten und Fremdworten vorzubeugen.

Der Deutsch- und Geschichtsunterricht muss Hand in Hand arbeiten. Die Vergangenheit muss immer in Beziehung zur Gegenwart, insbesondere zum heutigen Tagesgeschehen, gestellt werden. Der Kampf unseres Volkes und seine Existenz muss durch die geschichtliche Entwicklung im europäischen Raum in seiner ganzen historischen Bewegtheit den Schülern klargemacht werden. Die Forderung des Ministers über die besondere Behandlung der gründe zum Weltkriege und zu der jetzigen erdumspannenden Auseinandersetzung ist sofort Rechnung zu tragen.

Bei der besonderen Abgeschlossenheit der Schule im KLV-Lager Sölden darf die seelisch-geistige Bildung nicht vernachlässigt werden. Es ist bedauerlich, dass kein Musikunterricht gegeben wird. Hier muss wenigstens das Marsch- und Volkslied gepflegt werden. Geistige Anregungen in der Freizeit sind vor allen Dingen in den Spielen zu geben. Die Schüler bevorzugen leider ein geistloses Kartenspiel. Es ist zu begrüßen, dass sich Studienrat Löwe um die Einführung des Schachspiels bemüht. Empfehlenswert sind auch Unterhaltungsabende, die die Jungen von sich aus bestreiten. Natürlich dürfen sie nicht in Hanswurstiaden oder verkitschten Varieté-Abklatsch verfallen, sondern müssen bestrebt sein, wenn auch noch so bescheidene künstlerische Leistungen zu bringen. Es muss von Anfang an Kunst als Äußerung der Rassenseele betrachtet werden, damit im reiferen Alter die Unsicherheit des Urteils besonders gegenüber reklamestarken Einwirkungen des Auslandes beseitigt wird. Diesem Ziel muss besonders auch der Zeichen-Unterricht dienen.“

Baum wird geladen...